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Lexikon

Rausch / Rauschtrank

Christoph Rösel

(erstellt: April 2009)

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1. Hebräische Terminologie und Übersetzung

Die alttestamentlichen Aussagen zu dem Themenfeld „Rausch“ sind besonders mit der hebräischen Wurzel שׁכר škr verbunden. Das Verb bedeutet meist „betrunken werden / sein“, die Nomina stehen für Bier bzw. „Rauschtrank“ und Trunkenheit.

Ähnlich wie das Verb kommt auch das ein Getränk bezeichnende Substantiv שֵׁכָר šekār in unterschiedlichen Zusammenhängen vor. Als deutsche Übersetzungen finden sich „starkes Getränk“ (Lutherbibel Lev 10,9), „Rauschtrank“ (Elberfelder Bibel; Lutherbibel Jes 5,22), „Bier“ (Einheitsübersetzung), „Wein“ (Lutherbibel Num 28,7) oder freiere Wendungen wie „saufen“ (Lutherbibel Jes 5,11; Jes 56,12) und „schwelgen“ (Lutherbibel Mi 2,11). Die verschiedenen Übersetzungen zeigen bereits, dass das konkrete → Getränk sich nicht mehr eindeutig bestimmen lässt.

Zur Klärung kann akkadisch šikaru herangezogen werden. Es bezeichnet in der Regel Bier, doch gerade in Texten aus Syrien wird es häufiger auch für Wein verwendet und kann möglicherweise jedes alkoholische Getränk bezeichnen (Chicago Assyrian Dictionary, XVII, 428). Für das hebr. שֵׁכָר šekār ist ein entsprechendes Bedeutungsspektrum plausibel, auch wenn das Alte Testament an keiner Stelle auf Herstellung oder Zutaten eingeht (für die Umwelt des Alten Testaments vgl. Biblisches Reallexikon, Artikel „Bier“).

An 18 von 20 Stellen kommt שֵׁכָר šekār im Alten Testament gemeinsam mit Wein vor, meist an zweiter Stelle genannt. Nach Lev 10,9 sind beide Getränke den Priestern beim Dienst in der → Stiftshütte verboten, nach Num 6,3 sollen auch die → Nasiräer darauf verzichten (vgl. auch den Weinverzicht der → Rechabiter, Jer 35,5-10). Andererseits soll nach Dtn 14,26 gerade auch der „Rauschtrank“ bei einem Fest im Haus des Herrn nicht fehlen. In Ri 13,4.7.14 wird berichtet, dass → Simsons Mutter während der Schwangerschaft u.a. auf „Wein und Rauschtrank“ verzichten soll. Diese besonders nachdrückliche Anordnung lässt vermuten, dass sonst auch Schwangere diese Getränke zu sich nahmen. Oeming fasst den Befund folgendermaßen zusammen: „Regelmäßiger Konsum von Alkohol scheint in Israel bei Männern und Frauen zum normalen Alltag gehört zu haben und war gesellschaftlich nicht anstößig. Insbesondere dürfte Bier, wie in Mesopotamien und Ägypten, ein Alltagsgetränk gewesen sein, eine Art flüssiges Brot“ (Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, VIII, 2).

2. Wertung im Alten Testament

Sowohl das Getränk (Wein, Bier) als auch der damit beschriebene Zustand (Rausch) sind ambivalent. Vom Wein heißt es, dass er des Menschen Herz erfreue (Ps 104,15; Sach 10,7; vgl. 2Sam 13,28), und auch Bier / Rauschtrank trägt zur Freude bei (Gen 43,34; Dtn 14,26; vgl. 1Sam 25,36; 2Sam 11,13). In Gen 43,34 feiert → Josef – noch unerkannt – mit seinen Brüdern: „Und sie tranken und wurden fröhlich mit ihm“ (Lutherbibel). „Wurden fröhlich“ ist hier eine freie, euphemistische Wiedergabe für hebr. שׁכר škr. Es geht darum, dass die Brüder miteinander in Rausch geraten, aber dies wird positiv gesehen. In Hag 1,6 ist es ein Zeichen des letztlich von Gott verursachten Mangels, dass die Leute trinken, aber keinen Rausch (שׁכר škr) bekommen, weil das Getränk einen so geringen Alkoholgehalt hat. Der kontrollierte Alkoholgenuss in Maßen hebt die Stimmung und wird positiv gesehen.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2008)

Abb. 1 Noah entblößt volltrunken seine Scham (Rathaus in Leuven; 14. Jh.).

