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Lexikon

Ninive

Andere Schreibweise: Niniveh ; Nineveh

Aaron Schmitt

(erstellt: Jan. 2017)

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Assyrien

1. Lage und Name

Mit freundlicher Erlaubnis von © Stepmap (Bearbeitung: M. Rummel)

Abb. 1 Karte Obermesopotamiens sowie der nördlichen und zentralen Levante.

Das antike Stadtgebiet von Ninive liegt am Ostufer des → Tigris gegenüber der Altstadt von Mossul im Staatsgebiet des heutigen Irak (N 36° 21' 33'', E 43° 09' 09''). Mittlerweile befindet sich das Ruinengelände innerhalb der modernen Stadt Mossul. Die unter → Sanherib errichtete Stadtmauer (Länge 12 km) zeichnet sich heute noch deutlich im Gelände ab. An der Westseite der Stadtmauer und innerhalb des von ihr eingefassten Areals erheben sich zwei Siedlungshügel: Tell Kujundschik und der kleinere Tell Nebi Junus. Entlang der Südseite des Tell Kujundschik fließt der Fluss Hosr (Khosr) von Osten her kommend. Er mündet weiter westlich in den Tigris.

Nur auf Tell Kujundschik, wo sich die wichtigsten offiziellen Bauwerke befanden, wurden in großem Umfang Ausgrabungen durchgeführt. Auf Tell Nebi Junus befindet sich nach islamischer Überlieferung das Grab des Propheten → Jona (arabisch Nebi Junus). Eine Moschee stand bis zur Zerstörung durch den sogenannten IS im Jahr 2014 an dieser Stelle.

Ninive erscheint in den Keilschriftquellen seit dem 3. Jt. v. Chr. in unterschiedlichen Formen (Ninua, Nenua, Ninuwa, Nina).

2. Grabungs- und Forschungsgeschichte

© Google Earth (Zugriff 20.1.2017)

Abb. 2 Satellitenaufnahme des Stadtgebiets von Ninive.

Das Ruinengelände von Ninive wird vergleichsweise früh in Ortbeschreibungen arabischer Autoren erwähnt (André-Salvini). 1820 setzte eine rege und umfangreiche Grabungstätigkeit ein, vor allem unter britischer Federführung. Diese dauerte bis nach dem Beginn des 2. Weltkrieges an. 1954 wurden die Arbeiten – nun geleitet von irakischen Archäologen – wieder aufgenommen. Ein detaillierter Überblick zu den unterschiedlichen Kampagnen bis 1990 findet sich bei Reade 1998-2001, 392-394.

3. Historischer Überblick

Ninive war spätestens seit dem 3. Jt. eines der wichtigsten Zentren in Obermesopotamien. Hauptgottheit der Stadt war die → Ischtar von Ninive, der ebenfalls periodenübergreifend überregionale Bedeutung zukam. Das Hauptheiligtum der Gottheit stand in Ninive. Weitere Tempel in anderen Städten werden in Texten erwähnt (Kühne, 37).

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 92828

Abb. 3 Ninive-5-Gefäß mit typischer Kerbschnittverzierung (Höhe 11,4 cm).

Ein auf dem Kujundschik-Hügel angelegter Tiefschnitt gab Einblicke in die frühe Siedlungsgeschichte von Ninive (Gut), die Keramikfunden zufolge mindestens bis ins 7. Jt. v. Chr. zurückgeht. Die sogenannte Ninive-5-Keramik wurde hier erstmals beschrieben und nach dem Fundkontext benannt (Abb. 3; Grossman).

Einige Fundstücke und eine Inschrift Schamschi-Adads I. (Grayson 1987, 53) lassen vermuten, dass Ninive Teil des Reiches der Akkad-Herrscher war (ca. 2350-2200 v. Chr.; Westenholz). Die Stadt scheint außerhalb des Herrschaftsbereichs der Ur-III-Könige gelegen zu haben (ca. 2100-2000 v. Chr.) und gehörte eventuell zu einem obermesopotamischen Königreich, das von Urkesch (Tell Mozan) aus regiert wurde (Reade 1998-2001, 396). In altassyrischen Texten wird die Stadt nur ausnahmsweise genannt (Veenhof). Ninive wurde im 18. Jh. v. Chr. von Schamschi-Adad I. erobert und in sein obermesopotamisches Reich integriert (Ziegler).

