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Lexikon

Ratschluss Gottes

Wolfgang Werner

(erstellt: Dez. 2010)

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→ Erwählung

1. Ratschluss Gottes

JHWH, der Gott Israels, ist zugleich der Herr der Welt und ihrer Geschichte. Diese in vielen biblischen Textbereichen begegnende Grundüberzeugung findet ihre Ausgestaltung unter anderem in der Vorstellung eines göttlichen Ratschlusses, der bei Gott konzipiert worden ist und sich in der Geschichte der Welt und der in ihr lebenden Menschen erfüllt. Er leitet und bestimmt das Leben des Einzelnen und der Menschengemeinschaft. In vielen prophetischen Belegen gilt der Ratschluss Gottes als ein Instrument göttlicher Weltpolitik, das die Absichten Gottes in der Völkerwelt durchsetzen will.

1.1. Zum Begriff „Ratschluss“

Das deutsche Wort „Ratschluss“ meint einen „Beschluss nach Überlegung“ (Das Deutsche Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm 14, Sp. 194) und gibt in den deutschen Übersetzungen der hebräischen alttestamentlichen Bücher zumeist das hebräische Substantiv עֵצָה ‘eṣāh wieder, das seinerseits mit dem Verbum יעץ j‘ṣ zusammenhängt. יעץ j‘ṣ meint im Qal „(be)raten / planen / beschließen“, im Nif. „sich beraten lassen / sich beraten / nach Besprechung anraten / beschließen“, im Hitp. „sich beraten“. Dem entsprechend kann das Substantiv עֵצָה ‘eṣāh sowohl die Bedeutung „Rat(schlag)“ als auch „Plan“ und „Beschluss“ annehmen.

Nach H.-P. Stähli (749) ergibt sich aus der Bedeutung „raten“ für יעץ j‘ṣ „auch die daraus resultierende von ‚beschließen, planen‘, wobei nach dem Zusammenhang dieses Planen bzw. Beschließen dies sowohl einen positiven … als auch einen negativen Sinn beinhaltet“. L. Ruppert (720) gibt dagegen zu bedenken, dass der etymologische Befund für יעץ j‘ṣ „nur die Bedeutung ‚raten, ermahnen‘ bzw. ‚Vorhaben, Plan‘“ erlaube. Nach ihm meint יעץ j‘ṣ ursprünglich „ein Orakel erteilen“ (vgl. Num 24,14). Da Orakel zumeist von Ratsuchenden erfragt werden, konnte der Orakelgeber zum Ratgeber und der im Orakel geoffenbarte Zukunftsplan der Gottheit zum Rat werden, der das dem göttlichen Plan angemessene menschliche Verhalten vermittelt (vgl. Ruppert, 721).

Tabelle: Die Wiedergabe von עֵצָה *‘eṣāh* in deutschen Bibelübersetzungen.

Tabelle: Die Wiedergabe von עֵצָה *‘eṣāh* in deutschen Bibelübersetzungen.

Ein Vergleich mehrerer deutscher Bibelübersetzungen macht deutlich, dass hebr. עֵצָה ‘eṣāh nicht ausschließlich mit „Ratschluss“ übersetzt wird. Die Lutherbibel von 1545 (L 1545) verwendet das Wort „Ratschluss“ überhaupt nicht. Auch die Ausgabe von 1912 (L 1912) hat es außer in Jes 25,1 (Plural) nicht. Dagegen bemüht sich die Ausgabe von 1984 (L 1984) um eine nahezu konkordante Übertragung von עֵצָה ‘eṣāh mit „Ratschluss“. Die Einheitsübersetzung von 1980 (EIN 1980) und auch die Zürcher Bibel in der Übersetzung von 2007/8 (ZÜR 2007/8) variieren in ihren Übersetzungen und geben עֵצָה ‘eṣāh mit „Plan / Beschluss / Rat / Absicht“ und „Walten“ wieder. Verdeutlichen kann das die nebenstehende Tabelle, die die Belege auflistet, die עֵצָה ‘eṣāh „Rat / Plan“ auf Gott beziehen.

