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Lexikon

Reinheit / Unreinheit / Reinigung (NT)

Christian Wetz

(erstellt: Sept. 2011)

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1. Wortfeld und Wortstatistik

Zum Wortfeld ‚Reinheit / Unreinheit‘ gehören Wörter, die mit καϑαρός (rein), solche, die mit ἅγιος (→ heilig) und solche, die mit κοινός (gemein, gewöhnlich, unrein) assoziiert sind. Die Wortstatistik liefert folgendes Bild (Abweichungen durch Lesarten möglich):

ἅγιος (heilig, rein) 230x in fast allen Schriften des NT.

ἁγιάζω (heiligen) 28x im NT.

ἁγιασμός (Heiligung) 10x im NT.

ἁγιότης (Heiligkeit) 2x im NT (Hebr 12,10; 2Kor 1,12).

ἁγιωσύνη (Heiligkeit) 3x im NT (Röm 1,4; 2Kor 7,1; 1Thess 3,13).

καϑαρός (rein) 27x im NT, davon 0x in Mk, 1x bei Paulus (Röm 14,20).

ἀκαϑαρσία (Unreinheit) 10x im NT, davon 1x in den Evangelien (Mt 23,27).

ἀκάϑαρτος (unrein) 32x im NT, davon 11x bei Mk, 6x bei Lk, 5x in Apg, 5x in Apk.

καϑαρίζω (reinigen) 31 x im NT, davon 7x in Mt, 7x in Lk, 4x in Mk, 4x in Hebr, 3x in Apg.

καϑαρισμός (Reinigung) 7x im NT, davon 0x in Mt, 0x bei Paulus; typisch ntl Wort, außerhalb eher καϑαρμός und κάϑαρσις.

καϑαρότης (Reinheit) 1x im NT (Hebr 9,13).

κοινός (gemeinsam, unrein) 14x im NT (davon 4x in der Bedeutung ‚gemeinsam’ und 10x in der Bedeutung ‚profan‘, ‚unrein‘).

κοινόω (gemein machen, verunreinigen) 14x im NT, stets in der Bedeutung ‚verunreinigen‘.

Das Bedeutungsspektrum der hier besonders interessierenden Wortgruppe καϑαρός κτλ. reicht von ‚rein‘ im Sinne von ‚sauber‘ (z.B. Mt 27,59: σινδών καϑαρά, reines Leinen; Philo, spec. Leg 3,58: ὕδωρ καϑαρόν; sauberes Wasser) über ‚kultisch rein‘ (z.B. Röm 14,20: von Speisen; Tit 1,15a.c) bis ‚rein von Sünde‘ (z.B. Mt 5,8; Tit 1,15b).

2. Rein/unrein als soziologische Kategorien / Kulturanthropologisches

Eine Rein-unrein-Dichotomie ist von kultischer, nicht oder nur in geringem Umfang von hygienischer Bedeutung. Auf soziologischer Ebene ist mit der Funktion der Konstituierung von Ingroup-Outgroup-Grenzen zu rechnen. Dem Angehörigen einer Gesellschaft wird sie dadurch luzide und systematisierbar, dass er einzelne Gruppen und Individuen nach dem Rein-unrein-Schema einteilen kann. „Nur dadurch, daß man den Unterschied zwischen Innen und Außen, Oben und Unten, Männlich und Weiblich, Dafür und Dagegen scharf pointiert, kann ein Anschein von Ordnung geschaffen werden“ (Douglas, Reinheit 16f). In Palästina hat das Rein-unrein-Schema den Primat im Wertekanon, noch vor solchen Einteilungen wie ‚Ehre / Schande‘, ‚Gleichheit / Ungleichheit‘, ‚Gerechtigkeit / Ungerechtigkeit‘, die für andere Gesellschaften des antiken Mittelmeerraumes von Bedeutung sind (vgl. Thyen 536). Reinheit ist hierbei in erster Linie als Normalität oder Ganzheit zu denken (vgl. Frenschkowski / Kreuzer 901), die durch unreine Dinge oder Prozesse gestört wird. Unreinheit kann erzeugt und übertragen werden u.a. durch: Krankheiten (v.a. Hautkrankheiten), Körperausscheidungen (Fäzes, Sperma, Menstruationsblut), menstruierende Frauen, Leichname, Verspeisen (teilweise auch Berühren) ‚unreiner‘ Tiere. Gerät jemand in den Zustand der Unreinheit, so kann er i.A. durch das Befolgen bestimmter Rituale sich selbst in den Zustand der Reinheit zurückversetzen. Dies gilt nicht für Unreinheit durch Krankheiten.

