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Lexikon

Rind

Klaus Koenen

(erstellt: Sept. 2016)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Buckelrind als Stierstatuette (Bronze; Hazor; 5,5 x 4,5 cm; Späte Bronzezeit).

Goldenes Kalb; → Stierbilder

Schon seit dem Neolithikum ist die Haltung des Hausrinds belegt, das wohl vom Auerochsen abstammt. Im Alten Orient waren Rinder in der Regel relativ magere, mit heutigen europäischen Artgenossen nicht vergleichbare Tiere. Nach bildlichen Darstellungen dürfte es sich oft um die zuerst in Indien gezüchteten Buckelrinder gehandelt haben, deren Schulterbuckel eine ähnliche Funktion hat wie der Fettschwanz beim → Schaf und der Höcker beim → Kamel.

1. Landwirtschaftliche Bedeutung

Aus: Wikimedia Commons; © Caspian Rehbinder, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 nicht portiert; Zugriff 5.9.2016

Abb. 2 Heutiges Buckelrind als Zugtier (Indien).

Die Haltung von Rindern war in Palästina fast nur in den wasserreichen Ebenen möglich. Ökonomische Bedeutung hatten Rinder vor allem als Arbeitstiere (Hi 1,14). Für die Milch- und Fleischproduktion spielten sie dagegen kaum eine Rolle. Es gab zwar Quark und Butter aus Kuhmilch (Dtn 32,14; 2Sam 17,29), da Kühe im damaligen Palästina – solchen im heutigen Afrika vergleichbar – in den ersten 7-10 Monaten nach dem Kalben jedoch mit ca. 4 Litern nur wenig mehr Milch pro Tag gegeben haben als die viel einfacher zu haltenden Ziegen und Schafe, hatten sie für die Milchwirtschaft keine große Bedeutung (in Deutschland geben Kühe heutzutage im Schnitt 20 Liter). Auch für die Lederherstellung benutzte man in der Regel Kleintierfelle (vgl. jedoch Wenamuns Nachricht aus dem 11. Jh. v. Chr. über die Lieferung von 500 Rinderhäuten nach Byblos; HTAT 221).

Rinder wurden zum Verzehr auch profan geschlachtet (Ex 21,37; Dtn 28,31; 1Sam 14,34; Spr 7,22; Spr 15,17), doch hatte die Mästung von Rindern für die Fleischproduktion gesamtwirtschaftlich gesehen kaum Gewicht. Der Verzehr von Rindfleisch war nämlich für normal begüterte Menschen unerschwinglich und die Schlachtung eines Kalbs ganz besonderen Gelegenheiten vorbehalten (Gen 18,7f; 1Sam 28,24; Mt 22,4; Lk 15,23). Die Notiz, dass Salomo für seinen Hof täglich 10 Mast- und 20 Weiderinder schlachten ließ (1Kön 5,3), steht im Dienst einer glorifizierenden Darstellung, die den Reichtum des Königs veranschaulichen will. Eine ganz andere Wertvorstellung liegt der prophetischen Sozialkritik zugrunde, die den Verzehr von Rindern und (zu jungen) Kälbern anprangert (Am 6,4; Jes 22,13). Nach Neh 5,18 gehörte ein Rind zu den täglichen Rationen, die → Nehemia dem Volk zukommen ließ. Speisevorschriften regeln, dass man Rinder essen darf (Dtn 14,4), jedoch nicht deren Fett (Lev 7,23).

© public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)

Abb. 3 Rind zieht einen Dreschschlitten (Ägypten; 20. Jh.).