Auch in mittelassyrischer Zeit (ca. 1500-1000 v. Chr.) spielte Ninive – nun zum assyrischen Reich gehörig – eine wichtige Rolle als Provinzhauptstadt und Verwaltungszentrum (Tenu), was u.a. die rege Bautätigkeit verschiedener mittelassyrischer Herrscher in der Stadt verdeutlicht (vgl. Grayson 1987; ders. 1991). Ninive behielt seine hervorragende Stellung auch in neuassyrischer Zeit. Unter Sanherib wird Ninive letzte Hauptstadt des neuassyrischen Reiches. Der Herrscher lässt dort den riesigen Südwest-Palast errichten und reich ausschmücken.

Wie weit sich die Siedlung in den verschiedenen Besiedlungsperioden über die Tells hinaus erstreckte, ist unklar. In neuassyrischer Zeit ließ Sanherib das Stadtgebiet (ca. 750 ha) von einer 12 km langen Mauer einfassen.

Zeichnung von © M. Rummel, nach Stronach 1997, 312

Abb. 4 Plan des Stadtgebiets von Ninive.

Ninive wurde 612 v. Chr. erobert und zerstört (Machinist; Stronach 1997). Befunde aus dem Halzi-Tor veranschaulichen dies in eindrücklicher Weise (Russell 1991; Stronach 1994; Pickworth). Die Stadt blieb in der Folge zwar besiedelt, verlor aber erheblich an Größe und Bedeutung. Siedlungsspuren aus hellenistischer, parthischer und islamischer Zeit wurden bei den Ausgrabungen dokumentiert (Reade 1998-2001, 428-429). Einige Objekte deuten auf die Präsenz christlicher Bevölkerungsteile in der Spätantike hin (Simpson).

4. Bauwerke

Zeichnung von © M. Rummel, nach Kertai, Taf. 16A

Abb. 5 Plan von Kujundschik.

Die Ausgrabungen in Ninive haben sich weitestgehend auf den Haupthügel Tell Kujundschik, auch Zitadelle genannt, konzentriert. Dort wurden die Baureste zweier großer Paläste (Südwest- und Nord-Palast) und des Ischtar-Tempels (teilweise) freigelegt. Die Zitadelle war in (mittel-?) und neuassyrischer Zeit von einer Befestigungsmauer umgeben.

4.1. Der Südwest-Palast

Einer der wegen seiner reichen Ausstattung mit Wandreliefs (→ Kalchu 5.1.) berühmtesten neuassyrischen Paläste ist der sogenannte Südwest-Palast (Barnett u.a.; Kertai, 122-147; Russell 1991). Die bei den Ausgrabungen im 19. Jh. freigelegten Mauern sind das Werk Sanheribs. Den Inschriften zufolge musste ein Vorgängerbau Sanheribs Neubau weichen. Archäologisch wurden die älteren Baureste nicht untersucht. Bei den Grabungen wurde den mit Wandreliefs aus Stein verblendeten Wänden gefolgt. Dies hat schwerwiegende Konsequenzen für die Interpretation des Gebäudes. Immerhin ließen sich so die Mauerverläufe rekonstruieren und ein Grundriss der freigelegten Teile des Palastes erstellen. Das Gebäude besteht aus mehreren Einheiten von Räumen, die jeweils um einen zentralen Hof gruppiert sind.

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (gezeichnet von F.C. Cooper)

Abb. 6 Umzeichnung eines Wandreliefs aus Hof 6 des Südwest-Palasts mit Darstellung eines lamassu-Transports.

Die Wände der meisten Räume waren mit Wandreliefs (H. > 2 m) versehen, die Ereignisse aus Sanheribs Regierungszeit illustrieren. In einigen Fällen erlauben Beischriften die genaue Datierung und Identifikation des Dargestellten (Reade 1998-2001, 412-415). Am häufigsten finden sich Darstellungen der levantinischen Feldzüge Sanheribs. Die Eroberung von → Lachisch wurde in Raum 36 verbildlicht.

Assurbanipal ließ den Palast renovieren und eigene Wandreliefs anbringen bzw. Reliefs Sanheribs entfernen und mit neuen Reliefs versehen.

