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Lexikon

Pantokrator

Martin Stowasser

(erstellt: Jan. 2017)

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1. Herkunft, Verwendung und Bedeutung von pantokratōr im Alten Testament und Frühjudentum

Die Gottesbezeichnung pantokratōr (παντοκράτωρ; „Allherrscher“ / „Allmächtiger“) dürfte ein Neologismus sein, den das → hellenistische Judentum im Zuge der Übertragung der hebräischen Bibel ins Griechische (→ Septuaginta) schuf oder zumindest in den allgemeinen Sprachgebrauch der Antike erst einführte. Pagane Belege sind überaus selten, stammen aus späterer Zeit und stehen zum größten Teil in Zauberpapyri, bei denen jüdischer Einfluss als wahrscheinlich gelten darf; andere Zeugnisse finden sich in orphischen Texten, deren Entstehungszeit schwierig zu bestimmen ist. Das für die griechische Welt geläufigere pankratēs (παγκρατής; „allgewaltig“) wird hingegen in der Septuaginta auffällig vermieden (einzige Ausnahme 2Makk 3,22). Pantokratōr erlaubte es, den jüdischen Gott so zu benennen, dass die Ansprüche religiöser „Allbegriffe“ der griechischen Götterwelt erfüllt waren, zugleich jedoch eine synkretistische Gleichsetzung mit dem Gott Israels vermieden werden konnte. Die neue oder zumindest ungebräuchliche Gottesbezeichnung bot somit die Möglichkeit, Analogie wie Abgrenzung in einem zum Ausdruck zu bringen.

Pantokratōr begegnet in der Septuaginta ca. 180-mal. Ihre Übersetzer übertragen damit sowohl Zebaoth als auch El Schaddaj der hebräischen Bibel. Darüber hinaus setzen sie pantokratōr selbständig an Stellen, wo keine Entsprechung im hebräischen Text vorliegt.

Zebaoth (→ Zebaoth) kommt in der hebräischen Bibel ausschließlich in Verbindung mit dem Gottesnamen als „JHWH Zebaoth“ bzw. „JHWH, Gott Zebaoth“ vor. Von 285 Belegen übersetzt die Septuaginta ca. 120-mal mit pantokratōr. Daneben kennt sie auch die Übersetzung mit „Herr der [himmlischen] Heere“ (κύριος τῶν δυνάμεων / kyrios tōn dynameōn) bzw. sie transkribiert Zebaoth als „Sabaoth“ (σαβαώθ / sabaōth – so übernommen in Röm 9,29 als Zitat von Jes 1,9 und in Jak 5,4 von Jes 5,9).

El Schaddaj (→ Gottesbezeichnung / Gottesnamen) wird ausschließlich in der Hiob-Septuaginta (16-mal) mit pantokratōr übersetzt. Für die übrigen siebzehn Vorkommen von El Schaddaj im Alten Testament wählt die Septuaginta „Herr“ (κύριος / kyrios) und (seltener) „der Bedeutende“, „der Genügende“ (ἱκανός /hikanos). Beide Übersetzungsvorgänge zeigen, dass die ursprüngliche Bedeutung der hebräischen Gottesbezeichnungen, Zebaoth wie El Schaddaj, nicht mehr allgemein verständlich war bzw. die Übertragung mit pantokratōr keine uneingeschränkte Zustimmung fand.

Die Verwendung von pantokratōr innerhalb der Septuaginta erfolgt sehr unterschiedlich. Jedenfalls fehlt die Gottesbezeichnung nicht nur an Stellen, wo die jeweiligen hebräischen Äquivalente nicht vorkommen (z.B. Zebaoth im gesamten Pentateuch), sondern sie wird von den Übersetzern im → Psalmenbuch ebenso wenig benutzt wie in → Jesaja (wo konsequent mit der Transkription σαβαώθ / sabaōth gearbeitet wird), obwohl in diesen beiden Büchern beinahe 80 Belege von Zebaoth existieren. Der Befund legt den Schluss nahe, dass der Begriff pantokratōr erst nach und nach Fuß fassen konnte und sein Vorkommen sich deshalb in den als weniger zentral empfundenen und so erst später übersetzten Büchern (z.B. → Dodekapropheton) der etappenweise entstehenden Septuaginta konzentriert.