Die eigentliche Bedeutung von Rindern (Kuh und Stier) lag in ihrer Leistung als Zugtieren von meist doppelspännigen Karren (Num 7,3ff; 1Sam 6,7; 2Sam 6,6), Pflugscharen (Dtn 22,10; 1Kön 19,19-21; Am 6,12; Hi 1,14; Sir 38,25 [Lutherbibel: Sir 38,26]; → pflügen) und Dreschschlitten (Dtn 25,4; 2Sam 24,22; → dreschen). Als Lasttiere wurden Rinder nur selten verwendet (1Chr 12,41). Das Pflügen mit Hilfe von Rindern ermöglichte die Beackerung größerer Flächen, und die dadurch erreichte Steigerung der Erträge dürfte zu den Voraussetzungen für den Aufschwung der frühbronzezeitlichen Stadtkultur gehört haben. Hebräisch צֶמֶד ṣæmæd meint ein Gespann mit zwei Rindern, dann aber als Ackermaß auch die Fläche, die ein Gespann an einem Tag umpflügen kann („Joch / Juchart“; 1Sam 14,14). Spr 14,4 fasst die wirtschaftliche Bedeutung des Rindes prägnant zusammen: „Wo keine Rinder sind, ist kein Korn“.

Die ökonomische Bedeutung prägte den Umgang mit Rindern. Ihr Besitz war ein Statussymbol. Besondere Hochachtung genossen die Tiere der fruchtbaren → Baschanhochebene (Dtn 32,14; Ps 22,13; Ez 39,18; vgl. Jer 50,19; Mi 7,14); sie zeichneten sich durch ihre Größe und Kraft, vielleicht auch – wie die Kritik in Am 4,1 vermuten lässt – durch aggressives Verhalten aus. Im Krieg wurden Rinder als Beute verschleppt (Gen 34,28; Num 31,25ff; 1Sam 27,9; Hi 1,14f; vgl. ägyptische Listen) oder (als → Banngut) getötet (Jos 6,21; Ri 6,4; 1Sam 14,31ff; 1Sam 15,1ff; 1Sam 22,19), um den ökonomischen Lebensnerv eines Volkes zu treffen. Wenn die Erzählungen der → Genesis die → Erzväter als Rinderbesitzer darstellen (Gen 12,16; Gen 13,5; Gen 26,14; Gen 32,6.16; Gen 46,32), so passt dies nicht zu dem ansonsten gezeichneten Bild von in Zelten lebenden Kleinviehnomaden und lässt sich nur mit dem Willen der (städtischen) Überlieferer erklären, die Erzväter auch an dem Statussymbol ihrer Lebenswelt partizipieren zu lassen.

Als Nutztier und wertvoller Besitz muss ein Rind angemessen gehalten werden. So schreiben Gesetze einen fürsorglichen Umgang mit Rindern vor. Man muss ihnen Nahrung geben, darf ihnen beim Dreschen das Maul nicht verbinden (Dtn 25,4; in 1Kor 9,9 allegorisch ausgelegt), soll ihnen Ruhezeiten gönnen und sie aus Notlagen befreien (vgl. Ex 23,12; Dtn 5,14; Dtn 22,1.4; Jes 32,20; Lk 14,5). Sogar dem Rind seines Feindes soll man helfen (Ex 23,4).

Andere Gesetze verbieten den Diebstahl (Ex 20,17; Dtn 5,21; vgl. 1Sam 12,3) sowie die Veruntreuung von Rindern (Ex 22,3.8-9) und fordern für Rinderdiebstahl mit 1 : 5 sogar eine besonders hohe Entschädigung (Ex 21,37). Dtn 22,10 verbietet, ein Rind beim Pflügen mit einem → Esel einzuspannen. Das → Haftungsrecht regelt, wie zu verfahren ist, wenn Rinder einem Menschen oder dem Rind eines anderen Besitzers Schaden zugefügt haben oder durch menschliche Fahrlässigkeit zu Schaden gekommen sind (Ex 21,28-37; Dtn 22,1ff; vgl. Codex Hammurabi §§ 241ff). Nach Ex 21,29.36 mussten Rinderhalter als aggressiv aufgefallene Tiere besonders bewachen. Derartige Bestimmungen waren nötig, da Rinder meist nicht auf festen Weiden oder in Ställen (Hab 3,17; 2Chr 32,28), sondern frei gehalten wurden.