An mehreren Durchgängen werden die Laibungen von großen Torhüterfiguren gebildet (vgl. → Kalchu 5.1.; Darney).

Der Südwest-Palast wurde durch Feuer zerstört, vermutlich im Zuge der Eroberung Ninives im Jahr 612 v. Chr. Bei dieser Gelegenheit erfolgte wahrscheinlich auch die subtile Zerstörung einiger Darstellungen assyrischer Herrscher.

4.2. Der Nord-Palast

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (gezeichnet von W. Boutcher)

Abb. 7 Umzeichnung eines Wandreliefs aus Raum S1 des Nord-Palasts mit Darstellungen einer Löwenjagd Assurbanipals.

Der sogenannte Nord-Palast Assurbanipals wurde nur in Teilen freigelegt (Barnett; Kertai, 167-184). Auch aus diesem Palast ist eine Vielzahl von figürlichen Wandreliefs überliefert. Das Gebäude wurde, wie der Südwest-Palast (s.o. 4.1.), durch Feuer zerstört. Einige Darstellungen Assurbanipals wurden, vergleichbar dem Vorgehen im Südwest-Palast, wohl bei der Eroberung Ninives 612 v. Chr., an bestimmten Stellen gezielt zerstört.

4.3. Der Ischtar-Tempel

Der Tempel der Ischtar von Ninive (sumerischer Name é-maš-maš) war das Hauptheiligtum der Stadt. Der Göttin und ihrem Heiligtum kamen schon seit dem 3. Jt. v. Chr. überregionale Bedeutung zu (Meinhold, 168-184; Lambert).

Die baulichen Reste des Tempels, die bis ins 3. Jt. v. Chr. zurückgehen, wurden von Thompson von 1927 bis 1932 untersucht und in vielerlei Hinsicht unzureichend dokumentiert und publiziert. Reade (2005) hat die alte Dokumentation aufgearbeitet und die erhaltenen Mauerreste nach dem Vorbild des Assur-Tempels in → Assur (etwas gewagt) rekonstruiert. Mehrere mittel- und neuassyrische Herrscher haben das Gebäude erneuert (vgl. Literatur 3.).

An der NW-Seite des Ischtar-Tempels wurde ein Tiefschnitt zur Erforschung der prähistorischen Schichten des Tells angelegt (Thompson / Mallowan, 127-173, Abb. 10; Gut).

4.4. Weitere Bauwerke auf der Zitadelle

Über den Bau mehrerer weiterer Tempel (Adad, Assur, Kidmuri, Nabû, Sebetti, Sin-Schamasch), Paläste und einer → Ziqqurrat auf der Zitadelle berichten zahlreiche Königsinschriften (s.u. Literaturverzeichnis 3.), doch nur wenige Reste des Nabû-Tempels wurden bei den Ausgrabungen im 19. Jh. freigelegt und als solche erkannt (Reade 1998-2001, 410).

4.5. Der Palast auf Tell Nebi Junus

Auf dem südlich von Tell Kujundschik liegenden kleineren Tell Nebi Junus (ca. 15 ha) befand sich, wenn die Deutung der einschlägigen Inschriften korrekt ist, ein „Inspektionspalast“ (ekal māšarti), der von verschiedenen Herrschern gebaut und renoviert wurde (Kertai, 147-153). Nur wenige Reste des Gebäudes wurden bei den Ausgrabungen freigelegt.

4.6. Befestigungsanlagen

Reste der vor-neuassyrischen Stadtmauern kamen bei den Ausgrabungen kaum zu Tage (Stronach 1994). Die unter → Sanherib errichtete Stadtmauer bestehend aus einer Innen- und einer Außenmauer (L. ca. 12 km) wurde an mehreren Stellen archäologisch untersucht, vor allem die Tore (Stronach 1994). Die kombinierten Informationen aus Sanheribs einschlägigen Inschriften (Frahm 1997, 36-149) und aus den archäologischen Ausgrabungen erlauben es, die Höhe der Mauer bei max. 25 m zu rekonstruieren (Reade 1998-2001, 400). Die Mauer ist durch Vorsprünge in regelmäßigen Abständen gegliedert. 18 Stadttore regelten den Zugang zur Stadt (Reade 1998-2001, 401-403).

