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Lexikon

Pinhas, Sohn Eleasars

Andere Schreibweise: Pinchas ; Phinehas (engl.) ; Phineas (engl.)

Johannes Thon

(erstellt: Sept. 2007)

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1. Bedeutung

Pinhas (hebr. פִּינְחָס pînəḥās) wird gewöhnlich als ägyptischer Name gedeutet: p3 nḥśj „der Dunkelhäutige / der Nubier“ (Görg; Ranke, I,113. II,139). Sein Großvater mütterlicherseits ist ein sonst nicht genannter Putiël (Ex 6,25). Auch dieser Name zeigt ägyptische Anteile. Dadurch wird von der Herkunft des Pinhas her mit Nachdruck auf Ägypten verwiesen. Das soll ihn entweder in eine Reihe mit anderen wichtigen Personen stellen, deren Namen ähnlich fremd wirken (→ Mose, → Aaron) und vielleicht eine Tradition ägyptischer Namen im Stamm Levi bieten, oder solche Namen sind dem Einfluss einer starken ägyptischen Diaspora zu schulden. Zu beachten ist die Existenz von Judäern in Tachpanhes, der „Nubierburg“ (Jer 43,7-9; Jer 44,1). → Hofni und Pinhas

2. Biblische Überlieferung

Pinhas ist der Sohn → Eleasars und damit Enkel des ersten israelitischen Priesters → Aaron. Noch zu Lebzeiten seines Vaters wird ihm und seinen Nachkommen ein ewiger Priesterbund und ein Friedensbund von Gott her zugesagt; er wird damit – wenn auch nur kurzfristig – weit über seinen Großvater herausgehoben (Num 25,12f.). Der Grund für diese Hochschätzung ist allerdings bei Bibellesern auf extrem geteilte Meinungen gestoßen. Nach der Erzählung in Num 25,1f. diente Israel während der → Wüstenwanderung dem → Baal Peor, so dass Jahwes → Zorn entbrannte und er befahl, alle zu töten, die Baal Peor verehrten. Darauf hin ersticht Pinhas einen Israeliten und eine Midianiterin gleichzeitig mit einem Speer, während diese miteinander Geschlechtsverkehr haben (Num 25,7f.) und wendet damit Jahwes Zorn ab (Num 25,11). Die Erzählung impliziert eine Kritik an Mose, der mit einer Midianiterin, → Zippora, verheiratet war.

Die Auseinandersetzung mit → Midian wird mit dem Vernichtungsfeldzug von Num 31,1f. weitergeführt, in dem die einzige Führerfigur Pinhas ist, der die heiligen Geräte mit sich führt (Num 31,6), wodurch der Krieg als heiliger charakterisiert ist.

Ebenfalls eine Kontrollfunktion hat Pinhas in Jos 22,1f., wo er die Rechtgläubigkeit der ostjordanischen Stämme überprüft. In einem vergleichbaren Zusammenhang tritt er in Ri 20,27f. auf. Er versieht den Dienst vor der → Lade, von der im → Richterbuch nur in dieser kurzen (nachträglich eingefügten) Notiz die Rede ist. Während sie bald danach in → Silo in einem Tempel stehen wird (1Sam 3,3), ist sie hier als prinzipiell mobiles Heiligtum vorgestellt. Diese Vorstellung findet sich auch in einem Septuagintazusatz zu Jos 24,33: Nach dem Tod Eleasars wurde die Lade unter der Priesterschaft des Pinhas umhergetragen. Dieser Zusatz enthält auch eine Todes- und Begräbnisnotiz über Pinhas – was eigentlich Ri 20,27f. widerspricht, wo er noch lebt.

Die Bücher → Esra und → Chronik führen die Linie der Aaroniden über

Pinhas fort und ordnen Zadok und seine Nachkommen darunter ein (Esr 7,5; 1Chr 5,30; 1Chr 6,35). In Esr 8,2 werden die Pinhas-Söhne gleich neben den Söhnen Itamars, seines Onkels, genannt. Es scheint, dass die Systematik der Genealogie sich noch nicht ganz verfestigt hatte. 1Chr 9,20 bezeichnet Pinhas als Vorsteher der levitischen Torhüter – gibt ihm also ein Amt, wie es in Num 3 andere Priester verliehen bekommen haben. Entsprechend der Bundesvorstellung von Num 25 (s.o.) heißt es in 1Chr 9,20, dass „der HERR damals mit ihm war“.

