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Lexikon

Sais

Alexander Schütze

(erstellt: April 2010)

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1. Name, Lage und Erforschung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Sais.

Sais (ägypt. Z3w; griech: Σαϊς) war eine antike Stadt im westlichen Nildelta am Ostufer des Nilarms von Rosetta nördlich des modernen Dorfes Sā el-Hagar (Koordinaten: N 30° 57' 53'', E 30° 46' 05''). Die Metropole des fünften unterägyptischen Nomos („Gau“) war Hauptkultort der Kriegsgöttin Neith sowie Sitz der libyschen und der saitischen Dynastie (22. Dyn. 945-722 v. Chr. bzw. 26. Dyn. 664-525 v. Chr.; → Libyer / Libyerherrschaft; → Saitenzeit). Die archäologische Stätte wurde seit der Spätantike als Steinbruch benutzt und hat seit ihrer Entdeckung und Beschreibung durch moderne Forscher weiter an Bausubstanz verloren. Zahlreiche Blöcke von Monumenten in Sais wurden nach Kairo, Alexandria, Rosetta usw. transportiert.

Seit 1860 führte die ägyptische Antikenverwaltung immer wieder vereinzelte Grabungen im Gebiet um Sā el-Hagar durch (Wilson 2006, 87-96; Leclère 2008, 164-165). Die Egypt Exploration Society nahm von 1997 bis 2002 unter der Leitung von Penelope Wilson Prospektionen und Grabungen im Areal der antiken Stadt vor (Wilson 2006).

2. Politische Geschichte und religiöse Bedeutung

Zur Bedeutung und politischen Geschichte von Sais vor dem ersten Jahrtausend v. Chr. lassen sich nur wenige Aussagen treffen. Seit dem Alten Reich ist Sais als Hauptstadt des saitischen Nomos belegt. Im Mittleren Reich wird dieser in einen vierten und fünften unterägyptischen Nomos geteilt und Sais bleibt Hauptstadt des Letzteren. Seit der 1. Dynastie ist der Name des Friedhofes von Sais, Ta-anch, bezeugt. In der Dritten Zwischenzeit (ca. 1070-664 v. Chr.) war Sais ein Fürstentum der Meschwesch, um 730 v. Chr. die Residenz eines Königtums im Westdelta (24. Dynastie; 740-727 v. Chr.). Schließlich machten die Könige der 26. Dynastie (664-525 v. Chr.; → Saitenzeit) Sais zu ihrer Hauptstadt, bauten ihre Heiligtümer aus und ließen sich dort auch bestatten (Herodot II, 169; Text gr. und lat. Autoren).

Seit der Frühzeit ist Sais als Hauptkultort der Göttin Neith belegt. Seit der 1. Dynastie ist das Symbol des Tempels ein von Matten flankierter Eingang mit gekreuzten Pfeilen. Ob dies das tatsächliche Aussehen des Tempels widerspiegelt, lässt sich nicht mehr überprüfen. Im Mittleren Reich sind weitere Heiligtümer der Neith in Sais, Rs-N.t und Mḥ-N.t, belegt; im Neuen Reich neben denen der Neith auch für Sobek, → Osiris, Atum und → Isis.

3. Topografie

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 15.04.2010

Abb. 2 Plan der Ruinen von Sā el-Hagar von J.F. Champollion (1828).

Aufgrund ihres schlechten Erhaltungszustandes lässt die archäologische Stätte nur wenige Schlussfolgerungen auf die Topografie der antiken Stadt zu. J.F. Champollion und R. Lepsius haben in Sā el-Hagar noch ein 230 x 150 m großes Tempelhaus gesehen, umgeben von einer 675 x 675 m großen und 28 m dicken Umfassungsmauer. Seit 1860 haben um Sā el-Hagar vereinzelte Grabungen stattgefunden, der Kom Farrays im Norden von Sā el-Hagar ist dagegen weitestgehend unerforscht.

Für die Rekonstruktion der Topografie von Sais im ersten Jahrtausend v. Chr. können zum einen Spolien, Architekturfragmente sowie Inschriften hoher Beamter, die in Sais tätig waren, zum anderen die Beschreibungen Herodots (II, 169-170, 175; Text gr. und lat. Autoren) herangezogen werden. In den epigraphischen Quellen werden zahlreiche Bauten erwähnt wie der Tempel der Neith, die Heiligtümer Res-net und Meh-net, der Tempel des Osiris, Erster von Hut-Bit, der Tempel des Osiris-Hemag, das Grab des Osiris (Osireion), der Tempel des Herrn der Ewigkeit, die Tempel des Re und des Atum, mehrere Ställe und kleine Seen.

