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Lexikon

Sacharja / Sacharjabuch

Holger Delkurt

(erstellt: Okt. 2006)

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1. Das Buch

Das Prophetenbuch wird in der Überschrift (Sach 1,1) Sacharja, dem Sohn Berechjas, des Sohnes Iddos zugeschrieben und besteht aus 14 Kapiteln. Da sich in Sach 9,1 mit משׂא »Ausspruch« eine neue Überschrift findet (vgl. Koch, 2000) wird das Buch seit der Mitte des 18. Jh.s üblicherweise in zwei Teile gegliedert: Protosacharja (Sach 1-8) und Deuterosacharja (Sach 9-14). Dieselbe Überschrift begegnet erneut in Sach 12,1, so dass man Sach 9-14 häufig nochmals in Deuterosacharja (Sach 9-11) und Tritosacharja (Sach 12-14) aufteilt (vgl. auch Mal 1,1, dazu Koch, 2000). Tatsächlich finden sich Hinweise darauf, dass Sach 9-14 jünger sind als Sach 1-8 (s.u.).

2. Protosacharja (Sach 1-8)

2.1. Die Zeit

Nach der Überschriften Sach 1,1.7; Sach 7,1 trat der Prophet Sacharja von 520-518 v. Chr. auf, also knapp zwanzig Jahre nach dem Ende des »Babylonischen Exils«. Die Bußpredigt Sach 1,1-6 wird durch die Überschrift Sach 1,1 auf den achten Monat im zweiten Jahr des Darius, umgerechnet Okt./Nov. 520, datiert, die Visionen (Sach 1,7-6,15) auf den 24. Tag im elften Monat desselben Jahres (15. Febr. 519) und schließlich die sog. Fastenpredigt Sach 7-8 auf den vierten Tag des neunten Monats im vierten Jahr des Darius (7. Dez. 518). Die Zeitangaben dürften auf den Redaktor von Sach 1-8 zurückgehen. Mit ihrer Hilfe wie auch durch Ergänzungen (s.u.) verknüpft er Protosacharja mit dem Haggaibuch. Obwohl die Zeitangaben nicht von Sacharja selbst stammen, spricht der Inhalt der Schrift nicht dagegen, dass sie Anhalt an der Wirklichkeit finden.

Sacharja tritt in einer Zeit auf, in der sich die Hoffnungen auf eine schnelle und großartige Restauration Israels nicht erfüllt haben (vgl. → Haggai) und in der der Zweite Tempel noch nicht eingeweiht ist (515 v. Chr.).

2.2. Der Prophet

Zu den wenigen Informationen, die das Buch über Sacharja mitteilt, zählt die Angabe seiner Herkunft: Nach Sach 1,1.7 ist er ein Sohn Berechjas und Enkel Iddos. Im Esrabuch (Esr 5,1; Esr 6,14) wird er jedoch als Sohn Iddos bezeichnet. Obwohl der Name Sacharja (er bedeutet: „JHWH hat sich erinnert“ und hat ein rettendes Handeln im Blick) nicht selten war, wird, wie die Parallelnennung mit Haggai in beiden Versen zeigt, derselbe Prophet gemeint sein. Iddo ist nach Neh 12,16 das Oberhaupt einer Priesterfamilie, die nach Babylon deportiert worden war. Damit entstammt Sacharja, ebenso wie vor ihm → Ezechiel (vgl. Ez 1,3), einer priesterlichen Familie.

2.3. Der Aufbau von Sach 1-8

Tabelle 1: Der Aufbau von Sach 1-8.

Tabelle 1: Der Aufbau von Sach 1-8.

Zum Aufbau s. Tabelle 1.

