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Lexikon

Rafael

Andere Schreibweise: Rafaël ; Raphael ; Raphaël

Tobias Nicklas

(erstellt: Juli 2005)

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1. Name

Abb. 1 Rafael und Tobias (Pietro Perugino; 15. Jh.).

Abb. 1 Rafael und Tobias (Pietro Perugino; 15. Jh.).

„Rafael“ lässt sich am besten als „Gott heilt“ bzw. „Gott erweist sich als Arzt“ übersetzen.

2. In der Hebräischen Bibel

Hier gibt es nur eine Person namens Rafael. In der Liste der Torwächter des Jerusalemer Tempels erwähnt 1Chr 26,7 einen ansonsten nicht mehr begegnenden „Refaël“ (רְפָאֵל) – die griechische Septuaginta übersetzt „Rafaël“ (Ραφαηλ).

3. Im Buch Tobit

In dem deuterokanonischen bzw. apokryphen Buch → Tobit spielt Rafael eine bedeutende Rolle.

1) Der Vorfahre Tobits. Die Genealogie am Beginn der griechischen Langfassung des Textes (GII) erwähnt einen der Vorfahren des Tobit mit Namen Rafael, der dann jedoch nicht mehr begegnet.

Abb. 2 Rafael und Tobias auf der Reise (Andrea del Verrocchio; 15. Jh.).

Abb. 2 Rafael und Tobias auf der Reise (Andrea del Verrocchio; 15. Jh.).

2) Der Engel. Eine ganz entscheidende Rolle für die Handlung des Buches spielt der Engel Rafael. Tob 3,16-17 (Lutherbibel: Tob 3,24-25) erzählt davon, dass das Gebet Tobits wie das Saras erhört werden. Dabei ist zwischen der Kurz- und der Langfassung des Tobitbuches zu unterscheiden. Nach der auch der Einheitsübersetzung zugrunde liegenden Kurzfassung (GI), findet das Gebet vor der Herrlichkeit des großen Rafael Gehör. Er wird dann (offensichtlich von Gott) gesandt, um beide zu heilen. Diese Aufgabe Rafaels wird in Tob 12,15 noch einmal weiter erklärt (vgl. auch Tob 12,12): Rafael ist „einer von den sieben heiligen Engeln, die das Gebet der Heiligen empor tragen und mit ihm vor die Majestät des heiligen Gottes treten.“ In der Langfassung (GII) wird die vermittelnde Rolle Rafaels zwischen Tobits und Saras Gebeten und Gott nur in Tob 12,12 thematisiert. Das Gebet wird laut Tob 3,16 GII (Lutherbibel: Tob 3,24) vor der Herrlichkeit Gottes erhört, worauf es zur Sendung Rafaels kommt. Dem entspricht auch in Tob 12,15 eine etwas andere Aufgabe Rafaels: Dieser ist hier „einer der sieben Engel, die vor der Herrlichkeit des Herrn stehen und (zu ihm) hineingehen.“

Die entscheidenden Funktionen, die der Engel im Verlauf des Buches übernimmt, sind damit im Grunde bereits angedeutet. Rafael wird unerkannt zum Begleiter des Tobias auf dessen gefahrvollem Weg nach Medien, wo er von seinem Vater bei Gabaël hinterlegtes Geld holen soll. Dass in der Funktion des auf Erden erscheinenden „Schutzengels“ (vgl. auch Ps 91,11) im Grunde Gott als der Helfende tätig wird, zeigt sich in dem Namen, unter dem Rafael auf der Erde auftritt (Tob 5,13 [Lutherbibel: Tob 5,19]): „Asarja“ bedeutet „Gott hilft“.

