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Lexikon

Polis

Andere Schreibweise: (deutsch „Stadt“)

Christoph vom Brocke

(erstellt: Mai 2014)

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1. Begriff und Merkmale

Mit dem griechischen Begriff „Polis“ („Stadt“) sind unterschiedliche Konnotationen verbunden: Etymologisch gesehen bedeutet das Wort ursprünglich „Burg“ und wurde später auf die in ihrem Schutz sich entwickelnde Stadt übertragen. Im klassischen Griechenland (5. / 4. Jh. v. Chr.) gehörte zur Polis nicht nur die ummauerte Siedlung (griech. asty), sondern auch das ländliche Umland, dessen Bewohner mitgezählt wurden.

Daneben fällt dem Begriff eine „politische“ Bedeutung zu, da die Polis im antiken → Griechenland bzw. in den von Griechen besiedelten Territorien die typische Staatsform darstellte. Nicht Territorialverbände oder Königreiche, sondern Stadtstaaten („Poleis“) prägten das Gesicht des klassischen Griechenland. Ihre wesentlichen Merkmale waren politische Selbstverwaltung und Streben nach innerer und äußerer Autonomie. In der Regel beschloss die Bürgerschaft einer Polis ihre eigenen Gesetze. Stimmberechtigt waren der männliche, erwachsene und freie, meist über ein bestimmtes Vermögen verfügende Teil der Bevölkerung der Stadt sowie des dazugehörigen Umlandes. Frauen, Sklaven und Fremde waren von der Entscheidungsgewalt über die Angelegenheiten der Polis ausgeschlossen. In dieser Form wurde der griechische Stadtstaat zur Wiege abendländischer Demokratie.

Die typische Polis verfügte über spezielle politische Organe wie Volksversammlung (ekklesia / demos), Rat (boule) und Magistrate (archontes) sowie über entsprechende Gebäude (z.B. Ratsgebäude- bouleuterion) und Versammlungsplätze, besaß eigene Kalender, Feste, Heiligtümer und Schutzgottheiten, sogar „eigene Wirtschaftsformen und Zahlungsmittel … Doch läßt sich weder die Verwendung des Begriffs p.[olis] strikt an diese Merkmale binden noch waren alle griech. Gemeinden in dieser Form organisiert“ (Rhodes, 23).

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 1 Athen – Agora (Verwaltungszentrum der Polis); im Hintergrund die Akropolis.

2. Entstehung und Geschichte

2.1. Klassische Zeit

Die Polis entwickelte sich in archaischer Zeit (8.-6. Jh. v. Chr.) und wurde durch die griechische Kolonisationsbewegung über den gesamten Mittelmeerraum und die Küsten des Schwarzen Meeres verbreitet. Als Musterbeispiel einer klassischen Polis gilt – obwohl in mancher Hinsicht spezifisch organisiert – die Polis der Athener (nicht Polis von Athen!). Sie verstand sich als ein Gemeinwesen freier Bürger und nicht als administrativer Zusammenschluss einer territorialen Einheit.

2.2. Hellenistische Zeit

In → hellenistischer Zeit wurden im östlichen Mittelmeerraum und darüber hinaus zahlreiche neue Städte gegründet. Geht man für die klassische Zeit – seriösen Schätzungen zufolge – von weniger als 1000 Poleis aus, so steigt diese Zahl bis zum 3. Jh. v. Chr. auf mindestens 1500. Die Neugründungen verstanden die hellenistischen Herrscher im Gefolge → Alexanders des Großen (356-323 v. Chr.) als Mittel der Hellenisierung: die griechisch-makedonische Kultur sollte sich in den eroberten Gebieten → Kleinasiens, → Syriens, → Ägyptens und Persiens dauerhaft durchsetzen und die hellenistische Herrschaft sichern.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 2 Alexander der Große (356-323 v. Chr.).

Diese Poleis waren vielfach mit Privilegien (z.B. Steuerfreiheit) ausgestattet und besaßen zwar die bekannten Organe städtischer Selbstverwaltung (Volksversammlung, Rat, Magistrate), waren aber im Gegensatz zur klassischen Polis Griechenlands nur noch halbautonom: in der Administration städtischer Angelegenheiten frei, aber außenpolitisch abhängig vom jeweiligen Territorialherrscher.

An Bedeutung und Einwohnerzahl übertrafen die hellenistischen Neugründungen die bislang bestehenden Poleis bei weitem. Großzügig angelegt beherbergten sie oft zwischen 30 und 50.000 Einwohner, aber auch Metropolen mit mehr als 100.000 Einwohnern waren keine Seltenheit (Alexandria in Ägypten, Antiochia am Orontes, Seleukia am Tigres etc.).