1.2. Belege

Die Stellen, die עֵצָה ‘eṣāh „Rat / Plan“ mit Gott verbinden, sind bereits in 1.1 aufgeführt worden. Das Verbum יעץ j‘ṣ „raten / planen“ findet sich mit JHWH bzw. Gott als Subjekt in 2Chr 25,16; Jes 14,24.26f; Jes 19,12.17; Jes 23,9; Jes 40,14 (Nif.); Jer 49,20; Jer 50,45; Ps 16,7.

Noch weitere Substantive und Verben stehen für göttliches Beschließen und Planen bzw. für die Bedeutung „Ratschluss / Plan“:

1.2.1. In Jes 55,8; Jer 29,11; Jer 51,29; Mi 4,12; Ps 40,6; Ps 92,6; Ps 33,10f findet sich das Substantiv מַחֲשָׁבָה maḥǎšāvāh „Gedanke / Vorhaben / Plan“. Das damit verwandte Verbum חשׁב ḥšb „sinnen / planen“ steht mit JHWH als Subjekt 2Sam 14,14; Jer 18,8; Jer 26,3; Jer 29,11; Jer 36,3; Jer 49,20; Jer 50,45; Mi 2,3 und Klgl 2,8. Mehrfach begegnet der Name Haschabja חֲשַׁבְיָה ḥǎšāvjāh, der „JHWH hat ersonnen / geplant“ bedeutet (Esr 8,19.24; Neh 3,17; Neh 10,12; Neh 11,15.22; Neh 12,21.24; 1Chr 6,30; 1Chr 9,14; 1Chr 25,19; 1Chr 27,17).

1.2.2. Jer 23,20; Jer 30,24; Jer 51,11 und Hi 42,2 verwenden מְצִמָּה məṣimmāh „Plan / Besonnenheit“. Das Verbum זמם zmm „sinnen / denken / überlegen“ begegnet Jer 51,12; Sach 1,6; Sach 8,14; Klgl 2,17.

1.2.3. Am 3,7 hat das Substantiv סוֹד sôd „Plan / Geheimnis“, das in Jer 23,18.22; Hi 15,8 die „vertrauliche Besprechung“ in der Versammlung JHWHs und in Ps 89,9 den „Kreis der Heiligen“ meint. Erwähnenswert sind die mit סוֹד sôd gebildeten Eigennamen Sodi (סוֹדִי sôdî = „mein Rat“ [ist JHWH]) in Num 13,10 und Besodja (בְּסוֹדְיָה bəsôdjāh = „in JHWHs Rat“) in Neh 3,6.

Die Septuaginta übersetzt עֵצָה ‘eṣāh zumeist mit βουλή boulé „Wille“, die Vulgata überwiegend mit consilium „Beratung / Rat / Plan / Ratsversammlung“.

1.3. Gottes Ratschluss: göttliches und menschliches Planen

Gottes Ratschluss und Plan setzen sich gegen menschlichen Rat und Plan durch. Das gilt für das Leben des Einzelnen, für das einer Gemeinschaft und eines Volkes. Spr 19,21 stellt dem vielfältigen und deshalb wohl auch unsicheren Sinnen (מַחֲשָׁבוֹת maḥǎšāvôt) den Ratschluss bzw. Plan JHWHs (עֵצָה ‘eṣāh) gegenüber. In seiner Treue und Zuverlässigkeit ist der göttliche Ratschluss (עֵצָה ‘eṣāh) für Ps 73,24 ein verlässliche Wegleitung zum Ziel, der Aufnahme des Beters in Gottes Herrlichkeit.