Als Tobias am Tigris von einem Fisch verschlungen zu werden droht (Tob 6,1-9 [Lutherbibel: Tob 6,1-10]), warnt ihn der Engel nicht nur, sondern zeigt sich als der heilenden Kräfte von Herz, Leber und Galle des Fisches kundig (Tob 6,8-9 [Lutherbibel: Tob 6,9-10]). Mit diesen Mitteln kann Sara vom bösen Geist befreit und Tobit von seiner Blindheit geheilt werden (vgl. auch Tob 6,16-18 [Lutherbibel: Tob 6,17-21]; Tob 11,8). Mit Hilfe Rafaels werden also die entscheidenden Probleme der Erzählung gelöst: Der erblindete Tobit wird wieder sehend, das bei Gabael hinterlegte Geld kann geholt werden (Tob 9,1-6 [Lutherbibel: Tob 9,1-8]), vor allem aber wird der Dämon Aschmodai, der Saras Bräutigame tötet und somit den Fortbestand Israels gefährdet, überwunden und gefesselt (Tob 8,3) und so die bereits in Tob 7 eingefädelte Hochzeit (vgl. Tob 7,9-10 [Lutherbibel: Tob 7,10]) des Tobias mit Sara möglich gemacht.

Abb. 3 Rafaels Abschied (Rembrandt; 17. Jh.).

Abb. 3 Rafaels Abschied (Rembrandt; 17. Jh.).

In der abschließenden Selbstoffenbarung in Tob 12 fordert Rafael zum Lobpreis Gottes auf. Nun zeigt sich, dass Rafael nicht erst als Wegbegleiter des Tobias, sondern bereits vorher an der Seite Tobits und Saras gestanden hat. In Rafael zeigt sich für das Buch Tobit also die den Gerechten auf gefahrvollem (Lebens-)Weg begleitende, schützende und heilende Macht Gottes. In seiner Erscheinung auf Erden ist er, der nicht isst und trinkt (Tob 12,19 [GII: nur „nicht isst“]), für menschliche Augen nicht als Engel erkennbar.

4. Im antiken Judentum außerhalb der Bibel

Der Engel Rafael begegnet auch in der außerbiblischen Literatur des antiken Judentums mehrfach. Dabei wird er regelmäßig als einer von vier bzw. sieben Erzengeln genannt. Die Vorstellung von vier Erzengeln oder Engelfürsten (z.B. 1QM 9,15, einige Textzeugen von Mose-Apokalypse 40,1-2 Text Kirchenväter; in rabbinischer Literatur z.B. Numeri Rabba 2,10; Pesiqta Rabbati 44; Pirqe de Rabbi Eli’ezer 4) hat ihren Hintergrund sicherlich in der Beschreibung der vier Lebewesen beim Thron Gottes in Ez 1-2, während die Vorstellung von sieben Erzengeln (z.B. in äthHen 20-36.81; äthHen 87,2-40) aus Tob 12,15 abgeleitet sein dürfte (Text Pseudepigraphen; Text Talmud 2).

Immer wieder wird die heilende Funktion Rafaels innerhalb einer Welt, die durch die Untaten der gefallenen Engel geknechtet ist, betont (rabbinische Literatur z.B. Babylonischer Talmud, Traktat Yoma 37a). Rafael bezwingt Dämonen: neben dem aus Tob bekannten Aschmodai (Testamentum Salomos 5,9 [christliche Hinzufügung?]) v.a. Azazel (äthHen 10,1-11; äthHen 54,6), der den Menschen nach äthHen 8,1 die Kunst der Verarbeitung von Metall zur Herstellung von Waffen erlernte, sie zu Ungerechtigkeit anstiftete und ihnen nach äthHen 9,6; äthHen 69,2 göttliche Geheimnisse verriet. Nach äthHen 40,9 ist Rafael über die Krankheiten und Wunden der Menschenkinder gesetzt.

