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Lexikon

Rückwandererliste

Sebastian Grätz

(erstellt: Mai 2009)

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1. Überblick: Die Listen in den Büchern Esra und Nehemia

Das Thema der Rückwanderung ist in den → Büchern Esra und Nehemia eng verbunden mit dem Kyros-Edikt (Esr 1,1-4; → Kyros II.) sowie einigen Listen, die entsprechende Informationen über die Rückwanderer geben sollen: (1) Esr 2,1-67 // Neh 7,(4.)6-68 (// 3Esr 5,7-45); (2) Esr 8,1-14.

Daneben prägen noch weitere Listen den Aufbau der beiden Bücher:

  • Esr 10,18-44a (Liste der Judäer, die „fremde Frauen“ geheiratet haben);
  • Neh 3,1-32 (Liste derjenigen, die am Bau der Stadtmauer beteiligt sind);
  • Neh 10,2-28 (namentliche Liste derjenigen, die beeiden, dem „Gottesgesetz gegenüber Gehorsam zu leisten“);
  • Neh 11,3-36/12,1-26 (Einwohnerliste und Priesterliste / Levitenliste von Jerusalem und Jehud).

Die Identifikation stiftende Funktion dieser Listen für die nachexilische Gemeinde ist evident.

2. Die einzelnen Listen

2.1. Esr 2,1-67 // Neh 7,(4.)6-68 (// 3Esr 5,7-45)

Es ist wahrscheinlich, dass die lange Liste zunächst im Esrabuch überliefert wurde und dann sekundär die eigentliche Nehemiageschichte (Neh 1-6 mit der Vollendung des Mauerbaus in Neh 6,15-19) mit der Verlesung des Gesetzes in Neh 8 verbindet. Hierfür spricht die Spendenliste in Neh 7,69-71, die aus Esr 2,68f mit transferiert wurde: In Esr 2 ergibt die Spendenliste zugunsten des Tempels einen guten Sinn, während die Spendenliste („für das Werk“) in Neh 7,69ff ins Leere zielt – Tempel und Stadtmauer sind bereits erbaut (für weitere Argumente vgl. Pakkala, 137-140; Wright, 301-303). Der Sinn der Liste in Neh 7 besteht somit in der Dokumentation der Besiedlung der fertiggestellten Stadt (Neh 7,1-5), während sie in Esr 2 in Umsetzung des Kyros-Ediktes alle Heimkehrenden aus dem Babylonischen Exil notiert.

Die Liste selbst ist nicht einheitlich, sondern besteht aus unterschiedlichen Teilen: (1) Einleitung (Esr 2,1-2a); (2) „die Männer des Volkes Israel“ (mit Überschrift in Esr 2,2b-35); (3) Berufsgruppen und Personengruppen (Priester, Sänger, Torhüter, Tempelsklaven; Nachkommen der Sklaven Salomos, Esr 2,36-58); (4) diejenigen, die keinen Eintrag ins Geschlechtsregister (Esr 2,62: כְּתָב הַמִּתְיַחְשִׂים kətāv hammitjachśîm) nachweisen können (Esr 2,59-63); (5) Zusammenfassung (Esr 2,64).

Sämtliche genannten Personengruppen werden detailliert in ihrer (freilich zwischen MT und 3Esr variierenden) Anzahl genannt, so dass sich ausweislich Esr 2,64 eine Summe von insgesamt 42360 für die „Gemeinde“ (qāhāl) ergibt. Die angegebene Summe ist durch die ideale Zahl zwölf teilbar und entspricht nicht den in den unterschiedlichen Textüberlieferungen angegebenen Summanden. Hinzu kommt, dass die Ganzheit der genannten Personen als „Gemeinde“ bezeichnet wird, so dass es sich weniger um ein authentisches Protokoll einer Einwandererliste als vielmehr, zumindest teilweise, um einen Gemeindezensus handeln wird (→ Volkszählung), der aufgrund der hohen Zahlenangaben wahrscheinlich in die hellenistische Zeit zu datieren ist. Gleichwohl ist damit nicht gesagt, dass einzelne Daten und Personennamen nicht aus der persischen Epoche stammen könnten. Ein stichhaltiger Nachweis dafür ist jedoch kaum zu erbringen (vgl. Mowinckel, 62-109; Carter, 294-306).

2.2. Esr 8,1-14

Die Liste in Esr 8 versteht sich wiederum als „Geschlechtsregister“ (jchš hitpa.; → Genealogie) derjenigen, die mit → Esra unter dem in Esr 7 vorgestellten Artaxerxes I. (II.?) von Babylonien nach Jehud gezogen sind. Im Gegensatz zur Liste in Esr 2 (// Neh 7) ist diejenige in Esr 8 einheitlich konzipiert und nennt anders als die erste Liste zuerst die Priester (→ Pinhas und → Itamar) und dann zwölf Laiengeschlechter. Es fällt auf, dass zahlreiche Namen genannt werden, die bereits in der Liste Esr 2 (// Neh 7) begegnen (vgl. Gunneweg, 146), so dass sich die Vermutung nahelegt, die vorliegende Liste verwerte kein Archivmaterial – welcher Zeit auch immer entstammend –, sondern stelle vielmehr eine schriftstellerische Produktion dar. Insofern lässt sich aus ihr zwar wenig über das Jehud in persischer oder hellenistischer Zeit erheben, aber dafür einiges über ihren Verfasser, der die Rückwanderung Esras unter Artaxerxes in eine Kontinuität zu der ersten Rückwanderung stellt, die durch das Kyros-Edikt in Esr 1 veranlasst war (vgl. auch → Mowinckel, 116-123).

3. Zusammenfassung

Die vorliegenden Rückwandererlisten erfüllen zunächst eine literarische Funktion für ihren jeweiligen Zusammenhang. Sie gehen dabei weniger auf Archivmaterial der persischen Zeit, sondern, im Fall von Esr 2 // Neh 7, zumindest anteilig auf Material der hellenistischen Zeit zurück. Für eine historische Rekonstruktion tatsächlicher Rückwanderungsbewegungen in der persischen Epoche sind sie deshalb nicht verwendbar.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Carter, C.E., 1999, The Emergence of Yehud in the Persian Period. A Social and Demographic Study (JSOTS 294), Sheffield
  • Galling, K., 1964, Studien zur Geschichte Israels im persischen Zeitalter, Tübingen
  • Gunneweg, A.H.J., 1985, Esra (KAT XIX,1), Gütersloh
  • Mowinckel, S., 1964, Studien zu dem Buche Ezra-Nehemia, I: Die nachchronische Redaktion des Buches. Die Listen (SNVAO.HF.NS 3), Oslo
  • Pakkala, J., 2004, Ezra the Scribe. The Development of Ezra 7-10 and Nehemia 8 (BZAW 347) Berlin
  • Pohlmann, K.-F., 1970, Studien zum dritten Esra. Ein Beitrag zur Frage nach dem ursprünglichen Schluß des chronistischen Geschichtswerks (FRLANT 104), Göttingen
  • Schunck, K.-D., 2003, Nememia (BK AT XXIII/2,3) Neukirchen-Vluyn
  • Weinberg, J.P., 1972, Demographische Notizen zur Geschichte der nachexilischen Gemeinde in Juda, Klio 54, 45-59
  • Williamson, H.G.M., 1983, The Composition of Ezra i-vi, JThS 34, 1-30
  • Wright, J., 2004, Rebuilding Identity. The Nehemiah-Memoir and its Earliest Readers (BZAW 348), Berlin
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