2.4. Die Visionen

Spannungsbogen. Den Kern von Sach 1-8 bildet die – ursprünglich siebenteilige – Visionsreihe. Zu Beginn der Nacht empfängt Sacharja seine erste, am Ende der Nacht seine siebte → Vision. Innerhalb der Reihe ergibt sich ein Spannungsbogen:

I. Allgemeine Zusage:

Sach 1,8-15: Zusicherung von Wohlergehen und Frieden

II. Konkretisierung:

Sach 2,1-4: Schutz vor äußeren Feinden

Sach 2,5-9: Schutz nach Innen (JHWH als Feuermauer) verbunden mit Wohlstand durch Reichtum an Mensch und Vieh

Sach 4,1-6a.10b-14: (wirtschaftliches) Wohlergehen des Gottesvolkes

Sach 5,1-4: Bestrafung derer, die das Zusammenleben innerhalb der Gemeinschaft durch Straftaten bedrohen

Sach 5,5-11: Entfernung der Sünde überhaupt, und zwar außerhalb der Grenzen Israels

III. Absicherung:

Sach 6,1-8: Einwohnung des Geistes JHWHs auch im ehemaligen Feindesland mit der Folge einer universalen Friedensherrschaft JHWHs

Aussage. Damit ergibt sich eine Bewegung von außen nach innen und wiederum nach außen. Die Einbindung der Visionen, die Israels Wohlergehen im Inneren thematisieren, in die Visionen, die den Blick über Israels Grenzen hinaus lenken, macht deutlich: Der Gott, der seine Verheißungen des Wohlstands für Israel wahr machen will, ist der Gott, der Macht über die gesamte Erde besitzt und das Geschick aller Völker bestimmt. Die Hoffnung auf das Wohlergehen Israels ist eingebettet in die Hoffnung auf universales Heil. Damit weist der Siebener-Zyklus eine klare, theologisch durchdachte Struktur auf.

Zur Intention der einzelnen Visionen:

1. Vision (Sach 1,8-15): Im ersten Teil der Vision sieht Sacharja Reiter auf roten, hellroten und weißen Pferden. Sie teilen dem Deuteengel mit, dass sie die Erde durchzogen und dabei erkundet haben, dass sie ruhig daliegt. An diese Mitteilung schließt sich eine Klage des Engels an JHWH, der dem Engel antwortet und einen Verkündigungsauftrag für Sacharja mitteilt: Während Heil für Israel kommen wird, erhalten die Völker, die Israel bekämpft hatten, eine gerechte Strafe.

2. Vision (Sach 2,1-4): Sacharja erblickt vier Hörner, die vom Deuteengel mit den Mächten gleichgesetzt werden, die Israel ins Exil vertrieben haben. Im zweiten Teil der Vision sieht Sacharja vier Handwerker, die die »Hörner« verjagen.

3. Vision (Sach 2,5-9): Zunächst sieht der Prophet einen Mann, der eine Messschnur in der Hand hält, um Jerusalem auszumessen. Der Deuteengel beauftragt einen anderen Engel, den Mann am Ausmessen zu hindern, denn Jerusalem soll eine offene Stadt werden, die von JHWH selbst geschützt wird.

4. Vision (Sach 4,1-6a.10b-14): In der Zentralvision schaut Sacharja einen goldenen Leuchter mit sieben mal sieben Leuchten. Neben dem Leuchter, der im Abschlussvers mit JHWH gleichgesetzt wird, stehen zwei Ölbäume, deren Bedeutung umstritten ist (s.u.).

5. Vision (Sach 5,1-4): Sacharja sieht eine fliegende Schriftrolle, die mit 20 mal 10 Ellen das Maß der Vorhalle des Jerusalemer Tempels hat. Der Deuteengel bezeichnet sie im zweiten Teil der Vision als Fluch, der in die Häuser der Diebe und Meineidigen fliegt und sie zerstört.

6. Vision (Sach 5,5-11): Auch diese Vision befasst sich mit dem Thema »Sünde«. Sacharja schaut ein Getreidemaß (Epha), das der Engel als »Schuld« deutet. In dem Epha sitzt eine Frau, die als »Verfehlung« bezeichnet wird. Das Epha wird mitsamt der Frau von zwei Frauen mit Storchenflügeln in das Land Sinear, eine Bezeichnung für Babylon in mythischen Zeiten, gebracht.