2. Vergleiche mit Rindern

Rinder können zwar negativ als störrisch (Hos 4,16) sowie unerfahren und züchtigungsbedürftig (Jer 31,18) gelten, doch verbinden sich mit ihnen in aller Regel positive Vorstellungen (→ Stierbilder). Das zeigt sich schon daran, dass Begriffe für Rinder als Personennamen verwendet werden können: → Eglon („Jungstier“) und Egla („Jungkuh“).

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (BM 124532)

Abb. 4 Der assyrische König Assurnasirpal II. (Mitte) erlegt Stiere und demonstriert damit seine Stärke (Relief; Nimrud, um 850 v. Chr.).

Eine Kuh kann Schönheit zum Ausdruck bringen (Jer 46,20), der Stier verkörpert dagegen vor allem ungebändigte Kraft (Hi 39,9f), Macht in einem umfassenden Sinne, konkret z.B. Fruchtbarkeit, Leben, Wohlstand, Kampfesstärke und Überlegenheit (Koenen 2003, 110-132). Dies verdeutlichen für den Alten Orient z.B. ägyptische und mesopotamische Darstellungen, die den König beim Erlegen eines Wildstiers oder Löwen zeigen, um ihn als Sieger über stärkste Gewalten zu feiern (Näheres s. → Stierbilder).

Aus: O. Keel, Das Recht der Bilder, gesehen zu werden. Drei Fallstudien zur Methode der Interpretation altorientalischer Bilder (OBO 122), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1992, Abb. 161; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 5 Der Pharao (Amenophis II.) als siegender Stier (Siegel; Tell el-‘Aǧǧūl; 15. Jh.).

In Texten bezeichnen sich mesopotamische Könige und ägyptische Pharaonen als Stiere und bildlich können sie sich als solche darstellen (Belege s. Riede 2000, 215-220). In den Texten aus → Ugarit kann sich „Stier“ als Metapher auf irdische Machthaber und Fürsten beziehen (KTU 1.15 IV,6-9.17-19). Vergleiche mit Stieren können den unbändigen Drang der Tiere zur Tränke (KTU 1.5 I,17) im Blick haben sowie deren unmäßiges und Furcht einflößendes Brüllen (KTU 1.15 V,12). Der Kampf zwischen → Mot und Baal (→ Ba’lu) kann mit dem von Wildstieren verglichen werden, um dessen Heftigkeit zu veranschaulichen (KTU 1.6 VI,17-20).

Im Alten Testament kann das Bild von einem Stier sowohl eine negative bedrohliche, als auch eine positive Kraft veranschaulichen. Da sind auf der einen Seite als Metapher für Feinde die Stiere, die den Beter von Ps 22,13 umringen (vgl. Ps 22,22). „Im Bild der Stiere … verdichtet sich die Erfahrung, unberechenbarer Angriffslust … ausgeliefert zu sein“ (Riede 2000, 229). Der assyrische König stößt seine Feinde wie ein Stier nieder (Jes 10,13; אָבִירāvîr s.u.), ja metaphorisch kann „Stier“ die Führer der Völker (Ps 68,31; אָבִירāvîr s.u.) bezeichnen und sehr konkret die Söldner der Großmacht Ägypten als starke Soldaten charakterisieren (Jer 46,21). Aber auf der anderen Seite ist da auch der Beter von Ps 92,11, der sich im Wissen um Jahwes Hilfe selbst stark wie ein Stier fühlt, dem seine Feinde nichts anhaben können. In Num 23,22 und Num 24,8 gibt das Bild von einem Stier mit seinen Hörnern der helfenden Macht Jahwes Ausdruck. Dtn 33,17 bietet die stolze Charakterisierung des Stammes Josef als Stier, der ganze Völker mit seinen Hörnern niederstößt. Jungstiere werden mehrfach in ihrem Hüpfen und Springen als Ausdruck für Lebensfreude beschrieben (Mal 3,20).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 6 Stier als Tragtier eines Wettergottes mit Blitzbündel in der Rechten (Basaltstele; Arslan Tasch; 8. Jh.).