Die Einwohnerschaft der neuen Städte war gemischt, da sie neben der griechisch-makedonischen Oberschicht auch indigene und zugewanderte Bevölkerungselemente umfasste.

2.3. Römische Zeit

Die → römische Herrschaft veränderte die hellenistische Poliskultur und das System der inneren Selbstverwaltung nicht grundlegend, sondern baute darauf auf. Elemente der römischen Herrschaft (→ Kaiserkult etc.) und des römischen Lebens (Thermen, Arena etc.) wurden großzügig aufgenommen und in das bestehende System integriert. Römische Kaiser wie → Nero (54–68 n. Chr.), → Claudius (41–54 n. Chr.) oder → Hadrian (117–138 n. Chr.) zeigten sich als Freunde griechischer Kultur und gewährten einigen Städten großzügige Privilegien.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 3 Kaiser Nero.

Eine Reihe von Poleis wurde in staatlichen Bauprogrammen vergrößert und monumental ausgestaltet. Besonders Athen profitierte vom Philhellenismus der Römer. Bis in die Spätantike hinein war es für die römische Elite selbstverständlich, ihre Söhne zum Studium nach Athen zu schicken.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 4 Athen - Hadriansbibliothek.

Insgesamt lässt sich sagen, dass die Polis auch unter römischer Herrschaft ihren Charakter bis in die Spätantike hinein bewahren konnte. Erst die Völkerwanderung im Westen und die islamische Expansion im Osten bedeuteten ihr Ende.

3. Städtebau

In städtebaulicher Hinsicht dominierte - insbesondere bei den hellenistischen Neugründungen – das so genannte Hippodamische System (nach Hippodamos von Milet – 5. Jhdt. v.Chr.) mit seinen rechtwinklig zueinander verlaufenden Straßen: „Beiderseits einer breiten Hauptstraße teilen parallel und senkrecht dazu verlaufende Nebenstraßen das Areal in regelmäßige Quartiere auf“ (insulae), „wobei bestimmte Bezirke für öffentliche Anlagen und Gebäude ausgespart“ blieben (Mittmann, 1631f): z.B. für Tempel, für Theater und Bibliothek, für Gymnasium und Stadion – Gebäude, die besonders im nicht-griechischen Umfeld als monumentaler Ausdruck griechischer Lebensart angesehen wurden. Im Zentrum der Stadt lag zumeist die Agora (lat. forum), ein großer, freier Platz, der von Säulenhallen mit sich anschließenden administrativen Gebäuden umgeben war und den Mittelpunkt des öffentlichen Lebens darstellte. Aufgrund geographischer Gegebenheiten wich man bisweilen von diesem Schema ab.

Scan: Christoph vom Brocke

Abb. 5 Stadtplan von Milet (auch online).

Die Römer übernahmen dieses System bei ihren Neugründungen in der Regel. So findet sich das Hippodamische System in römischer Zeit sowohl im Westen als auch im Osten des Imperiums und selbstverständlich auch in Palästina.

4. Die Polis in Palästina

Nach der Eroberung durch Alexander den Großen gehörte → Palästina zunächst zum Herrschaftsbereich der hellenistischen Königreiche der → Ptolemäer (bis 200 v. Chr.) und → Seleukiden (bis 168 v. Chr.), nach 63 v. Chr. zum → Imperium Romanum. In dieser Zeit des hellenistisch-römischen Einflusses wurden in Palästina etwa 30 Städte neu gegründet und nach hippodamischem System angelegt (Fritz, 680). Schon vorhandene Städte wurden umbenannt und hellenistischen Vorgaben entsprechend umgestaltet. So z.B. Apollonia, Gadara, Dion, Gerasa, Paneas, Ptolemais, Philadelphia oder Scythopolis. Hellenistisch-römische Kultur und Bildung hielt in Palästina Einzug, insbesondere in den Städten der Dekapolis, deren Einwohnerschaft überwiegend nicht-jüdisch war. Hier gab es schon früh Thermen und Theater, Hippodrom und Odeon, Marktplätze und Säulenhallen sowie die für eine Polis typischen Organe kommunaler Selbstverwaltung.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 6 Das hellenistisch-römische Scythopolis (Beth Schean).