7. Vision (Sach 6,1-8): In der Abschlussvision sieht Sacharja vier Wagen, die von roten, schwarzen, weißen und scheckigen Pferden gezogen werden. Der Engel erklärt ihm, dass sie vor JHWH gestanden hatten und nun dessen Auftrag ausführen. Schwarze und weiße Pferde ziehen nach Norden, wo sie JHWHs Geist niederlegen.

Sacharjas → Visionen lehnen sich formal an die Visionen seiner prophetischen Vorgänger an, insofern sie nach dem Schema Eröffnungsformel, Beschreibung des Visionsinhalts und Deutung aufgebaut sind (vgl. Behrens, 2002). Neu ist an ihnen jedoch, dass nicht mehr JHWH selbst, sondern ein von ihm beauftragter Deuteengel mit dem Propheten redet. Zudem sind sie komplexer geworden und es werden nur noch vereinzelte Elemente der Schau ausgedeutet. Unklar bleibt beispielsweise die Farbgebung der Pferde in der ersten und letzten Vision, warum gerade eine Schriftrolle mit den Maßen der Tempelvorhalle durch die Luft fliegt und die Häuser der Sünder zerstört oder warum eine Frau in einem Getreidemaß von zwei mischgestaltigen Wesen in das Land Sinear gebracht wird. Entsprechend vielfältig und unterschiedlich sind die Versuche der Exegeten, diese Bildelemente zu deuten.

Vielfach wird auf Parallelen in Israels Umwelt verwiesen. So erinnert die Feuermauer, die nach Sach 2,9 Jerusalem umgeben wird, an die Feueraltäre, die in der achämenidischen Königsstadt Pasargadae für den Gott Ahura Mazda errichtet wurde (vgl. Petersen, 1985, 171). Eine direkte Abhängigkeit konnte bislang jedoch nicht nachgewiesen werden. Weiterhin versucht man, die Bilder mit Hilfe der zeitgenössischen Ikonographie, Siegel- und Monumentalkunst zu erklären (Keel / Uehlinger, 1993). Schließlich versteht man die Bilder als Anspielungen auf Texte der religiösen Tradition Israels, die Sacharja bereits schriftlich vorlagen. Hier werden vor allem Parallelen bei Sacharjas prophetischen Vorgängern gesucht (Jeremias, 1966; Delkurt, 2000; für beide sind Ezechiel und Deuterojesaja die wichtigsten Quellen, auf die sich Sacharja bezieht) oder in Gesetzestexten (Rudman, 2000).

Besonderes theologisches Interesse hat bei den Exegeten Sach 4 gefunden: Zumeist wird vermutet, dass sich hinter den beiden Ölbäumen Serubbabel, der im Auftrag der Perser für Repatriierung zuständige Davidide, sowie der Hohepriester Josua als messianische Gestalten verbergen. Da die Salbung mit Öl vom Ölbaum vorgenommen wird, werde hier eine Dyarchie von weltlichem und geistlichem Herrscheramt begründet. Die Redaktionen des Sacharjabuchs scheinen das Bild jedenfalls so verstanden zu haben, denn sie fügen die Vision von der Amtseinführung Josuas (Sach 3,1-7) und die Verheißung an Serubbabel (Sach 4,6aβ-10a) vermutlich bewusst im Kontext dieser Stelle ein. Allerdings wird die messianische Deutung gelegentlich in Frage gestellt, weil etwa eine Gleichberechtigung eines weltlichen und eines geistlichen Führers in der frühnachexilischen Zeit kaum vorstellbar ist (Beuken, 1967) oder der Begriff für Öl hier ein anderer ist als für Salböl (יצהר jṣhr statt שׁמן šmn) und üblicherweise gebraucht wird, um Hoffnung auf gnädige Gewährung von Gaben des Landes durch JHWH zu wecken (vgl. Dtn 11,14; 2 Kön 18,32 u.a.; dazu Delkurt, 2000).