Häufig schwer zu entscheiden ist die Frage, ob pantokratōr als Substantiv und eigenständiger Gottesname aufzufassen ist oder adjektivischer Gebrauch (so wohl Zef 2,10; 2Makk 7,35) vorliegt. Neben der hauptsächlichen Verwendung von pantokratōr in festen Verbindungen mit „Herr“ (κύριος ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ / kyrios ho theos ho pantokratōr – κύριος παντοκράτωρ / kyrios pantokratōr) zeigt seine freie Platzierung ohne (voranstehendes) kyrios oder seine absolute Verwendung (vereinzelt Hiob-Septuaginta) sowie andere variierende Formulierungen, dass pantokratōr jedenfalls auch als eine in sich hinreichende Gottesbezeichnung aufgefasst wurde.

Ob pantokratōr in jüdischen Kreisen gezielt als Gegenbegriff zum Titel autokratōr (αὐτοκράτωρ – gängige Übertragung von lat. imperator im griechischen Osten) geschaffen bzw. (später auch von Christen so) eingesetzt wurde, welcher sich unter den römischen Kaisertitulaturen im 1. Jh. n. Chr. steigender Beliebtheit (bes. durch → Domitian) erfreute, um einen Kontrast und Übersteigerung auszudrücken, bzw. ob sich das Fehlen von pantokratōr, u.a. bei → Josephus und auf jüdischen Inschriften, einem solchen implizit polemischen Zug dieser Gottesbezeichnung verdankt (Zimmermann), bleibt zu diskutieren.

Pantokratōr besitzt die Bedeutung „Allherrscher“ wie „Allmächtiger“. Zur Grundbedeutung des „Allherrschers“, die an kratos (κράτος = „Macht, Herrschaft“; kratein + Gen. = „herrschen über, Macht haben über“; vgl. → Herrscher) anschließt, gesellt sich durch die frühjüdisch zunehmend häufige Verwendung von pantokratōr im Kontext von Gebet und Anrufung der Aspekt der (helfend rettenden) Allmacht, des Allvermögens. → Gottes Allmacht erweist sich als Über-Macht, wenn andere, gegnerische Mächte bedrängen; er vermag in solcher Lage zu retten und zu schützen. (Beide Aspekte schwingen dann im nachbiblischen lateinischen omnipotens der christlichen Tradition mit, womit pantokratōr übersetzt wird: omnium rerum potens esse / omnia posse, wobei letzteres zunehmend den ursprünglichen Konnex zum helfenden Eingreifen verliert und zu einer abstrakten Eigenschaft Gottes wird, dem die Bedeutung „Alleskönner“ zuwächst.) Die biblische Bezeichnung des Gottes Israels als pantokratōr gründet also einerseits in dem für ihn erhobenen Anspruch von Macht, Majestät und Souveränität, der das Alte Testament vielfältig durchzieht und dem häufig ein kontrafaktischer Zug eignet. Andererseits wurzelt die Gottesbezeichnung im Hoffen Bedrängter, welches sich der Erfahrung Israels mit seinem Gott in kollektiver Erinnerung verdankt. Als pantokratōr ist dieser Gott also eine Hoffnungsinstanz, weil er sich stärker als alle anderen Mächte erweist. Inwieweit bereits im biblischen Zeitalter stoische Allerhalter-Vorstellungen auf pantokratōr eingewirkt haben (so Hommel: kratein + Akk. = „erhalten, bewahren“) bzw. pantokratōr gegen die im Volksglauben verbreitete stoische Vorstellung von der Allmacht des Schicksals gesetzt wurde (Feldmeier), bedarf noch der Konsensfindung.