Die wahrscheinlich nachexilisch überarbeitete → Josefsgeschichte Gen 37.39-50 (Schmitt) bietet an einigen Stellen eine Deutung der erzählten Vorgänge, die zeigen wollen, dass sich selbst im bösen Tun der Menschen letztlich Gottes Planen durchsetzt. Zwar hat das böse Handeln der Brüder Josef nach Ägypten gebracht, doch für Gen 45,5-8 wird darin Gottes Absicht deutlich: Gott hat Josef zur „Lebensrettung“ nach Ägypten geschickt, um „euch am Leben zu erhalten zu einem großen Entrinnen“. Dieses Verständnis von Geschichte als Führungsgeschichte begegnet dann noch einmal explizit bei der endgültigen Aussöhnung der Brüder nach dem Tod Jakobs. Josef lässt Gen 50,20 die vergangenen Ereignisse auf das göttliche Handeln hin transparent werden. Das Böse, das die Brüder gegen ihn ersonnen hatten (חשׁב ḥšb), hat Gott zum Guten hin gesonnen (חשׁב ḥšb), „um viel Leben zu retten“.

Vergleichbar sieht die deuteronomistisch (→ Deuteronomismus) gestaltete Ahitofel-Episode in 2Sam 17,1-14 in einem menschlichen Entscheidungsprozess JHWHs determinierendes Eingreifen am Werk. Um den Aufstand gegen seinen Vater → David erfolgreich abschließen zu können, sucht → Abschalom Rat bei → Ahitofel und → Huschai über die richtige Taktik. Ahitofel rät zur sofortigen Ermordung des Königs, Huschai, ein von David in das Lager der Aufständischen eingeschleuster Agent (vgl. 2Sam 15,32), will dagegen Abschalom dazu bewegen, erst die eigene Schlagkraft zu verstärken (2Sam 17,11). Abschalom bevorzugt den Rat Huschais und lehnt den „guten Rat“ Ahitofels ab. Diese Entscheidung Abschaloms erfährt in 2Sam 17,14 eine theologische Deutung: JHWH hat „bestimmt, den guten Rat Ahitopfels zu durchkreuzen, weil JHWH über Abschalom Unheil bringen wollte.“ „Die Auseinandersetzung zwischen Huschai und Ahitofel und die anschließende Annahme des Rates Huschais durch Absalom und ganz Israel lassen für den, der um die Geschichte weiß, Jahwes Absichten hervortreten …: Absalom sollte nicht Davids Nachfolger werden.“ (Werner 1988, 287). Gottes Pläne streben im menschlichen Entscheiden ihrem Ziel entgegen, wobei (in diesem Fall) Gott und Mensch entgegengesetzte Intentionen verfolgen. Abschalom sucht seinen Erfolg, doch JHWH will Unheil für Abschalom.

Die Psalmverse Ps 106,13.43; Ps 107,11 vergegenwärtigen Israels Untreue und JHWHs Treue. Obwohl das Volk schnell Gottes befreiende Taten vergessen hat und auf seinen Ratschluss nicht warten wollte (Ps 106,13), somit immer mehr in Schuld versunken ist (Ps 106,43), hat Gott sich als bundestreu und als Retter aus der Not gezeigt. Für den geschichtlichen Rückblick in Ps 107,10-16 ist das Exil Gefangenschaft und Unfreiheit, weil Israel zuvor dem Wort Gottes getrotzt und seinen Ratschluss verachtet hat (vgl. Ps 107,11).

Für die Hiobdichtung bleiben die göttlichen Absichten dem Menschen unzugänglich. Gott nimmt in Hi 38,2Hiobs Herausforderung (vgl. Hi 31,35ff) an und wirft ihm „Verdunklung des Plans“ und „Reden ohne Einsicht“ vor. Die mit diesem Vorwurf korresponierende Fragenkette Hi 40,8-11 dient auch dem Beweis, dass Hiob „gar nichts von Gottes Weltregiment versteht“ (Kaiser 1985, 61; vgl. Hi 42,3).

