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Lexikon

Rechts und links

Harald Knobloch

(erstellt: Dez. 2014)

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1. Altes Testament

1.1. Begriffe

Rechts (יָמִין jāmîn) ist ein gemeinsemitisches Wort, das im Alten Testament als Nomen 139-mal belegt ist. Das davon abgeleitete Verb ימן jāman Hif. „rechts gehen“ dagegen nur 5-mal (Gen 13,9; 2Sam 14,19; Jes 30,21; Ez 21,21; 1Chr 12,2). Rechts (יָמִין jāmîn) steht oft in Verbindung mit dem Wort links (שְׂמֹאל śəmo’l). Letzteres kommt im Alten Testament 54-mal vor. שְׂמֹאל śəmo’l weist viele Parallelen in den semitischen Sprachen auf, doch ist dessen etymologische Herleitung umstritten. Dort, wo rechts (יָמִין jāmîn) und links (שְׂמֹאל śəmo’l) zusammen genannt werden, steht rechts (יָמִין jāmîn) mit Ausnahmen (Gen 13,9; Ez 4,4; Ez 16,46) stets an erster Stelle, was auch sprachlich auf einen Vorzug von rechts vor links hinweist. Im Alten Testament werden rechts und links vor allem für drei Bedeutungen gebraucht: als Richtungen bzw. Kategorien der Orientierung (1.2.), als Rechts- und Linkshändigkeit (1.3.) sowie als Glücks- und Unglücksseite (1.4.).

1.2. Rechts und links als Grundkategorien der Orientierung

1.2.1. Rechte und linke Seite

Rechts und links sind im Alten Testament Grundkategorien menschlicher Orientierung (→ Himmelsrichtungen). Im häufigsten und elementarsten Wortsinn stehen beide Begriffe für die rechte und linke Seite. Der menschliche → Körper dient dabei mit seiner rechten und linken → Hand (יָד jād) als Bezugssystem für die Grundunterscheidung von rechts und links. Der → Mensch orientiert sich im Raum an dem, was rechter und linker Hand von ihm liegt (z.B. Ex 14,22.29; 2Sam 16,6; 1Kön 7,21.39.49; 1Kön 22,19; 2Chr 3,17; 2Chr 4,6-8; Neh 8,4, Sach 4,3.11).

In der Exodus-Erzählung (→ Meerwundererzählung) von der Befreiung der Israeliten am Schilfmeer (Ex 14) teilt → Mose auf Befehl JHWHs mit dem Stab in der Hand die → Wasser, die sich zur Rechten und Linken wie eine Mauer erheben, sodass die Israeliten (→ Israel) trockenen Fußes auf diesem von Gott eröffneten Weg in die Freiheit gelangen. In der → Thronratsvision des Propheten → Micha ben Jimla (1Kön 22,19 / 2Chr 18,18) wird die → Königsherrschaft JHWHs dadurch zum Ausdruck gebracht, dass die himmlischen Heerscharen den Thron Gottes rechts und links flankieren. In den Berichten über den Tempelbau → Salomos (1Kön 7,21.39.49; 2Chr 3,17; 2Chr 4,6-8) werden Säulen und Tempelgeräte jeweils rechts und links angeordnet. In seiner vierten bzw. fünften Vision spricht → Sacharja von zwei → Ölbäumen, die zur rechten und linken Seite des goldenen Leuchters stehen (Sach 4,3; Sach 4,11) und in Sach 4,14 als „Ölsöhne“ gedeutet werden. Wer damit genau gemeint ist, ob der künftige → König und → Hohepriester oder zwei messianische Gestalten (→ Messias) einer eschatologischen Heilszeit (→ Eschatologie), ist nicht klar.

1.2.2. Rechts und links als Himmelsrichtungen

Durch die räumliche Orientierung des antiken Israels mit Blickrichtung nach Osten (vor der Erfindung des Kompasses war statt der Nordung die Ostung = „Orientierung“ üblich) können rechts und links als Bezeichnungen für die Himmelsrichtungen Süden (= rechts) und Norden (= links) stehen (vgl. Gen 13,9; Gen 14,15; Jos 17,7; Jos 19,27; 1Sam 23,19.24; Hi 23,8-9; Ps 89,13; Ez 1,10; Ez 16,46).