4.7. Wasserbauten

Die Versorgung der Stadt mit Trinkwasser und Wasser für die Bewässerung der Felder wurde durch die Anlage von kilometerlangen Kanälen sichergestellt (Ur). Über ihren Bau berichten die Königsinschriften Sanheribs und seiner Nachfolger ausführlich (Bagg, 167-243). An einigen Stellen wurden die Überreste dieser Wasserbauten archäologisch untersucht (Morandi Bonacossi).

5. Schriftzeugnisse

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (K 712)

Abb. 8 Tontafel mit einem astrologischen Bericht aus Ninive (L. 8,4, B. 4,1, D. 2,1 cm).

Bei den in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s durchgeführten Ausgrabungen, entdeckte man etwa 30000 mit Keilschrift beschriebener Tontafeln und Tontafelfragmente auf Tell Kujundschik (Pedersén, 164). Ungefähr 5000 dieser Tontafeln trugen literarische Texte, deren Kolophone sie in Verbindung mit dem assyrischen König → Assurbanipal bringen. Der Herrscher war seinen eigenen Inschriften nach in außergewöhnlichem Maße an diesen Texten interessiert und anscheinend im Lesen und Schreiben von keilschriftlichen Texten gut ausgebildet (Frahm 2005). Auf seine Veranlassung hin, wurden zahlreiche Texte kopiert und aus anderen Städten nach Ninive gebracht. Diese Tontafeln (und weitere Schriftträger aus vergänglichem Material) waren Bestandteil der sogenannten Bibliothek des Assurbanipal (Frame / George). Der Begriff „Bibliothek“ bezieht sich dabei auf die erwähnte Textsammlung. Wo genau und wie die Tafeln aufbewahrt wurden, muss oft unklar bleiben, weil die Fundkontexte nur in einigen Fällen genau dokumentiert wurden. Dies gilt auch für die übrigen Texte aus Ninive.

Neben den literarischen Texten wurden Briefe der königlichen Korrespondenz (ca. 3000), Verwaltungstexte, Berichte über astrologische Beobachtungen usw. gefunden (Pedersén 1998, 164).

6. Ninive in der Bibel (Meik Gerhards)

6.1. Altes Testament

Aufgrund der Auseinandersetzungen mit den Assyrern war Ninive (נִינְוֵה Nînweh) in Israel bekannt. Im Alten Testament kommt es in zeitgenössischen Texten vor, vor allem aber in Texten, die historische Reminiszenzen spiegeln (vgl. dazu auch Dietrich). Einschließlich der → Apokryphen wird Ninive in Gen 10,11f.; 2Kön 19,36f. (= Jes 37,37f.); Jon 1,2 (u.ö.); Nah (passim); Zef 2,13-15; Tob 1,3.10 u.ö. (Lutherbibel: Tob 1,11 u.ö.); Jdt 1,1.16; Jdt 2,21 (nicht in Lutherbibel) erwähnt.

In den Mitteilungen über → Nimrod in Gen 10,8-13 wird Ninive als eine der mesopotamischen Königsstädte genannt. Die Notiz spiegelt die Zweiteilung Mesopotamiens in Babylonien (Sinear) und Assyrien. Ninive wird zu Recht Assyrien zugeordnet.

In 2Kön 19,36f. (= Jes 37,37f.) ist Ninive als assyrische Residenzstadt genannt, in die sich → Sanherib nach dem Scheitern der Belagerung Jerusalems zurückzieht und wo er ermordet wird. In Zef 2,13-15 wird ein göttliches Gericht über das Assyrerreich angekündigt und an der Zerstörung der Hauptstadt illustriert.