In äthHen 22,3 und äthHen 32,6 begegnet Rafael als Deuteengel (angelus interpres), der Henoch auf seinen Reisen führt, in der Kriegsrolle aus Qumran (1QM 9,14-15) als Kriegsengel, der mit anderen das Heilsvolk gegen den eschatologischen Feind unterstützt. In der griechischen Esra-Apokalypse 6,1-2 (7.-9. Jh. n. Chr.?) fungiert Rafael als einer der Engel, die über das Lebensende gesetzt sind, während er laut Sib 2,214-219 zusammen mit Michael, Gabriel und Uriel die Seelen der Menschen vor den Richtstuhl Gottes holt. In der griechischen Esra-Apokalypse 1,4 wird Rafael zudem als archistratēgos bezeichnet, also als Anführer des himmlischen Heeres, eine Aufgabe, die sonst zumeist Michael zukommt.

5. Im antiken Christentum

1) Im Neuen Testament. Hier findet sich zwar die Vorstellung von Erzengeln (Lk 1,19.26-27; Jud 9; Apk 8,2; Apk 12,7-9), jedoch wird Rafael nicht explizit genannt.

2) In antiker christlicher Literatur Text Kirchenväter. Rafael gilt auch hier als Erzengel und wird immer wieder erwähnt: Als einer der von Gott zuerst erschaffenen Engel peinigt er mit anderen immerfort den Satan (vgl. Fragen des Bartholomäus 4,29). Er gilt als Engel der Heilung (z.B. bei Origenes, Homiliae in Numeros 14,2; De principiis 1,8,1), wird als himmlischer Arzt (Fresko von Palermo) dargestellt oder ist der Engel mit dem heiligen Öl (kopt. Bartholomäusapokalypse 85-86).

Nahezu alle Funktionen, die Rafael in den bisher genannten Texten zukommen, werden auch in magischen Papyri verarbeitet. Rafael begegnet in Listen der Erzengel (vgl. z.B. P.Berol. 11347 [8./9. Jh.]), als Schutzengel, der Glück und Erfolg bringt (zusammen mit anderen: PGM 2.229-30 [300 n. Chr.]) oder wird als einer der Erzengel, die die Gebete vor den Herrn tragen, angerufen (Erzengel allgemein vermitteln Gebete: P.Oxy. 1151 [5. Jh.]). Seine heilenden Kräfte werden beschworen (z.B. P.Heidelberg Kopt. 544 [Amulett gegen Fieber und bösen Blick]; sieben Erzengel allgemein: P.Berol. 8324 [?]), er wird im Kampf gegen dämonische Mächte angerufen (im Rahmen exorzistischen Zaubers: London Oriental Ms. 5525; Erzengel allgemein im Kampf gegen kopflose Dämonen: PGM 2.223-24 [6. Jh.]; PGM 2.224 [5./6. Jh.]), sein Name begegnet (seltener) aber auch im Kontext von Fluchtexten (Rafael mit dem Flammenschwert: Oxford Bodleian Coptic Ms. C. [P] 4; gegen Meineidige: P.Berol. 10587 [10. Jh. ?]), beim Liebeszauber (P.London Hay 10434) oder wegen Tob 6,3 bei der Bitte um erfolgreichen Fischfang (London Oriental Ms. 6795).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff. (Art. Engel VIII)
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004 (Art. Engel III. - V.)
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff. (Art. Engel II.)
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Meyer, M. / Smith, R., Ancient Christian Magic. Coptic Texts of Ritual Power, Princeton 1999
  • Nickelsburg, G.W.E., 1Enoch 1. A Commentary on the Book of 1 Enoch, Chapters 1-36; 81-108 (Hermeneia), Minneapolis 2001, 207-210
  • Schüngel-Straumann, H., Tobit (HThKAT), Freiburg / Basel / Wien 2000, 159-160

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Rafael und Tobias (Pietro Perugino; 15. Jh.).
  • Abb. 2 Rafael und Tobias auf der Reise (Andrea del Verrocchio; 15. Jh.).
  • Abb. 3 Rafaels Abschied (Rembrandt; 17. Jh.).

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