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Lexikon

Pentateuchforschung

Thomas Römer

(erstellt: Dez. 2015)

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Kap. 1-5 bieten mit freundlicher Genehmigung des Theologischen Verlags Zürich eine für das Wissenschaftliches Bibellexikon im Internet geringfügig bearbeitete Neupublikation von T. Römer, Die Entstehung des Pentateuch: Forschungsgeschichte, in: T. Römer u.a., Einleitung in das Alte Testament, Zürich 2013, 120-137.

Pentateuch; → Genesis; → Exodus; → Leviticus; → Numeri; → Deuteronomium

Jahwist; → Elohist; → Priesterschrift; → Deuteronomistisches Geschichtswerk; → Deuteronomismus

Die historisch-kritische Exegese und die traditionelle jüdische Exegese teilen eine gemeinsame Voraussetzung: Beide Ansätze verstehen die → Tora (bzw. den → Pentateuch) als das Fundament, auf das sich nicht nur das Verständnis der anderen Teile der Hebräischen Bibel („Propheten“ und „Schriften“; → Kanon) stützt, sondern auch das Verständnis der Offenbarungsgeschichte bzw., wie die kritische Exegese es ausdrücken würde, der Religionsgeschichte Israels (→ Religion Israels). Dies erklärt, warum sich die historisch-kritische Exegese besonders auf die Erforschung des Entstehungsprozesses dieser fünf biblischen Bücher konzentriert hat. Gegen Ende des 19. Jh.s wurde ein umfassendes Erklärungsmodell für die Entstehung der Tora erarbeitet, das zunächst als gesichert rezipiert und eingestuft wurde. Doch ist etwa seit den 1980er Jahren diese vermeintliche Gewissheit einer breiten Skepsis gewichen. Die neuen kritischen Fragen an den alten Konsens haben die Bibelwissenschaft nicht nur in einen Erneuerungsprozess geführt, sondern sie auch gezwungen, sich über ihre eigenen ideologischen Voraussetzungen Klarheit zu verschaffen.

1. Die Anfänge der kritischen Exegese

1.1. Die Frage nach dem Autor

Der Pentateuch als Ganzes ist ein anonymes literarisches Werk, dessen Autor nicht identifiziert werden kann. Jedoch werden innerhalb der Tora zahlreiche Gesetzestexte → Mose zugeschrieben (Ex 24,4; Dtn 1,1; Dtn 4,45 usw.). Dies hat dazu geführt, dass sowohl die jüdische als auch die christliche Tradition in Mose lange Zeit den Autor des gesamten Pentateuch sah (vgl. → Philo von Alexandrien, De vita Mosis, § 84; Mk 12,26; 2Kor 3,15 usw.). Obwohl die Vorstellung von der mosaischen Autorschaft der Tora bis ins 18. Jh. niemals wirklich in Frage gestellt wurde, zeigten sich schon früh die Schwierigkeiten, die diese Theorie mit sich bringt.

An erster Stelle ist hier die Erzählung vom Tod des Mose und von seiner Bestattung durch Gott in Dtn 34 zu nennen. Ist es wirklich denkbar, dass Mose von seinem eigenen Tod erzählte? Einige Rabbinen bezweifelten dies und behaupteten, die letzten Verse des Pentateuch seien durch Moses Nachfolger → Josua hinzugefügt worden (vgl. Babylonischer Talmud, Traktat Baba Batra 14b; Text Talmud). Im Mittelalter fertigten die beiden jüdischen Gelehrten Isaak ben Jesus und → Ibn Esra Listen der sog. postmosaica an, d. h. derjenigen Texte, die offensichtlich erst in späteren Phasen der Geschichte Israels verfasst wurden (so setzt etwa Gen 36,31 die Zeit der Monarchie voraus, und in Num 22,1 wird Transjordanien als das Land jenseits des Jordan bezeichnet, obwohl sich Mose selbst in Transjordanien aufhielt und dort schrieb usw.). Dennoch wagten es auch diese Gelehrten nicht, die überlieferte Tradition offen anzufechten.

Diese Schwelle wurde erst im Tractatus theologico-politicus des jüdischen Philosophen → Baruch de Spinoza überschritten (1670). Spinoza stellte fest, dass der Pentateuch mit den historischen Büchern (Josua bis Könige) eine organische Einheit bildet und folglich nicht vor dem (in 2Könige geschilderten) Ende des Königreichs von Juda entstanden sein kann. Seiner Ansicht nach ist der tatsächliche Autor des Pentateuch → Esra, dem es darum ging, dem jüdischen Volk in persischer Zeit eine Identität zu geben.

1.2. Die Akzeptanz der Diachronie und die Frage nach den Quellen

Neben den offenkundigen Anachronismen innerhalb der Tora hat vor allem die Entdeckung verschiedener Brüche in der Erzähllogik die Exegeten dazu veranlasst, sich der Frage nach den Quellen zuzuwenden, die die Autoren des Pentateuch verwendet haben könnten. Ausgangspunkt war dabei die Feststellung zahlreicher Spannungen und Widersprüche innerhalb der Erzählungen der Tora. So brachte z. B. nach Gen 7,15 Noah jeweils ein Paar jeder Tierart in die Arche, während Gen 7,2 von sieben Paaren aller reinen Tiere spricht. Nach Gen 4,26 verehrte die Menschheit den Gott Israels von Beginn an unter dem Namen „JHWH“, obwohl dieser nach Ex 3,13-15 Israel erst im Zusammenhang mit der Berufung des Mose offenbart wurde. Auch das Verhalten des Pharao angesichts der Ägypten heimsuchenden Plagen wird auf unterschiedliche Weise erklärt: Laut Ex 7,3 ist JHWH derjenige, der das Herz des ägyptischen Königs verhärtet hat, während an anderer Stelle festgehalten wird, dass der Pharao aus freiem Willen verstockt ist (Ex 8,11 u. a.).

Zudem finden sich zahlreiche Doppelungen. So enthält der Pentateuch zwei Schöpfungserzählungen (Gen 1,1-2,3 und Gen 2,4-3,24), zwei Erzählungen vom Bundesschluss zwischen Gott und Abraham (Gen 15 und Gen 17), zwei Erzählungen von der Vertreibung Hagars (Gen 16 und Gen 21,9ff.), zwei Erzählungen von der Berufung Moses (Ex 3f. und Ex 6), zwei Versionen des Dekalogs (Ex 20 und Dtn 5) usw.

Was schließlich die wissenschaftlich-kritische Exegese des Alten Testaments von Beginn an beschäftigte, ist die wechselnde Bezeichnung des Gottes Israels, der in den Texten einmal unter dem Eigennamen „JHWH“, dann unter der allgemeineren Bezeichnung „Elohim“ („Gott“) erscheint. Auf dieser Grundlage entwarfen in der Mitte des 18. Jh.s der deutsche Pfarrer und Orientalist → Henning Bernhard Witter und der Franzose → Jean Astruc, Arzt König Ludwigs XV., erstmals und unabhängig voneinander eine Quellentheorie des Pentateuch. 1753 veröffentlichte J. Astruc seine Conjectures sur les mémoires originaux dont il paroit que Moyse s’est servi pour composer le livre de la Genèse (zeitgenössische deutsche Ausgabe: Muthmassungen in Betreff der Originalberichte, deren sich Moses wahrscheinlicherweise bey Verfertigung des ersten seiner Bücher bedient hat, 1783), die einem apologetischen Ziel dienten. Um die mosaische Autorschaft des Pentateuch zu verteidigen, behauptete Astruc, Mose habe zwei größere Werke verwendet, die „Denkschrift A“ („mémoire A“), welche den Gottesnamen Elohim verwendet und in Gen 1 ihren Anfang nimmt, und die „Denkschrift B“ („mémoire B“), welche den Namen JHWH verwendet und mit Gen 2,4 einsetzt. Damit wurde erstmals eine Art „Quellen-“ oder „Dokumentenhypothese“ vorgeschlagen, eine Theorie, die den weiteren Verlauf der modernen historisch-kritischen Exegese weithin bestimmen sollte.