Eine sekundär eingeschobene Vision (Sach 3,1-7): Vor die Zentralvision ist redaktionell eine Vision von der Entsühnung und Einsetzung Josuas in das Amt des Hohenpriesters eingefügt worden. Josua wird in einer bedingten Verheißung – in den sieben ursprünglichen Visionen sind die Verheißungen nicht an eine Bedingung geknüpft – zugesagt, dass er bei Einhaltung der Verpflichtungen JHWHs, die vermutlich die Ordnung des Tempels betreffen (Jeremias, 1966), Zugang zu JHWH erhalten soll. Überraschend ist, dass für die Entsühnung Josuas nicht kultische Terminologie gebraucht wird, wie sie sich in Ex 28-29; Lev 8 und Lev 16 zur Beschreibung der Entsühnung von Priestern findet, sondern prophetische Terminologie (v.a. Jes 3,16-24; Jes 4,4).

Stammen die Einzelsprüche zwischen den Visionen von Sacharja selbst und sind von ihm redaktionell mit Stichwortanschluss in den Zyklus eingefügt worden? Oder wurden sie doch eher von Schülern oder späteren Redaktoren gebildet? Spannungen in der Intention zwischen Worten und Visionen lassen – trotz Aufnahme sacharjanischer Topoi und Themen – vermuten, dass die Worte nicht vom Propheten selbst stammen, sondern bald nach der Verschriftlichung des Zyklus von Redaktoren verfasst und – gemeinsam mit der Vision 3,1-7 – in den vorgegebenen Zusammenhang eingefügt wurden.

Die Symbolhandlung Sach 6,9-15. Da die Krönung eines Priesters zumindest ungewöhnlich erscheint, ist umstritten, ob die Symbolhandlung, die sich im Anschluss an die letzte Vision in Sach 6,9-15 findet, dem heutigen Wortlaut entsprechend schon immer von der Krönung des Hohenpriesters Josua berichtet hat. Wurde ursprünglich die Krönung des Davididen Serubbabel zum König angekündigt, wie auch die Erwähnung des »Spross« (Sach 6,12; vgl. Sach 3,8) vermuten lässt (vgl. auch die Erwartung eines David-Sprosses in Jes 11,1ff; Jer 23,5)? Dann wäre sein Name gegen den des Hohenpriesters Josua ausgetauscht worden, vielleicht, weil Serubbabel ungekrönt gestorben war. Diese seit Wellhausen populäre These fand lange Zeit ungeteilte Zustimmung, wird aber in letzter Zeit kritisch hinterfragt. Vermehrt wird versucht, den überlieferten Text ohne Änderung des Bestandes inhaltlich zu erklären, beispielsweise so, dass der Hohepriester bis zum Kommen des endzeitlichen Herrschers kommissarisch die Pflichten und Rechte des Königs übernimmt (vgl. Pola, 2002).

Redaktoren. Die Endbearbeitung von Sach 1-8 lag in der Hand von Redaktoren, die große Nähe zu deuteronomistischer bzw. chronistischer Sprache und Theologie aufweist. Teile des Rahmens (Sach 1,3-6; Sach 7,7-14; Sach 8,9-13.14-17) machen die Umkehr zur Vorbedingung des Heils und stehen damit in Widerspruch zu den Visionen. Die Redaktion ist vermutlich die gleiche wie die des Haggaibuches, wie man etwa an den Eigenheiten der chronologischen Angaben sehen kann (Beuken, 1967).

2.5. Das Zentrum der Botschaft

Nach Seybold, der nicht nur im deutschsprachigen Raum viel Zustimmung erhalten hat, ist das Buch des Propheten, der einer Priesterfamilie entstammt, ein Programm zum Tempelbau (vgl. Seybold, 1974). Der Tempel wird allerdings in den Visionen nicht explizit erwähnt, sondern ausschließlich in den an- bzw. eingefügten Worten Sach 1,16; Sach 4,9-10 und Sach 6,12-13. An keiner dieser drei Stellen wird die Bevölkerung zum Bau des Tempels aufgerufen. So scheint – anders als für Haggai – für Sacharja dieses Thema nicht das zentrale Anliegen gewesen zu sein.

