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Lexikon

Otniel

Andere Schreibweise: Othniel ; Otniël ; Othniël ; Otnïl

Heinz-Dieter Neef

(erstellt: Nov. 2007)

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1. Name

Die Bedeutung des Namens „Otniel“ (hebräisch אָתְנִיאֵל) ist schwer zu bestimmen. Er enthält offenbar das theophore Element „El“, d.h. „Gott“, allerdings bleibt die Wurzel ’tn nicht bestimmbar. Auch andere semitische Sprachen können zur Erhellung nichts beitragen.

2. Otniel, ein Richter in Juda

Otniel, ein Neffe → Kalebs, erscheint in Jos 15,15-19 // Ri 1,12-15 als Führer einer Sippe auf dem judäischen Gebirge, die später zum Stamm Juda gerechnet wurde (1Chr 4,13). Er erobert die im Negev gelegene (Jos 15,19) Stadt Debir und erhält dafür → Achsa zur Frau. Inwiefern hier historische Notizen vorliegen, ist kaum zu sagen. In Ri 3,7-11 erscheint er als erster der sog. Retter des → Richterbuchs.

2.1. Ri 1,12-15; Jos 15,15-19

Ri 1,12-15 gehört zu dem von Ri 1,10-15 reichenden Abschnitt, in dem der Kampf des Stammes Judas gegen die Städte → Hebron (V.10) und Debir (V.11) sowie die Verhandlungen zwischen → Kaleb und Otniel beschrieben werden.

In Ri 1,10 wird zunächst vom Kampf der Judäer gegen die kanaanäische Bevölkerung von Hebron – das alte „Kirjat Arba“ – berichtet, wobei auf Seiten der Feinde Scheschai, Ahiman und Thalmai geschlagen werden. V.10 hat eine Entsprechung in Jos 15,14, wo die drei genannten Söhne Anaks – anders als in Ri 1,10 – nicht von Juda erschlagen, sondern von Kaleb aus Hebron vertrieben werden. Ursprünglicher scheint Jos 15,14 zu sein, denn Ri 1 ist aus judäischer Perspektive gesehen, und von daher ist die Auswechslung eines ursprünglichen Kaleb durch Juda gut denkbar. Zudem werden die drei Söhne in Ri 1,10 nicht vorgestellt, sondern offenbar als bekannt vorausgesetzt.

In Jos 15,16-19 und dem Paralleltext Ri 1,12-15 finden sich Erläuterungen zur Eroberung der Stadt Debir durch Otniel, der in Ri 1 jedoch anders als in Jos 15 als Kämpfer für Juda auftritt. Zunächst legt Kaleb ein Versprechen ab: Wer Debir erobert, wird seine Tochter Achsa zur Frau bekommen (Jos 15,16 // Ri 1,12). Da Otniel, der Sohn des Kenas und Neffe Kalebs, die Stadt erobert, erhält er Achsa zur Frau (Jos 15,17 // Ri 1,13). In Jos 15,18f. // Ri 1,14f. geht es dann um die Bitte Otniels an Achsa, von ihrem Vater ein Stück Land zu fordern. Sie erbittet von Kaleb Wasserbecken und erhält sie.

2.2. Ri 3,7-11

Ri 3,7-11 erzählt vom Kampf Otniels gegen einen König von Aram-Naharajim („Zweistrom-Aram“ = Zweistromland) namens Kuschan-Rischatajim („Kuschan der Doppelbosheit“). Der → Geist Gottes fällt auf ihn, so dass er den König, nachdem dieser acht Jahre über Israel geherrscht hatte, schlagen kann. Damit beginnt für Israel eine 40-jährige Friedenszeit. Otniel erscheint hier als der erste Retter bzw. Richter, der siegreich gegen einen Feind von außen kämpft.

Der Text dürfte eine einheitliche, im Rahmen des → Deuteronomistischen Geschichtswerks verfasste Erzählung sein, wobei der Deuteronomist die Gestalt „Otniel“ wohl Ri 1,12f. bzw. Jos 15,16f. entnommen hat. Die Figur „Kuschan-Rischatajim“ ist historisch nicht einzuordnen. Wären diese beiden Gestalten mit einer Heldengeschichte wie bei Ehud und den anderen Richtern überliefert worden (→ Richter, Kleine), hätte der Deuteronomist diese sicherlich erzählt. Es ist kaum wahrscheinlich, dass er aus einer möglichen Heldenüberlieferung nur die Namen herausgenommen hätte. In der Otnielerzählung werden die Rahmenelemente des Richterbuches an einem Beispiel expliziert. Mit „Otniel“ wird den israelitischen Richtern ein judäischer an die Seite gestellt. Aus diesen Gründen dürfte die Otnielerzählung an erster Stelle der Richtererzählungen stehen.

3. Otniel im Buch Judit

Otniel ist in Jdt 6,15 (Lutherbibel: Jdt 6,10; griechisch Γοθονιηλ) der Name eines Oberhauptes der Stadt → Betulia (→ Judit).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Becker, U.,1990, Richterzeit und Königtum. Redaktionsgeschichtliche Studien zum Richterbuch (BZAW 192), Berlin u.a.
  • Scherer, A., 2005, Überlieferungen von Religion und Krieg. Exegetische und religionsgeschichtliche Untersuchungen zu Richter 3-8 und verwandten Texten (WMANT 105), Neukirchen-Vluyn
  • Sima, A., 2001, Nochmals zur Deutung des hebräischen Namens ’Otnī’ēl, BN 106, 47-51
  • Streck, M.P., 1999, Zur Deutung des hebräischen Namens ’Otnī’ēl, BN 96, 21-29
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