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Lexikon

Schafan

Andere Schreibweise: Shaphan (engl.) ; Chafan (frz.) ; Safan (niederl.)

Hermann-Josef Stipp

(erstellt: April 2007)

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1. Name und Person

Schafan (hebr. שָׁפָן šafan „Klippdachs / Klippschliefer“) spielt eine prominente Rolle im Bericht von der josianischen Reform (622 v. Chr.) 2Kön 22-23, und zwar in der Darstellung ihres Auslösers (2Kön 22,3.8-10.12.14). Als königlicher Schreiber (הַסֹּפֵר hassōper) Mitglied des Kabinetts und Inhaber eines der höchsten Staatsämter (vgl. 2Sam 8,16-18; 2Sam 20,23-26; 1Kön 4,1-6), erhält Schafan von König Josia Aufträge zur finanziellen Abwicklung von Restaurationsarbeiten am Jerusalemer Tempel, die ihn mit dem Oberpriester → Hilkija zusammenführen. Jener erklärt ihm, im Tempel sei – offenbar im Zuge der Renovationen – „das Buch des Gesetzes“ (סֵפֶר הַתּוֹרָה sefær hattôrā 2Kön 22,8) gefunden worden. Schafan liest das Buch, übermittelt es König Josia und trägt es ihm vor. Der König quittiert das Gehörte mit Erschrecken und sendet eine Delegation zur Prophetin → Hulda, um amtlich ein Jhwh-Orakel zu erbitten, da er wegen der bisherigen Nichtbefolgung der Vorschriften des Gesetzbuches gravierende göttliche Sanktionen befürchtet. Zur Gesandtschaft zählen neben Hilkija wiederum Schafan sowie sein Sohn → Ahikam (2Kön 22,12.14). Den von Hulda erteilten Gottesbescheid (2Kön 22,15-20) beantwortet Josia mit seinen Reformen, die zentrale Forderungen des → Deuteronomiums in die Tat umsetzen: die Verpflichtung auf die als mosaisch verstandene Tora mit den Kerngeboten der Opferzentralisation am Jerusalemer Tempel (Kulteinheit) und der Beseitigung nichtjahwistischer Kulte samt ihrer Requisiten (Kultreinheit).

2. Die Schafaniden

Alttestamentliche Nachrichten über Nachkommen Schafans belegen, dass die Schafaniden in den Jahrzehnten vor und bei Beginn des babylonischen Exils (587 v. Chr.) führende Positionen in der judäischen Politik einnahmen; ferner betonen die Quellen, dass die Familie dem Propheten Jeremia nahe stand. Dies gilt, selbst wenn nicht immer auszuschließen ist, dass die Filiation „Sohn Schafans“ auf eine andere Person gleichen Namens verweist.

Jer 26,24 kennt Ahikam ben Schafan als durchsetzungsfähigen Parteigänger Jeremias in den mitunter lebensbedrohlichen Konflikten, in die jener verwickelt war.

Nach Jer 36 gehörte ein Sohn Schafans namens Gemarja zum engsten Zirkel um König Jojakim und besaß das Privileg, über eine Räumlichkeit am Tempel zu verfügen, die Jeremias Schreiber → Baruch für die öffentliche Rezitation einer Schriftrolle mit jeremianischer Prophetie offen stand. Sein Sohn Michaja habe die Bedeutung der Worte erkannt und den Hof unterrichtet (Jer 36,10-12). Als Jojakim der Rolle habhaft wurde und sie verbrannte, habe u.a. Gemarja (und Ahikams Sohn Gedalja? so → Septuaginta) ihn daran zu hindern gesucht (Jer 36,25).

Laut Jer 29 richtete der Prophet einen Brief an die babylonischen Exilanten, wobei er die Botendienste eines Schafan-Sohnes namens Elasa in Anspruch nehmen konnte, der zusammen mit Gemarja ben Hilkija (= der Oberpriester aus 2Kön 22-23?) als Diplomat Zedekias tätig war (Jer 29,3).

Nach der Einnahme Jerusalems setzten die Babylonier Ahikams Sohn Gedalja als Chef der judäischen Verwaltung ein (2Kön 25,22-25; Jer 40,5-41,3; Jer 43,6). Auch dieser Schafanide soll mit dem Propheten ein Verhältnis gegenseitigen Beistands gepflegt haben (Jer 39,14; Jer 40,6).

Dem üblichen Bild widerspricht Ez 8,11, wo Jaasanja ben Schafan der Teilnahme an illegitimen Kultpraktiken im Jerusalemer Tempel bezichtigt wird.