1.3. Die ersten diachronen Theorien

© public domain (Grafik: Klaus Koenen, 2016)

Abb. 1 Grundmodelle zur Entstehung des Pentateuch.

Nachdem sich die Vorstellung von der Existenz verschiedener „Quellen“ (die apologetische Intention der Arbeit Astrucs geriet bald in Vergessenheit) durchgesetzt hatte, bedurfte es einer Theorie, die erklärte, auf welche Art und Weise diese Quellen so verbunden worden sind, dass sie schließlich den Pentateuch in seiner heute bekannten Gestalt ergeben haben. Seit dem 18. Jh. sind hierzu zahlreiche Vorschläge gemacht worden. Die Publikation von Astrucs Conjectures bildete den Ausgangspunkt für die sogenannte Dokumenten- oder Urkundenhypothese. Dieser Theorie zufolge liegen dem Pentateuch mehrere Erzählstränge zugrunde, die aus verschiedener Zeit stammen und ursprünglich unabhängig voneinander bestanden. Sie erzählen zwar dieselbe Geschichte, jedoch mit jeweils unterschiedlicher theologischer Akzentuierung (hierin den Evangelien des Neuen Testaments nicht unähnlich). Diese Erzählwerke wurden durch mehrere aufeinanderfolgende Redaktoren miteinander verknüpft. Die Schwierigkeiten der Rekonstruktion einzelner Erzählstränge veranlassten andere Forscher dazu, die sogenannte Fragmentenhypothese zu entwickeln. Diese Theorie geht davon aus, dass der Pentateuch auf der Grundlage einer größeren Anzahl von erzählenden und gesetzlichen Texten entstanden ist, die unabhängig voneinander als vereinzelte „Fragmente“ überliefert wurden, ohne dass es zunächst erzählerische Verbindungslinien zwischen ihnen gegeben hätte. Diese Fragmente seien von mehreren Redaktoren zusammengestellt worden, welche auch für den chronologischen Rahmen des Pentateuch verantwortlich waren. Der Versuch, den gesamten komplexen Erzählfaden der Tora als Resultat redaktioneller Bearbeitungen zu erklären, stellte jedoch ebenfalls vor Probleme. Aus diesem Grund wurde schließlich die sogenannte Ergänzungshypothese entwickelt, deren Vertreter von einem zugrundeliegenden Werk ausgingen, das zwar bereits den „Kern“ des Pentateuch enthalten, im Laufe der Jahrhunderte jedoch zahlreiche Ergänzungen erfahren habe. Obwohl viele Forscher diese Theorie für die plausibelste hielten, vermag sie doch die Existenz von Parallelüberlieferungen im Pentateuch kaum zu erklären.

2. Die Weiterentwicklung der Urkundenhypothese

Die Entwicklung des Erklärungsmodells zum Pentateuch, das etwa bis 1970 als maßgeblich galt, ist eng mit dem Namen → Julius Wellhausen verbunden. Auch wenn er die Dokumenten- oder Urkundenhypothese nicht allein erfunden hat, so hat er ihr doch zu neuer Plausibilität verholfen, wie es vor ihm keinem Forscher gelungen war und nach ihm wohl kaum jemandem gelingen wird.

2.1. Die Neuordnung des Gesetzes

Der Gedanke, dass der Pentateuch auf der Grundlage von drei oder vier parallelen Schriften entstanden sein könnte, war schon lange vor Wellhausen ins Auge gefasst worden. Doch war die chronologische Einordnung der verschiedenen Dokumente noch überhaupt nicht geklärt. Die Textabschnitte, die die priesterliche Gesetzgebung enthalten (grosso modo Ex 25-40*; Leviticus; Num 1-10 sowie diejenigen Erzähltexte, die in demselben Stil verfasst wurden), betrachtete man lange Zeit als die ältesten. 1839 stellte der Straßburger Professor Édouard Reuss die These auf, dass sich in den kultischen und priesterlichen Gesetzen offensichtlich eine spätere Epoche der Geschichte Israels spiegelte. Sein Schüler Karl Heinrich Graf lieferte die Begründung für diese These, indem er aufzeigte, dass weder das Deuteronomium noch die prophetischen und historischen Bücher (Josua bis 2Könige) die priesterliche Gesetzgebung in der Gestalt, wie sie in der Tora erscheint, kannten. Daher musste die → Priesterschrift in die exilische oder nachexilische Zeit datiert werden. Diese Neubestimmung der relativen Chronologie der verschiedenen Dokumente bildete einen der Pfeiler, auf denen Julius Wellhausen und Abraham Kuenen ihre Theorie zur Entstehung des Pentateuch errichten konnte.

2.2. Das System von Julius Wellhausen und Abraham Kuenen

Wellhausen, der mit Kuenen in engem Austausch stand, zufolge ist der Pentateuch das Resultat der Zusammenfügung von vier Werken: der Jahwistischen Quelle („J“, benannt nach dem in diesem Werk bevorzugt verwendeten Gottesnamen JHWH; → Jahwist), der Elohistischen Quelle („E“; → Elohist), dem → Deuteronomium („D“) und der sogenannten → „Priesterschrift“ („P“). Im Unterschied zu seinen Nachfolgern blieb Wellhausen jedoch äußerst zurückhaltend gegenüber einer genauen Datierung dieser Werke. Für ihn waren J und E jeweils als Siglen für mehrere Dokumente (J1, J2 usw.). Die Rekonstruktion dieser einzelnen Quellen erschien ihm jedoch so schwierig, dass er sie lieber mit dem zusammenfassenden Kürzel „JE“ bezeichnete (für „Jehowist“). JE datierte er in die Zeit der Monarchie (8. Jh. v. Chr.), D in die Endphase der Monarchie, d. h. in die Zeit → Josias (um 620 v. Chr.), und P verortete er um 500 v. Chr. (Beginn der nachexilischen Zeit). Nach Wellhausen erstrecken sich JE und P bis in das Buch → Josua hinein, wo das aus dem Pentateuch bekannte Thema des „Landes“ in den Erzählungen von der Eroberung des verheißenen Landes gipfelt. Aus diesem Grund spricht man seither von einem „Hexateuch“ (sechs Bücher Genesis bis Josua), wenngleich Wellhausen nicht der Erste war, der eine solche Zusammenführung vorschlug.

2.3. Die Urkunden als Spiegel der Entwicklung des alttestamentlichen Glaubens

Die Urkundenhypothese diente Wellhausen nicht nur als Instrument der literarischen Analyse, sondern auch als Schlüssel zum Verständnis der alttestamentlichen Religionsgeschichte. Seiner Ansicht nach steht jedes dieser Werke für eine entscheidende Etappe dieser Geschichte, weil sie je unterschiedlichen Epochen angehören. So repräsentiert JE die Königszeit, D die josianische Reform (→ Josia; hier folgt Wellhausen der 1805 von → W. M. L. de Wette vorgeschlagenen Identifizierung des ursprünglichen → Deuteronomiums mit dem in 2Kön 22-23 erwähnten Buch) und P die nachexilische Zeit und die „Restauration“. Die von Wellhausen durchgeführte Analyse orientierte sich an verschiedenen Institutionen (wie dem Kultort, den Opfern, den Festen, der Priesterschaft, der Abgabe des Zehnten), für die er jeweils das gleiche Entwicklungsschema nachwies: von der Vielfalt über die Zentralisierung hin zur Ritualisierung. So sprechen die jehowistischen Texte von einer Vielfalt lokaler Heiligtümer in der Königszeit, während in josianischer Zeit in D der Kult zentralisiert und der Tempel von Jerusalem zum einzig legitimen Heiligtum wird (vgl. 2Kön 22-23 und Dtn 12). Die Quelle P setzt diese Zentralisierung bereits voraus und projiziert sie in die Frühgeschichte zurück (vgl. das Wüstenheiligtum, dessen Errichtung in Ex 25-40 als Vollendung der Weltschöpfung dargestellt wird).