3. Historische Rekonstruktion

Pinhas wird gegenüber seinem Vater → Eleasar deutlich hervorgehoben. Deswegen hat man vermutet, er sei traditionsgeschichtlich die ältere Figur und hinter ihr habe eine konkrete Priesterdynastie gestanden. Jedoch erweisen sich die vermuteten lokalen Bindungen in Jos 24,33 und Ri 20,28 (Wellhausen 135) als literarische Konstrukte. Pinhas ist bei der Neubildung der priesterlichen Genealogie der Aaroniden lediglich als Name von Pinhas, dem Sohn Elis, aufgenommen worden (→ Hofni und Pinhas). Mit seiner Eifertat erhielt er dann freilich einen sehr starken inhaltlichen Akzent, der ihn zum wahrhaft levitischen (weil eifernden) Hohenpriester macht.

4. Rezeption

Rezipiert wird hauptsächlich die Erzählung von Num 25: Ps 106,30f. hebt den sühneschaffenden Charakter seiner Tat hervor und preist sie mit einer Formulierung, die auf Abraham (Gen 15,6) verweist: „es wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet“. Sir 45,23f (Lutherbibel: Sir 45,28-30) rühmt nach Mose und Aaron Pinhas für seinen Eifer. Er erlangte Sühne für Israel, und sein Hohepriesteramt wurde mit einem „Friedens-Bund“ besiegelt.

Da Pinhas vor allem zum Vorbild aller gewaltsamen Eiferer avancierte, leitet Hengel sogar die Bezeichnung „Zeloten“ (dt. „Eiferer“) direkt von Pinhas ab (Hengel, 153-181). Die Tat des Pinhas hat aber auch immer wieder Ablehnung und Unverständnis hervorgerufen. Rabbinische Texte machen auf den Widerspruch zwischen Pinhas’ Rigorismus und seiner zum Teil offenbar nichtisraelitischen Herkunft aufmerksam, indem sie Pinhas Großvater Putiël mit → Jitro, dem midianitischen Schwiegervater des Mose, identifizieren und Pinhas so midianitische Vorfahren zuschreiben (Babylonischer Talmud, Traktat Sota 43a u.ö.; Text Talmud).

Wegen seines Eifers wurde Pinhas mit Elia identifiziert und stieg dadurch im Targum Pseudojonathan zu einem endzeitlich rettenden Hohenpriester auf (PsJon zu Ex 6,18).

5. Modernes Grab

Aus: G. Ebers / H. Guthe, Palästina in Wort und Bild, 1. Band, Stuttgart / Leipzig 1883, 245

Abb. 1 Das Grab des Pinhas in Awerta (das große Kenotaph hinter der Mauer).

Seit dem Mittelalter sind die heute in Awerta (‘awartā) bei Nablus zu sehenden Gräber der Aaroniden bei jüdischen, samaritanischen und muslimischen Schriftstellern belegt. Pinhas’ Grab wurde 1958 beim Bau einer Moschee zerstört (Colpe; vgl → Eleasar).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Colpe, C., Das samaritanische Pinehas-Grab in Awerta und die Beziehungen zwischen Chaḍir- und Georgs-Legende, ZDPV 85 (1969), 162-196
  • Görg, M., Art. Pinhas, in: Neues Bibellexikon III, 2001, 151-152
  • Hengel, M., Die Zeloten (AGJU 1), 2. Auflage, Leiden / Köln 1976
  • Ranke, H., Die Ägyptischen Personennamen, 3 Bände, Glückstadt 1935-1976
  • Thon, J., Pinhas ben Eleasar – der levitische Priester am Ende der Tora (ABG 20), Leipzig 2006
  • Wellhausen, J., Prolegomena zur Geschichte Israels, 6. Auflage, Berlin 1905

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Das Grab des Pinhas in Awerta (das große Kenotaph hinter der Mauer). Aus: G. Ebers / H. Guthe, Palästina in Wort und Bild, 1. Band, Stuttgart / Leipzig 1883, 245

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