Herodot berichtet, dass sich die Gräber der Saitenkönige linkerhand im Vorhof des Tempels der Athena (Neith) befanden, daneben ein großes Mausoleum des → Amasis mit Palmensäulen (Herodot II, 169). Hinter dem Neith-Tempel sei das Grab des Osiris mit zwei Obelisken gewesen sowie ein heiliger See, auf dem die Osiris-Mysterien stattfanden (Herodot II, 170-171).

Letztendlich gibt es drei Möglichkeiten, um die Topografie von Sais zu rekonstruieren (siehe Wilson 2006, 259-266):

(1) Innerhalb der Nord-Umfassung befand sich der Tempel der Neith mit den königlichen Gräbern. Im Norden des Tempels war das Osireion mit dem Tempel des Osiris-Hemag und dem Hut-Bit. Ein kleiner See lag im Nord-Osten des Tempels; der Palast des → Apries im Osten. Die Quartiere der fremden Söldner befanden sich südlich des Tempels. Im Süden der Umfassung ist die Siedlung von Sais mit weiteren Heiligtümern, einem Hafen usw. zu verorten. Demzufolge läge der Neith-Tempel noch unter dem Kom Farrays, während die alte Siedlung von Sais bei Sā el-Hagar zu finden wäre (Leclère 2008).

(2) Ein Tempel der Neith (Rs-N.t) lag im Süden der Stadt; dahinter der Tempel des Osiris-Hemag. Im Osten des Neith-Tempels lag der Tempel des Re; im Westen der des Atum; daneben der Tempel der Hathor und das Lebenshaus. Ein Dromos, flankiert von den königlichen Gräbern und Ställen, führte zur Nord-Umfassung, in dem der andere Neith-Tempel (Mḥ-N.t) mit dem Osiris-Grab im Hut-bit, der königliche Palast und den Quartieren fremder Söldner lag. Während der südliche Neith-Tempel die wohl ursprüngliche Siedlung von Sais darstellt, ist die nördliche Umfassung erst am Ende des Neuen Reiches und in der Dritten Zwischenzeit errichtet worden (Wilson 2006).

(3) Möglich wäre auch, dass die Doppelstadt von Sais nicht auf einer Nord-Süd-Achse, sondern auf einer West-Ost-Achse ausgerichtet gewesen ist (Champollion).

4. Baugeschichte

Über die Bautätigkeiten der beiden ersten Saitenkönige ist wenig bekannt. → Psammetich I. ließ sich erstmals innerhalb der Umfassungsmauer des Neith-Tempels bestatten. → Necho II. wurde neben ihm in einem großen Gebäude mit vielen Türen beigesetzt. Ihre Nachfolger taten es ihnen gleich (Herodot II, 169; Strabo VII, 1,18).

Aus Anlass des Sed-Festes → Psammetichs II. ließ Hor-ir-aa Nefer-ib-re-nefer den Tempel für Osiris, Herr der Ewigkeit, und Benben-Stein im Hut-bit („Haus der Biene“) in Mḥ-N.t restaurieren und wieder in Funktion setzen (El-Sayed 1975, 96-106; Jansen-Winkeln 1996). Darüber hinaus ließ er Obelisken aus Elephantine-Granit aufstellen. Apries stiftete einen Naos für das Sanktuar im Tempel der Neith und ließ einen Palast errichten (Herodot II, 163,169). Dieser Palast war wohl zeitgenössischen Palästen in Tell el-Balamun, Tell Defenneh (→ Tachpanhes), → Naukratis und → Memphis in seiner Bauweise ähnlich. Die Obelisken, die unter Apries aufgestellt wurden, wurden später nach Rom verschleppt.

Amasis gilt als der größte Bauherr in Sais. Unter ihm wurde ein großer Pylon für den Tempel der Neith gebaut und mit Sphingen und Kolossalstatuen ausgestattet (Herodot II, 175-176). Um die Tempel instand zu setzen, wurde Stein aus Tura und → Elephantine nach Sais gebracht. Eine Kolossalstatue und ein 10,5 m hoher Naos, der eigens von zweitausend Matrosen aus Elephantine herbeigeschafft worden war, blieben unfertig vor dem Eingang des Tempels liegen. Der Naos wurde mit dem Tempel im 14. Jahrhundert zerstört, und Teile davon gelangten nach Kairo, Rosetta und anderen Orten. Laut der Inschrift des Sema-taui-tef-nacht wurde im 39. Regierungsjahr des Amasis der große Saal im Tempel der Neith restauriert (El-Sayed 1975, 236).