Dasselbe gilt für das → Nahumbuch, das in Nah 1,1 als „Spruch über Ninive“ (מַשָּא נׅינְוֵה; vgl. dazu Perlitt, 5) eingeführt wird. In Nah 2,2-14 wird die Verwüstung der Stadt ausgemalt, in Nah 3 folgt eine Sammlung von Gerichtsworten gegen Ninive. Nah 2,2.6-7 deutet das Bild einer großen Stadt mit Festung, Stadtmauern und Palast an. Obwohl es in der Stadt Händler gibt (Nah 3,16), hat sie ihren Reichtum nicht nur auf kommerziellem Wege gewonnen, sondern auch durch Raub (Nah 2,12f.; Nah 3,1), womit auf die Beute aus assyrischen Feldzügen angespielt wird: In Nah 3,1 wird Ninive zusätzlich „Stadt von Bluttaten“ oder „Blutstadt“ (עׅיר דָּמׅים) genannt. Auch wenn erst in Nah 3,18 ausdrücklich auf den König von Assur Bezug genommen wird, ist im ganzen Buch von Ninive als der Hauptstadt Assyriens die Rede. Als solcher wird ihr erwartetes Schicksal mit dem der ägyptischen Hauptstadt No-Amon (Theben) parallelisiert, die von den Assyrern zerstört worden war (Nah 3,8). Mit der „gezielten Voranstellung“ des Eingangspsalms Nah 1,2-8 „wird Ninive zum Paradigma aller gottfeindlichen Mächte“ (Perlitt, 3f.). Dieser paradigmatische Charakter Ninives ist vor dem geschichtlichen Erfahrungshintergrund Israels nachvollziehbar. Assyrien war die erste Großmacht, die die Königreiche Israel und Juda in die Vasallität zwang und eroberte (Nordreich 722 v. Chr.) bzw. zu erobern versuchte (Juda 701 v. Chr.). Diese erste Großmacht, deren Herrschaftsstreben Israel zu spüren bekam, konnte zum Paradigma aller späteren Großmächte werden, unter denen Israel zu leiden hatte, und darüber hinaus aller gottfeindlichen Mächte. Ninive konnte wiederum als Repräsentant Assyriens gelten, weil es als letzte Hauptstadt des neuassyrischen Reiches in Erinnerung geblieben war.

Dieser paradigmatische Charakter Ninives ist auch für das → Jonabuch prägend. Indem Ninive hier als die große Stadt erscheint, deren Bosheit vor Gott gekommen ist (Jon 1,1), deren Bewohner Böses und Gewalt an den Händen haben (Jon 3,8) und in der ein König residiert (Jon 3,6), erinnert das Bild der Stadt deutlich an das assyrische Machtzentrum, von dem das Nahumbuch spricht. Während die Worte des Nahumbuches aber zumindest teilweise in die Zeit der Assyrerbedrohung zurückreichen, ist das Jonabuch in der Perserzeit, womöglich sogar erst in der hellenistischen Zeit entstanden. Dass Ninive für das Jonabuch nur noch eine Reminiszenz ist, spiegelt sich darin, dass das Bild der bösen Assyrerhauptstadt mit Elementen angereichert ist, die ursprünglich mit den im Alten Testament überwiegend positiv beurteilten Persern verbunden sind. Das gilt für den Glauben der Niniviten an einen einzigen Gott, der zugleich der Gott Jonas ist (Jon 3,5), ebenso dafür, dass der König von Ninive das Dekret Jon 3,7-9 nicht allein, sondern gemeinsam mit seinen „Großen“ erlässt, schließlich dürfte auch die auffällige Einbeziehung der Tiere in die befohlene Buße (Jon 3,7f.) ein ursprünglich mit den Persern verbundenes Element sein (vgl. dazu Gerhards, 67-72). Indem die persischen Züge das Bild Ninives aufhellen, tragen sie dazu bei, das Mitleid Gottes mit Ninive (also: den Großmächten, die Israel bedrängen) verständlicher zu machen, dessen Rechtfertigung ausweislich der Schlussfrage Jon 4,10f. das Hauptanliegen des Jonabuches als einer „didaktischen Novelle“ ist.

Reminiszenzen an Ninive als Assyrerhauptstadt liegen auch im → Tobitbuch vor. Tobit wird als einer der Exilierten des Nordreichs von 722 v. Chr. eingeführt (Tob 1,2 [nicht in Lutherbibel]). Um historische Korrektheit geht es dabei allerdings nicht (vgl. dazu auch Schüngel-Straumann, 38.61f.): So soll Ninive offenbar schon zur Zeit Salmanassars V. assyrische Hauptstadt gewesen sein (Tob 1,2.10 [Lutherbibel: Tob 1,11]). Im Tobitbuch ist Ninive in erster Linie der paradigmatische Ort des Exils: Die exilierten Israeliten sind hier dem tödlichen Zorn der fremden Macht ausgeliefert, ein ordentliches Begräbnis wird ihnen verweigert (Tob 1,17f. [nicht in Lutherbibel]; Tob 2,3 [Lutherbibel: Tob 2,2]).

