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Lexikon

Origenes (AT)

(185-254)

Clemens Scholten

(erstellt: Okt. 2007)

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Origenes ist der produktivste Gelehrte des christlichen Altertums und der führende Schrifttheologe und Bibelausleger seiner Zeit. Die christliche Theologie der Antike könnte als Geschichte der Rezeption des Origenes geschrieben werden.

1. Person

1.1. Leben

Origenes stammt aus einer christlichen Familie Alexandriens. Der Vater Leonides (Märtyrer 202) lässt ihm eine Ausbildung in der „Enkyklios paidaia“ zuteil werden und fördert seine Beschäftigung mit der Bibel. In seiner Jugend gibt Origenes Grammatikunterricht, hört einen Ammonios (möglicherweise der Lehrer Plotins), wird freier christlicher Lehrer im Stile zeitgenössischer Philosophen und vom Ortsbischof mit dem Unterricht der Kirche betraut. Unterstützung erhält er durch den Mäzen Ambrosius, dem er etliche seiner Werke widmet.

Nach Differenzen mit seinem Bischof Demetrius übersiedelt Origenes 231 oder 233 nach Cäsarea in Palästina (seit Rabbi Abbahu [ca. 230] auch ein geistiges Zentrum des Judentums), wird zum Presbyter geweiht und mit der regelmäßigen Predigt über alle Bücher der Schrift betraut. Dort setzt Origenes seine Schule fort. Sein Markenzeichen ist die ganzheitliche Wissensvermittlung: Er unterrichtet nach einem psychagogischen Konzept, in dem Dialektik, das Studium der Physik, Geometrie, Astronomie, der Ethik, der Aussagen der Philosophen und Dichter zum Göttlichen und die Auslegung der biblischen Texte sowie Meditation aufeinander aufbauen.

Seine Lehre macht Origenes auch bei den Heiden geschätzt. Vorträge und Disputationen führen Origenes in alle Zentren der damaligen Welt. Er hat Kontakte zum Kaiserhaus und anderen führenden Zeitgenossen. Umstritten ist, ob der Heide Porphyrius ihn mit einem Neuplatoniker namens Origenes verwechselt hat, die Historizität des Gerüchtes der Selbstentmannung (Eusebius, Historia ecclesiastica 6,3,8; Bibliothek der Kirchenväter) nicht mehr feststellbar. Unter Kaiser Decius wird Origenes gefoltert. An den Folgen stirbt er 253 oder 254 in Tyrus, wo man sein Grab noch lange zeigte.

1.2. Nachwirkung

Die Kritik an bestimmten theologischen Ideen des Origenes (Heil des Teufels, Auferstehung des Leibes, Präexistenz der Seelen) setzt schon zu Lebzeiten ein und führt zu den origenistischen Streitigkeiten im 4. Jh. sowie seiner Verurteilung auf dem Konzil von Konstantinopel 553 n. Chr.

2. Werk

Text Kirchenväter

Bibliothek der Kirchenväter

Text Kirchenväter 3

2.1. Schriften

Eine Aufstellung gibt Eusebius (Historia ecclesiastica 6,24.32.36; Bibliothek der Kirchenväter). Nach Hieronymus (Contra Rufinum 2,22; vgl. epistula 33, Text Kirchenväter) zählte das von Eusebius erstellte Verzeichnis ca. 2000 Titel. Die Hauptmasse sind bibelwissenschaftliche Werke in Form von Kommentaren, Homilien, Scholien und Exzerpten. Vieles ist verloren, das meiste nur fragmentarisch oder in Übersetzungen erhalten. Für Textrekonstruktionen wichtig ist die im 4. Jh. von Basilius und Gregor von Nazianz angefertigte Anthologie von Origenestexten (sog. Philokalie).

Hervorzuheben sind die in Alexandrien begonnene Schrift „De principiis“, die die Grundzüge und Leitideen der Theologie enthält und plakativ als „erste Dogmatik“ bezeichnet wird, der Kommentar zum Johannesevangelium (fragm.; Buch 1/5 in Alexandrien geschrieben) und „Contra Celsum“ (ca. 245-250), eine Widerlegung heidnischer Einwände gegen das Christentum. Weitere Werke sind eine „Abhandlung über das Pascha“ und die „Disputation mit Heraklides“ (beide aus dem Papyrusfund von Tura 1941), die „Ermahnung zum Martyrium“, die Schrift „Über das Gebet“.

2.2. Von Origenes benutzte Quellen

Origenes stützt sich auf zahlreiche bekannte und unbekannte heidnische, jüdische und christliche Gewährsmänner. Er setzt sich mit Philosophen aller Schulrichtungen des 2.Jhs. auseinander, kennt Häretiker wie Valentinianer, Basilides und Markion und rezipiert die Theologie der Apologeten und des Clemens von Alexandrien. Hauptquelle zur Bestätigung biblisch-historiographischer Sachverhalte ist Flavius Josephus (Bellum iudaicum, Antiquitates, Contra Apionem; Text gr. und lat. Autoren), in der Exegese rekurriert er auf Schriften Philons.

3. Exegese

Ziel der Bibelkommentierung des Origenes ist es, den Glauben für einfache Christen geistig zu durchdringen und für Gebildete plausibel zu machen. Dazu überträgt Origenes Methoden kaiserzeitlicher Grammatik und Kommentarphilologie auf die Bibel und entwickelt sie weiter.