1.4. Gottes Ratschluss: Instrument göttlicher Weltpolitik

1.4.1. Jesaja 40-48

Für die in die Exilszeit zu datierende Schicht von Jes 40-48 (→ Deuterojesaja) hat JHWH, der Gott Israels, einen Plan, der für sein Volk nach Zerstörung, Auflösung und Deportation die Wende zu einer neuen Heilszeit herbeiführen wird. Diese Vorstellung ist eng mit dem Auftreten des Perserkönigs Kyros II. verknüpft. Für das Selbsterweiswort Jes 46,8.9-11 ist JHWH der souveräne Herr der Zeit und Räume (Berges, 470), der von Anfang an das Ende mitteilt, dessen Plan die Weltgeschichte bestimmt und der den Perserkönig → Kyros II. als den „Mann seines (Gottes) Planes bzw. Ratschlusses“, d.h. als Werkzeug, das den göttlichen Ratschluss Wirklichkeit werden lässt, ruft. Die Worte vergegenwärtigen und reflektieren den Siegeszug Kyros’ II. ab 550 v. Chr. bis zu seinem Einzug in Babel 539 v. Chr. Auch die demgegenüber später anzusetzenden Texte Jes 40,12-17 und Jes 44,24-28 teilen diese Vorstellung der göttlichen Souveränität: So wie niemand nach Jes 40,13 die Welt vermessen und wiegen kann, so kann auch niemand als „Mann seines Ratschlusses“, d.h. als Gottes Ratgeber, auftreten und JHWH über den Weg des Rechtes und der Einsicht belehren (Jes 40,13f). Jes 44,24 zufolge ist JHWH der, der alles tut. Die darauf folgenden Verse Jes 44,25f sind deutlich prophetentheologisch akzentuiert. Die Orakelpriester, Wahrsager und Weisen nützen nichts, denn JHWH selbst zerbricht ihre Zeichen und macht sie zu Narren (vgl. Elliger, 453). Allein die Vermittlung von Wort und Plan durch die Propheten JHWHs hat Zukunft. „Der zentrale Punkt liegt im Gegensatz von JHWH-Prophetie auf der einen und altorientalischer Mantik auf der anderen Seite.“ (Berges, 384).

1.4.2. Jesaja 1-39

In der Gesamtkonzeption von Jes 1-12 geht es um das Modell einer Heilsgeschichte, in der sich der göttliche Plan verwirklicht. Dieser Plan nimmt seinen Ausgang bei Anklage und Gericht, doch nicht ohne die Aussicht auf Heil (vgl. Beuken, 32). Im zweiten und dritten Wehespruch Jes 5,11-17.18f begegnet in Jes 5,12.19 eine theologische Reflexion, die die in den ursprünglichen Wehesprüchen Jes 5,11.18 vorgetragenen Anklagen sozialen Fehlverhaltens als Verachtung von Gottes Plan und Werk deutet. Mit Kaiser kann man diese Verse als Teil einer umfassenderen eschatologisch orientierten Nachinterpretation (Jes 5,9-10.12.14.17.19; Jes 10,3) verstehen. Sie blickt zurück auf die in den Weherufen begründete Katastrophe Israels und versteht diese als Gottes Gericht an seinem Volk. Ihrer Gegenwart hält sie den Spiegel vor: Den im Lebensgenuss Gefangenen bleibt Gottes Tun verborgen (Jes 5,12) und den Skeptikern, die einen Beweis für Gottes Wirken verlangen, indem sie spöttisch nach dem Ratschluss JHWHs rufen, wird sich dieser Ratschluss „als der unerwünschte Erweis der Macht Gottes im Gericht“ (Kaiser 1981, 112) erfüllen (Jes 5,19).

Der Gotteseid in Jes 14,24-27 kennt einen göttlichen Plan, der sich im Handeln JHWHs an Assur zu erkennen gibt und zugleich die ganze Welt mit einschließt, nachdem Jes 14,22f noch den Untergang Babels angekündigt hat. Der an der prophetischen Überlieferung orientierte Spruch aus persischer oder sogar hellenistischer Zeit (vgl. Werner 1988, 35). spiegelt die politische Machtlosigkeit des Judentums wider und will Zuversicht auf das noch ausstehende Heil für Israel wecken. „Ist eine scheinbar unbesiegbare Großmacht imstande, JHWHs Ratschlüsse hinsichtlich seines Volkes zu durchkreuzen?“ (Beuken 2007, 101). Dieser beunruhigenden Frage soll sich der Leser bzw. Hörer im Vertrauen auf seinen Gott entgegenstellen.

