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Lexikon

Ramot-Gilead

Ernst Axel Knauf

(erstellt: März 2009)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Ramot-Gilead.

Ramot-Gilead („Höhe von Gilead“) ist ein Ort im Ostjordanland. In der Darstellung des Alten Testaments erscheint er als Asyl- und Levitenstadt, als Sitz eines „Repräsentanten“ Salomos und als der Ort, an dem Ahab getötet wurde und von dem aus das Ende seines Sohnes Joram und das Ende der Dynastie Omri durch den Putsch Jehus seinen Lauf nahm.

1. Name

Das hebräische Wort רמה rāmāh „Anhöhe“ wird bei entsprechend gelegenen Orten als ein Eigenname verwendet, der jedoch der Spezifizierung bedarf (→ Rama). Der Ort Ramot-Gilead, der „die Höhe von Gilead“ bedeutet (= הרמה hā-rāmāh „die [bekannte] Höhe“ in 2Kön 8,29) und mit Präposition auch „Ramot in Gilead“ heißt (z.B. Jos 21,38), wird durch den Landschaftsnamen Gilead näher bestimmt. Ramot ist nichts weiter als die aramäische Übersetzung von hebräisch (hā-)rāmāh. Die Endung -ot bezeichnet in dem Namen keinen Plural, sondern ist das Ergebnis einer Lautverschiebung, die jedes betonte /a/ (nicht nur langes /a:/) wie im Phönizischen zu /o[:]/ werden ließ. Das gleiche Phänomen begegnet im benachbarten Aschtarot (assyrisch Astartu, heute Tell ‘Aschtara).

Innerhalb des Namens sind für „Ramot“ unterschiedliche Schreibweisen belegt: 1) archaisch רמת rāmot (Jos 21,38; 1Kön 4,13; 1Kön 22,3-4.6.12.15.20.29; 2Kön 8,28; 2Kön 9,1.4.14; 2Chr 18,3.5.11.14.28), 2) mit Plene-Schreibung רמות rāmôt (2Chr 18,2.19; 2Chr 22,5) und 3) als jüngstes aramaisierend ראמת ra’mot (< *-רָאְמ von < *-רָיְמ; Dtn 4,43; Jos 20,8; Jos 21,38) und ראמות ra’môt (1Chr 6,65).

2. Alttestamentliche Überlieferungen

1. Asyl- und Levitenstadt. Asylstädte (→ Asyl) bieten Menschen Schutz, die jemanden nicht vorsätzlich, jedoch mit Todesfolge verletzt haben (die verbreitete Übersetzung „Totschläger“ ist falsch, da bei Totschlag die Todesstrafe obligatorisch ist; Num 35,16-21). In Dtn 4,41-43 bestimmt → Mose drei Asylstädte im Ostjordanland Bezer für Ruben, Ramot-Gilead für Gad und Golan für Halbmanasse. Der Text ist leicht als Nachtrag zu erkennen. Nach Jos 20,7-8 werden die west- wie ostjordanischen Asylstädte (und Levitenstädte) nämlich erst von → Josua bestimmt – erst nach dem jetzigen Text in Ausführung von Num 35,1-8 (Levitenstädte; aufgegriffen in Jos 21) und Num 35,9-15 (Asylstädt). Dtn 4,41-43 dürfte eingefallen sein, dass Mose den zweieinhalb transjordanischen Stämmen bereits in Num 32 ihr Land zugeteilt hat. Deswegen sollte es auch Mose selbst sein, der ihnen Asylstädte einrichtet. 1Chr 6,65 modernisiert Jos 21,38.

Hinter der Zuteilung von Ramot-Gilead an Gad als Asyl- und Levitenstadt steht die völlig fiktive „Stämmegeographie des Ostjordanlandes“ Jos 13 (vgl. bereits M. Wüst; der historische Stamm Gad lebte nicht im nördlichen Transjordanien, sondern im israelitisch-moabitischen Grenzgebiet). Es handelt sich offenbar um utopische Texte des ausgehenden 5. und beginnenden 4. Jh.s, in denen sich Planungen niedergeschlagen haben, wie mit dem Tempelasyl zu verfahren sei, wenn dereinst das ganze → Land Israel in den Grenzen von Num 34,1-12 wieder von Israeliten / Juden besiedelt und der Tempel von Jerusalem für die meisten Bedürftigen unerreichbar geworden sein sollte.

Die „Levitenstädte“ (→ Leviten) scheinen so etwas wie die Planung für ein flächendeckendes System von Schulen / Synagogen darzustellen, bedenkt man, dass es eine Hauptfunktion der Leviten in der Chronik ist, Tora zu lehren (Dtn 17,18; Dtn 31,9; Neh 8,7.9; 2Chr 35,3).

2. Sitz eines „Repräsentanten“ Salomos. 1Kön 4,13 nennt Ramot-Gilead als Sitz eines „Repräsentanten“ Salomos namens Ben-Geber im nördlichen Ostjordanland. Man fragt sich, wie sich dieser Ben-Geber zu Geber ben Uri verhält, der im Land Gilead / Gad sitzt (1Kön 4,19), und beim Grundbestand der ganzen Liste, ob sie – in Teilen – möglicherweise schon salomonisch sein könne (so Knauf 2001b) oder erst omridisch (so Niemann). Die Auffüllungen in 1Kön 4,13 stammen aus Num 32,41; Dtn 3,14; Jos 13,30 und Ri 10,3-5.