2. Pantokratōr im Neuen Testament

Die Gottesbezeichnung pantokratōr begegnet im → Neuen Testament selten. Neben 2Kor 6,18 (am Ende einer alttestamentlichen Zitatencollage) findet es sich nur noch in der → Offenbarung des Johannes, dort allerdings gehäuft (Apk 1,8; Apk 4,8; Apk 11,17; Apk 15,3; Apk 16,7.14; Apk 19,6.15; Apk 21,22). Ob sich im neutestamentlichen Gesamtbefund eine Reserve des frühen Christentums gegenüber dieser Gottesbezeichnung ausdrückt oder sich eher eine frühjüdisch prägende Bindung von pantokratōr an Gebetskontexte (vgl. 1.) gepaart mit der Auseinandersetzung mit gegnerischen (politischen) Mächten – so z.B. im 2. und 3. Makkabäerbuch (vgl. ähnlich in der Johannesoffenbarung) – auswirkt, ist alternativ erwogen worden (Bachmann). Eine spezifisch neutestamentliche Bedeutung von pantokratōr ist jedenfalls wegen des beschränkten und konventionellen Gebrauchs schwer zu erheben.

2.1. Pantokratōr in der Offenbarung des Johannes

Für die Offenbarung des Johannes besitzt pantokratōr als häufigst gebrauchte Gottesbezeichnung nach „Herr“ (κύριος / kyrios) und „der auf dem Thron Sitzende“ (ὁ καθήμενος ἐπὶ τὸν θρόνον / ho kathēmenos epi ton thronon) besonderes Gewicht. Die formelhafte Formulierung (Langform: κύριος ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ / kyrios ho theos ho pantokratōr [Apk 1,8; Apk 4,8; Apk 11,17; Apk 15,3; Apk 16,7; Apk 19,6; Apk 21,22] – Kurzform: ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ / ho theos ho pantokratōr [Apk 16,14; Apk 19,15]) schließt zwar grundsätzlich an den alttestamentlichen Sprachgebrauch, näherhin den der Prophetenbücher (und dabei bes. eng an → Amos) an, allerdings in freier, vom Verfasser gezielt variierter Form. So zerreißt er in Apk 1,8 die Zitationsformel λέγει κύριος ὁ θεὸς ὁ παντοκράτωρ (legei kyrios ho theos ho pantokratōr) durch den Einschub von ὁ ὢν καὶ ὁ ἦν καὶ ὁ ἐρχόμενος (ho ōn kai ho ēn kai ho erchomenos), wodurch Gott sich selbst als pantokratōr proklamiert und die so eigenständige Gottesbezeichnung mittels ihrer betonten Endstellung die voranstehenden Aussagen in sich zusammenfasst. Pantokratōr setzt einen kontrafaktischen Gegenpol zum universalen Herrschaftsanspruch des → Imperium Romanum wie gegen eine immer intensivere → Kaiserverehrung, was der Verfasser als kulturell-kultische Bedrohung der Souveränität und Einzigkeit JHWHs wahrnimmt. Abgesehen von Gottes Selbstvorstellung als pantokratōr in Apk 1,8 sowie der Verwendung in Apk 21,22, findet sich die Gottesbezeichnung in der Offenbarung des Johannes in einem Kontext von Liturgie und Gebet, was an ihre frühjüdisch häufige Verwendung in einem solchen erinnert.

Die Herrschaft des pantokratōr, die sich für die Offenbarung des Johannes besonders mit dem Gerichtshandeln Gottes ihren Weg bahnt (Apk 15,3; Apk 16,7), steht in eschatologischer Perspektive und besitzt durch das Christusgeschehen – das in Tod und Auferstehung siegreiche Lamm (Apk 1,5; Apk 4,5; → Lamm / Lamm Gottes) – präsentische Züge. Mit pantokratōr proklamiert der Verfasser somit die räumlich wie zeitlich unbegrenzte Macht Gottes, weshalb (auch für die gängige dt. Wiedergabe mit „Allherrscher“) eine temporale Komponente mitzuhören ist. Der pantokratōr wird – gerade durch die Kombination mit der Dreizeitenformel (Apk 1,8 – vgl. o.) und deren gezielten Variationen (Apk 4,8; Apk 11,17; Apk 16,5) – nicht nur zum endgültigen Sieger über die (satanische) Macht Rom erklärt, sondern auch seine von Ewigkeit bestehende und niemals endende Herrschaft wird verkündet.