Jes 19,1-15 bietet eine umfangreiche Dichtung über den Zerfall Ägyptens, der in Jes 19,16-25 eine vielleicht sukzessiv verfasste Exegese angefügt worden ist (vgl. Werner 1988, 50). Nach Jes, 19,16f versinkt Ägypten in Zittern und Schrecken und es wird beschämt und erschrickt vor JHWHs Plan, wenn Juda erwähnt wird. Einmal, so die Hoffnung der Nachexegese, wird sich Juda auch Ägypten gegenüber, das auf seine Götter, seine uralte Geschichte und die darin gewachsene Kultur (vgl. Jes 19,3.11f) stolz ist, als überlegen erweisen, und es ist JHWH selbst, der das herbeiführt.

Die aus der späteren nachexilischen Zeit stammende Dichtung über Phönizien Jes 23,1-14 zeigt ein deutliches geschichtstheologisches Interesse. Wie Israel in seiner Geschichte seines Hochmuts wegen bestraft worden ist (Jes 2,11-17; Jes 3,16f; Jes 5,15-17; Jes 9,7-11), so wird auch der Stolz von → Tyrus, → Sidon und ganz → Phönizien gestraft werden (vgl. Werner 1988, 60). JHWH ist der weltmächtige Gott, dessen Beschlüsse die ganze Erde betreffen (vgl. Jes 23,9).

Das Lehrgedicht Jes 28,23-29 weist zunächst auf eine göttliche Weltordnung. Hinter den in ihrer Abfolge sinn- und planvollen beruflichen Tätigkeiten des Bauern und dem sich darin manifestierenden klugen menschlichen Handeln steht letztlich eine allumfassende göttliche Ordnung. Die für die Übernahme ins Jesajabuch verantwortliche Redaktion will vermutlich mit dem Lehrgedicht den Textkomplex Jes 28f. deuten. Warum wird einmal in JHWHs Namen Gericht und Zerstörung und ein anderes Mal Errettung aus der Bedrängnis angekündigt? Die isolierte Betrachtung der einzelnen sich widersprechenden Ankündigungen und Ereignisse können JHWHs Handeln nicht erklären. Doch was jetzt noch in seiner Abfolge von Heil und Gericht als unverständlich erscheint, bekommt einen Sinn von dem bei JHWH grundgelegten Geschichtsplan (vgl. dazu Werner 1988, 84).

Der Verfasser des Weherufs Jes 30,1-5 sieht in einer proägyptischen Bündnispolitik Israels Eigensinn und Ungehorsam am Werk. Sie flüchten zu Pharao und „in den Schatten Ägyptens“ und nehmen nicht zur Kenntnis, dass es sich dabei um einen Plan (עֵצָה ‘eṣāh) handelt, der nicht von JHWH ist (Jes 30,1). „Wenn der Vorwurf lautet, daß die widerspenstigen Pläne schmieden, die nicht von Jahwe sind, dann besagt das zweierlei: Auch Jahwe hat seine Pläne mit Israel. Diese seine Absichten vollziehen sich aber nicht an den Menschen vorbei, vielmehr besteht die Möglichkeit, daß Menschen in ihrem Eigensinn Jahwes Pläne mißachten.“ (Werner 1988, 94).