3. Das Ende der Omriden. Nach 2Kön 8,25-29 kämpften → Ahasja, der König von Juda (845 v. Chr.), und → Joram, der König von Israel (851-845 v. Chr.), bei Ramot-Gilead gegen → Hazael, den König von Damaskus. Dabei wurde Joram getötet (so Hazael in der → Tel-Dan-Inschrift) oder verwundet und zur Heilung nach → Jesreel gebracht (so 2Kön 8,28f), aber erst später dort von → Jehu getötet (2Kön 9,24). Jehu war – so die Darstellung von 2Kön 9 – in Ramot-Gilead zum König gesalbt und ausgerufen worden und hatte damit dort die Macht an sich gerissen, so dass die Auslöschung der Dynastie der Omriden (→ Omri) von Ramot-Gilead aus seinen Lauf nahm.

Literarisch-theologisch ist die Geschichte der Omriden schon im Geschick von Jorams Vater → Ahabs kondensiert. Nach 1Kön 22,2-38; 2Chr 18,2-34 hatte dieser mit → Joschafat, dem König von Juda, versucht, den → Aramäern Ramot-Gilead zu nehmen, und ist dabei getötet worden. Ahabs Tod vor Ramot-Gilead ist das literarische Konstrukt einer Anti-Elia-Redaktion, die eine Sammlung von drei Erzählungen über einen ebenso anonymen wie exemplarischen „König von Israel“ aus dem 7. Jh. (1Kön 20*; 1Kön 22*) in die Elia-Erzählung 1Kön 17-19*; 2Kön 2* eingefügt und die Gestalt des → Micha ben Jimla geschaffen hat (s. demnächst E.A. Knauf, 1 Könige 16-22, Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament, zur Stelle).

3. Lage

Der Name Ramot hat sich im heutigen Ramṯā, der jordanischen Grenzstadt (Koordinaten: 2450.2186; N 32° 33' 38'', E 36° 00' 39'') gegenüber dem syrischen Der’a (biblisch Edreï) erhalten. Das moderne Ramṯā liegt auf einem mächtigen Tell der Eisenzeit (vgl. Zwickel, 315), aber genau genommen schon nicht mehr im Gebirge Gilead, sondern dominierend in der diesem nordöstlich vorgelagerten Ebene, die nach → Baschan überleitet. Deswegen ist neben Ramṯā für die Identifikation auch der 15 km südwestlich gelegene Tell el-Ḥiṣn „Ruinenhügel der Festung“ zu erwägen, ein großer Tell genau am Nordostrand des Gebirges Gilead, wo es an die Ebene grenzt (Koordinaten: 2330.2102; N 32° 29' 25'', E 35° 52' 49''). Beide Identifikationen schließen sich nicht aus, sondern könnten sich ergänzen. In Zeiten politischer Instabilität und wirtschaftlichen Niedergangs zog sich die sesshafte Besiedlung des Ostjordanlandes in die Berge und Täler zurück; unter der Pax assyriaca, persica et romana wurden die fruchtbaren Ebenen erschlossen.

Das Zentrum Moabs südlich des Arnons war zu instabilen Zeiten Kerak / Charachmōba (Koordinaten: 2170.0660; N 31° 10' 50'', E 35° 42' 04''; → Ar Moab), in friedlichen dagegen er-Rabba / Rabbaṯmōba (Koordinaten: 2205.0755).

So bietet sich für das für die Omriden schicksalhafte Ramot-Gilead eher Tell el-Ḥiṣn an, für die in Jos 20-21 vorausgesetzte perserzeitliche Metropole eher Ramṯā. Zudem verläuft zwischen beiden Ortslagen die Kulturgrenze zwischen „israelitischem“ Gebirge Gilead und der „aramäischen“ Hochebene Südsyriens.

Die Identifikation mit dem unbedeutenden Vorposten er-Ramīṯ, genauer Tell er-Rumēṯ (einer arabischen Neubildung: „Tell Klein-Ramta“; N 32° 30' 00'', E 36° 00' 53''), ist nicht nur wegen der Größenverhältnisse unmöglich, sondern auch aufgrund der neueren Keramikchronologie, wonach die Befestigungsanlage, kaum mehr als eine Polizeistation, nicht älter sein kann als die Regierungszeit → Joaschs oder → Jerobeams II. (gegen Arnold).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992

Weitere Literatur

  • Arnold, P.M., 1992, Art. Ramoth-Gilead, in: ABD 5, 620-621
  • Knauf, E.A., 2001a, The Mists of Ramthalon, or: How Ramoth-Gilead Disappeared from the Archaeological Record, BN 110, 33-36
  • Knauf, E.A., 2001b, Solomon at Megiddo?, in: J.A. Dearman / M.P. Graham (Hgg.), The Land that I Will Show You (FS J.M. Miller; JSOT.S 343), Sheffield, 119-134
  • Niemann, H.M., 2000, Megiddo and Solomon: A Biblical Investigation in Relation to Archaeology, Tel Aviv 27, 61-74
  • Wüst, M., 1975, Untersuchungen zu den siedlungsgeographischen Texten des Alten Testaments I. Ostjordanland (Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients B 9), Wiesbaden
  • Zwickel, W., 1990, Eisenzeitliche Ortslagen im Ostjordanland (Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients B 81), Wiesbaden

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Ramot-Gilead. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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