Die so rekonstruierte Entwicklung der altisraelitischen Religion bestätigt Wellhausens Überzeugung, dass das Gesetz weder den Ursprung Israels noch den des Pentateuch bildet, sondern dass es vielmehr erst in nachexilischer Zeit zur Grundlage des Judentums wird.

2.4. Ideologische Aspekte in Julius Wellhausens System

Diejenige Epoche der Geschichte Israels, der Wellhausens Hauptinteresse galt, ist zweifellos die der Monarchie, welche sich in JE spiegelt. Darin hat man oft den Einfluss der deutschen Romantik gesehen, doch lässt sich diese Präferenz für die monarchische Zeit noch besser im Kontext der deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 verstehen. In einem Vortrag in Gegenwart des Kaisers, den er sehr verehrte, verglich Wellhausen die Entstehung der israelitischen Monarchie mit der des Deutschen Reiches unter Bismarck. Diese Überbewertung der Königszeit bei Wellhausen ist problematisch, verleitete sie ihn doch dazu, die spätere Geschichte Israels als einen Prozess des Niedergangs zu begreifen, der zu einem ritualistischen und legalistischen Judentum führte und in der nachexilischen Zeit seinen negativen Höhepunkt erlebte.

Die Kritik, die Wellhausen aus den Reihen christlicher und jüdischer Konservativer entgegenschlug, war so heftig, dass er seine Versetzung von der Theologischen Fakultät in Göttingen beantragte und daraufhin semitische Philologie an der Philosophischen Fakultät unterrichtete. Und doch setzte sich in der Forschung sein Erklärungsmodell für die Entstehung des Pentateuch rasch durch.

3. Modifikationen und Vollendung der Urkundenhypothese

Wellhausens Modell für die Entstehung des Pentateuch gründete sich fast ausschließlich auf die Methode der Literarkritik (→ Bibelauslegung, historisch-kritische). In der ersten Hälfte des 20. Jh.s zeigten Vertreter dieses Modells generell die Tendenz, diese Methode überzustrapazieren. Schon bald hat man etwa den Jahwisten in der Folge Wellhausens in J1, J2 usw. aufgeteilt, später auch in L („Laienquelle“) und N („Nomadenquelle“) (G. Fohrer; O. Eißfeldt). Ähnlich ist man auch mit E und P verfahren. Die ständige Vermehrung der Textschichten führte dazu, dass ein Konsens in Einzelfragen zunehmend schwieriger wurde.

3.1. Hermann Gunkel und die „religionsgeschichtliche Schule“

Bereits kurz nach Wellhausen zeichnete sich jedoch eine methodische Neuorientierung innerhalb der historisch-kritischen Exegese ab, die sich dafür aussprach, den (mündlichen) Überlieferungen, die den Texten des Pentateuch zugrunde liegen, und ihren soziologischen Kontexten stärkere Beachtung zu schenken. Dieser Neuansatz ist aufs Engste mit dem Namen → Hermann Gunkels verbunden, der der sogenannten Religionsgeschichtlichen Schule angehörte. Dieser Schule ging es insbesondere darum, exegetische Forschung nicht auf die Rekonstruktion der literarischen Schichten eines biblischen Textes zu beschränken, sondern die Perspektive zu vertiefen, den Texten stärker auf den „Grund“ zu gehen und dabei Traditionen, Ideen und „mythologische Archetypen“ in den Blick zu nehmen, auf denen die Texte basieren.

Die Religionsgeschichtliche Schule war stark geprägt von archäologischen Entdeckungen in Mesopotamien, die assyrisch-babylonische Texte ans Licht brachten (wie das → Gilgamesch- oder das → Atra-Chasis-Epos), welche den Schöpfungs- und Sintfluterzählungen der Genesis erstaunlich nahestanden (→ Schöpfung; → Sintfluterzählungen). Es war damit unmöglich geworden, das erste Buch des Pentateuch zu kommentieren, ohne der Tatsache Rechnung zu tragen, dass ähnliche Erzählungen auch in den Nachbarkulturen überliefert sind.

3.2. Die Hochschätzung der mündlichen Tradition

„Die Genesis ist eine Sammlung von Sagen“: Dies ist der erste Satz und zugleich das Leitmotiv des Genesis-Kommentars von Hermann Gunkel. Er impliziert u. a., dass die „Autoren“ der dem Pentateuch zugrundeliegenden Quellen ihre Erzählstoffe nicht erfunden haben, sondern dass sie in erster Linie Sammler und Herausgeber von volkstümlichen Erzählungen, von Legenden und mündlichen Überlieferungen gewesen sind – in gewisser Weise also die „Brüder Grimm“ des alten Israel.

Für Gunkel gehören die Quellen J, E, D und P bereits einem späten Stadium der Entwicklungsgeschichte des Pentateuch an. Den Ursprung der Erzählwerke bildeten eigenständige Legenden, die ursprünglich aus kurzen Einheiten bestanden. Indem Gunkel so die mündliche Tradition aufwertete, lenkte er das Hauptinteresse der Forschung auf die vorliterarischen Phasen der Entstehung des Erzählmaterials, das der Pentateuch enthält. Doch war mit dieser Umorientierung die Gefahr verbunden, dass Aussagen über Ursprung und Herkunft der Texte gar nicht mehr überprüfbar waren – und damit höchst spekulativ wurden.

3.3. Die Formgeschichte

Möglicherweise hat Gunkel selbst diese Gefahr bereits gesehen, jedenfalls bestand er entschieden auf der Notwendigkeit einer soziologischen und historischen Verortung der Überlieferungen. Die Vorstellung vom Sitz im Leben der biblischen Texte geht damit auf ihn zurück. Sie geht davon aus, dass jeder Text ursprünglich in einer konkreten Kommunikationssituation und einem bestimmten soziologischen Kontext verwurzelt ist, die sich in der Form des jeweiligen Textes widerspiegeln. Gunkel ist damit einer der Begründer der exegetischen Methode der sogenannten Formgeschichte, die er selbst vor allem in seinem Psalmen-Kommentar entwickelt hat. Eben der Formgeschichte ist es zu verdanken, dass sich die historisch-kritische Exegese verstärkt mit den Gesetzestexten des Pentateuch zu beschäftigen begann (→ Bibelauslegung, historisch-kritische).

3.4. Das Hervortreten des vormonarchischen Israel im Rahmen der Urkundenhypothese

Seit Gunkel lässt sich ein wachsendes Interesse am Israel der vormonarchischen Zeit und an dessen religiösen und politischen Institutionen beobachten. Insbesondere die Studie → Albrecht Alts über den „Gott der Väter“ hat hierauf großen Einfluss ausgeübt (→ Vatergottheiten). A. Alt meinte nachweisen zu können, dass sich in bestimmten Erzählungen der Genesis, in denen JHWH als der „Gott der Väter“ dargestellt wird, Spuren einer nomadischen, vorjahwistischen Religion finden. A. Alts Schüler → Martin Noth rekonstruierte die Institutionen der israelitischen Stämme während der Richterzeit, darunter insbesondere die der → Amphiktyonie (sakraler Verband von zwölf Stämmen, die sich den Unterhalt eines gemeinsamen Heiligtums teilten). Dem folgte eine nahezu euphorische Welle weiterer Versuche, alle möglichen → Feste der israelitischen Stammesgeschichte zu rekonstruieren, wie z. B. ein Bundeserneuerungsfest, ein Matzen-Fest (Matzen = ungesäuerte Brote) usw. Allerdings war die Textgrundlage für solche Rekonstruktionen meist äußerst dünn.

Im Bereich der Textanalyse hat das Interesse an den „ursprünglichen Überlieferungseinheiten“ die Frage aufkommen lassen, wie man sich den Entwicklungsprozess von den ursprünglich eigenständigen Erzählungen bis hin zu den Erzählkomplexen, auf die die verschiedenen Autoren des Pentateuch zurückgreifen konnten, im Einzelnen vorzustellen hat.