Das eschatologische Danklied Jes 25,1-5 blickt auf Jes 24,10.12 zurück und stellt fest, dass JHWH in der Zerstörung der Stadt seine Ratschlüsse verwirklicht und somit seine Treue gezeigt hat. Der Plural „wunderbare Ratschlüsse“ (פֶּלֶא עֲצוֹת pælæ’ ‘ǎṣôtv) steht weniger für eine Summe einzelner göttlicher Entscheide, von denen sich einer gerade erfüllt hat, sondern „von alters her“ bestehen die Ratschlüsse und erweisen in ihrer Erfüllung die Geschichte des Gottesvolkes Israel als Heilsgeschichte (vgl. Werner 1988, 145f). „‚Der Ratschluss des Heiligen Israels‘ gegenüber den nichtigen Vorhaben seiner Gegner bestimmt die Geschichte der Völker.“ (Beuken 2007, 32).

1.4.3. Weitere Texte aus Prophetenbüchern und Psalmen

Das Gebet → Jeremias Jer 32,16-25 nennt in Jer 32,19 JHWH „groß an Rat und mächtig an Tat“. JHWH erweist sich in seinem Rat in jeder geschichtlichen Situation als der souveräne Herr, der ein gerechtes Gericht vollzieht und Heil verheißt. Beide gründen in der göttlichen Absicht, jedem nach seinen Taten zu vergelten.

Die → Edom-Dichtung Jer 49,7-22 hat in Jer 49,19-22 einen Abschnitt, der vom göttlichen Plan spricht. Er besitzt in Jer 50,44-46 eine Parallele, die, mit entsprechender Abwandlung, von Gottes Plan gegen → Babel spricht (zur Diskussion der literarischen Priorität vgl. Werner 1988, 161-164; die Entscheidung bleibt schwierig; Werner [2003, 171] bezieht jetzt Jer 50,44b = Jer 49,19b auf die Eroberung des babylonischen Reiches durch Kyros II.). Als der souveräne Herr der Geschichte verwirklicht JHWH gegen Babel bzw. Edom das, was er zu tun gedenkt.

Nach Am 3,7 tut JHWH nichts, ohne seinen Plan (סוֹדוֹ sôdô) den Propheten geoffenbart zu haben. Der Vers ist eine Glosse, die bei den prophetentheologischen Aussagen von Am 3,3.8 ansetzt und vermutlich die Prophetenschrift im Blick hat (vgl. Werner 1988, 176-178). Wenn Gott seine Propheten ins Vertrauen zieht, dann kann auch das in der Schrift zu findende Prophetenwort in JHWHs Absichten einführen. Die Septuaginta übersetzt hebr. סוֹד „Ratschluss / Plan“ mit griech. paideía „pädagogische Absicht / pädagogischer Zweck“.

In dem eschatologischen Spruch Mi 4,11-13 folgt der endzeitlichen Bedrohung Zions durch die Völker der Sieg Zions über seine Feinde. Dieser Sieg ist im Plan JHWHs gegen die Völkerwelt beschlossen.

Ähnlich spricht Ps 33,10f davon, dass JHWH den Ratschluss und die Pläne der Völker vernichtet, wogegen sein eigener Plan Bestand hat.

2. Prädestination

2.1. Grundsätzliches

Prädestination, „‚Vorherbestimmung‘ als Beschreibung einer religiösen Wirklichkeit meint die zeitlich vorgängige, endgültige Festlegung a) von Menschen in einer entscheidenden Hinsicht, b) von (geschichtlichen) Ereignissen oder c) von anderen Sachverhalten durch (jetzt oder später) wirksames Handeln von seiten Gottes (z.B. seinen ‚Ratschluß‘) bzw. der Götter oder durch sonstige ‚höhere Mächte‘.“ (Röhser, 9).

Zwar kennt das Alte Testament keine systematisch ausgearbeitete Lehre von der Prädestination, doch lassen sich Traditionen und Vorstellungen benennen, die vorherbestimmende Züge aufweisen und somit „als ‚Vorläufer‘ und ‚Begleiter‘ oder auch als erste Vertreter eines strikten Determinationsgedankens im biblisch-jüdischen Raum angesprochen werden können (Röhser, 10).

