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Lexikon

Rizpa

Andere Schreibweise: Rizpah

Georg Hentschel

(erstellt: April 2009)

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Frauen in der Literatur 6.5.

1. Name

Rizpa (רִצְפָּה riṣpāh) geht vermutlich auf die Wurzel רצף II rṣp zurück (Thiel, 248). Das Nomen רֶצֶף bedeutet „Glühkohle“ oder „Glühstein“ (vgl. 1Kön 19,6 und Jes 6,6).

2. Die Affäre zwischen Rizpa und Abner

Rizpa war eine Tochter Ajjas und die einzige bekannte Nebenfrau → Sauls. Nachdem → Abner zu ihr gegangen war, warf ihm Sauls Sohn → Eschbaal das vor (2Sam 3,7). Nach einer häufig geäußerten Meinung hat Abner damit Anspruch auf den Thron erhoben (vgl. 2Sam 16,21f und 1Kön 2,13-25). Abner hätte aber als starker Mann im Reich Ischbaals sein Interesse an der Macht nicht auf dem Umweg über Rizpa demonstrieren müssen. Darum wird man der Erzählung auch dann gerecht, wenn man nur an eine Affäre Abners und Rizpas denkt, mit der kein Anspruch auf den Thron verbunden war. Da Abner als starker Mann Sauls Sohn Ischbaal bislang unterstützt hat, versteht er nicht, warum dieser ihm vorwirft, sich an Rizpa vergangen zu haben. Rizpa selbst spielt an dieser Stelle eine ziemlich passive Rolle. Dass sie Abners Bemühungen erwidert haben kann und insofern mitschuldig sein könnte, sagt der Erzähler nicht (Thiel, 251).

3. Rizpas Einsatz für die hingerichteten Sauliden

Abb. 1 Rizpa kümmert sich um die Leichen der Sauliden (Gustave Doré; 19. Jh.).

Abb. 1 Rizpa kümmert sich um die Leichen der Sauliden (Gustave Doré; 19. Jh.).

In der Erzählung, in der David wegen der Blutschuld Sauls den Gibeonitern sieben Nachkommen Sauls ausliefert, um auf diese Weise eine Hungersnot zu beenden (2Sam 21,1-14), übernimmt Rizpa eine aktive Rolle. Um sie zu verstehen, ist genau auf den unmittelbaren Kontext zu achten. David übergibt den Gibeonitern nicht nur fünf Söhne Michals (Wacker, 549) bzw. Merabs (Thiel, 257), sondern auch zwei Söhne Rizpas (2Sam 21,8). Die Gibeoniter richten diese Nachkommen auf schreckliche Weise hin, den unglücklichen Opfern werden vermutlich die Glieder verrenkt oder gebrochen (vgl. Gen 32,26). Dazu gehört, dass die Leichname anschließend nicht bestattet, sondern der Sonne ausgesetzt werden (Num 25,4; Chapman, 30). Das steht in einem gewissen Widerspruch zum Gesetz in Dtn 21,22.23, wonach Hingerichtete noch am gleichen Tag beigesetzt werden sollen. Zieht man einen ugaritischen Text heran, in dem Anat den Gott Mut zerstückelt und zerstreut, um Baal zu neuem Leben zu erwecken (KTU 1.6 II 30-37), dann könnte man darin einen kanaanitischen Ritus sehen, der nach einer längeren Dürre Regen herbeiführen soll (Thiel, 259). In 2Sam 21,9 (vgl. 2Sam 21,6) wird allerdings betont, dass die schreckliche Hinrichtung „vor JHWH“ geschehen ist. Der Erzähler stellt zudem keine ausdrückliche Verbindung zwischen dem grässlichen Geschick der Nachkommen Sauls und dem kommenden Regen her (2Sam 21,10).

Auf diesem Hintergrund ist die mutige Tat Rizpas zu sehen. Sie offenbart als Mutter ihre Trauer, indem sie ihr Trauergewand auf dem vorhandenen Felsen ausbreitet. Sie wacht über alle Leichname der Hingerichteten und verhindert vom Beginn der Ernte bis zur Regenzeit, also etwa zwischen April und Oktober (Edelman, 776), dass Vögel oder wilde Tiere über die Leichen ihrer beiden Söhne und der fünf Enkel Sauls herfallen können. Sie wagt es allerdings nicht, die unglücklichen Opfer beizusetzen, und hebt sich dadurch von der Antigone des Sophokles ab (Wacker, 563). Aber sie schafft die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Sauls Nachkommen eines Tages beigesetzt werden können. Sie nimmt sich der unschuldigen Nachkommen Sauls an, die mit den Maßnahmen Sauls gegen die Gibeoniter nichts zu tun hatten (vgl. Dtn 24,16; Ez 18,4). Nach männlicher Gewalt und Gegengewalt verhindert sie als Frau und Mutter, dass neues Unrecht heraufbeschworen wird (Exum, 113).

Als ihre Tat David gemeldet wird (2Sam 21,11), verfehlt das die Wirkung nicht. David ergreift die Initiative und lässt die Gebeine Sauls und → Jonatans aus → Jabesch in Gilead holen (2Sam 21,12.13a), damit sie gemeinsam mit den Leichen der hingerichteten Söhne Rizpas und seinen Enkeln im Familiengrab der Familie Saul beigesetzt werden können (2Sam 21,13b.14a.b). Warum hat er aber die Nachkommen Sauls erst den Gibeonitern ausgeliefert, wenn er sich jetzt um ihre ehrenvolle Beisetzung bemüht? Warum spielen die Gebeine der Sauliden in diesem Abschnitt (2Sam 21,11-14b) nur eine untergeordnete Rolle? Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Beisetzung Sauls und Jonatans „einmal selbständig tradiert wurde“ (Hentschel, 108). Diese Überlieferung konnte aber um so eher an die Auslieferung der Sauliden angehängt werden, nachdem von Rizpas Mut und Menschlichkeit erzählt worden war.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Rizpa kümmert sich um die Leichen der Sauliden (Gustave Doré; 19. Jh.).

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