Negativ führt Wein zur Trunkenheit. Um den Fluch über Kanaan zu begründen, erzählt Gen 9,20-27, wie der Weinbauer → Noah im Rausch nackt in seinem Zelt liegt, so dass sein Sohn → Ham, der Vater Kanaans, seine Scham sieht. Doch → Sem und → Jafet, die beiden andere Söhne Noahs, gehen rückwärts zu ihrem Vater und bedecken sie.

Abb. 2 Lot und seine Töchter (Francesco Furini; 1640).

Abb. 2 Lot und seine Töchter (Francesco Furini; 1640).

Die Verbindung von Trunkenheit und → Sexualität zeigt sich in Gen 19,30-38. Die Erzählung schreibt → Moabitern und → Ammonitern einen inzestuösen Ursprung zu: → „Lots Töchter, die bei der Zerstörung von → Sodom ihre Verlobten verloren haben, machen ihren Vater betrunken, schlafen mit ihm und werden schwanger. Die Kinder erhalten die Namen Moab und Ben-Ammi, die als ‚vom Vater’ bzw. ‚Sohn des Verwandten’ gedeutet werden, um das Wesen ihrer Nachfahren, der Moabiter und Ammoniter, polemisch auch in ihren Namen zu verankern.“ (Hübner / Koenen, Art. Moab).

1Sam 25,36f erzählt von → Nabal, dessen Name „Verrückter“ bedeutet, wie er sich betrinkt. Der Rausch, in dem der Betrunkene wie etwa auch in Jer 25,27 die Kontrolle verliert und der mit Erbrechen und Hinfallen einhergeht, ist eindeutig negativ qualifiziert.

Trotz der insgesamt festzustellenden Ambivalenz (vgl. besonders auch Spr 31,4-7) überwiegen bei den ausdrücklich genannten Folgen des Genusses die negativen Phänomene: Einschränkungen der Wahrnehmung und des Urteilsvermögens (Spr 31,4-5; vgl. 1Kön 16,9; 1Kön 20,16), Erbrechen (Jes 19,14), Taumeln (Ps 107,27), Hinfallen (Jer 25,27), Lallen (1Sam 1,13), Entblößen (Gen 9,21; Klgl 4,21). Das lässt sich allerdings teilweise dadurch erklären, dass die Wortgruppe vor allem in prophetischen Gerichtsworten aufgegriffen wird, in denen „Trunkenheit“ bildlich für einen durch → Gottes Gericht herbeigeführten Zustand steht (→ Taumelbecher), in dem der Mensch so sehr seiner Sinne und seines Verstandes beraubt ist, dass er nicht mehr für Gott offen und von Gott ansprechbar ist und sich so von der Quelle seiner Lebensmöglichkeiten abschließt.

Nach Dubach (2009, 284f) lassen sich die verschiedenen Wertungen am ehesten sozialethisch differenzieren: Wenn das gemeinsame Feiern die kollektive Verbundenheit stärkt, kann auch der Rausch positiv betrachtet werden. Feiert die Oberschicht dagegen exklusive Gelage auf Kosten der Armen, dann ist der Rausch das Ziel der prophetischen Kritik. Kritik am extensiven Alkoholkonsum wäre so gesehen in erster Linie Sozialkritik.

Literaturverzeichnis (Lexikonartikel)

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979 (Rauschtrank; Trunkenheit)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff (שָׁכַר)
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977 (Bier)
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001 (Trunkenheit)
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997 (שׁכר)
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003 (Rausch / Rauschtrank; Trunken / Trunkenheit)
  • Herders Neues Bibellexikon, 2008 (Bier; Trunkenheit)

2. Weitere Literatur

  • Dubach, M., 2009, Trunkenheit im Alten Testament. Begrifflichkeit – Zeugnisse – Wertung (BWANT 184), Stuttgart

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Noah entblößt volltrunken seine Scham (Rathaus in Leuven; 14. Jh.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2008)
  • Abb. 2 Lot und seine Töchter (Francesco Furini; 1640).

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