Unter → König Herodes und seinen Söhnen wurden weitere Städte gegründet (→ Caesarea, Tiberias), deren Grundriss und architektonische Ausgestaltung sich am Stil hellenistischer Poleis orientierte. Wie groß der Einfluß des Hellenismus zur Zeit Jesu in Palästina war, zeigt sich an Jerusalem. Selbst hier im Zentrum des Judentums finden sich Tempel und Theater, sogar ein großes Hippodrom als Zeichen hellenistisch-römischer Lebensart und ein rechtwinkliges Straßensystem in den neu angelegten Stadtvierteln der Oberstadt. Abseits der hellenisierten Städte scheint das Leben dagegen in traditionellen Bahnen verlaufen zu sein. Das gilt insbesondere für die Dörfer Galiläas, in denen sich die Wirksamkeit Jesu abspielte.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 7 Caesarea Maritima - Hippodrom.

5. Das frühe Christentum und die Stadtkultur

„Das Christentum war von Anfang an auch und vor allem eine Stadtreligion“ (Fitschen, 92), obwohl Jesus und seine Jünger vom Lande kamen und sich nahezu ausschließlich im ländlichen Kontext bewegten. Zwar waren die Dörfer → Galiläas von hellenisierten Städten umgeben, in denen griechisch-römische Kultur, Religion und Lebensart gepflegt wurde – vor allem in der Dekapolis, in den Küstenstädten des Mittelmeeres, in Tiberias, in Sepphoris oder Samaria (Sebaste). Doch inwieweit Jesus mit dieser Stadtkultur vertraut war, der er nach dem Zeugnis der Evangelien hin und wieder begegnete, ist umstritten (vgl. z.B. Mt 4,25; Mk 5,20; Mk 7,26; Mk 7,31; Joh 12,20f). Nach Mk 5,20 und Mk 7,31 hat er sich sporadisch im Gebiet der Dekapolis aufgehalten und auch Anhänger aus dieser Gegend gewonnen (vgl. Mt 4,25), aber niemals selbst eine der Städte betreten. Auch seine Verkündigung, insbesondere in den Gleichnissen, zeigt überwiegend ländliches Kolorit.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 8 Sepphoris - Theater.

Dagegen zielt die spätere urchristliche Mission eindeutig auf die Städte: zuerst sind es die „Hellenisten“, dann vor allem der Apostel → Paulus, die die Städte Kleinasiens und Griechenlands zum Ziel ihrer Mission machen. Der Kleinasiate Paulus von Tarsus denkt kosmopolitisch – auch wegen der bevorstehenden Parusie. Nur so kann er das Ziel einer raschen Verkündigung des Evangeliums im Osten des Reiches und weiter über Rom bis nach Spanien erreichen (vgl. Röm 15). Erste Basis für die Mission ist die Metropole → Antiochia (vgl. Apg 13,1ff; Apg 14,26; Apg 15,35; Apg 18,22). Von dort aus bereist er die großen Städte Kleinasiens und Griechenlands. Die Existenz einer → Synagoge bzw. einer jüdischen Gemeinde als Anknüpfungspunkt für seine Mission (vgl. z.B. Apg 17,1; Apg 18,4) dürfte nicht unwichtig gewesen sein, auch wenn sich das aus den Briefen nicht erheben läßt.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 9 Paulus von Tarsus (Philippi – Taufkapelle).

Die paulinische Mission war so erfolgreich, dass sie die Grundlage für eine schnelle Ausbreitung des Christentums schuf. Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich aus den Anfängen einer traditionell dörflich orientierten Bewegung eine das ganze Römische Reich umspannende Religion, deren Basis die Gemeinden der größeren Städte waren.

6. Die Polis im Neuen Testament

6.1. Allgemeines

Im Neuen Testament hat der griechische Begriff πόλις / pólis seine ursprünglich „politische“ Konnotation nahezu verloren und wird als geographische Bezeichnung für geschlossene Siedlungen unabhängig von ihrer politischen Verfassung gebraucht. Polis bedeutet zumeist schlicht „Stadt“. Dabei sind die Grenzen zum Dorf fließend (vgl. Mk 1,38: κωμοπόλις / kōmopólis = „Dorfstadt“).

Der für die Stadt im klassischen Griechenland charakteristische Polis-Gedanke tritt in den Hintergrund, schwingt aber noch mit im Bild vom → himmlischen Jerusalem (vgl. z.B. Gal 4; Hebr 12; Apk 21) bzw. vom himmlischen Gemeinwesen, in dem Christen ihr eigentliches Bürger- und Heimatrecht (vgl. Phil 3,20: πολίτευμα / políteuma) besitzen und sich nicht mehr als Fremde und Beisassen betrachten müssen (vgl. Eph 2,19; ξένοι καὶ πάροικοι / xénoi kai pároikoi; vgl. auch Hebr 11,13).