3.5. Martin Noth und die Überlieferungsgeschichte

Diese Frage wurde von Martin Noth aufgegriffen, der den Versuch unternahm, die Geschichte der im Pentateuch enthaltenen Überlieferungen bis hin zu ihren letzten Redaktionen zu rekonstruieren. Dabei galt sein Hauptinteresse, wie bei Gunkel, den vorliterarischen Stadien der Überlieferungsgeschichte (→ Bibelauslegung, historisch-kritische). Denn auch nach Ansicht Noths hat sich das Wesentliche bereits in vormonarchischer Zeit abgespielt, weshalb der Jahwist, dem die erste schriftliche Quelle des Pentateuch zu verdanken ist, das Vorhandene lediglich neu anordnen musste. Um die Entwicklung von den einzelnen, ursprünglich eigenständigen Legenden hin zu den größeren Überlieferungskomplexen zu erklären, stellte Noth die These auf, dass der Pentateuch auf der Grundlage einiger „Hauptthemen“ entstanden ist, die auf verschiedene Überlieferungskreise zurückgehen. Die ältesten dieser Themen seien das der Herausführung aus Ägypten und das des Zuges in das Land Kanaan gewesen. Weitere Themen wie die Überlieferungen von den Erzvätern, vom Aufenthalt in der Wüste und schließlich von der Offenbarung am Sinai seien dann später um diese ältesten Komplexe herum ergänzt worden. Da diese Anordnung bereits J und E vorgelegen habe, postuliert Noth für diese Quellen eine gemeinsame Grundlage („G“). Obwohl die Ausführungen Noths zum Entstehungs- und Entwicklungsprozess dieser Überlieferungen an vielen Stellen vage bleiben, so geht aus seinen Studien doch zumindest hervor, dass die einzelnen Überlieferungen sich in ihrem theologischen Profil erheblich voneinander unterschieden. Die Arbeiten Noths haben zudem die Bedeutung der Überlieferungsgeschichte als Gegenstand der wissenschaftlichen Exegese des Alten Testaments unterstrichen (→ Bibelauslegung, historisch-kritische).

3.6. Vom Hexateuch zum Tetrateuch

Ein weiterer von Noth eingeleiteter Paradigmenwechsel betraf das Konzept des Hexateuch. Seit Wellhausen war die Forschung davon ausgegangen, dass sich der Einfluss der dem Pentateuch zugrundeliegenden Quellen bis in das Buch → Josua hinein erstreckt; man betrachtete dieses Buch somit als integralen Bestandteil bzw. als Abschluss der Pentateuch-Erzählung. Im Zuge seiner Arbeit an einem Josua-Kommentar musste Noth jedoch feststellen, dass sich das dort enthaltene Material (Erzählungen und Listen) so stark von dem Material der Quellen J, E und P unterschied, dass die Behauptung, diese Quellen seien auch für das Josuabuch genutzt worden, nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Diese Schlussfolgerung führte Noth zu seiner These von der Existenz eines → „Deuteronomistischen Geschichtswerks“, das die Bücher Deuteronomium bis 2Könige umfasse und dem notwendigerweise auch das Buch Josua angehören müsse. Mit dieser Modifikation des Wellhausen’schen Modells galt nun nicht mehr der Hexateuch, sondern ein Tetrateuch (Genesis bis Numeri) als Ausgangspunkt der Tora. Der Pentateuch wäre demnach erst wesentlich später entstanden, als das Deuteronomium vom Deuteronomistischen Geschichtswerk abgetrennt wurde.

3.7. Die Frage nach dem Abschluss der Quellen

Noth und seine Schüler sahen sich im Folgenden mit der Schwierigkeit konfrontiert, die Frage nach dem Schluss der Pentateuch-Quellen, insbesondere dem von J, beantworten zu müssen. Wenngleich das Ende von J (und E) nun nicht mehr im Josuabuch zu finden war, blieb Noth doch davon überzeugt, dass die alten Quellen J und E auch eine Landnahme-Erzählung enthielten (→ Landnahme). Doch wo hätte man eine solche Erzählung nachweisen können? Noth war damit gezwungen anzunehmen, dass der Schluss von J (wie der von E) verlorengegangen oder im Zuge der Verbindung des Tetrateuch mit dem Deuteronomistischen Geschichtswerk entfernt worden sei, da er eine unnötige Dublette zu den Erzählungen des Josuabuches dargestellt hätte. Bereits hier wird deutlich, dass eine solche Erklärung kaum überzeugen konnte.

3.8. Die Vollendung der Urkundenhypothese im Werk Gerhard von Rads

Ohne Übertreibung kann man → Gerhard von Rad als den großen Architekten der „Endfassung“ der Dokumentenhypothese betrachten, wie sie seitdem in wissenschaftlichen Einführungen, aber auch in Werken für ein breiteres Publikum dargestellt wurde. Von Rad gelangt zu einer Neuformulierung der Dokumentenhypothese, welche den Entstehungsprozess des Alten Testaments auf der Grundlage eines „heilsgeschichtlichen“ Modells erklärt, ähnlich der Dialektischen Theologie, von der er stark beeinflusst war. Anders als Noth blieb von Rad skeptisch gegenüber der Vorstellung eines Tetrateuch und hielt daher fest am Hexateuch-Konzept. Er ließ zudem, ebenfalls im Unterschied zu Noth, das Problem der vorliterarischen Phasen der Pentateuch-Entstehung beiseite, um sich stattdessen ganz auf die verschiedenen Quellen und ihre Autoren zu konzentrieren, die er für Theologen im wahrsten Sinne des Wortes hielt. Auf diese Weise wird bei von Rad der Jahwist zum eigentlichen Architekten des Hexateuch, denn er habe aus einer Kernüberlieferung, dem sogenannten „kleinen geschichtlichen Credo“ von Dtn 26,5-9, die Komposition des Hexateuch geschaffen.

Mit seinem Werk verfolgte der → Jahwist in erster Linie ein theologisches Ziel. Er wollte aufzeigen, dass das salomonische Reich die Erfüllung aller Verheißungen und des Werkes JHWHs ist. So erscheint aus der Sicht von Rads Gen 12,1-3 als der programmatische Text des Jahwisten (das „Kerygma“). Die von Abraham empfangenen Verheißungen, in Bezug auf das „große Volk“, Segen und Landbesitz, sind unter Salomo sichtbar Wirklichkeit geworden, und der „große Name“ (Gen 12,2) ist der, der David zugesprochen wird (2Sam 7,9). Obwohl von Rad den Autoren der übrigen Quellen keine dem Jahwisten vergleichbare literarisch-historische Meisterschaft zugestehen wollte, hielt er es dennoch für erforderlich, das „Kerygma“ auch dieser anderen Quellen zu erforschen – eine Aufgabe, der sich in der Folgezeit andere, ebenfalls von der Barth’schen Theologie geprägte Exegeten gewidmet haben.

3.9. Das „kanonische“ Modell der Urkundenhypothese in den 1960er Jahren

© public domain (Grafik: Klaus Koenen, 2016)

Abb. 2 Die klassische Urkunden- oder Dokumentenhypothese.

Im Anschluss an von Rad lässt sich der Forschungskonsens bezüglich der vier Pentateuch-Quellen folgendermaßen zusammenfassen:

Jahwist (J):

Datierung: um 930 v. Chr. (Epoche Salomos).

Textumfang: von Gen 2,4 bis Jos 24 (?; alternativ: Ende nicht erhalten).

Schlüsseltexte: Gen 12,1-3; Ex 19,3ff.

Theologie: Begründung des davidischen Reiches; Gott begleitet den Menschen trotz dessen Schwächen und erfüllt seine Verheißungen.

→ Elohist (E):

Datierung: um 850-750 v. Chr., im Nordreich.

Textumfang: von Gen 15* (?) bis ?.

Schlüsseltexte: Gen 20-22.

Theologie: die „Furcht Gottes“; E steht dem prophetischen Milieu nahe und betont das ethische Verhalten, das sich aus der Gottesfurcht ergibt.

