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Lexikon

Sakkut

Andere Schreibweise: Sikkût

Evangelia G. Dafni

(erstellt: Mai 2009)

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„Sakkut“ meint in Am 5,26, der einzigen Belegstelle, eine Gottheit, doch ist unklar welche; zudem ist die Lesung der Konsonanten סכות skwt als „Sakkut“ (Lutherbibel) nur eine von mehreren Möglichkeiten.

1. Der Masoretische Text

Die hebräische Konsonantenfolge סכות skwt in Am 5,26 wird im Masoretischen Text als sikkût vokalisiert, und zwar in derselben Weise wie die parallelgestellte Form כיון kjwn (kijjûn), die man mit Kajjamānu, der babylonischen Bezeichnung des deifizierten Saturn, in Verbindung bringt. Die masoretische Vokalisierung beider Formen entspricht dem Nominaltyp qiṭṭūl, mit dem auch die biblisch-hebräischen Bezeichnungen für Abscheuliches / Abgott שׁקוץ šiqqûṣ und Götze גלול gillûl gebildet sind. Offensichtlich geht es dem Masoretischen Text nicht darum, die ursprüngliche Aussprache von skwt korrekt wiederzugeben, sondern darum, dem Leser durch die Vokalisation zu signalisieren, dass es sich um einen Abgott handelt. Wörtlich übersetzt ergibt sich als Sinn von Am 5,26 im MT: „Ihr werdet hochheben Sikkût, euren König, und Kijjûn, eure Bilder, den Stern eurer Götter, welche ihr euch gemacht habt.“ Das Targum unterstützt die Lesart des masoretischen Textes.

2. Die griechischen Übersetzungen

Die antiken Übersetzer scheinen die hebräische Konsonantenfolge nicht verstanden zu haben und versuchten die Wortbedeutung zu erraten.

1. Der → Septuaginta lag als hebräischer Text anscheinend die Konsonantenfolge סכת skt (ohne Waw) vor, doch verstand sie diese nicht als Eigennamen, sondern als Konstruktusform von סכה sukkāh „Hütte / Zelt“, las also sukkat. So kam es zu der Übersetzung σκηνή τοῦ skēnē tou „Hütte des“. Wahrscheinlich war die Septuaginta davon geleitet, dass die Konsonantenfolge skt innerhalb von Amos noch ein weiteres Mal vorkommt, nämlich in Am 9,11 („die zerfallene Hütte Davids“), und sich dort eindeutig die Bedeutung „Hütte“ ergibt (die Verbindung von Am 5,26a und Am 9,11 findet sich auch in der Damaskusschrift von Qumran: CD VII 14; Apg 7,43 und Peschitta; vgl. Vulgata und Aquila). Als Sinn der Septuaginta ergibt sich etwa: „Und ihr habt das Zelt des Moloch und den Stern eures Gottes Raiphan getragen, ihre Statuen, die ihr euch gemacht habt“ (LXX.D).

2. Theodotion (zu ihm → Septuaginta) bietet die Wiedergabe horasis „Schau / Vision“, wobei er סכת skt vermutlich von der Wurzel שׂכה śkh „schauen“ ableitet (vgl. Jes 2,16).

3. Moderne Deutungen

Die Interpretation der Konsonantenfolge סכות skwt in Am 5,26 wird dadurch erschwert, dass weder der ursprüngliche Text des Verses noch seine grammatische Struktur klar sind. Der jetzige Textbestand weist auch keine durchgestaltete poetische Struktur auf. Am 5,25-26 stellt zumindest zum größeren Teil einen in sich mehrschichtigen Nachtrag dar. Die Deutung von סכות skwt hängt an anderen Fragen zum Verständnis dieser Verse, ausschlaggebend ist aber, welche altorientalischen Parallelen man heranzieht.

3.1. Die Lesung „Sakkut“ als mesopotamischer Göttername

Ausgehend von der masoretischen Vokalisation als sikkût denkt man bei skwt und kjwn an Namen fremder Gottheiten, die den Abfall Israels bzw. Samarias zur Vielgötterei versinnbildlichen (vgl. Am 8,14a). Der umständliche Satzbau lässt aber nicht klar erkennen, ob es sich um zwei Namen bzw. Erscheinungsformen einer einzigen Gottheit oder um zwei verschiedene Gottheiten handelt.

E. Schrader (1872) hat für skwt die Lesart „Sakkut“ vorgeschlagen. Aufgrund eines keilschriftlichen Beschwörungstextes (Šurpu II 180) nahm Schrader an, dass Am 5,26a auf den mesopotamischen Gestirngott Sak-kud bzw. Sag-kud verweise, der mit → Ninurta, dem bekannten sumerisch-akkadischen Fruchtbarkeits- und Kriegsgott im Hofstaat des Himmelskönigs Enlil, gleichzusetzen sei. Auf diese These bauten viele späteren Deutungs- und Übersetzungsvorschläge, z.B. die Zürcher-Bibel: „So sollt ihr denn Sakkut, euren König, und Kewan, den Stern eures Gottes, dahin tragen, eure Bilder, die ihr euch gemacht habt.“

R. Borger (1988) folgt der These Schraders insofern, als er für die Bezeichnung skwt wie für Kajwan, den man mit dem Planeten Saturn gleichsetzt, eine Herkunft aus der mesopotamischen Sprach- und Vorstellungswelt annimmt, da keine anderen Götter bekannt sind, auf die skwt verweisen könnte (77). Er macht allerdings darauf aufmerksam, dass Šurpu II 180 keine Verbindung zwischen Saturn und Ninurta erlaubt.