Ein Stier kann auch zu einem Bild Gottes werden, in Darstellungen und in Sprachbildern (→ Gottesbild). Darstellungen veranschaulichen insbesondere die Macht des → Wettergottes (Näheres s. → Stierbilder). In Texten wird in Ugarit vor allem → El häufig als Stier bezeichnet, sogar als ṯr „Stier“ tituliert und damit als der Allmächtige charakterisiert (Koenen 2003, 119-121). Den Zusammenhang von Stier und Jahwe bringt besonders prägnant der Personenname → Egeljahu auf Samaria-Ostrakon 41 auf den Punkt: Er bedeutet „Jahwe ist ein Jungstier“ (Koenen 1994b). Im Alten Testament wird Jahwe allerdings nicht mit einem Stier verglichen (vgl. Koenen 2003, 130f), obwohl Vergleiche Jahwes mit → Tieren keineswegs ungewöhnlich sind (Dtn 32,11; Jes 31,5; Hos 13,7; Koenen 1995) und seine helfende Macht in → Bethel im Bild eines Jungstiers, des sog. Goldenen Kalbs, zum Ausdruck gebracht werden konnte (Näheres s. → Goldenes Kalb).

 Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 7.9.2016

Abb. 7 Rind und Esel bei dem Jesuskind (Sarkophags des Stilicho; früher in St. Ambrosius, Mailand; um 385 n. Chr.).

In Jes 1,3 werden Rind und Esel als besonders treue Tiere vorgestellt. Sogar diese eigentlich dummen Tiere kennen ihren Herrn, wissen, dass er für sie sorgt. An ihrem Verhalten erweist sich Israels Abtrünnigkeit von seinem Herrn als widernatürlich. In Aufnahme von Jes 1,3 werden Rind und Esel in der christlichen Kunst schon seit dem 4. Jh. an Krippen dargestellt, obwohl sie in der Erzählung von Jesu Geburt nicht erwähnt sind.

© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 8 Eine Kuh säugt ihr Kalb (Elfenbein; 9. Jh.; Libanon; BIBEL+ORIENT Datenbank Online).

Ikonographisch ist das Motiv der säugenden Kuh in Ägypten, Mesopotamien und der Levante verbreitet (z.B. auf → Siegeln). Es ist vom 3. Jahrtausend bis in römische Zeit belegt (Keel 1980) und wohl als Segensikone anzusehen, die dem Wunsch nach Fruchtbarkeit, speziell Fruchtbarkeit der Herden, Ausdruck verleiht und damit Dtn 28,4 „Gesegnet sei ... der Wurf deiner Rinder“ entspricht. Sofern die Kuh als Bild einer Gottheit verstanden wurde (in Ägypten als → Hathor), drückt die Konstellation göttliche Fürsorge aus.

3. Rinder in Kult und Ritual

Im Kult galten Rinder als die wertvollsten Opfertiere (Lev 1,1ff; Lev 3,1ff; Lev 4,1ff; Lev 9,1ff; Num 7,1ff; Num 29,1ff; 1Kön 8,63; Hebr 9,12-13.19; Hebr 10,4). Für Sünd- und Brandopfer wurden nur männliche, für Schlachtopfer auch weibliche (Lev 3,1; 1Sam 16,2) Tiere verwendet. Die → Erstgeburt der Tiere musste Jahwe dargebracht werden (Ex 34,19; Num 18,17; Dtn 15,19ff), allerdings sollten die Kälber die ersten sieben Tage bei ihrem Muttertier bleiben dürfen (Ex 22,29; Lev 22,27).

Verschiedentlich spielen Rinder in einem rituellen Kontext eine Rolle (→ Ritual). In Dtn 21,1-9 bestimmt ein Ritualtext, der zu einem Rechtstext umgearbeitet wurde (Dietrich): Wenn auf einem Feld die Leiche eines Getöteten gefunden wird und der Täter unbekannt bleibt, sollen die → Ältesten der nächstgelegenen Stadt, um die Folgen des Verbrechens abzuwenden, bei einem Bach eine junge Kuh töten und sich über ihr die Hände waschen, um ihre Unschuld zu beteuern (→ Haftungsrecht 5.; zu verschiedenen Deutungen s. Dietrich 29-64).