Deuteronomium:

Datierung: um 750-620 v. Chr., vielleicht ursprünglich aus dem Nordreich, später von Flüchtlingen an den Jerusalemer Hof gebracht.

Textumfang: Dtn 5-30.

Schlüsseltexte: Dtn 6,4ff.

Theologie: Bund, Gehorsam gegenüber dem Gesetz und ausschließliche JHWH-Verehrung.

Priesterschrift (P):

Datierung: um 550 v. Chr., während oder nach dem Exil.

Textumfang: von Gen 1 bis Dtn 34* (?; alternativ: irgendwo in Jos).

Schlüsseltexte: Gen 1; Gen 17; Ex 6.

Theologie: Herrschaft und Heiligkeit JHWHs; den kultischen Institutionen und der priesterlichen Mittlerrolle wird große Bedeutung beigemessen.

4. Widerspruch gegen die Urkundenhypothese

4.1. Die Wegbereiter der Kritik

Anfechter der Dokumentenhypothese gab es bereits von Beginn an in bestimmten fundamentalistisch geprägten Kreisen. Im Rahmen der historisch-kritischen Exegese bezog sich der Einspruch zunächst im Wesentlichen auf den → Elohisten. Diese Quelle hatte Forscher seit jeher vor besondere Probleme gestellt, da sie nur schwer zu rekonstruieren war und man sich nie auf ihren genauen Umfang hatte einigen können. So sprach man bald nur noch von „elohistischen Fragmenten“, und in den 1930er Jahren wurde die Existenz der Quelle gar völlig bestritten (P. Volz; W. Rudolph).

Im Gegensatz zu E wurde die Existenz priesterlicher Texte im Pentateuch niemals in Frage gestellt. Der Charakter und die Datierung der Quelle P hingegen waren Gegenstand leidenschaftlicher Debatten. Mehrere Forscher, darunter insbesondere F.M. Cross, betrachten P nicht als ein ursprünglich eigenständiges Werk, sondern als redaktionelle Schicht, die ältere Schriften in das priesterliche Werk integriert hat. Auch die Datierung von P war umstritten. Viele jüdische Forscher vertraten für die priesterlichen Texte eine vorexilische Datierung (besonders Kaufmann), vor allem mit dem Argument, dass für die Königszeit die Existenz von Priestern und von Kult- und Opfervorschriften sicher vorauszusetzen sei.

4.2. Gründe für das Infragestellen der Urkundenhypothese Mitte der 1970er Jahre

Zwischen 1975 und 1977 erschienen drei Bücher, die auf ihre je eigene Weise dazu beitrugen, dass sich der exegetische Konsens über die Entstehung des Pentateuch zerschlug: (a) J. Van Seters, Abraham in History and Tradition; (b) H.H. Schmid, Der sogenannte Jahwist; (c) R. Rendtorff, Das überlieferungsgeschichtliche Problem des Pentateuch. Gleichwohl gingen ihnen zahlreiche Studien zu Detailfragen voran, in denen sich bereits wichtige Änderungen der Perspektive abzeichneten.

4.2.1. Die Kritik an der Rekonstruktion des vormonarchischen Israel

Zahlreiche Studien ließen erkennen, dass die Rekonstruktion der Institutionen und der Religion des vormonarchischen Israel überaus unsicher und fragil war. Im Hinblick auf die Erzväter-Erzählungen wiesen B. J. Diebner und andere nach, dass der in der Genesis erwähnte „Gott der Väter“ sowie das Motiv der Väter-Verheißungen keinesfalls einem Typ nomadischer Religiosität zuzuordnen sind, sondern auf der literarischen Ebene erklärt werden müssen, als erzähltechnische Mittel, mit deren Hilfe die Redaktoren die verschiedenen Väterfiguren (Abraham, Isaak, Jakob) miteinander zu verbinden suchten. In soziologischer Hinsicht könnte der „Gott der Väter“ eine gewisse Volksfrömmigkeit widerspiegeln, die aber dann der Königszeit bzw. der nachexilischen Zeit zuzuordnen wäre. Die Studie von J. Van Seters (1975) stellte die Vorstellung einer „Erzväterzeit“ im 2. Jahrtausend v. Chr. endgültig in Frage, indem sie die Abraham-Traditionen und ihre Verschriftlichung in die Zeit des babylonischen Exils datierte.

4.2.2. Die Entdeckung deuteronomistischer Stilistik und Theologie in den „alten Quellen“

Seit den 1960er Jahren erschienen mehrere Studien, die aufzeigten, dass die angeblich „jahwistischen“ Texte Merkmale aufwiesen, die sie stilistisch und theologisch in die Nähe des Deuteronomiums rückten. Wichtig war in diesem Zusammenhang vor allem eine Arbeit Lothar Perlitts, die aufzeigte, dass die Texte, welche eine Theologie des → Bundes zwischen JHWH und Israel entwickeln, nicht J/E zuzuweisen, sondern als „deuteronomisch“ zu betrachten und um das 7. Jh. v. Chr. zu datieren sind. So hat etwa der gewöhnlich dem Jahwisten zugeschriebene Vers Ex 19,5 („Wenn ihr nun auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet von allen Völkern ihr mein Eigentum sein …“) Parallelen im Deuteronomium (vgl. Dtn 28,9 und Dtn 7,6). Deshalb haben es einige Forscher seither vorgezogen, von einer deuteronomistischen Redaktion des Pentateuch zu sprechen (→ Deuteronomismus), während andere, die an dem hohen Alter der betreffenden Textstellen festhalten wollten, den (problematischen) Begriff „protodeuteronomisch“ einführten. Die Studie von H.H. Schmid suchte schließlich systematisch nach Elementen deuteronomischer Sprache in der Quelle J und rückte diese Quelle als Ganze in die Nähe des Deuteronomiums.

4.2.3. Das wachsende Unbehagen am bestehenden Konsens

Die Risse in der Fassade des Konsenses traten immer deutlicher zutage. Man war sich immer weniger im Klaren über Anfang und Schluss der verschiedenen Quellen. Es gab zudem kaum handfeste Kriterien für die Unterscheidung zwischen J und E und noch weniger für deren Datierung. Dieses Unbehagen gegenüber der Dokumentenhypothese drückt sich sehr deutlich in dem Ansatz R. Rendtorffs aus, der in der Konsequenz die zentrale Bedeutung hervorhob, die dem Text in seiner vorliegenden Gestalt zukommt.

4.3. John Van Seters: Eine radikalisierte Ergänzungshypothese

In seinem Buch Abraham in History and Tradition stellt John Van Seters fest, dass die Mehrzahl der in Gen 12-25 enthaltenen Überlieferungen den historischen Kontext des 6. Jh.s v. Chr., also die exilische Zeit, widerspiegeln. In gewisser Weise stellt Van Seters’ Erklärungsmodell eine radikalisierte Neufassung der Ergänzungshypothese dar: Seiner Ansicht nach entstand der Pentateuch auf der Grundlage eines einzigen Erzählstrangs, der als Werk von J (eines exilischen Jahwisten) zu betrachten ist und in der Folgezeit durch P vervollständigt wurde. Diese priesterliche Redaktion ist bei Van Seters mit der „Endredaktion“ des Pentateuch zu identifizieren (an diesem Punkt steht er der Theorie F. M. Cross’ sehr nahe). Den Ursprung der Überlieferung bildeten einige „protojahwistische“ und „elohistische“ Texte, die der Jahwist in seinem Erzählwerk aufgenommen hat. Der Jahwist kommt damit als eigentlicher „Autor“ des Pentateuch in den Blick. Dieses Modell steht dem Modell von Rads nahe, allerdings mit dem Unterschied, dass der Van Seters’sche Jahwist nicht am Hof Salomos verortet wird, sondern in der Zeit des babylonischen Exils.