Mehrere Personen namens Schafan sind im (späten) 7. Jh. auf → Siegeln bzw. Siegelabdrücken belegt (HAE II/2): špn bn mtn (21.97), špn (bn) pdjhw (21.98), špn bn ḥgb (21.99), špn bn ‘zrqm (21.100) sowie []ḥjqm [b]n špn (1.52; vgl. o. Ahikam den Sohn Schafans), gmrjhw [b]n špn (3.28; vgl. o. Gemarja den Sohn Schafans) und jšm‘’l bn špn (10.90).

3. Schafan und die deuteronomistische Bewegung

Der Buchauffindungsbericht in 2Kön 22 und die Stoßrichtung der josianischen Reform deuten darauf hin, dass sich die Maßnahmen auf eine Vorform des Buches Deuteronomium stützten („Urdeuteronomium“). Der Anspruch, Schafan sei gemeinsam mit dem Oberpriester Hilkija bei der Initialzündung der Reform involviert gewesen, wird als Hinweis zu werten sein, dass Schafan samt seiner Sippe eine Schlüsselrolle in der so genannten deuteronomistischen Bewegung spielte, einer Gruppe einflussreicher Persönlichkeiten aus Politik und Kultbetrieb Judas, die die deuteronomischen Zentralforderungen der Kulteinheit und Kultreinheit propagierten und die darauf bezogene deuteronomische bzw. deuteronomistische Literatur hervorbrachten (→ Deuteronomismus). Die Assoziation der Schafaniden mit Jeremia und die Bestellung Gedaljas zum babylonischen Amtsträger belegen, dass die Familie in politischen Richtungskämpfen zur Zeit König → Zedekias gegen einen verbreiteten zionstheologisch inspirierten Enthusiasmus für eine Haltung realistischer Gefügigkeit angesichts des babylonischen Imperialismus eintraten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

2. Weitere Literatur

  • Albertz, R., 1997, Wer waren die Deuteronomisten? Das historische Rätsel einer literarischen Hypothese, EvTh 57, 319-338; auch in: ders., 2003, Geschichte und Theologie. Studien zur Exegese des Alten Testaments und zur Religionsgeschichte Israels (BZAW 326), Berlin / New York, 279-301
  • Albertz, R., 1996, Die Exilszeit. 6. Jahrhundert v. Chr. (Biblische Enzyklopädie 7), Stuttgart
  • Arneth, M., 2001, Die antiassyrische Reform Josias von Juda. Überlegungen zu Komposition und Intention von 2 Reg 23,4-15, ZAR 7, 189-216
  • Fox, N. S., 2000, In the Service of the King. Officialdom in Ancient Israel and Judah (Monographs of the Hebrew Union College 23), Cincinnati
  • Hardmeier, C., 1990, Prophetie im Streit vor dem Untergang Judas. Erzählkommunikative Studien zur Entstehungssituation der Jesaja- und Jeremiaerzählungen in II Reg 18-20 und Jer 37-40 (BZAW 187), Berlin / New York
  • Hardmeier, C., 2000, König Joschija in der Klimax des DtrG (2Reg 22f.) und das vordtr Dokument einer Kultreform am Residenzort (23,4-15), in: R. Lux (Hg.), Erzählte Geschichte. Beiträge zur narrativen Kultur im alten Israel (Biblisch-theologische Studien 40), Neukirchen-Vluyn, 81-145
  • Lohfink, N., 1995, Gab es eine deuteronomistische Bewegung?, in: W. Groß (Hg.), Jeremia und die „deuteronomistische Bewegung“ (BBB 98), Weinheim, 313-382; auch in: ders., 1995, Studien zum Deuteronomium und zur deuteronomistischen Literatur III (SBAB 20), Stuttgart, 65-142
  • Seidel, B., 1997, Freunde und Feinde Jeremias unter den Beamten Judas der spätvorexilischen Zeit, BZ 41, 28-53
  • Stipp, H.-J., 1992, Jeremia im Parteienstreit. Studien zur Textentwicklung von Jer 26, 36-43 und 45 als Beitrag zur Geschichte Jeremias, seines Buches und judäischer Parteien im 6. Jahrhundert (BBB 82), Frankfurt a. M.
  • Stipp, H.-J., 2000, Gedalja und die Kolonie von Mizpa, ZAR 6, 155-171
  • Stipp, H.-J., 2000, Jeremia, der Tempel und die Aristokratie. Die patrizische (schafanidische) Redaktion des Jeremiabuches (KAANT 1), Waltrop
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