Wichtig ist ihm jedoch die Hoffnung auf kommendes Heil: Durch Anspielungen auf Unheilsankündigungen seiner prophetischen Vorgänger bestätigt er, dass das Gericht, das die früheren Propheten angesagt hatten und das die Väter erleiden mussten, berechtigt war. Zugleich verheißt er, dass JHWH selbst die inneren und äußeren Hindernisse für das Heil beseitigen und Israel zu Frieden und Wohlstand führen wird.

Kann man Protosacharja bereits als Teil der → Apokalyptik verstehen (Gese, 1990)? Gewiss ist das Buch ein entscheidender Schritt auf dem Weg dorthin, wie etwa das erstmalige Auftreten eines Angelus interpres („Deuteengel“) und die zunehmende Komplexität der Bilder zeigen; allerdings fehlen bestimmte Kennzeichen der Apokalyptik, wie etwa die strenge Gegenüberstellung von Gott und Welt, Periodisierung der Zeit, Determinismus der Geschichte oder Pseudonymität der Schrift. Gleiches gilt auch für die Fortsetzung in Sach 9-14.

3. Deuterosacharja (Sach 9-14)

3.1. Die Zeit

Sach 9-14 enthält keine neuen Zeitangaben. Darum muss man für die Ansetzung nach inhaltlichen Hinweisen im Text suchen.

Die Vorschläge der Exegeten sind breit gestreut: So finden sich Datierungen von der vorexilischen Zeit bis zur Endphase der Entstehung des Alten Testaments. Viel hängt an der Deutung der Verse, in denen fremde Völker erwähnt werden: Sind mit Ägypten in Sach 10,10-11 die Diadochen und mit Assur die Seleukiden gemeint und ist die Erwähnung von Griechenland in Sach 9,13 ursprünglich, wird man – wie zahlreiche Exegeten im Gefolge von Stade – Deuterosacharja in das 3. Jahrhundert zu datieren haben. Versteht man unter Ägypten und Assur in Sach 10,10-11 die Mächte, die Israel im 8. Jahrhundert bedrängten, ist eine so späte Datierung nicht zwangsläufig; darum werden die Kapitel Sach 9-11 gelegentlich vor 586 angesetzt (Otzen, 1964). Gewiss finden sich in Sach 9-14 Abschnitte, die aus vorexilischer Zeit stammen können. Sehr wahrscheinlich wurden sie aber erst, wie zahlreiche motivliche Übereinstimmungen mit Protosacharja nahelegen, nach der Abfassung von Sach 1-8 redaktionell miteinander verbunden, aktualisiert und in ihren jetzigen Kontext gestellt.

In der aktuellen Diskussion versuchen derzeit zahlreiche Exegeten nachzuweisen, dass Deuterosacharja in der Perserzeit (5. Jahrhundert) anzusetzen ist (vgl. Reventlow, 1993; Petersen, 1995). Die Mehrheit der Ausleger setzt den Abschluss des recht komplexen Wachstums von Sach 9-14 jedoch in hellenistischer Zeit an, also zwischen 300 und 200. Dafür spricht neben den Erwähnungen der Feinde Israels auch der Hinweis auf das Samaritanische Schisma (Sach 11,14-15).

3.2. Der Aufbau von Sach 9-14

Während die Kap. Sach 9-11 überwiegend in poetischer Sprache formuliert sind, finden sich in Sach 12-14 Prosatexte. Innerhalb des zweiten Teils unterscheiden sich die Kapitel Sach 12-13 von Sach 14 dadurch, dass Erstere als Gottesrede formuliert sind, Sach 14 hingegen eine prophetische Schilderung der Heilswende bietet.

Tabelle 2: Der Aufbau von Sach 9-14.

Tabelle 2: Der Aufbau von Sach 9-14.

Die ursprüngliche Eigenständigkeit von Sach 14 (vgl. auch Schart, 1998, 275ff) ist auch daran zu erkennen, dass hier die Feinde Israels erst von JHWH vernichtet werden, nachdem sie Jerusalem erobert haben, während Jerusalem ihrem Ansturm nach Sach 12-13 standhalten wird.