4.4. Hans Heinrich Schmid: Die Verwandlung des Jahwisten in einen Deuteronomisten

Auch Hans Heinrich Schmids Interesse war in erster Linie auf die Analyse des sogenannten Jahwisten gerichtet. Den Ausgangspunkt seiner Untersuchung bildeten die „jahwistischen“ Texte, wie sie von Noth abgegrenzt worden waren. Schmid analysierte diese Texte bezüglich ihres Stils, ihres Vokabulars und ihrer Thematik, wobei er zu folgenden Ergebnissen kam: Alle untersuchten Texte von J setzen die klassische Prophetie des 8. und 7. Jh.s v. Chr. voraus und zeigen zudem enge Verbindungen zur deuteronomischen Literatur. So ist nach Schmid die Erzählung von der → Berufung des → Mose in Ex 3,10ff. eine zusammenfassende Wiederholung der Berufungserzählungen Jeremias (Jer 1) und Ezechiels (Ez 2). Indem der Autor von Ex 3 diese Berufungserzählungen (die aus dem 6. Jh. v. Chr. datieren) nachgestaltet, stellt er Mose als den Propheten par excellence dar. Die in Exodus und Numeri enthaltenen Erzählungen vom Ungehorsam des Volkes in der Wüste sind nach demselben Schema von Vergehen und Bestrafung aufgebaut (→ murren), das sich auch in der deuteronomistischen Geschichtsschreibung findet (vgl. Ri 2,6ff.). Schmid gibt auch zu bedenken, dass sich die meisten „jahwistischen“ Überlieferungen, die auch außerhalb des Pentateuch bezeugt sind, ausschließlich in exilischen oder nachexilischen Texten finden. Aus all dem zieht er die Schlussfolgerung, dass die sogenannten „jahwistischen“ Texte um die Exilzeit herum entstanden sein müssen und in der Nähe des deuteronomistischen Milieus zu verorten sind.

Da Schmid keine klaren Aussagen über die Beziehung zwischen seinem deuteronomistischen „Jahwisten“ und dem Deuteronomistischen Geschichtswerk (DtrG) getroffen hat, hat sich sein Schüler Martin Rose in einer Studie mit dem programmatischen Titel Deuteronomist und Jahwist dieser Aufgabe angenommen. Um die Beziehung zwischen beiden Textkorpora näher zu bestimmen, verglich Rose die Anfangstexte des Deuteronomistischen Geschichtswerks mit den J/E-Texten des Tetrateuch, die sich auf dieselben Überlieferungen beziehen, z. B. die Geschichte von den → Kundschaftern in Num 13-14* und Dtn 1,19ff. Nach Rose belegen diese Vergleiche das höhere Alter der Texte des Deuteronomistischen Geschichtswerks. So gibt es im Falle der Kundschafter-Erzählung in Dtn 1 kein Pendant zu dem in Num 14 überlieferten Fürbittengebet des Mose, und die Aussage von Dtn 1,37 (Zorn JHWHs gegen Mose) wäre nicht möglich gewesen, wenn Num 13-14 (J/E) dem Autor als Vorlage gedient hätte. Darüber hinaus erscheint das Motiv von Num 14,25 (Rückkehr zum Schilfmeer) im Kontext von Num 13-14 zwar als unpassend, erhält in Dtn 1,40; Dtn 2,1 aber durchaus seinen Sinn. Für J muss also eine spätere Datierung vorausgesetzt werden als für die erste Fassung des Deuteronomistischen Geschichtswerks.

Diese These wird auch von Van Seters vertreten, der den Jahwisten als einen „Historiker“ betrachtet, der nach dem Beispiel seiner griechischen Kollegen (Herodot, Hellanikos) die verschiedenen Gründungsüberlieferungen Israels zusammenstellte (→ Geschichte / Geschichtsschreibung) und nach einem dreiteiligen Schema anordnete: mythologische Anfänge (Gen 1-11), Zeit der Heroen (Gen 12-50), Entstehung des Volkes (Exodus bis Numeri). Während Van Seters und Rose darin übereinstimmen, dass J als „Prolog“ zum → Deuteronomistischen Geschichtswerk zu betrachten ist (was im Übrigen das schwierige Problem des Endes von J löst), vertritt Rose eine „theologischere“ Sichtweise der Funktion dieses Prologs als Van Seters. Roses Auffassung nach geht es nämlich J darum, das im Deuteronomistischen Geschichtswerk propagierte Gesetzesverständnis, wonach der Gehorsam gegenüber dem Gesetz das Glück des Menschen garantiert (Dtn 28), zu korrigieren: Für J ist der Mensch schlicht unfähig, die göttlichen Gebote einzuhalten (vgl. Gen 3).

4.5. Rolf Rendtorff: Die Ablehnung der Urkundenhypothese und Renaissance der Fragmentenhypothese

Dem Werk Rolf Rendtorffs kam in der Krise der Pentateuch-Forschung entscheidende Bedeutung zu, weil dieser zum einen die Unstimmigkeiten und Schwächen der Urkundenhypothese schonungslos und mit viel Ironie aufdeckte und weil er zum anderen ein alternatives Modell entwickelte, das insbesondere Argumente von Noth aufgriff. Demnach setzt sich der Pentateuch in seiner vorliegenden Gestalt aus mehreren „größeren Einheiten“ zusammen, die in sich jeweils hohe Kohärenz aufweisen, zwischen denen es aber kaum Verbindungslinien gibt. Es handelt sich dabei um folgende Einheiten: die Urgeschichte (Gen 1-11), die Erzväter (Gen 12-50), der Auszug aus Ägypten (Ex 1-15), der Sinai (Ex 19-24; Ex 32-34), der Aufenthalt in der Wüste (Ex 16-18; Num 11-20), die Eroberung des Landes (Numeri und Josua). Alle diese Einheiten seien über einen langen Zeitraum hinweg unabhängig voneinander überliefert worden, und jede habe dabei einen eigenen Redaktionsprozess durchlaufen, bevor sie zueinander in Bezug gesetzt wurden. Rendtorff versucht diese These anhand der Väter-Erzählungen zu begründen, und zwar mittels einer Analyse der Verheißungen. Diese Verheißungen (von Land, Nachkommenschaft, Beistand, Segen) sind seiner Ansicht nach der redaktionelle „Mörtel“, mit dem die drei Erzväter in eine genealogische Verbindung zueinander gebracht wurden. Die These von der langen Eigenständigkeit des Väter-Zyklus wird auch durch die an Mose ergehende Landverheißung in Ex 3,8ff. bestätigt, die keinerlei Anspielung auf die entsprechenden Verheißungen an Abraham, Isaak und Jakob aufweist. Diejenige Redaktion, die erstmals eine Verbindung zwischen allen großen Überlieferungseinheiten herstellt (abgesehen von der Urgeschichte), identifiziert Rendtorff als eine Redaktion „deuteronomischer“ Prägung, die in Texten wie Gen 50,24; Ex 13,5.11; Ex 33,1-3; Num 11,12; Num 14,23; Num 32,11 greifbar wird. Die priesterlichen Texte betrachtet er als eine redaktionelle Schicht, nicht als ursprünglich eigenständige Schrift (wie Van Seters).

Der Ansatz Rendtorffs wurde von seinem Schüler Erhard Blum weitergeführt und modifiziert. Zunächst konnte Blum in einer umfassenden Untersuchung der Väter-Geschichten (Gen 12-50) Rendtorffs These bestätigen, dass der Überlieferungskomplex Gen 12-50 einen langen Redaktionsprozess durchlaufen haben muss, bevor er mit den anderen Überlieferungen des Pentateuch in einen Zusammenhang gebracht wurde. Diese Verbindung vollzog sich im Rahmen der von ihm so bezeichneten D-Komposition, die in die frühnachexilische Zeit gehört und Stil und Theologie der Deuteronomisten sehr nahe steht. Später machte Blum in seinen Studien zur Komposition des Pentateuch den Vorschlag, den gesamten Pentateuch als Resultat einer Zusammenfügung zweier nachexilischer Kompositionen zu betrachten: einer deuteronomistischen Komposition (KD) und einer priesterlichen Komposition (KP). Im Hinblick auf die von Rendtorff identifizierten „größeren Einheiten“ stellte er fest, dass sich diese innerhalb von Exodus bis Numeri weniger scharf voneinander abgrenzen lassen und dass sich der deutlichste Einschnitt zwischen der Väter- und der Exodus-Überlieferung findet.