3. Reinheit und Unreinheit bei Jesus und in den synoptischen Evangelien

Die meisten Stellen in den Evangelien, in denen das Thema Reinheit / Unreinheit angesprochen wird, haben mit Aussatz oder dem Exorzismus ‚unreiner Geister‘ zu tun. Auf der Realienebene sind unter Aussatz eine Reihe von Hautkrankheiten zu verstehen, u.a. Schuppenflechte, Ekzeme, in einigen Fällen auch Lepra (→ Krankheit und Heilung ). Wurde jemand aussätzig, so wurde er gleichzeitig unrein und war somit aus der gesellschaftlichen Ingroup ausgeschlossen. Eine Rückkehr in die Ingroup war nur durch die Wiedererlangung der Reinheit möglich, und dies wiederum nur durch die Heilung des Aussatzes, die zudem noch durch einen → Priester konstatiert werden musste (Mk 1,44 u.a.). Wenn also → Jesus Aussätzige heilte, ermöglichte er ihnen durch die Wiederherstellung ihrer Reinheit die Reintegration in die Gesellschaft. Außergewöhnlich bei den Krankenheilungen Jesu ist, dass er durch die Berührung der Betroffenen selbst nicht unrein wurde (vgl. auch Mk 5,25-34).

Die Austreibung ‚unreiner Geister‘ (Mk 1,23-28 u.a.) geschieht im Dienste des angebrochenen → Reiches Gottes, in dem Unreinheit keinen Platz mehr hat, insofern sie die Beziehung des Menschen zu → Gott zerstört.

Mk 7,1-23 soll an dieser Stelle ausführlicher besprochen werden. Für ‚unrein‘ wird hier durchgängig κοινός verwendet; v9 steht für ‚rein machen‘ bzw. ‚für rein erklären‘ καϑαρίζω (PPA). Älteste Tradition findet sich wahrscheinlich in Mk 7,1f.5.15 (anders z.B. Bultmann, 15). Jesus wird in ein Streitgespräch mit → Pharisäern und Schriftgelehrten verwickelt, weil einige seiner Jünger mit ‚unreinen‘ Händen essen. Die Antwort gibt Jesus in v15: Nicht, was der Mensch aufnimmt, macht ihn unrein, sondern was aus ihm (sc. aus seinem Mund) herauskommt. V19 wird dies noch einmal anatomisch untermauert; was der Mensch aufnimmt, nimmt seinen Weg durch den Magen-Darm-Trakt und wird als Fäzes ausgeschieden, ohne das Herz zu kontaminieren. Unrein macht den Menschen, was von innen kommt. Für Markus hat Jesus damit alle Speisen für rein erklärt (v9b) und so die Ingroup-Outgroup-Grenze zwischen Juden und Heiden de facto aufgelöst, die äußerlich gerade in den Speisegeboten greifbar war.

4. Johanneisches Schrifttum

Im → Johannesevangelium finden sich weder Hinweise darauf, dass der → judenchristliche Evangelist das Rein-unrein-Schema gelebt hätte, noch dass es in der johanneischen Gemeinde einen Konflikt darum gegeben hätte. Das Johannesevangelium macht ganz den Eindruck einer Schrift, deren Community das Rein-unrein-Schema hinter sich gelassen hat. Diejenigen, die Jesu Tod bewirken, werden sogar dezidiert als Menschen apostrophiert, denen das Rein-unrein-Schema etwas bedeutet (Joh 18,28). Joh 3,25 wird die Johannestaufe als Reinigung (καϑαρισμός) bezeichnet.

Im johanneischen Schrifttum außerhalb des Johannesevangeliums wird zwar Reinheitsbegrifflichkeit verwendet, jedoch hat sie keine rituelle Konnotation mehr (1Joh 3,3; Apk 7,14; Apk 21,27; Apk 22,14f).

5. Paulus

Eine der grundlegenden Einsichten → Paulus’ ist die der → Rechtfertigung durch Christus, die Juden wie Heiden gilt. Diese Rechtfertigung durch Christus geschieht „ohne das → Gesetz“ (Röm 3,21), d.h. ohne die Einhaltung der kultischen → Tora und der → Beschneidung. Die jüdisch-heidnische Ingroup-Outgroup-Grenze wird so durch Christus überwunden, entsprechend werden die Reinheitsvorschriften obsolet. Das Gal 2,11-21 überlieferte sogenannte factum Antiochenum bezeugt einen frühen Konflikt um die jüdischen Speisevorschriften zwischen heidenchristlichen und judenchristlichen Gruppierungen. In → Antiochia meidet → Petrus nach der Ankunft von (die Reinheitsgebote noch haltenden) Judenchristen die Tischgemeinschaft mit Heiden. Paulus stellt ihn daraufhin öffentlich zur Rede und unterstreicht, dass der Mensch nicht durch „Werke des Gesetzes“, sondern durch „den Glauben an Jesus Christus“ gerecht werde (v6). In anderen Zusammenhängen empfiehlt Paulus allerdings, auf den Verzehr von → true zu verzichten, und zwar dann, wenn empfindsame Christengemüter dadurch in ihrem Gewissen angefochten werden (1Kor 8,7-13, vgl. auch Röm 14,20).