Um das Reinigungswasser herzustellen, das man für Reinigungsrituale benötigt, die nach Kontakt mit Leichen durchzuführen sind, soll man nach Num 19,1-10 dem Priester → Eleasar eine junge makellose rote Kuh geben, die vor dem Lager getötet werden soll (→ Para aduma). Von ihrem Blut soll Eleasar sieben Mal etwas zum Offenbarungszelt hin versprengen. Dann soll jemand die Kuh verbrennen, ebenso Zedernholz, → Ysop und Karmesin (scharlachrote Wolle). Ein anderer Mann soll die Asche dieser roten Kuh einsammeln, und die soll an einem reinen Ort vor dem Lager aufbewahrt werden, um mit ihr bei Bedarf Reinigungswasser herzustellen (Num 19,17). Eleasar und die beiden anderen Personen müssen sich abschließend gründlich reinigen, bleiben aber bis zum Abend unrein.

Jer 34,18f nimmt auf ein Bundesschlussritual Bezug, bei dem ein Kalb in zwei Hälften zerteilt wurde und die Vertragspartner zwischen den Kadaverhälften hindurchgingen. Dieses → Ritual sollte nicht nur dokumentieren, dass es ihnen bei einem Vertragsbruch wie diesem Kalb ergehen solle, sondern es sollte das Unheil auf den Vertragsbrüchigen kommen lassen.

In Gen 15,7-21 erbittet Abraham von Gott im Anschluss an dessen Landverheißung ein Zeichen. Gott fordert ihn auf, eine Kuh, eine Ziege, einen Widder sowie zwei Vögel zu nehmen. Diese Tiere zerschneidet Abraham in zwei Teile, außer den beiden Vögeln, die er nur getötet werden. Von den Kadavern verscheucht er die Raubvögel. Nach Sonnenuntergang zieht eine → Fackel zwischen den Tierhälften hindurch. Begleitet wird das Geschehen von Heilszusagen Gottes. Die Fackel ist wohl als Symbol Jahwes zu verstehen und die Handlung als ein Bundesschlussritual (Gen 15,18), das dem von Jer 34,18f entspricht. Demnach wird hier ein Vernichtungsritual auf Jahwe bezogen. Er will Zerstückelung und Tod auf sich ziehen, wenn er seine Verheißung an Abraham nicht wahr macht. Der Text bringt durch die Rezeption des Rituals zum Ausdruck, dass Jahwe seine Heilszusagen sicher erfüllen wird (anders Volgger).

1Sam 11,5ff erzählt von Saul, dass er seine Leute zu den Waffen rief, indem er Boten mit den Teilen zweier zerstückelter Rinder ausschickte, um allen Verweigerern anzudrohen, ihre Rinder wie jene Tiere zu behandeln (vgl. Ri 19,29).

4. Sprachliche Differenzierung

In der Hebräischen Bibel gibt es neun verschiedene Begriffe für Rinder: אָבִירāvîr, אֶלֶףælæf, בָּקָר bāqār, עֵגֶל ‘egæl, עֶגְלָה ‘æglāh, פַּר par, פָּרָה pārāh, רְאֵם rə’em und שׁוֹר šôr (vgl. Koenen 1994a). Diese Begriffe lassen sich zum Teil nur schwer voneinander abgrenzen, da bei der Abgrenzung unterschiedliche Kriterien, die sich zum Teil allerdings überlappen, zum Tragen kommen, nämlich erstens die Rinderart: רְאֵם rə’em bedeutet „Wildrind“, בָּקָר bāqār „Hausrind“; zweitens das Geschlecht: עֵגֶל ‘egæl und פַּר par meinen männliche, עֶגְלָה ‘æglāh und פָּרָה pārāh weibliche Tiere; drittens das Alter: עֵגֶל ‘egæl und עֶגְלָה ‘æglāh meinen „Jungstier“ und „Jungkuh“; viertens die Funktion: אָבִירāvîr meint einen Stier als kraftvolles Tier („Bulle“), פַּר par einen Stier als Brand- oder Sündopfer, שׁוֹר šôr ein Rind als Wirtschaftsgut und אֶלֶףælæf ein Rind im Kontext von Ackerbau und Viehzucht.