3.3. Die Botschaft

3.3.1. Übereinstimmungen zwischen Proto- und Deuterosacharja

Es ergeben sich zahlreiche inhaltliche Übereinstimmungen zwischen Proto- und Deuterosacharja: So steht im Zentrum beider Teile die Erwartung des kommenden Heils: JHWH wird sich wieder Jerusalems annehmen (Sach 9,8.15-16; Sach 10,6; Sach 12; Sach 14). Das Volk wird heimgeführt, und zwar nach Sach 9-10 ganz Israel, nach Sach 11 nur Juda. Israel wird endgültig von seiner Sünde befreit werden (Sach 13). Die Völker werden entmachtet (Sach 9,13-17; Sach 11,1-3; Sach 12; Sach 14) und JHWH tritt seine Herrschaft als König an (Sach 14,9.16-17). Nach dem Gericht werden auch die Völker in das Heil einbezogen (Sach 14); dann wird die Einzigkeit JHWHs nicht nur von Israel, sondern universal anerkannt (Sach 14,9, unter Aufnahme von Dtn 6,4-5). Die Erwartung der letzten Vision Protosacharjas, dass JHWHs Macht auch über Israel hinaus dauerhaft wirksam werden wird, bauen die Kapitel Sach 9-14 noch aus und stellen sie in das Zentrum der Botschaft.

3.3.2. Schwierig zu deutende Bilder

Sind auch die Grundintentionen der Texte klar, so finden sich doch – wie schon bei Protosacharja – zahlreiche Bilder, die nicht eindeutig sind.

Umstritten ist etwa, wer sich hinter dem »Durchbohrten« verbirgt, der nach Sach 12,10 von Israel beweint werden soll: Ist an eine historische Figur zu denken wie etwa an den von seinem Bruder, dem Hohenpriester Jochanan, ermordete Jeschua (vgl. Plöger, 1959) oder eher an eine messianische Gestalt, die wie der leidende Gottesknecht (Jes 53) das Leiden des Volkes auf sich nimmt (vgl. Deissler, 1988)?

Ebenso umstritten ist die Hirtenrede Sach 11,4ff, die – ähnlich wie die Erwartung des Kommens einer messianischen Gestalt in Sach 9,9-10 – ein besonders großes Interesse bei den Exegeten gefunden hat. Unklar ist, wer in dieser bildhaften Rede mit den Händlern gemeint ist, die ihre Aufgabe, für die Schafe zu sorgen, sträflich vernachlässigen, und welches Ende eines Friedenszustands hier im Blick ist. Sind die Händler die judäischen Oberen, die sich nicht mehr um das Volk kümmern (Reventlow), die samaritanische Herrenschicht, die die Judäer unterdrücken, was schließlich zum Schisma führt (Elliger, 1956), oder die persischen Oberherren, deren Macht durch Alexander den Großen gebrochen wird (Gese, 1990)? Auch wenn Mt 27 diesen Text messianisch versteht, wird man die Rede selbst kaum so deuten können.

Der demütig auf einem Esel, anstatt auf einem Pferd in Jerusalem einreitende König, den Jerusalem nach Sach 9,9-10 jubelnd begrüßen soll, ist eindeutig eine zukünftige Gestalt. Der Zukunftsherrscher ist dadurch gekennzeichnet, dass er Frieden für die gesamte Welt bringen wird, selbst aber hilfsbedürftig und auf Gottes machtvolles Eingreifen angewiesen ist (Schmidt, 1997).

3.4. Aufnahme im Neuen Testament

Sowohl Proto- als auch Deuterosacharja werden vielfach in der Offenbarung des Johannes aufgenommen (vgl. Jauhiainen). In den Evangelien sind nur Abschnitte aus Sach 9ff rezipiert, die man messianisch deuten konnte. So nimmt Mt 21,1-5 die Erwartung des Zukunftsherrschers aus Sach 9,9-10 auf, und in Mt 26,15; Mt 27,5.7.9-10 wird die Hirtenrede Sach 11,4-14 typologisch auf den Verrat Jesu durch Judas gedeutet; der Hirte wird als missverstandener Messias interpretiert (allerdings wird das Erfüllungszitat Sach 11,12-13 Jeremia zugeschrieben).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Kommentare

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