Im Zuge der Eroberung Ägyptens durch die Perser 525 v. Chr. ist laut Herodot (III, 16) das Grab des Amasis geschändet worden. Die Inschrift des Udja-hor-resnet berichtet, dass er den Tempel der Neith unter → Kambyses II. wieder eingerichtet habe, nachdem dieser durch die Besetzung durch fremde Soldaten entweiht worden sei (Lloyd 1982; Serrano Delgado 2004). Darüber hinaus stellte er unter → Darius I. das Lebenshaus in Sais, eine Art Bibliothek, wieder her.

Nach der Saitenzeit gibt es keine Hinweise mehr auf Neubauten in der antiken Stadt. Durch die sog. Naukratis-Stele ist bekannt, dass Nektanebos I. ein Zehntel der Zolleinnahmen aus dem Mittelmeerhandel in Thonis und → Naukratis an den Tempel der Neith in Sais gestiftet hat (Lichtheim 1980, 86-89). In einer nur in Fragmenten erhaltenen Stele aus Sais verspricht Ptolemaios II., zwei Orte wieder zu errichten (Thiers 1999). Unklar ist jedoch, ob er sich dabei auch auf Sais bezieht. Später wurden Blöcke nach Alexandria verbracht; Teile der Stadt wurden verlassen. In römischer Zeit wurden zahlreiche Obelisken aus Sais nach Rom verschleppt. Seit 325 n. Chr. ist ein Bistum in Sais bezeugt. Der Ort blieb bis ins 11. Jh. n. Chr. ein wichtiges Zentrum der koptischen Kirche.

5. Sais im Alten Testament

Nach Herbert Verreth ist das in Ez 30,15-16 genannte Sin (סִין), die Festung Ägyptens, nicht – wie lange Zeit angenommen – mit Pelusion sondern mit Sais gleichzusetzen (Verreth 2003).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992

2. Weitere Literatur

  • El-Sayed, R., 1975, Documents relatifs à Sais et à ses divinités (Bibliothèque d'Étude 69), Kairo
  • El-Sayed, R., 1982, La déesse Neith de Sais, 2. Bde (Bibliothèque d'Étude 86), Kairo
  • Habachi, L., 1943, Saïs and its Monuments, Annales du Service des Antiquités de l’Égypte 42, 369-407
  • Jansen-Winkeln, K., 1996, Zu den Denkmälern des Erziehers Psametiks II., Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes Abteilung Kairo 52, 187-199
  • Leclère, F., 2008, Les villes de Basse Égypte au Ier millénaire av. J.-C., 2 Bde (Bibliothèque d'Étude 144), Kairo
  • Lichtheim, M., 1980, Ancient Egyptian Literature, Vol. III. The Late Period, Berkeley / Los Angeles / London
  • Lloyd, A. B., 1982, The inscription of Udjahorresnet. A collaborator’s testament, Journal of Egyptian Archaeology 68, 166-180
  • Lloyd, A. B., 1988, Herodotus Book II, Commentary 99-182, Leiden
  • Quack, J. F., 2006, Das Grab am Tempeldromos. Neue Deutungen zu einem spätzeitlichen Grabtyp, in: K. Zibelius-Chen / H.-W. Fischer-Elfert (Hgg.), „Von reichlich ägyptischem Verstande“ (FS W. Guglielmi; Philippika 11), Wiesbaden, 113-132
  • Schott, S., 1967, Rś-N.t und Mḥ-N.t als Häuser der Neith, Revue d‘Égyptologie 19, 99-110
  • Serrano Delgado, J. M., 2004, Cambyses in Sais: Political and religious context in Achaemenid Egypt, Chronique d'Égypte 79, 31-52
  • Stadelmann, R., 1971, Das Grab im Tempelhof, Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Institutes Abteilung Kairo 27, 111-123
  • Thiers, Chr., 1999, Ptolémée Philadelphe et le clergé saïte. La stèle Codex Ursinianus, fol. 6 r° + Naples 1034 + Louvre C.123, Bulletin de l‘Institut français d‘archéologie orientale 99, 423-445
  • Verreth, H., 2003, Sin, Senou, Senos and Pelousion, Cahiers de recherches de l'Institut de Papyrologie et d'Egyptologie de Lille 23, 51-71
  • Wilson, P., 2006, The survey of Saïs (Sa el-Hagar) 1997-2002 (Egypt Exploration Society Excavation Memoir 77), London
  • Sais – Egypt Exploration Society / University of Durham Mission to Sa el Hagar

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Sais. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Plan der Ruinen von Sā el-Hagar von J.F. Champollion (1828). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 15.04.2010
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