4.1. Wildrind (רְאֵם rə’em). Das auffallendste Merkmal des Wildrinds sind seine → Hörner. Deswegen kann es als Inbegriff von Kraft und Stärke gelten. Eine ausführliche Charakterisierung bietet Hi 39,9f. Danach ist das Wildrind von stolzer Souveränität erfüllt. Der Mensch hat ihm gegenüber keine Macht. Er kann es nicht fangen und für seine Interessen einspannen. Die → Septuaginta gibt רְאֵם rə’em mit μονοκέρωτος monokerōtos „Einhorn“ wieder (vgl. → Vulgata: rinoceros bzw. unicornis).

4.2. Hausrind (בָּקָר bāqār). Der Gattungsbegriff בָּקָר bāqār wird in sehr verschiedenen Kontexten gebraucht. Er meint das Rind als Herdentier und Besitz, als Schlachttier, besonders für festliche Mahlzeiten, oder auch als Opfertier, und zwar sowohl bei Sünd- und Brandopfern (nur männliche Tiere) als auch bei Schlachtopfern (auch weibliche Tiere; Lev 3,1).

4.2.1. Jungrinder (עֵגֶל ‘egæl; עֶגְלָה ‘æglāh). עֵגֶל ‘egæl und עֶגְלָה ‘æglāh meinen nicht nur kleine Kälbchen, sondern bis zu drei Jahre alte Tiere (Gen 15,9), die damit schon ausgewachsen und zu landwirtschaftlicher Arbeit fähig sind (→ Goldenes Kalb). Die Kühe können sogar schon Milch geben, müssen somit bereits gekalbt haben (Ri 14,18; Jes 7,21f; Hos 10,11). Man übersetzt die Begriffe deswegen am besten mit „Jungstier“ und „Jungkuh“. Diese Jungtiere begegnen in unterschiedlichen Kontexten: Der Verzehr von Mastkälbern – hier sind wohl ganz junge Tiere gemeint – gilt als Delikatesse (Am 6,4; vgl. 1Sam 28,24). Männliche und weibliche Jungrinder können Jahwe geopfert werden, und zwar als Schlachtopfer (1Sam 16,2) ebenso wie als Brand- bzw. Sündopfer (Lev 9,2.3.8; Mi 6,6). Jungrinder gelten einerseits als unerfahren (Jer 31,18), andererseits aber auch als besonders stark und lebhaft, ja als Inbegriff von jugendlicher Kraft und Vitalität (Jer 46,21; Jer 50,11; Mal 3,20; Ps 29,6; Ps 68,31; Koenen 2003, 128-130).

4.2.2. Ausgewachsene Rinder (אָבִיר ’āvîr; פַּר par; פָּרָה pārāh)

4.2.2.1. אָבִירāvîr bedeutet „stark / kräftig“, kann sich aber auf einen Stier (auch einen Hengst) beziehen und nimmt diesen – wie רְאֵם rə’em „Wildstier“ (vgl. Jes 34,7) – als starkes, kämpferisches Tier in den Blick (vgl. dt. „Bulle“). Auf Menschen bezogen kann אָבִירāvîr politische und militärische Machthaber bezeichnen. Dabei bleibt unklar, ob sich diese Bedeutung direkt von der Grundbedeutung ableitet oder die Tierbezeichnung metaphorisch gebraucht wird. Für die zweite Möglichkeit sprechen der Vergleich in Jes 10,13: „Wie ein Stier (כַּאבִּיר) stoße ich (sc. der assyrische König) die Bewohner nieder“ und der Gebrauch von אָבִירāvîr in Ps 68,31, da hier mit עֵגֶל ‘egæl „Jungstier“ ein weiterer Stierbegriff metaphorisch Machthaber bezeichnet. – In Ps 50,13 meint אָבִירāvîr ausnahmsweise ein Opfertier, doch ist der ungewöhnliche Wortgebrauch in einem Wortspiel begründet.