Trotz aller Unterschiede weisen die Ansätze von J. Van Seters, H. H. Schmid, R. Rendtorff und ihren Schülern viele Gemeinsamkeiten auf. So stimmen die von ihnen entwickelten Erklärungsmodelle sowohl darin überein, dass der exilischen und nachexilischen Zeit entscheidende Bedeutung in der Entstehungsgeschichte des Pentateuch zukommt, als auch darin, dass die meisten nichtpriesterlichen Texte bereits die deuteronomistische Literatur vorauszusetzen scheinen.

Seit der Problematisierung und Ablehnung der Dokumentenhypothese ist bis heute kein neuer Konsens gefunden worden. Es gibt verschiedene, nebeneinander bestehende Deutungsansätze, ohne dass man sicher sagen könnte, welche davon eine Außenseiterposition darstellen und welche mehrheitsfähig sind. Insofern kann es an dieser Stelle nur darum gehen, die verschiedenen Theorien vorzustellen, die in der gegenwärtigen Pentateuch-Forschung diskutiert werden.

5. Die Situation der Pentateuch-Forschung seit den 1990er Jahren

5.1. Die Beibehaltung der traditionellen Urkundenhypothese

Es wäre falsch anzunehmen, dass die Dokumentenhypothese heutzutage aus der exegetischen Diskussion völlig verschwunden wäre. Sie hat nach wie vor nicht wenige Anhänger, auch wenn deren Theorien sich im Detail voneinander unterscheiden und man sich auch nicht immer darüber einig ist, in welcher Form die traditionelle Hypothese aufrechterhalten werden kann und soll.

Einige Forscher wie z. B. Werner H. Schmidt sind weiterhin von der Richtigkeit des von Rad’schen Modells überzeugt und verteidigen die Vorstellung von einem salomonischen Jahwisten. Andere bevorzugen eine Rückkehr zu Wellhausen, äußern sich skeptisch gegenüber einer genauen Datierung von J in salomonische Zeit und erkennen auch die Schwierigkeiten einer klaren Trennung zwischen J und E an, wobei sie dann das Hauptgewicht auf den „Jehowisten“ legen (so vor allem H. Seebass). Wieder andere halten an der These eines Jahwisten fest, der zu Beginn der Königszeit tätig war, tragen aber zugleich dem Umstand Rechnung, dass zahlreiche bislang J zugeschriebene Texte eher einer späteren Etappe der Pentateuch-Redaktion angehören. E. Zenger und P. Weimar gehen von jehowistischen (zwischen 722 und 587 v. Chr.) und deuteronomistischen (ab 587 v. Chr.) Redaktionen aus, die die Mehrzahl der „großen“, klassischen J-Texte wie Gen 12,1-3; Ex 32* usw. umfassen. Nach E. Zenger haben die jehowistischen Redaktoren in Genesis bis Numeri ein großes vorexilisches Jerusalemer Geschichtswerk geschaffen, welches später, in exilischer Zeit, einer gründlichen deuteronomistischen Revision unterzogen wurde. In der neueren Forschung ist der salomonische Jahwist somit mehr und mehr zu einer Schattenfigur geworden, und für die ihm zugeschriebenen Texte würde mittlerweile ein einziges Papyrusblatt bzw. eine Schafshaut ausreichen. In den USA bezeichnen sich Forscher wie John A. Baden in der Nachfolge von B. Schwartz als „Neo-Documentarians“ und verteidigen eine sehr mechanische Urkundenhypothese, ohne sich jedoch auf geschichtliche Kontexte festlegen zu wollen.

5.2. Eine Zwei-Quellen-Theorie

Heutzutage betrachten viele Autoren den Pentateuch oder vielmehr den Tetrateuch als Ergebnis der Verschmelzung der beiden, jeweils in exilische Zeit datierten Dokumente J und P. Neben O. Kaiser und M. Rose vertritt vor allem auch Ch. Levin diese Theorie (→ Jahwist). Für diesen ist J ein in der Diaspora lebender Redaktor und Theologe, der in seinem Werk verschiedene ältere Quellen verarbeitet hat. Als Vertreter einer Volksfrömmigkeit polemisiert er gegen die deuteronomistische Ideologie des zentralen Heiligtums. P ist für ihn ein eigenständiges Werk, das in persischer Zeit und in Kenntnis von J redigiert wurde, und zwar mit dem Ziel, J zu ersetzen. Die Endredaktion war dann darum bemüht, beide Werke so vollständig wie möglich zu erhalten, indem sie auf eine J-Erzählung die entsprechende Parallele bei P folgen ließ oder umgekehrt. Nach Auffassung Levins sind mehr als die Hälfte der im Pentateuch enthaltenen Texte späte Hinzufügungen zu J oder P bzw. Ergänzungen, die erst nach der Zusammenstellung von J und P hinzutraten.

5.3. Eine Kompositions- und Konflikttheorie

Ein weiteres, von Blum ausgearbeitetes Erklärungsmodell, das mit einigen Modifikationen von R. Albertz, J. Blenkinsopp, F. Crüsemann und anderen übernommen wurde, geht ebenfalls davon aus, dass die nachexilische Zeit die entscheidende Phase in der Entstehung des Pentateuch war. Aber im Unterschied zur vorangehenden Theorie, die einen späten, durch ein Dokument oder eine Redaktion P ergänzten Jahwisten postuliert, betrachtet dieses Modell den Pentateuch als Ergebnis eines kontroversen Dialoges zwischen den beiden Schulen D und P. Nach Blum wurde die deuteronomistische Komposition (KD) mit dem Abraham-Zyklus eröffnet, während sich ihr Ende gewissermaßen in 2Kön 25 findet, da Blum sie als Prolog zum Deuteronomistischen Geschichtswerk versteht. Nichtsdestotrotz markiert Dtn 34,10 eine tiefe Zäsur, die den Büchern Genesis bis Deuteronomium als „Tora des Mose“ eine deutliche Eigenständigkeit bzw. einen höheren Rang (im Vergleich zu den folgenden Büchern) verleiht. Die Intention der deuteronomistischen Komposition (KD) lässt sich dann wie folgt zusammenfassen: An die Gola gerichtet, will das Werk an die Abraham- und die Exodus-Geschichte und damit an die beiden Pfeiler erinnern, auf denen die Beziehung zwischen JHWH und Israel beruht, und dabei deutlich machen, dass diese auch die Katastrophe des Exils überdauern. Die deuteronomistische Komposition (KD) wird dabei auf älteres gesetzliches und erzählerisches Textmaterial aus der Zeit vor dem Exil zurückgegriffen haben. Wenn die priesterliche Komposition (KP) auch als Redaktion der deuteronomistischen Komposition (KD) zu betrachten ist, hat sich die priesterliche Schule doch auch auf Schriften gestützt, die ursprünglich als eigenständige Werke existierten (die priesterliche Version der Sintfluterzählung innerhalb von Gen 6-8; die Version des Plagen-Zyklus in Ex 7ff.; die Erzählung vom Überqueren des Meeres in Ex 14 usw.). Kult und Institutionen werden von der priesterlichen Komposition (KP) als Gaben JHWHs dargestellt, die Israel nach der Sintflut die Wiederherstellung der Nähe Gottes erfahren lassen. Neben der deuteronomistischen Komposition (KD) und der priesterlichen Komposition (KP) identifiziert Blum weitere redaktionelle Hinzufügungen, die entweder der deuteronomistischen oder der priesterlichen Ideologie nahestehen und den kontinuierlichen Dialog zwischen diesen beiden Schulen dokumentieren. Die Stärke dieses Modells besteht darin, aufgezeigt zu haben, dass der Pentateuch das Resultat eines Zusammenspiels zweier theologischen Schulen ist. Offen bleibt jedoch die Frage, ob wirklich sämtliche Texte der Tora einer der beiden von Blum vorausgesetzten Kompositionen zugeordnet werden können. Muss man nicht die Tatsache berücksichtigen, dass einige Texte weder Spuren deuteronomistischer noch priesterlicher Redaktion aufweisen? Diese Beobachtung, die insbesondere die Erzeltern-Erzählungen der Genesis betrifft, führt uns zu der aktuellen Debatte über die Entstehung des Pentateuch, die im folgenden Kapitel dargestellt wird. Erwähnt sei an dieser Stelle, dass Blum seine Vorstellung von der deuteronomistischen Komposition (KD) später modifiziert hat und diese nun erst mit der Mose-Geschichte beginnen lässt (Ex 3), was der Wiederentdeckung der literarischen und theologischen Unterschiede zwischen den Väter-Erzählungen und denen des Exodus Rechnung trägt.

