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Lexikon

Rohrdommel

Henrike Frey-Anthes

(erstellt: Okt. 2007)

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1. Zoologisch

1.1. Rohrdommel

Die Rohrdommel (Botaurus stellaris) gehört zur Familie der Reiher (Ardeidae). Mit ihrer gedrungenen Gestalt ist sie etwas größer als ein Haushuhn. Sie lebt in sumpfigen Gebieten wie Verlandungszonen von Gewässern oder in Schilf und Röhricht. Die Männchen geben im Frühjahr kilometerweit zu hörende Balzrufe von sich.

1.2. Dohle

Die Dohle (Corvus monedula) gehört zur Gattung der Raben und Krähen (Corvus). Ihr Gefieder ist bis auf Nacken und Wangen, die hellgrau sind, dunkelgrau bis schwarz. Sie kommt in bewaldeten Steppen oder Küsten ebenso vor wie in Kulturlandschaften, Ortschaften, Ruinen und Schluchten, in deren Hohlräumen sie auch nistet. Sie gibt scharfe Geräusche von sich, die aus Lauten wie „kja“ und „schack“ bestehen.

2. Altes Testament

2.1. Begriff

Wahrscheinlich ist der Name קאת qā’āt onomatopoetischen Ursprungs (vgl. arab. qa’qa’a „klappern / rasseln / klirren“; Driver, 1955, 16). Er wird von den Übersetzungen recht unterschiedlich wiedergegeben: Die → Septuaginta übersetzt in Lev 11,18 und Ps 102,7 „Pelikan“ (πελεκάν pelekan), in Jes 34,11 einfach „Vogel“ (ό̉ρνεον orneon), in Zef 2,14 „Chamäleon“ (χαμαιλέων chamaileōn) und denkt in Dtn 14,17 an einen Wasservogel, den „Lappentaucher“ (καταρράκτην kataraktēn). Die → Vulgata hat in Ps 102,7 ebenfalls Pelikan pelicano, in Lev 11,18, Zef 2,14 und Jes 34,11 hingegen Kropfgans (onocrotalus) und Dtn 14,17 mergulum porphirionem („Purpurtaucher / Wasserhuhn“). Luther übersetzt den Begriff in den Listen Lev 11 / Deut 14 mit Rohrdommel.

Möglicherweise ist aber eher die Dohle gemeint, deren Ruf sich onomatopoetisch in der Bezeichnung קאת qā’āt finden könnte (so Driver, 1955, 16, der aufgrund des Vogelrufes „Ohreule“ [→ Nachteule] oder „Dohle“ übersetzen will: „Its cry is given as ‚yu-hu’ or ‚kiu-kiu’, monotonously repeated at regular intervals“; vgl. auch Riede, 2003a, 328; ders., 2000, 293; Brüning, 1992, 34; Firmage, 1992, 1155) und deren Wohnbereich eher den in den Texten beschriebenen Gegebenheiten entspricht (Ruinen). Beuken (2000, 300) übersetzt „Habicht“. Die Übersetzung Pelikan (König, 7. Aufl. 1936, 397; GB 697; Duhm, 5. Aufl. 1968, 365; HALAT 991) widerspricht den Beschreibungen der Texte.

2.2. Verwendung

Die Tierbezeichnung קאת qā’āt ist in Lev 11,18 und Dtn 14,17 sowie in Ps 102,7, Zef 2,14 und Jes 34,11 belegt. Nach den Listen der unreinen Tiere in Lev 11,18 und Dtn 14,17 handelt es sich bei der Bezeichnung um einen unreinen Vogel. Außer dass dieser Vogel seufzende Laute ausstößt (Ps 102,7) und in Ruinen wohnt (Zef 2,14; Jes 34,11), lässt sich aus den biblischen Texten nichts über ihn erfahren.

