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Lexikon

Pisga

Andere Schreibweise: Pisgah ; Phasga

Detlef Jericke

(erstellt: Sept. 2014)

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1. Name

Der Name Pisga wird im Hebräischen immer mit dem Artikel gebraucht: הַפִּסגָּה happisgāh. Er kommt vier Mal in der Wendung „der Gipfel des Pisga“ רֹאשׁ הַפִּסְגָּה ro’š happisgāh (Num 21,20; Num 23,24; Dtn 3,27; Dtn 34,1) und vier Mal in der Fügung „die Abhänge des Pisga“ אַשְׁדֹּת הַפִּסְגָּה ’ašdot happisgāh (Dtn 3,17; Dtn 4,49; Jos 12,3; Jos 13,20) vor. Pisga könnte von der hebräischen Wurzel פסג psg „teilen / durchbrechen“ abgeleitet werden, die jedoch im Alten Testament nur in Ps 48,14 belegt ist und dort meist mit „hindurchgehen“ o.ä. übersetzt wird. Der philologische Befund deutet darauf hin, dass happisgāh ursprünglich die Bezeichnung einer Landschaftsformation war und einen markanten Bergrücken kennzeichnete, der sich zwischen zwei Täler hineinschob („der Durchbruch / der Hindurchgehende“). Erst im Laufe der Überlieferungsgeschichte wurde daraus ein Eigenname. Diese Annahme wird gestützt durch die Rezeption des Namens in griechischen und lateinischen Übersetzungen. Die → Septuaginta (LXX) verwendet an einigen Stellen eine vom Verb λαξεύω laxeuō „in Stein hauen / meißeln“ abgeleitete Form, überwiegend zur Übersetzung der Wendung „der Gipfel des Pisga“ (Num 21,20; Num 23,24; Dtn 3,27), einmal jedoch auch zur Wiedergabe des Ausdrucks „die Abhänge des Pisga“ (Dtn 4,49). An den übrigen vier Belegstellen versteht die LXX Pisga als Eigenname und transkribiert hebräisch happisgāh als Φασγα Phasga. Die Vulgata folgt dem letztgenannten Verständnis und schreibt durchgehend Phasga. → Eusebius verwendet im Onomastikon (Eusebs Onomastikon) der biblischen Ortsnamen ebenfalls die Transkription Φασγώ Phasgō (Onomastikon 18,3; vgl. Schmitt, 278; Notley / Safrai, 18) bzw. Φασγα Phasga (Onomastikon 168,28-29; Notley / Safrai, 158 Nr. 930). Hieronymus nennt den Platz in seiner lateinischen Übersetzung des Onomastikons Fasga. Gleichzeitig verweist er jedoch auf die Praxis der LXX, die den Namen stellenweise mit excisum („das Herausgehauene“) übersetze (Onomastikon 169, 23-24; Notley / Safrai, 158).

2. Biblische Überlieferung

Pisga kommt lediglich in Texten zur Wüstenwanderung Israels und zur Landnahme vor. Der „Gipfel des Pisga“ ist einer der drei Plätze, von denen aus der Seher Bileam Israel segnet (Num 23,14). Der Moabiterkönig → Balak führt → Bileam zunächst an einen Platz namens Bamot-Baal (Num 22,41), von dort an den Pisga (Num 23,14) und schließlich auf den „Gipfel des Peor“ (Num 23,28; → Peor). Nach dem Willen Balaks soll Bileam von diesen exponierten Plätzen aus Israel verfluchen (→ Fluch). Auf Weisung Jhwhs spricht Bileam jedoch jeweils einen Segen. Das Lager Israels befindet sich zu dieser Zeit „in den Ebenen Moabs“ am Nordostende des Toten Meers gegenüber → Jericho (Num 22,1; vgl. Num 26,3; Num 33,49). Bileam sieht von Bamot-Baal und vom Pisga aus jeweils nur einen Teil („ein Ende“; Num 22,41; Num 23,13) des Lagers, während er vom Peor aus das gesamte Lager zu überblicken scheint (Num 24,2). Der „Gipfel des Pisga“ ist außerdem der Platz, von dem aus Mose das versprochene Land sehen darf, in das er selbst nicht gelangt (Dtn 3,27). Diese Szene wiederholt sich kurz vor seinem Tod, als ihm Jhwh auf dem „Gipfel des Pisga“ nochmals das Land in seiner ganzen Ausdehnung zeigt (Dtn 34,1). In diesem Vers wird die Wendung „der Gipfel des Pisga“ als Apposition zu der Ortsangabe „Berg Nebo“ gebraucht. Die Verfasser oder Redaktoren scheinen demnach den Nebo als Teil des Pisga-Massivs verstanden zu haben. Aus literarisch-topographischer Sicht ist „der Gipfel des Pisga“ als Ort des Segens für Israel und als Platz von Moses Landschau eine Landschaftsangabe, der besondere Dignität anhaftet. Dadurch wird das zentrale Ostjordanland, das nach dem → Josuabuch kein Teil des versprochenen Landes Kanaan (Westjordanland) ist (vgl. Jos 22), diesem Land Kanaan weitgehend gleichgestellt. Entsprechend wird der Pisga in gleicher Weise beschrieben wie die im Westjordanland eroberten Orte und Landschaften, indem die „Abhänge des Pisga“ zu den Gebieten gezählt werden, die Israel von den vormals im Land herrschenden Königen, in diesem Fall vom König Sihon, eroberte (Dtn 4,49; Jos 12,3) und anschließend dem eigenen Landanteil, im speziellen Fall dem Stammesanteil Rubens, zuschlug (Dtn 3,17; Jos 13,20).