4.2.2.2. פַּר par und פָּרָה pārāh sind ausgewachsene Rinder (Ri 6,25; Hi 21,10). פָּרָה pārāh meint eine Kuh vor allem in landwirtschaftlichem Kontext. Sie erscheint als Tier einer Herde (Gen 32,16) oder als Zugtier (1Sam 6,7ff), das störrisch sein kann (Hos 4,16). In rituellem Kontext wird dieser Begriff für eine Kuh in Num 19,1-10 verwendet, jedoch – anders als עֶגְלָה ‘æglāh (1Sam 16,2) und בָּקָר bāqār (Lev 3,1) – nie für eine Kuh als Opfertier.

4.2.2.3. פַּר par ist zwar grammatisch, aber nicht sachlich das männliche Pendant zu פָּרָה pārāh „Kuh“ (vgl. dagegen Riede 2000, 219). Auffällig ist schon, dass die beiden Begriffe außer in Gen 32,16 nie zusammengestellt werden und dass שׁוֹר šôr in Hi 21,10 das maskuline Pendant zu פָּרָה pārāh bildet. פַּר par meint einen Stier unter einem ganz bestimmten Aspekt bzw. in einer bestimmten Funktion, nämlich einen Stier, der als Opfer dargebracht und getötet wird. Meist geht es um Brandopfer oder Sündopfer, also um Opfer, bei denen zumindest ein Großteil des Tieres verbrannt wird.

4.2.3. Rinder unabhängig von Alter und Geschlecht (שׁוֹר šôr; אֶלֶףælæf)

4.2.3.1. שׁוֹר šôr bezeichnet das Rind als Nutztier und Wirtschaftsgut, und zwar unabhängig von Alter (vgl. Lev 22,27) und Geschlecht. Der Begriff begegnet folglich bei Besitz- und Verlustangaben (z.B. Gen 32,6). Anders als bei פַּר par finden sich bei שׁוֹר šôr possessive Näherbestimmungen (z.B. Ex 21,35; Jos 7,24; Hi 24,3). Wenn es in Rechtstexten um Rinder geht, etwa Diebstahl, Veruntreuung und Haftung, wird der Begriff שׁוֹר šôr verwendet. Kultische Texte sprechen von שׁוֹר šôr, wo es um die Übereignung der → Erstgeburt an Jahwe (Ex 22,29; Ex 34,19; Lev 27,26; Num 18,17; Dtn 15,19) oder um andere Formen von Gaben geht (Lev 22,23.27; Num 7,3). Als Opfertier wird der Begriff שׁוֹר šôr nur bei Gemeinschafts- und Schlachtopfern gebraucht, also bei Opferarten, bei denen das Fleisch des Tieres von den Kultteilnehmern in einem Gemeinschaftsmahl verzehrt wird (Lev 4,10; Lev 9,4.18f; Dtn 17,1; Dtn 18,3; 2Sam 6,13; 1Kön 1,19.25; Hos 12,12).

4.2.3.2. אֶלֶף ælæf (Ps 144,14: אַלּוּף ’alûf) bezeichnet wie שׁוֹר šôr Rinder nur im Zusammenhang von Ackerbau und Viehzucht (Dtn 7,13; Dtn 28,4.18.51; Jes 30,24; Spr 14,4; Sir 38,25 [Lutherbibel: Sir 38,26]), der Begriff fehlt jedoch in kultischen und juristischen Texten.

Die Kastration von Stieren lässt sich für Israel nicht belegen, und ein Terminus für „Ochsen“ fehlt im Hebräischen. Deswegen ist der Gebrauch dieses Begriffs in deutschen Bibelübersetzungen irreführend (16-mal in der Einheitsübersetzung der Hebräischen Bibel).

