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Lexikon

Schammai

Andere Schreibweise: Shammai ; Schammaj ; Shammaj

Alexander Dubrau

(erstellt: Jan. 2009)

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Schammai mit dem Ehrentitel ha-Zaken („der Ältere“) lebte Mitte 1. Jh. v. Chr. bis ca. 30 n. Chr. und ist mit Hillel ha-Zaken einer der bedeutendsten Autoritäten des Judentums vor der Tempelzerstörung 70 n. Chr. Beide Kontrahenten werden häufig zusammen übermittelt und sind als Tradenten halachischer (religionsgesetzlicher) und aggadischer (nicht gesetzlicher, → Aggada) Aussagen der pharisäischen Bewegung zuzurechnen.

1. Name

Der Name Schammai (שׁמאי in Handschriften häufig שׁמי oder שׁמיי) ist auch als Ortsbezeichnung bekannt. Der Ehrentitel ha-Zaken (הזקן) wird nicht immer mitgeführt.

2. Leben

Nach rabbinischer Vorstellung bilden Schammai und Hillel als bedeutende Weisheitslehrer das letzte der sogenannten fünf ‚Paare’, welche die prophetische mit der rabbinischen Zeit verbinden (→ Pirke Avot). Zuverlässige biographische Angaben zum Leben von Schammai sind nicht möglich. Die rabbinische Literatur berichtet aus dem Blickwinkel der sog. hillelitischen Auslegung, welche sich kurz nach 70 n. Chr. als normativ durchsetzt. Eine Zuordnung zu den bei Flavius Josephus erwähnten Samaias (Antiquitates Judaicae 14,172-5; Antiquitates Judaicae 15,3; Antiquitates Judaicae 15,370; Text gr. und lat. Autoren) ist umstritten, da damit auch Schemaja gemeint sein könnte. Ein Wirken als Vorsteher des Gerichtshofs (Av Bet Din) ist nicht nachweisbar (Mischna Traktat Chagiga 2,2).

3. Traditionen

Schammai wird in der rabbinischen Literatur im Gegensatz zum wohlgesonnenen und sanften Hillel als strenger und reizbarer Gelehrter dargestellt. Einen Menschen, der die ganze Tora „auf einen Fuß stehend“ (d.h. schnell) erlernen möchte, lehnt Schammai brüsk ab, während Hillel sich seiner annimmt (Babylonischer Talmud, Traktat Schabbat 31a). Der Antagonismus zwischen beiden Weisen ist jedoch das Produkt der Entscheidung der Rabbinen in → Jabne (70 n. Chr. bis ca. 130 n. Chr.), nach der die Tradition nach der Schule Hillel auszurichten ist. In Jabne wurde zudem der → Mischnatraktat Edujot redigiert, welcher Listen mit Aussagen von Hillel und Schammai führt bzw. diese ordnet. Die Annahme, es habe bereits vor der Tempelzerstörung 70 n. Chr. schriftliche Sammlungen der Aussagen beider Schulen gegeben, ist spekulativ. Schammai soll die Kriegsführung am Schabbat (→ Sabbat) gebilligt haben (Tosefta Traktat ‘Eruvin 3[4],5-8; Mechilta de-Rabbi Jischma‘el 1). Ebenso werden Schammai Weisheitssätze zugeschrieben, so das Diktum in Mischna Traktat Avot 1,15: „Mache das Torastudium zu einer regelmäßigen Beschäftigung, sprich wenig, aber mache viel. Empfange alle Menschen freundlich.“

Die Aussagen der Schule Hillel werden fast immer der schammaitischen Position nachgestellt, was im → Talmud als Charakterzug Hillels gewürdigt wird (Babylonischer Talmud, Traktat ‘Eruvin 13b). Pseudoepigraphische Zuschreibungen späterer Rabbinen, die ihre Kontroversen mit denen der Schulen verbinden, sind im Einzelfall nachweisbar.

4. Die Schule Schammai

Die Schule Schammai (Beth Schammai), eine pharisäische Schulrichtung, wirkte bis in das 2. Jh. n. Chr. und wird auf Schammai zurückgeführt. Die ca. 300 Aussagen der Schule Schammai werden in der rabbinischen Literatur meist mit den Aussagen der Schule Hillel (Beth Hillel) gegenübergestellt und beziehen sich meist auf Reinheitshalacha bzw. Speisegesetze. Dabei weist die schammaitische Auslegung eine erschwerende und konservative Tendenz der Auslegung auf. Trotz dieser Unterschiede sind beide Schulen aus traditionsgeschichtlicher Perspektive dem pharisäischen Umfeld zuzurechnen (Hayoun).

Anhand der Zeugnisse von Flavius Josephus hat die historische Forschung über die Verortung der Schule spekuliert (nach Grätz repräsentiert die Schule Schammai die Sadduzäer, nach Geiger die „vierte Philosophie“ [Partei der Zeloten], andere Theorien gehen von einer sozialen Bewegung aus). Nach Ben Schalom ist die Schule Schammais dagegen mit keiner Gruppe zu identifizieren.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon

2. Weitere Literatur

  • Bacher, W, 1903, Die Agada der Tannaiten, 2 Bde., 2. Aufl., Straßburg
  • Geiger, A., 1862, About the Controversies between the Sadducees and their Followers and the Pharisees and the Different between the Old and the New Halakhah (hebr.), He-Halutz 6, 13-30
  • Grätz, H., 1906, Geschichte der Judäer 3/2, 5. Aufl., Leipzig, 797-799, 813-815
  • Gershfield, E. M., 1967, Hillel, Schammai and the three proselytes, Conservative Judaism 21/3, 29-39
  • Guttmann, A., 1957, Hillelites and Schammaites – A Clarification, HUCA 28, 115-126
  • Guttmann, A., 1964, The End of the „Houses”, in: S. Belkin (Hg.), The Abrahan Weiss Jubilee Volume (FS A. Weiss), 89-105
  • Hayoun, A. Y., 2003, The schools of Schammai and Hillel (hebr.), (unveröffentlichte Doktorarbeit an der Bar Ilan University), Ramat Gan
  • Ilan, T., 2001, Integration Women into Second Temple History, Tübingen
  • Konowitz, I., 1965, Beth Schammai – Beth Hillel. Collected Sayings, in Halakah and Aggada, in the Talmudic and Midrashic Literature (hebr.), Jerusalem
  • Jacobs., M., 1995, Die Institution des jüdischen Patriarchen (TSAJ 52), Tübingen
  • Neusner, J., 1970, Schammai and Jonathan b. 'Uzziel, Kairos 12, 309-313
  • Neusner, J., 1971, The rabbinic Traditions about the Pharisees before 70, 3. Bde., Leiden
  • Safrai, S., 1981, The Decision according to the School of Hillel in Yavneh (hebr.), Proceeding of the Seventh World Congress for Jewish Studies (WCJS Bd. 3), Jerusalem, 21-44
  • Schalom, I. ben, 1993., The School of Schammai and the Zealots’ Struggle Against Rome (hebr.), Jerusalem
  • Stemberger, G., 1979, Das klassische Judentum, 1979
  • Townsend, J., 1968, 1 Corinthians 3:15 and the School of Schammai, HThR 61, 500-504

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