6.2. Bezeugung

Der Begriff πόλις / pólis findet sich im Neuen Testament insgesamt mehr als 150mal, am meisten im lukanischen Doppelwerk (81mal), im → Matthäusevangelium (26mal) und in der → Offenbarung (27mal). Im → Corpus Paulinum ist das Wort selten: nur 3mal wird es von Paulus selbst gebraucht (Röm 13,26; 2Kor 11,26.32), in den Deuteropaulinen taucht es nur Tit 1,5 auf, im → Hebräerbrief 4mal (Hebr 11,10.16; Hebr 12,22; Hebr 13,14).

In der LXX wird πόλις / pólis über 1500mal als Übersetzung für das hebräische עיר / gebraucht. Beide Ausdrücke sind von ihrem Sinngehalt aber nicht deckungsgleich, da das hebräische עיר relativ undifferenziert auf jede halbwegs befestigte Höhe angewandt werden kann. Die spezifisch politische Konnotation, die das griechische Wort πόλις / pólis hat, ist dem Hebräischen fremd.

6.2.1. Evangelien

In den Evangelien werden die meisten Orte, die in Beziehung zum Auftreten Jesu stehen, als Städte bezeichnet, so z.B. → Nazareth (Mt 2,23; Lk 1,26; Lk 2,4.39; Lk 4,29.31), → Kapernaum (Mk 1,33), → Betsaida (Lk 9,10; Joh 1,44; vgl. auch Mt 11,20;), Sychar (Joh 4,5ff), aber auch Nain (Lk 7,11), → true (Lk 2,4.11) und Arimatäa (Lk 23,52), wobei → Lukas am großzügigsten mit dieser Bezeichnung umgeht. Der Unterschied zwischen Dorf und Stadt scheint wenig relevant. Das zeigt nicht nur die singuläre Formulierung κωμοπόλις / kōmopólis in Mk 1,38, die Lukas in Lk 4,43 durch πόλις / pólis ersetzt, sondern auch die Tatsache, dass einige Orte teils als Stadt, teils als Dorf bezeichnet werden: Betsaida z.B. in Mt 11,20 (zusammen mit Chorazin; vgl. Lk 10,13) und Joh 1,44 als Stadt, in Mk 8,26 aber als Dorf. Tatsächlich verdient keine dieser Ortschaften den Namen Stadt. Dazu waren sie zu klein und ließen jegliche städtische Infrastruktur vermissen. Ähnliches gilt auch für Bethlehem, das nach Mt 2,6 (vgl. Mi 5,1) und Lk 2,4 eine Stadt ist, nach Joh 7,42 aber ein Dorf. Dass der Sohn Gottes in einem unbedeutenden Dorf zur Welt gekommen ist, haben sich Matthäus und Lukas offenbar nicht vorstellen können.

Bei der in Mk 5,14 (vgl. Mt 8,28ff; Lk 8,26ff) erwähnten Stadt am „jenseitigen“ Ufer des Sees Genezareth dürfte es sich um eine „echte“ Polis gehandelt haben, da sie zur Dekapolis gehörte (vgl. Mk 5,20).

Dass Jerusalem aufgrund der Größe und Architektur (mit Stadtmauer etc.) nach dem einhelligen Zeugnis der Evangelien als Stadt bezeichnet wird, ist nicht verwunderlich. Jerusalem ist die „heilige Stadt“ (Mt 4,5) - der Ort, wo Gott nach alttestamentlicher Tradition seinen Namen wohnen lässt (vgl. Mt 3,5; Mt 4,5; Mt 21,10.17; Mt 26,18; Mt 27,53; Mt 28,11; Mk 11,19; Mk 14,13ff; Lk 19,41; Lk 22,10; Lk 23,19; Lk 24,49; Joh 19,20). Aber eine Polis ist die Stadt nie gewesen – von Organen städtischer Selbstverwaltung im griechisch-hellenistischen Sinne wissen wir nichts.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 10 Jerusalem - Westmauer mit Felsendom.