Im → Juditbuch gilt Ninive als Residenzstadt des „Assyrerkönigs“ → Nebukadnezar (Jdt 1,1). Dass das Assyrerreich auch hier als Paradigma der gottfeindlichen Mächte überhaupt dient, geht daraus hervor, dass ähnlich wie im Jonabuch Elemente verschiedener Großmächte in das Bild der Assyrer integriert sind: Zwar gehört Ninive, jedenfalls aus der Rückschau Israels, als Hauptstadt zu Assyrien, Nebukadnezar ist aber historisch betrachtet ein babylonischer König. Indem der Zerstörer Jerusalems zum in Ninive residierenden Assyrerkönig wird, fließen Erinnerungen an die beiden Großmächte zusammen, die den Königreichen Israel und Juda den Untergang bereitet haben (vgl. Schmitz / Engel, 50f.78). Zu dem paradigmatischen Bild passt, dass Nebukadnezars Oberbefehlshaber → Holofernes einen persischen Namen trägt (Schmitz / Engel, 51).

6.2. Neues Testament

Im Neuen Testament wird Ninive nur in den Bezugnahmen auf die Jona-Geschichte in Mt 12,41 und Lk 11,30.32 erwähnt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff (Ninive)
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2. Weitere Literatur

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3. Texteditionen assyrischer Herrscherinschriften

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  • Grayson, A.K., 1996, Assyrian Rulers of the Early First Millennium BC II (858-745 BC) (The Royal Inscriptions of Mesopotamia. Assyrian Periods 3), Toronto.
  • Grayson, A.K. / Novotny, J.R., 2012, The Royal Inscriptions of Sennacherib, King of Assyria (The Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period 3/1), Winona Lake, Ind.
  • Grayson, A.K. / Novotny, J.R., 2014, The Royal Inscriptions of Sennacherib, King of Assyria (704-681 BC) (Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period 3/2), Winona Lake, Ind.
  • Leichty, E., 2011, The Royal Inscriptions of Esarhaddon, King of Assyria (680-669 BC) (The Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period 4), Winona Lake, Ind.
  • Tadmor, H. / Yamada, S., 2011, The Royal Inscriptions of Tiglath-pileser III (744-727 BC) and Shalmaneser V (726-722 BC), Kings of Assyria (The Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period 1), Winona Lake, Ind.

3.2. Online Corpora

Eine Zusammenstellung der online verfügbaren Textedition assyrischer Herrscherinschriften findet sich hier: http://oracc.museum.upenn.edu/riao/index.html.

4. Internetquellen zu Ninive

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte Obermesopotamiens sowie der nördlichen und zentralen Levante. Mit freundlicher Erlaubnis von © Stepmap (Bearbeitung: M. Rummel)
  • Abb. 2 Satellitenaufnahme des Stadtgebiets von Ninive. © Google Earth (Zugriff 20.1.2017)
  • Abb. 3 Ninive-5-Gefäß mit typischer Kerbschnittverzierung (Höhe 11,4 cm). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 92828
  • Abb. 4 Plan des Stadtgebiets von Ninive. Zeichnung von © M. Rummel, nach Stronach 1997, 312
  • Abb. 5 Plan von Kujundschik. Zeichnung von © M. Rummel, nach Kertai, Taf. 16A
  • Abb. 6 Umzeichnung eines Wandreliefs aus Hof 6 des Südwest-Palasts mit Darstellung eines lamassu-Transports. Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (gezeichnet von F.C. Cooper)
  • Abb. 7 Umzeichnung eines Wandreliefs aus Raum S1 des Nord-Palasts mit Darstellungen einer Löwenjagd Assurbanipals. Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (gezeichnet von W. Boutcher)
  • Abb. 8 Tontafel mit einem astrologischen Bericht aus Ninive (L. 8,4, B. 4,1, D. 2,1 cm). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum (K 712)
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