3.1. Bibelhermeneutik

Origenes entwickelt als Erster ein Gesamtkonzept zur Erfassung des komplexen Sinns der gesamten Bibel (De principiis IV,1/3). Altes und Neues Testament besitzen göttliche Autorität und gelten in ihrem Wortlaut als inspiriert. Der geistige Kosmos, im Logos Gottes geordnet, ist im Text der Schrift verborgen da. Es gilt daher, nicht nur deren historische Bedeutung (Literalsinn) zu erfassen, sondern auch ihre verborgenen Schätze zu erschließen (geistiger Schriftsinn; in De principiis nochmals unterteilt in psychischen und pneumatischen Sinn). Die im Bibeltext eingestreuten scheinbar widersinnigen Elemente haben die Funktion, die Suche nach dem geistigen Sinn anzustoßen. Dieser hebt den wörtlichen Sinn nicht auf oder entspringt der Willkür des Exegeten, sondern bezieht im Gesamthorizont der Bibel durch Allegorese (Anagogie) Einzelnes auf ein Netz signifikanter Ideen.

3.2. Textgrundlage und Methoden

3.2.1. Die Hexapla

Das philologische Bemühen um den Text ist integraler Teil des Gesamtkonzeptes. Als Grundlage der Kommentierung schafft Origenes eine Monumentalausgabe des Alten Testaments, die sog. Hexapla (bzw. Tetrapla), eine Synopse der wichtigsten sechs Textrezensionen des Alten Testaments unter Hinzuziehung weiterer Ausgaben (etwa im Bereich der Psalmen). Es ist eine in der Antike vergleichslose philologische Leistung, begonnen in Alexandrien und vollendet in Cäsarea. Die erste Spalte enthält den Text in hebräischen Buchstaben (anders Eusebius, Historia ecclesiastica 6,16,1; Bibliothek der Kirchenväter), die zweite dessen Transliteration in griechische Schrift, die folgenden vier Spalten bieten Übersetzungen ins Griechische: Aquila, Symmachus, Septuaginta (LXX) und Theodotion (zu allen → Septuaginta). Origenes beabsichtigt primär keine Annäherung an das hebräische Original – Origenes ist des Hebräischen wohl in begrenztem Maße mächtig –, sondern das Ziel ist die Erstellung eines von Kopistenfehlern befreiten und mit den besten Lesarten ausgestatteten LXX-Textes.

Im LXX-Text werden anhand des hebräischen Textes Auslassungen mit einem Stern (Asteriskos) und Interpolationen mit einer horizontalen Linie (Obelos) markiert. Eine Unterdrückung dieser Passagen lehnt Origenes ab, Emendationen oder Konjekturen des LXX-Textes hat er nicht vorgenommen. Die Hexapla ist Arbeitsinstrument für die Kommentierung, um an einzelnen Stellen auf den hebräischen Text verweisen zu können, und zugleich Hilfsmittel für die Auseinandersetzung mit jüdischer Kritik, die Christen hätten den Text des Alten Testaments verfälscht, worauf die in den jüdischen und christlichen Gemeinden Cäsareas benutzten unterschiedlichen griechischen Texte des Alten Testaments hinzuweisen schienen. Ähnliche Sorgfalt hat für Origenes auch den neutestamentlichen Texten entgegengebracht.

3.2.2. Origenes als Kommentator

Origenes arbeitet bei der Exegese mit den Instrumenten der antiken Grammatik und Philologie. Für Worterklärungen und Begriffsdefinitionen greift Origenes auf antike lexikalisch-doxographische Handbücher zurück. Der historische Sinn eines Textes wird durch Worterklärungen, Identifizierung der Personen, Orte und Zeiten sowie der grammatisch-rhetorischen Aspekte (biblischer Stil, Beachtung der sprechenden Person) erhoben. Ein biblisches Glossar hat Origenes jedoch wohl nicht benutzt, sondern aus eigenen Beobachtungen geschöpft. Autopsie biblischer Orte ist in Rechnung zu stellen, auf eigene Inspektionen beruft sich Origenes bei den Orten Bethabara, Gergesa und Sidon (Kommentar zum Johannesevangelium 161,14, Text Kirchenväter; Homilien zu Josua 14,2). Für die Erklärung biblischer Namen greift Origenes auf etymologisierende Quellen zurück, deren Urheber rabbinische Gelehrte in Alexandrien und Cäsarea sein könnten; ein biblisches Namenslexikon (Onomastikon) hat er aber nicht verfasst. Origenes hat einen hebräischen Lehrer, wohl einen Juden aus Palästina, der sich dem Christentum zugewandt hatte. Dunkelheiten der Schrift fordern die Anwendung des kontextuellen Prinzips (in der antiken Philologie: „Homer aus Homer auslegen“). Die von der Kommentierung her geforderte Würdigung einer biblischen Schrift (κρίσις πoιημάτωv) wird besonders unter dem Aspekt ihres moralischen Nutzens vorgenommen.

Kommentarprologe nehmen erst später im Neuplatonismus zu findende Schemata vorweg, wenn nach Autor, Nutzen, Zielsetzung, Titel etc. einer biblischen Schrift gefragt wird. Origenes kann biblische Bücher philosophischen Disziplinen zuordnen und in eine Lektürefolge bringen: Die drei Bücher Salomos → Sprüche Salomos, → Prediger und → Hoheslied z.B. sind Ethik, Physik und Theologie zuzuweisen und in dieser Reihe zu lesen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Werke

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2. Bibliographie

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3. Hilfsmittel

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4. Sekundärliteratur

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Kongressbände

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Zeitschrift

  • Adamantius 1 (1995) ff.

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