3. Lage

Die Lage des Pisga ergibt sich einmal aus der Angabe, die „Abhänge des Pisga“ lägen östlich des Toten Meers (alttestamentlich: „Meer der Araba“ oder „Salzmeer“; Dtn 3,17; Dtn 4,49), zum anderen aus der Gleichsetzung des „Gipfels des Pisga“ mit dem Berg Nebo (Dtn 34,1). Die Hinweise führen auf den Bergrücken Rās Siyāġa (Koordinaten 2188.1307; N 31° 46' 04'', E 35° 43' 31''), der die westliche Verlängerung des Bergs Nebo (Ǧebel Nebā, Koordinaten 2207.1300; N 31° 46' 00'', E 35° 43' 30'') bildet (Abel, 379-384; MacDonald, 78; Rösel, 218). Von dort überblickt man weite Teile des westjordanischen Gebirges und das untere Jordantal bei Jericho. Auf dem Nebo selbst entstanden ab dem 4. Jh. n. Chr. Kirchenbauten, ein Klosterkomplex und im 6. Jh. n. Chr. eine Basilika als Erinnerungsstätte an Moses Landschau. Am Nordhang des Rās Siyāġa finden sich mehrere kleine Plätze mit eisenzeitlichem (9.-6. Jh. v. Chr.) und perserzeitlichem (5./4. Jh. v. Chr.) Scherbenbelag (Zwickel, 162-164), u.a. Chirbet ‘Uyūn Mūsā (Koordinaten 2202.1318; N 31° 46' 40'', E 35° 44' 22.5''), wo gern der in der Bileamerzählung neben dem Pisga genannte Berg Peor (Num 23,28) bzw. die nach diesem Berg benannte Ortschaft Bet-Peor lokalisiert werden (Dtn 3,29; Dtn 4,46; Jos 13,20; → Peor mit Karte).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Abel, F.-M., 1933, Géographie de la Palestine. I. Géographie physique et historique (Études bibliques 42), Paris
  • MacDonald, B., 2000, „East of the Jordan“. Territories and Sites of the Hebrew Scriptures (American Schools of Oriental Research, ASOR Books 6), Boston, MA
  • Mittmann, S., 1995, Die Gebietsbeschreibung des Stammes Ruben in Josua 13,15-23, ZDPV 111, 1-27
  • Notley, R.S. / Safrai, Z., 2005, Eusebius, Onomasticon. The Place Names of Divine Scripture. Including the Latin Edition of Jerome Translated into English and with Topographical Commentary (Jewish and Christian Perspectives Series 9), Leiden / Boston, MA
  • Piccirillo, M., 1993, Art. Nebo, Mount, in: NEAEHL III, Jerusalem, 1106-1118
  • Rösel, H.N., 2011, Joshua (Historical Commentary on the Old Testament), Leuven / Paris / Walpole, MA
  • Schmitt, G., 1995, Siedlungen Palästinas in griechisch-römischer Zeit. Ostjordanland, Negeb und (in Auswahl) Westjordanland (BTAVO B 93), Wiesbaden
  • Zwickel, W., 1990, Eisenzeitliche Ortslagen im Ostjordanland (BTAVO B 81), Wiesbaden
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