6.2.2. Apostelgeschichte

In der Apostelgeschichte werden – gemäß der programmatischen Ausrichtung auf die Ausbreitung des Evangeliums von Jerusalem über Judäa und Samarien bis „ans Ende der Welt“ (Apg 1,8) – eine ganze Reihe von Städten erwähnt (Jerusalem, Damaskus, Cäsarea, Joppe, Antiochia Syria etc.). Die urchristliche Mission, insbesondere die Mission des Apostels Paulus, konzentrierte sich auf die großen Städte. Die in der Apostelgeschichte überlieferten Missionsreisen berichten von der Predigt des Evangeliums in den Metropolen Kleinasiens (Antiochia Syria, Ephesus etc.) und Griechenlands (Thessaloniki, Beröa, Athen, Korinth). Einige der dort genannten Städte wie Thessaloniki oder Athen waren klassische Poleis und verfügten über Organe städtischer Selbstverwaltung wie Magistrate und Volksversammlung (Apg 17,5: politarchoi und demos; vgl. auch Apg 19,23ff). Andere wie Antiochia Pisidia, Philippi oder Alexandria Troas (vgl. Apg 13,14; Apg 16,12; Apg 20,6) waren so genannte Kolonien (coloniae), Städte römischen Rechts. Das in Apg 21,39 erwähnte Bürgerrecht des Paulus in der kleinasiatischen Polis Tarsus (πόλεως πολίτης / póleōs polítēs) wird in seinen Briefen nicht erwähnt.

Foto: Christoph vom Brocke

Abb. 11 Ephesus - Celsusbibliothek.

6.2.3. Hebräerbrief und Offenbarung des Johannes – die himmlische Polis

Im Hebräerbrief und vor allem in der Offenbarung begegnet die Vorstellung von der himmlischen πόλις / pólis: Schon die → apokalyptische Verkündigung Jesu in den Evangelien rechnet mit dem Untergang des Tempels und Jerusalems (vgl. Mk 13,2; Lk 21,24). So richtet sich die Hoffnung des → Urchristentums auf die kommende Stadt.

Paulus bezeichnet im Zusammenhang der Gesetzesproblematik das „jetzige Jerusalem“ als Jerusalem der Knechtschaft und stellt es dem freien, dem ἄνω Ἰερουσαλὴμ / anō Ierusalēm (Gal 4,26) gegenüber. An anderer Stelle betont er, dass „unser Bürgerrecht“ im Himmel bereitliegt (Phil 3,20).

Im Hebräerbrief wird diese Vorstellung konkretisiert und vom „besseren Vaterland“ (Hebr 11,16: κρείττονος / kreíttonos [sc. πατρίδος / patrídos]) bzw. von der von Gott bereiteten Polis gesprochen, die die Zeugen des alten Bundes bereits von ferne schauten. Diese ist die zukünftige Stadt, der die Christen „entgegenharren“ (Strathmann, 531), weil sie hier keine bleibende Stadt haben (Hebr 13,14: μένουσαν πόλιν / ménousan pólin). Es ist die Stadt des lebendigen Gottes (Hebr 12,22: πόλει θεοῦ ζῶντος / pólei theou zōntos), das himmlische Jerusalem (Ἰερουσαλὴμ ἐπουρανίῳ / Ierusalēm epouránios). Die Namen der Einwohner und Mitglieder der städtischen ἐκκλησία / ekklēsía sind bereits jetzt „aufgeschrieben“.

Plastisch ausgemalt wird das Bild vom himmlischen Jerusalem in der Apokalypse. Nach Apk 21, wo der Begriff πόλις / pólis 10mal (sic!) vorkommt, ist das neue Jerusalem (Apk 21,2: τὴν πόλιν τὴν ἁγίαν Ἰερουσαλὴμ καινὴν / tēn pólin tēn hagían Ierusalēm kainēn) die Stätte, in der die gegenwärtig verfolgte Gemeinde als Sieger versammelt werden wird, da sie schon jetzt das Bürgerrecht an dieser himmlischen Stadt besitzt (Apk 3,12). Tod, Leid und Schmerz werden nicht mehr sein (Apk 21,4) -Seligkeit und Harmonie werden auf ewig herrschen im neuen Jerusalem, das Gott nach neuen Maßstäben mit 12 Toren und 12 Grundsteinen errichten wird (vgl. Apk 21,12ff).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Athen – Agora (Verwaltungszentrum der Polis); im Hintergrund die Akropolis. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 2 Alexander der Große (356-323 v. Chr.). Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 3 Kaiser Nero. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 4 Athen - Hadriansbibliothek. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 5 Stadtplan von Milet (auch online). Scan: Christoph vom Brocke
  • Abb. 6 Das hellenistisch-römische Scythopolis (Beth Schean). Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 7 Caesarea Maritima - Hippodrom. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 8 Sepphoris - Theater. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 9 Paulus von Tarsus (Philippi – Taufkapelle). Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 10 Jerusalem - Westmauer mit Felsendom. Foto: Christoph vom Brocke
  • Abb. 11 Ephesus - Celsusbibliothek. Foto: Christoph vom Brocke
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