1.2.3. Rechts und links als Hinweise zur Wegorientierung

Stehen rechts (יָמִין jāmîn) und links (שְׂמֹאל śəmo’l) entweder mit dem Verbum סור sûr „weichen / fortgehen“ (vgl. Dtn 2,27; 1Sam 6,12) oder mit dem Verbum נטה nṭh „ausstrecken / abbiegen“ (Num 20,17; Num 22,26; 2Sam 2,19.21, Spr 4,27) sowie einer Verneinung zusammen, wird betont, dass man buchstäblich von dem eingeschlagenen oder einzuschlagenden Weg weder nach rechts oder links abweichen soll. In einem erweiterten Sinn bezeichnen rechts und links auch allgemeine Richtungshinweise wie „an allen Seiten“ bzw. „in alle Richtungen“ (Jes 9,19; Jes 54,3; Ez 21,21; Sach 12,6) oder auch in verneinter Form „in keiner Richtung“ (z.B. 1Sam 6,12; 2Sam 2,19, Spr 4,27).

1.2.4. Rechts und links als moralische Orientierungskategorien

Innerhalb des Gesetzes zum Zentralgericht (Dtn 17,8-13), welches elementarer Bestandteil der deuteronomistischen Ämtergesetzgebung (Dtn 16,18-18,22; → Deuteronomium) ist, werden nach Dtn 17,11 rechts und links in Verbindung mit dem verneinten Verbum סור sûr im übertragenen Sinne und mit moralischer Implikation als Mahnung ausgesprochen, von der erteilten Weisung (תּוֹרָה tôrāh) und dem zugesprochenen Urteil (מִשְׁפָּט mišpāṭ) des Zentralgerichts weder zur Rechten noch zur Linken abzuweichen.

Jon 4,11 überbietet als Schlussvers des → Jonabuchs die bereits gebotene Umkehrtheologie in Jon 3,5-10, da sich Gottes Erbarmen auf alle Geschöpfe Ninives – Menschen und Tiere – bezieht, auch wenn sie nicht rechts von links unterscheiden können und es ihnen damit an einer ethisch oder moralisch „richtigen“ Einstellung mangelt (Höffken). In dieser Lesart wird die linke Seite negativ bewertet.

Ein ähnliches Werturteil findet man in der alttestamentlichen → Weisheit. Nach Pred 10,2 richtet ein weiser Mensch sein → Herz als Sitz seines Wollens, Denkens und Fühlens auf den rechten Weg aus, während ein törichter Mensch den linken und damit den unrechten Weg wählt. Die Spruchweisheit (→ Sprüche Salomos) beurteilt in Spr 3,16 dagegen beide Seiten als positiv, sofern der Mensch die Weisheit gefunden und erlangt hat, die in ihrer rechten „Hand“ langes Leben, in ihrer linken → Reichtum und → Ehre für ihn bereithält.

1.2.5. Rechts und links als Leitkriterien der Toraobservanz

Das exilisch-deuteronomistisch redigierte → Deuteronomium verbindet nicht nur die Figur des → Mose mit dem Gesetz in Gestalt des Deuteronomiums, sondern interpretiert auch den deuteronomischen Gesetzeskern (Dtn 12-25) als kommentierende Anwendung des → Dekalogs auf das Leben eines Neuen Israel im → Land der Verheißung nach dem → Exil (vgl. Otto, 46). Gelingendes Leben im Land wird damit vom → Gehorsam (→ hören) gegenüber den Geboten Gottes und der von Mose vermittelten Tora abhängig gemacht. Diese zielbewusste Toraobservanz macht sich in Dtn 5,32; Dtn 17,20 und Dtn 28,14 sprachlich daran fest, dass man von den Geboten bzw. der Tora weder zur Rechten, noch zur Linken abweichen (סור sûr) soll.