2.2. Determinierende Vorstellungen

Nach Röhser hat sich der Prädestinationsgedanke im Judentum relativ spät aus anderen Vorstellungen heraus entwickelt, mit der Konsequenz, dass er „sich bleibend mit ihnen überschneidet“ (Röhser, 11). Dazu gehören die wichtigen theologischen Aussagen zu → Erwählung und Berufung mit Übergängen zur Vorherbestimmung (vgl. Jes 41,8-9; Jer 1,4-10). Ferner nennt Röhser die alttestamentlichen Schöpfungsaussagen, die in Jes 44,1-2 und Jes 43,20-21 eng mit dem Erwählungsgedanken verknüpft sind. Zu verweisen ist zudem auf die Vorstellung der göttlichen Vorsehung (Weish 6,7 [Lutherbibel: Weish 6,8]; Weish 14,3; Weish 17,2; vgl. Hi 10,12), die der göttlichen Souveränität (Ex 13,19; Dan 4,14.23; Jdt 8,14ff [so nicht in Lutherbibel; → Judit]) und die der Verstockung durch Gott (Ex 3-15; Jes 6,9-11; Belege bei Röhser, 10-62).

Gelegentlich begegnet die Vorstellung eines bei Gott geführten → Buchs des Lebens, in dem alle lebenden Menschen verzeichnet sind (Ex 32,32f; Jes 4,3; Ez 13,9; Ps 56,9; Ps 69,29; Ps 87,5f; Ps 139,16). Nach Dan 7,10 werden beim Gericht Bücher aufgeschlagen, und Dan 12,1 weiß, dass alle im Buch Aufgezeichneten gerettet werden. Jes 34,16 fordert dazu auf, im „Buch JHWHs“ nachzulesen, um zu erkennen, dass alles eintrifft, wie es dort aufgeschrieben worden ist (vgl. auch Dan 12,4). Der Vers blickt vielleicht auf das kanonische Prophetenbuch, das, weil die in ihm aufgezeichnete Gerichtsankündigung sich als erfüllt erwiesen hat, auch den späteren Lesern und Hörern der prophetischen Botschaft ein verlässlicher Wegweiser sein kann (vgl. auch Jes 8,16ff; Jes 29,11f).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004

2. Weitere Literatur

  • Berges, U., Jesaja 40-48 (HThKAT), Freiburg / Basel / Wien 2008
  • Beuken, W.A.M., Jesaja 1-12 (HThKAT), Freiburg / Basel / Wien 2003
  • Beuken, W.A.M., Jesaja 13-27 (HThKAT), Freiburg / Basel / Wien 2007
  • Elliger, K., Deuterojesaja. 1. Teilband (BK XI/1), Neukirchen-Vluyn 1978
  • Kaiser, O., Leid und Gott. Ein Beitrag zur Theologie des Buches Hiob, in: ders. (Hg.), Der Mensch unter dem Schicksal. Studien zur Geschichte, Theologie und Gegenwartsbedeutung der Weisheit (BZAW 161), Berlin / New York 1985, 54-62
  • Kaiser, O., Das Buch des Propheten Jesaja. Kapitel 1-12 (ATD 17), Göttingen 1981
  • Plöger, O., Sprüche Salomos (Proverbia) (BK XVII), Neukirchen-Vluyn 1984
  • Röhser, G., Prädestination und Verstockung. Untersuchungen zur frühjüdischen, paulinischen und johanneischen Theologie (TANZ 14), Tübingen / Basel 1994
  • Ruppert, L., Art. יעץ, in: ThWAT III, Stuttgart u.a. 1982, 718-751
  • Schmitt, H.-C., Die nichtpriesterliche Josefsgeschichte. Ein Beitrag zur neuesten Pentateuchkritik (BZAW 154), Berlin / New York 1980
  • Stähli, H.-P., Art. יעץ raten, THAT I, 6. Aufl., München / Zürich, 748-753
  • Werner, W., Das Buch Jeremia. Kapitel 25-52 (NSKAT 16/2), Stuttgart 2003
  • Werner, W., Studien zur alttestamentlichen Vorstellung vom Plan Jahwes (BZAW 173), Berlin / New York 1988
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