6. Die aktuellen Diskussionen

In der europäischen Forschung zeichnet sich vielerorts eine Rückkehr zur Fragmentenhypothese ab, die eine Verbindung von ursprünglich selbstständigen Überlieferungsblöcken frühestens seit der späten Königszeit (nach 650 v. Chr. „Münsteraner Pentateuchmodell“) oder sogar erst in exilischer (Otto; Kratz) oder in persischer Zeit (Blum; Gertz) annimmt.

Gegenüber der Urkundenhypothese, in der im Gefolge von Rads der Jahwist als „Erfinder“ des Penta- bzw. Hexateuchs angesehen wurde, heben neuere Studien die Bedeutung von verschiedenen eigenständigen Sammlungen für die Entstehung des vorpriesterlichen Materials hervor. Während die im Erzeltern-Zyklus Gen 12-36* erhaltene Tradition die Ursprünge des Volkes Israels auf die Ansiedlung der ältesten Vorfahren im Land Kanaan zurückführt, findet die Exodus-Überlieferung diese im Auszug aus Ägypten: Der genealogischen Vorstellung vom Ursprung Israels in der Genesis steht mit der Exoduserzählung eine Erwählungsvorstellung „prophetisch-deuteronomistischer Art“ entgegen, welche die Identität Israels nicht aus der Abstammung, sondern aus der Befreiung aus Ägypten (→ Exodustradition) ableitet und mit dem Gehorsam gegenüber dem Gesetz verbindet (de Pury; K. Schmid). Die Zusammenfügung der allmählich gewachsenen Patriarchengeschichte mit den Mosetraditionen wird einer exilischen vorpriesterlichen Redaktion (Kratz), einem exilischen Jahwisten (Levin) oder aber der Priesterschrift (Römer; K. Schmid; Gertz; Otto) zugeschrieben. Die Existenz einer vorexilisch überlieferten Jahwistischen, Elohistischen bzw. Jehowistischen Quellenschrift wird breit in Frage gestellt (Gertz; K. Schmid; Witte u.a.), findet aber bisweilen auch noch Verteidiger (Graupner; Yoreh), insbesondere bei den sog. Neo-Documentarians in den USA (Baden; Stackert; → Elohist; → Jahwist).

Die zentralen Diskussionspunkte der neueren Pentateuchforschung lassen sich in folgenden Fragen zusammenfassen (Römer 2004; 2014):

a) Welchen Umfang und Charakter sowie welche Funktion haben die priesterlichen Texte des Pentateuch (→ Priesterschrift)?

b) Gibt es triftige Gründe für die Hexateuchhypothese, d.h. für die Annahme eines ursprünglichen literarischen Zusammenhangs der Patriarchen- und Exoduserzählung mit der Landnahmeerzählung (Knauf; Frevel) bzw. der Auszugs- mit der Einzugserzählung (Kratz; K. Schmid), bevor sich die Tora als 5-Bücher-Korpus herausbildete?

c) Wie und in welcher historischen Reihenfolge sind die im Pentateuch enthaltenen Gesetzessammlungen entstanden (→ Bundesbuch; → Deuteronomium; → Heiligkeitsgesetz)?

d) Welches Gewicht haben die Redaktoren des Pentateuch und wo sind ihre jeweiligen Trägergruppe zu suchen? Während sie in Kompositionsmodellen (Blum) und redaktionsgeschichtlichen Ansätzen (Otto) zu den eigentlichen Verfassern der mündlich oder schriftlich vorliegenden Traditionen werden (→ Fortschreibung), kommt ihnen im Rahmen der Urkundenhypothese als Kompilatoren eine weit geringere Bedeutung zu (Baden), sofern ihre Existenz nicht völlig negiert wird (Van Seters).

e) In welchem historischen Kontext stehen Kompilation und Veröffentlichung des Pentateuch? Ist er von persischer Seite autorisiert worden (→ Reichsautorisation; Knoppers / Levinson)?

Ein Problem besteht darin, dass in der Debatte um Umfang und Bestimmung der verschiedenen Schichten des Pentateuch keine einheitliche Terminologie verwendet wird (Römer 2014, 75). In der Nachfolge Blums summieren einige Forscher den Großteil der einst als „jahwistisch“ bzw. „elohistisch“ bezeichneten Texte unter der Abkürzung „D“, um die Nähe zur deuteronomistischen Literatur hervorzuheben. Am neutralsten erscheint die Bezeichnung „nicht-P“ oder „nP“ (vgl. Carr; Gertz; Dozeman), die aber einerseits im Unklaren darüber lässt, ob es sich um vor- oder nach-priesterliche Texte handelt, andererseits keine Aussage über die Zusammengehörigkeit oder Eigenständigkeit der so bezeichneten Texte macht.

Viele Forscher verwenden die traditionellen Siglen „J“ (und „E“) weiter, entweder für Urkunden, die aus der Königszeit stammen sollen (Seebass; W.H. Schmidt), oder für Dokumente der Exilszeit (Levin; Schmitt; Van Seters). Anders hingegen gebraucht Kratz „J“ zur Bezeichnung der Ur- und Patriarchengeschichte in Gen 2-35* und „E“ zur Bezeichnung der Exoduserzählung (Ex 2-Jos 12*), welche erst im Exil erweitert und miteinander verbunden worden seien; die Siglen dienen hier zur Bezeichnung der zwei verschiedenen Ursprungsgeschichten Israels.

Die Besprechung einiger in der gegenwärtigen Pentateuchforschung diskutierten Fragen auf dem Hintergrund der Anfänge der Pentateuchkritik im 19. Jh. hat ergeben, dass die damals entwickelten Modelle allesamt eine gewisse Berechtigung haben. Die Fragmentenhypothese reflektiert die Wiederentdeckung der literarischen Autonomie größerer Einheiten, wie sich exemplarisch an der Frage nach der Verbindung von Erzeltern- und Exoduserzählungen zeigt. Die Diskussion um den Charakter von P demonstriert, dass eine Urkunden- mit einer Ergänzungshypothese verbunden werden kann und sollte. Die Vielschichtigkeit von P sowie der Befund des Numeribuches plädieren für die Einbeziehung von Fortschreibungsmodellen. Die Diskussion um Penta- bzw. Hexateuch wirft erneut die Frage nach den letzten Redaktionen der Tora und deren Charakter auf. Die Annahme von einfachen „Sammlern“ oder einem „compiler“ wird dem komplexen Sachverhalt kaum gerecht. Weiterhin ist zu überlegen, ob für alle Teile des Pentateuch dasselbe Erklärungsmodell zugrunde zu legen ist. Ein Rückblick auf das 19. Jh. und die Zeit „vor Wellhausen“ zeigt jedenfalls, dass damals die deutsche und englischsprachige Forschung in regem Austausch stand und dass die damaligen Wissenschaftler relativ leicht ihre Meinung modifizieren konnten. Auch diese exegetische Tugend sollte wiederentdeckt werden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Grundmodelle zur Entstehung des Pentateuch. © public domain (Grafik: Klaus Koenen, 2016)
  • Abb. 2 Die klassische Urkunden- oder Dokumentenhypothese. © public domain (Grafik: Klaus Koenen, 2016)
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