In Jes 34,11 gehört der Vogel קאת qā’āt zu den Tieren, die neben den die Trümmer Babylons heimsuchenden Vögeln Eule (oder Igel; קפוד qippôd) und Rabe (ערב ‘orev) genannt werden. Ferner bevölkern → Schakale (תנים tannîm), „Wüstlinge“ (ציים ṣijjîm; → Wüstentiere), „Heuler“ (איים ’ijjîm; → Dämonen), → Ziegenbock (שׂעיר śā’îr), → Strauße (בנות יענה bənôt ja’anāh) und → Lilit die unheimliche Szenerie. Die Rohrdommel gehört damit zu den Tieren, die die Gegenwelt zur menschlichen Zivilisation repräsentieren.

Zef 2,14 beschreibt, wie die Trümmer Ninives nur noch zum Wohnort für wilde Tiere und für Nomaden mit ihren Herden taugen. Neben der Eule (oder Igel [so LXX ἐχĩνος echinos und Vulgata ericius]? קפוד qippôd) übernachtet auch der Rabenvogel קאת qā’āt in den Ruinen. Die LXX übersetzt קאת qā’āt an dieser Stelle mit χαμαιλέων chamaileōn (vgl. Lev 11,30 für תנשׁםת tinšæmætEule), vielleicht weil dies besser zum Igel passen würde. Die Vorübergehenden stoßen Laute aus und schwenken die Hand, um sich vor den Geräuschen der Verödung zu schützen sowie dem Entsetzen und Spott angesichts der Zerstörung Ausdruck zu verleihen (vgl. Jer 19,8; Jer 49,17; Jer 50,13; Klgl 2,15; Ez 27,36; Hi 27,23). Durch die Verbindung des apotropäisch-spöttischen Zischens mit der völligen Verödung der Stadt wird deutlich, dass die Gefahr, die hier lauert, mit besonderen Mitteln gebannt werden muss.

Ps 102,7 verwendet den Vogel als Metapher für Klage und soziale Isolation: Ps 102,6f. vergleicht das laute Seufzen des oder der Klagenden über die Verwüstung mit den Lauten, die Dohle oder Rohrdommel (קאת qā’āt) und → Käuzchen (?; כוס kôs) ausstoßen. Die Einsamkeit und Klage des auf dem Dach wachenden Vogels (vgl. Riede, 2000, 297-305 gegen Brüning, 1992, bes. 142-147) entspricht der Szenerie der verlassenen, von Menschen gemiedenen Stadt. Der Beter wird nicht nur verspottet wie eine zerstörte Stadt, sondern sogar mit denselben apotropäischen Riten abgewehrt: Die Feinde nennen seinen Namen zum Fluch, um zu spotten (Ps 102,9). So werden in Ps 102,6-8 die Topoi Einsamkeit und Klage in einen engen Zusammenhang gebracht, indem jeweils das eine durch das andere unterstrichen wird.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Beuken, W.A.M., 2000, Isaiah Bd. 2: Chapters 28-39 (Historical Commentary on the Old Testament), Kampen.
  • Brüning, C., 1992, Mitten im Leben vom Tod umfangen. Ps 102 als Vergänglichkeitsklage und Vertrauenslied (BBB 84), Frankfurt a.M.
  • Driver, G.R., 1955, Birds in the Old Testament I: Birds in Law / Birds in the Old Testament II: Birds in Life, PEQ 87, 5-20.129-140.
  • Duhm, B., 5. Aufl. 1968, Das Buch Jesaia (HK 3/1), Göttingen.
  • Firmage, E., 1992, Art. Zoology, in: The Anchor Bible Dictionary 6, 1109-1167.
  • König, Eduard, 7. Aufl. 1936, Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament (mit Einschaltung u. Analyse aller schwer erkennb. Formen Deutung d. Eigennamen sowie d. massoret. Randbemerk. u. e. deutsch-hebräischen Wortregister) (Neudr. der 6. und 7. Aufl. 1936), Wiesbaden 1969.
  • Riede, P., 2000, Im Netz des Jägers. Studien zur Feindmetaphorik der Individualpsalmen (WMANT 85), Neukirchen-Vluyn.
  • Riede, P., 2003a, Art. Eule, in: Calwer Bibellexikon, Stuttgart, 328f.
  • Riede, P., 2003b, Art. Rohrdommel, in: Calwer Bibellexikon, Stuttgart, 1140.

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