Das deuteronomistische Königsgesetz (Dtn 17,14-20) konzipiert eine konstitutionelle „Toramonarchie“ als Blaupause für ein Königtum nach dem Exil (vgl. Levinson, 532), in der der König zu einem Musterisraeliten im Umgang mit der Tora stilisiert wird. Der König wird seiner eigentlichen Funktion als Gesetzgeber entkleidet und ist als primus inter pares an die tägliche Observanz der Tora gebunden (Dtn 17,19). Er soll sich sogar eine Abschrift von ihr anfertigen (Dtn 17,18) und weder zur rechten oder linken Seite von diesem Gebot abweichen (Dtn 17,20). Nur durch diese funktionelle Unterordnung unter die Tora wird ihm und seiner → Dynastie eine lange Herrschaftsdauer verheißen. Als einziger König, der diesem Idealbild entspricht, wird → Josia genannt (2Kön 22,2 / 2Chr 34,2), der ganz in den Wegen seines Vaters → David wandelte und davon weder zur Rechten noch zur Linken abwich (סור sûr). Das von ihm aufgefundene Gesetzbuch (סֵפֶר הַתּוֹרָה sefær hatôrāh 2Kön 22,8.11) ist die Tora in Gestalt des von Mose verschrifteten Deuteronomiums (vgl. Hardmeier, 104), auf das er sich als Reformurkunde seiner Kultreform (2Kön 23) beruft.

Das deuteronomistisch bearbeitete → Josuabuch wird durch den theologischen Sprachgebrauch von rechts und links in Bezug auf den Toragehorsam gerahmt (mit סור sûr in Jos 1,7; Jos 23,6) und versteht sich so in Fortführung des Deuteronomiums als mahnende Programmschrift für ein neues Leben im Land, dessen Gelingen sich an der Tora orientiert, von der man weder zur Linken noch zur Rechten abweicht (vgl. Hentschel, 211-212).

In → Qumran begegnet in der Gemeinderegel dieselbe Denk- und Sprachfigur hinsichtlich der Toraobservanz, nämlich „weder rechts und links“ von der Tora abzuweichen (1QS1,15; 1QS3,10).

1.3. Rechts- und Linkshändigkeit

Rechts und links bezeichnen im Alten Testament auch häufig die rechte und linke Hand. In diesem neutralen Sinne wird die rechte oder linke Hand, gelegentlich auch beide zusammen, für einen bestimmten Zweck oder eine bestimmte Handlung genutzt.

In Ri 7,20 halten die Männer → Gideons in der linken Hand Fackeln und in der rechten Posaunen. → Simson reißt mit seiner rechten und linken Hand die beiden Mittelsäulen eines Hauses ein (Ri 16,29), um durch seinen kalkulierten Selbstmord (→ Suizid) so viele → Philister wie möglich mit in den → Tod zu ziehen. Im → Hohelied stützt der Mann den Kopf seiner Geliebten mit der linken und umarmt sie mit der rechten Hand (Hhld 2,6; Hhld 8,3). In Ez 39,3 halten Rechtshänder den Kriegsbogen in der linken und in der rechten Hand den Pfeil. In Dan 12,7 werden die rechte und linke Hand gleichzeitig zum → Schwur gen → Himmel gehoben.

Der rechten Hand wird als Tat- oder Leistungshand der Vorzug gegeben, da Rechtshändigkeit in vielen Kulturen als normal angesehen wird, während → Linkshänder eher eine Ausnahme darstellen (vgl. Ri 3,15.21; Ri 20,16).

JHWH ergreift zur Stärkung eines Menschen dessen rechte Hand (z.B. Ps 73,23; Jes 41,13; Jes 45,1). Er vollbringt mit seiner rechten Hand große Taten und Wunder zur Befreiung seines Volkes (Ex 15,6). Seine rechte Hand hilft mit großer Macht und Stärke und bewirkt Heilstaten (vgl. Ps 20,7; Ps 44,4; Ps 98,1). So steht die rechte Hand bildlich-poetisch für die Kraft und Macht von Menschen und im Besonderen von JHWH selbst.