Allerdings ist die Kastration von Rindern im Alten Testament vermutlich nicht verboten. In Lev 22,24 wurde das Verbot „So etwas sollt ihr in eurem Land nicht tun!“, wie Josephus bezeugt (Antiquitates IV 8,40; Text gr. und lat. Autoren), zwar auf das Kastrieren von Stieren bezogen, doch verbietet es eher das Darbringen von nicht zeugungsfähigen Stieren als Opfer (vgl. Hieke, 861). Dass die Verwendung von unkastrierten Stieren als Zugtieren nicht zu gefährlich, sondern durchaus möglich war, zeigt G. Dalman (1932, 159f), der ihre landwirtschaftliche Verwendung im neuzeitlichen Palästina bezeugt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Riede, P., Tiere im Alten und Neuen Testament. Ein Überblick, in: ders., Im Spiegel der Tiere. Studien zum Verhältnis von Mensch und Tier im alten Israel (OBO 187), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 2002, 213-246
  • Schroer, S., In Israel gab es Bilder. Nachrichten von darstellender Kunst im Alten Testament (OBO 74), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1987
  • Schroer, S., Die Tiere in der Bibel. Eine kulturgeschichtliche Reise, Freiburg 2010
  • Schroer, S., „Du sollst dem Rind beim Dreschen das Maul nicht zubinden“ (Dtn 25,4). Alttestamentliche Tierethik als Grundlage einer theologischen Zoologie, in: Rainer Hagencord (Hg.), Wenn sich Tiere in der Theologie tummeln. Ansätze einer theologischen Zoologie, Regensburg 2010, 38-56
  • Volgger, D., Gen 15: Opferszene, Schwurritual oder...?, in: St. Ernst / M. Häusl (Hgg.), Kulte, Priester, Rituale. Beiträge zu Kult und Kultkritik im Alten Testament und Alten Orient (FS Th. Seidl; ATSAT 89), St. Ottilien 2010, 103-120
  • Wefing, S., Beobachtungen zum Ritual mit der roten Kuh (Num 19,1-10a), ZAW 93 (1981), 341-364
  • Weippert, H., Amos. Seine Bilder und ihr Milieu, in: H. Weippert u.a. (Hgg.), Beiträge zur prophetischen Bildsprache in Israel und Assyrien (OBO 64), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1985, 1-29
  • Zobel, H.-J., Art. שׁוֹר šôr, in: ThWAT VII, Stuttgart 1993, 1199-1205

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Buckelrind als Stierstatuette (Bronze; Hazor; 5,5 x 4,5 cm; Späte Bronzezeit). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Heutiges Buckelrind als Zugtier (Indien). Aus: Wikimedia Commons; © Caspian Rehbinder, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 3.0 nicht portiert; Zugriff 5.9.2016
  • Abb. 3 Rind zieht einen Dreschschlitten (Ägypten; 20. Jh.). © public domain (Foto: Ludwig Koenen, 1964)
  • Abb. 4 Der assyrische König Assurnasirpal II. (Mitte) erlegt Stiere und demonstriert damit seine Stärke (Relief; Nimrud, um 850 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (BM 124532)
  • Abb. 5 Der Pharao (Amenophis II.) als siegender Stier (Siegel; Tell el-‘Aǧǧūl; 15. Jh.). Aus: O. Keel, Das Recht der Bilder, gesehen zu werden. Drei Fallstudien zur Methode der Interpretation altorientalischer Bilder (OBO 122), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1992, Abb. 161; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 6 Stier als Tragtier eines Wettergottes mit Blitzbündel in der Rechten (Basaltstele; Arslan Tasch; 8. Jh.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 7 Rind und Esel bei dem Jesuskind (Sarkophags des Stilicho; früher in St. Ambrosius, Mailand; um 385 n. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 7.9.2016
  • Abb. 8 Eine Kuh säugt ihr Kalb (Elfenbein; 9. Jh.; Libanon; BIBEL+ORIENT Datenbank Online). © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
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