Gottes eschatologische Allherrschaft realisiert sich in der Offenbarung des Johannes zuallererst christologisch, was zu einer kaum noch zu steigernden Nähe zwischen Gott und dem Lamm führt. Dennoch bleibt die Bezeichnung pantokratōr auffällig für Gott selbst reserviert. So großzügig nämlich Funktionen Gottes und im Alten Testament ihm allein zustehende Epitheta in der Offenbarung des Johannes auch auf das Lamm übertragen werden, geschieht das mit pantokratōr nicht. Zwischen Gott und dem Lamm wird eine grundlegende Unterscheidung aufrechterhalten, die sich gerade in dieser Reserve ausdrückt und die Grenze des Monotheismus zu wahren sucht. Dabei steht das Bekenntnis Israels zu JHWH als Schöpfergott im Hintergrund, mit dem das Frühjudentum seinen einzigen wahren Gott von den zu Götzen depotenzierten Göttern der Völker abgrenzt. Demgemäß steigt zwar das Lamm bis zur Throngemeinschaft mit Gott auf (Apk 22,1.3) und erhält Anteil an den frühjüdisch mit pantokratōr verknüpften Vorstellungen von Herrschaft und Rettung respektive von Gericht, Christus bleibt jedoch Schöpfungsmittler (Apk 3,14; vgl. Apk 5,13) und wird nicht zum Schöpfergott (so aber Gott selbst: Apk 4,11). Somit umfasst pantokratōr in der Offenbarung des Johannes auch die Dimension des Schöpfergottes, wobei dessen Herrschaft über die gesamte Schöpfung, nicht jedoch der Schöpfungsakt im Blick ist.

Wie für die Septuaginta ist auch für die Offenbarung des Johannes ein polemischer Gebrauch von pantokratōr als Gegenbegriff zum paganen autokratōr (αὐτοκράτωρ) erwogen worden. Dabei hat man den politischen Bereich der Kaisertitel (Zimmermann) ebenso erwogen wie pantokratōr als bewusst anti-magische Polemik gegen autokratōr in griechischen Zaubertexten auffassen wollen (Aune).

2.2. Pantokratōr in 2Kor 6,18

Im Kontext eines in seiner Zugehörigkeit zum 2. Korintherbrief umstrittenen Abschnittes (2Kor 6,14-7,1) bildet die Zitationsformel λέγει κύριος παντοκράτωρ legei kyrios pantokratōr (Kor 6,18c) den Abschluss einer Reihe von (freien bzw. frei umgestalteten) Zitaten aus dem Alten Testament (2Kor 6,16b-18). Dabei bietet das letzte (2Kor 6,18ab) eine variierende Aufnahme von 2Sam 7,14 LXX. Die Zitationsformel entstammt dessen alttestamentlichem Kontext, nämlich 2Sam 7,8 LXX. Steht sie dort am Beginn der Weissagung Nathans an David (→ Nathan / Nathanweissagung), so in 2Kor 6 am Ende der Zitatencollage, was pantokratōr – ähnlich wie in Apk 1,8 – in eine gewichtige Schlussstellung bringt. Der abschließende Verweis auf die spezifisch jüdische Gottesbezeichnung pantokratōr bekräftigt (vielleicht gezielt kontrastierend) die im Abschnitt ausgesprochene Warnung vor Befleckung durch Heidnisches, verdankt sich aber primär dem eingespielten alttestamentlichen Kontext der Nathanweissagung.

Zebaoth

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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