Der Vorzug der rechten Hand äußert sich auch in → Segenshandlungen. → Jakob spricht dem zweitgeborenen Ephraim einen wirkmächtigeren Segen zu, da er ihn mit seiner rechten Hand segnet, den erstgeborenen Manasse dagegen unter Protest von → Josef mit der linken Hand (Gen 48,13-20).

1.4. Glücks- und Unglücksseite

In Gen 48,13-14; Pred 10,2 und Jon 4,11 deutet sich an, dass die linke Seite bzw. Hand die ungünstige bzw. unglücklichere ist. Die Namensgebung → Benjamins in Gen 35,18 als בֶּן־אוֹנִי bæn ’ônî („Sohn meiner Trauer“) durch die Mutter sowie die unmittelbar folgende Umbenennung durch den Vater zu בִּניָמִין binjāmîn („Sohn der Rechten“) zeigen, dass rechts und links im übertragenen Sinne auch zu Symbolen von Glück und Unglück werden. Benjamin ist somit ein „Sohn des Glücks“, ein „Glückskind“.

Bei den Römern war ursprünglich rechts die Seite des Unheils, während links für Glück stand. Erst seit der Kaiserzeit wurde der bei den Griechen vorhandene Glaube an die linke Seite als Unglücksseite übernommen.

2. Ägypten

Im Alten Orient werden rechts und links als gemeinsemitische Grundkategorien der Orientierung verwendet. Im Alten Ägypten orientiert man sich in Richtung der Quellen des → Nils, also nach Süden hin, sodass rechts und links als Synonyme für Westen und Osten stehen.

Analog zum Alten Testament bewertet das Alte Ägypten die rechte Seite oft als positiv und die linke Seite als negativ. So ist z.B. die rechte Hand die kräftige und mächtige Hand. Das rechte Ohr ist der Eingang für den „Hauch des Lebens“, während durch das linke Ohr der „Hauch des Todes“ eindringt. Im ägyptischen Totenkult der Vorzeit wird der Leichnam meist auf der linken Seite mit dem Kopf Richtung Süden ausgerichtet. Dadurch blickt der Tote nach rechts, also nach Westen. Dies ist der angenehmere und weitere Weg der Gerechten in das Totenreich, während die Frevler den schwierigen und schmalen Weg gehen, der links, im Osten lokalisiert wird.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965 (Art. Orientation, Art. Links und rechts)
  • Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg i.Br. 1968-1976
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2005 (Art. Orientation)

2. Weitere Literatur

  • Hardmeier, C., 2000, König Joschija in der Klimax des DtrG (2Reg 22f.) und das vordtr Dokument einer Kultreform am Residenzort (23,4-15*), in: R. Lux (Hg.), Erzählte Geschichte, Beiträge zur narrativen Kultur im alten Israel (BThSt 40), Neukirchen-Vluyn, 81-145
  • Hentschel, G., 2008, Das Buch Josua, in: E. Zenger u.a. (Hgg.), Einleitung in das Alte Testament (KStTh 1,1), 7. Aufl., Stuttgart, 203-212
  • Höffken, P., 2005, Das Ende des Jonabuches. Eine Anmerkung zu Jona 4,11, in: P. Höffken, „Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir!“ (Jesaja 41,10). Gesammelte Aufsätze zu Grundtexten des Alten Testaments (BVB 14), Münster, 209-216
  • Levinson, B.M., 2001, The Reconceptualization of Kingship in Deuteronomy and the Deuteronomistic History’s Transformation of Torah, VT 51, 511-534
  • Otto, E., 2000, Mose und das Gesetz. Die Mose-Figur als Gegenentwurf Politischer Theologie zur neuassyrischen Königsideologie im 7. Jh. v. Chr., in: ders. (Hg.), Mose. Ägypten und das Alte Testament (SBS 189), Stuttgart, 43-83

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