3.2. Die Lesung sikkūt als ugaritisches Wort für „Stele“

J. de Moor (1995) verbindet das seltene, von Kottsieper (1986) identifizierte, ugaritische Verb skn „schneiden / formen“ und das Nomen skt „Konstruktion“ mit skwt in Am 5,26. Er nimmt folgende Ableitung an: *sikkāntu > *sikkōntu > *sikkuntu > *sikkutt > sikkūt und übersetzt skwt mit „Stele / Säule“ bzw. „Grabmal“ und kjwn mit „Piedestal / Postament“. So ergibt sich für Am 5,26a der Parallelismus zwischen „Grabmal deines Königs“ und „Piedestal deiner Statuen“. Weiter nimmt er an, dass der ugaritische Gott Mlk („König“), eine chthonische Repräsentation Baals, sich mit dem deifizierten König als rp‘ mlk ’lm („Heiler, König der Ewigkeit“) identifizierte (11). Nach dieser Deutung verehren die Israeliten nicht eine obskure assyrische Gottheit, sondern tragen die Grabsäule ihrer deifizierten Könige bzw. bringen sie mit nach Samaria.

3.3. Die Lesung „Sukkot“ nach 2Kön 17,30

In der gegenwärtigen Forschungsdiskussion geht man davon aus, dass Am 5,26 von mindestens einem späteren, deuteronomistischen Redaktor stammt (Jeremias, 81 mit Anm. 19 „mehrstufig gewachsen“), der sprachlich und gedanklich 2Kön 17,29-31 nahe steht. 2Kön 17,30 erzählt, dass unter den Gottheiten, die die im Nordreich von den Assyrern angesiedelten Völker mitbrachten, sich auch ein mesopotamischer Gott namens Sukkot-Benot befand. Dieser dürfte nach W.-H. Schmidt (190) mit Sakkut-Kewan in Am 5,26a zu identifizieren sein. Somit wäre die in Am 5,26a enthaltene Bilderkritik auf die samaritanische Mischbevölkerung und ihren Götterkult zu beziehen (Schmidt).

Barstad stellt sich vor, dass die von → Tiglat-Pileser III. ins Land Dēr umgesiedelten Israeliten dort lokale Gottheiten, darunter den Gott Sakkut, übernommen und dann die Bilder ihrer neuen Götter mit nach Samaria gebracht haben.

Rudolph meint, dass es sich bei den Phrasen a) „euer König“ und b) „Stern eurer Götter“ bzw. „euer Sterngott“ um spätere Zusätze handele, die „das Wesen der Gottheit für die Nachwelt erläutern“ wollen (209). Hinter der Aussage sikkût malkəkhæm „Sikkut, euer König“ vermutet er den Gottesnamen Sakkutmelek, dessen Bildungsweise den Götternamen Adrammelech und Anammelech in 2Kön 17,31 entspreche (→ Adrammelech / Anammelech).

Obwohl nicht deutlich ist, welche Gottheit genau mit dem Namen Sukkot-Benot gemeint ist, liegt die Vermutung nahe, es handele sich um dieselbe, auf die in Am 5,26a mit der Doppelbezeichnung Sa/ikkut-Kewan verwiesen wird.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Monographien und Aufsätze

  • Barstad, H.M., 1984, The Religious Polemics of Amos (VTS 34), Leiden, 118-126
  • Berger, P.-R., 1993, Imaginäre Astrologie in spätbabylonischer Propaganda, in: H.D. Galter (Hg.), Die Rolle der Astronomie in den Kulturen Mesopotamiens, Graz, 275-289
  • Borger, R., 1988, Amos 5,26, Apostelgeschichte 7,43 und Šurpu II, 180, ZAW 100, 70-81
  • Jeremias, J., 1995, Der Prophet Amos übersetzt und erklärt (ATD 24/2), Göttingen, 81
  • Kottsieper, I., 1986, Die Bedeutung der Wz. ’ṣb und skn in Koh 10,9, UF 18, 219-221
  • Loretz, O., 1989, Die babylonischen Gottesnamen Sukkut und Kajjamānu in Amos 5,26, ZAW 101, 286-289
  • Maag, V., 1951, Text, Wortschatz und Begriffswelt des Buches Amos, Leiden, 157
  • De Moor, J.C., 1995, Standing Stones and Ancestor Worship, UF 27, 1-20
  • Rudolph, W., 1971, Joel – Amos – Obadja – Jona (KAT XIII,2), Gütersloh, 206ff
  • Schmidt, W.-H., 1965, Die deuteronomistische Redaktion des Amosbuches, ZAW 77, 168-193
  • Schrader, E., 1872, Die Keilinschriften und das Alte Testament, nebst chronologischen Beilagen, einem Glossar, Registern und 2 Karten, Giessen
  • Wolff, H.-W., 1969, Dodekapropheton 2: Joel und Amos (BKAT XIV/2), Neukirchen, 304.310f
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