6. Deuteropaulinen

In Tit 2,14 heißt es von Christus, dass er sich selbst ein Volk zum Eigentum „gereinigt“ habe. Ähnlich spricht Eph 5,26f davon, dass Christus die Gemeinde (ἐκκλησία) durch das „Wasserbad im Wort“ gereinigt habe. Auffällig bei den beiden Stellen ist, dass, wo Paulus noch von einer Wechselseitigkeit von Heidenchristen und Judenchristen spricht, dies hier nicht mehr geschieht.

Kol 2,16 wirft die bei Paulus noch virulenten Gewissensfragen bezüglich Einhalten oder Nichteinhalten von Speisevorschriften gänzlich über Bord. Ähnlich verhält es sich 1Tim 4,1-5, wo solche, die die Einhaltung von Speisevorschriften gebieten, sogar als „verführerische Geister“ und „Lügenredner“ bezeichnet werden.

2Kor 6,14-7,1 ist wohl als Eintragung von späterer Hand anzusehen. Vermutlich stammt der Verfasser aus dem Umfeld der → Qumrangemeinde (vgl. Gräßer, 265; Lang, 310f; anders dagegen z.B. Schmeller, 378-382).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

2. Monographien und Aufsätze

  • Baltensweiler, H., Art. Heilig / rein. ἁγνός κτλ.: TBLNT 1 (1997) 893f
  • Booth, R.P., Jesus and the Laws of Purity, Sheffield 1986 (JSNT.S 13)
  • Bultmann, R., Die Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 1921, 10. Aufl. 1995 (FRLANT 29)
  • Dietzfelbinger, Ch., Art. Reinheit IV. Neues Testament: TRE 28 (1997) 487-493
  • Douglas, M., Reinheit und Gefährdung. Eine Studie zu Vorstellungen von Verunreinigung und Tabu, Frankfurt am Main 1988
  • Frenschkowski, M. / S. Kreuzer, Art. Heilig / rein. καϑαρός κτλ.: TBLNT 1 (1997) 898-907
  • Gispen, W.H., The Distinction between Clean and Unclean: OTS 5 (1948) 190-196
  • Gräßer, E., Der zweite Brief an die Korinther. Kapitel 1,1-7,16, Gütersloh / Würzburg 2002 (ÖTK 8 / 1)
  • Hauck, F. / R. Meyer, Art. καϑαρός κτλ.: ThWNT 3 (1938) 416-434
  • Heil, Ch., Die Ablehnung der Speisegebote durch Paulus, Göttingen 1994 (BBB 96)
  • Kollmann, B. Art. Rein und unrein III. Neues Testament: RGG, 4. Aufl., 7 (2004) 242
  • Kollmann, B., Art. Reinigung IV. Neues Testament: RGG, 4. Aufl., 7 (2004) 251f
  • Lang, F., Die Briefe an die Korinther, Göttingen / Zürich 1986 (NTD 7)
  • Löhr, H., Speisenfrage und Tora im Judentum des Zweiten Tempels und im entstehenden Christentum: ZNW 94 (2003) 17-37
  • Paschen, W., Rein und unrein. Untersuchung zur biblischen Wortgeschichte, München 1970 (StANT 24)
  • Preston, J.J., Art. Purification: EncRel(E) 12 (1987) 91-100
  • Seebass, H. / K. Grünwaldt, Art. Heilig / rein. ἅγιος κτλ.: TBLNT 1 (1997) 887-892
  • Schmeller, Th., Der zweite Brief an die Korinther. Teilband 1, 2 Kor 1,1-7,4, Neukirchen-Vluyn / Ostfildern 2010 (EKK 8 / 1)
  • Thyen, H., Art. καϑαρός κτλ.: EWNT, 2. Aufl., 2 (1992) 535-542
  • Wehnert, J., Die Reinheit des „christlichen Gottesvolkes“ aus Juden und Heiden, Göttingen 1997 (FRLANT 173)

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