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Lexikon

Nimrim

Hannes Bezzel

(erstellt: März 2009)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Nimrim.

Nimrim (נִמְרִים nimrîm) bezeichnet einen Ort in Moab, von dem in der Bibel zweimal (Jes 15,6; Jer 48,34) die Rede ist, beide Male in der Verbindung der „Wasser von Nimrim“ (מֵי נִמְרִים mê nimrîm).

1. Name

Zur Etymologie des Namens gibt es zwei Herleitungen. Die eine leitet den Namen von נָמֵר nāmer „Panther“ ab (vgl. Plöger, 109), der andere Vorschlag geht davon aus, hier werde der Charakter des besagten Wasserlaufes nach dem akkadischen „namru, ’hell, klar’ und dem südarab. nmrj, ’Bassin mit klarem Wasser’“ (Wildberger, 616) beschrieben.

In den Handschriften der Septuaginta wird der Ort mit Νεμηριμ nemērim, Νεβριμ nebrim, Νεβηρειμ nebēreim, Νεφρειμ nephreim, Μαμβρι mambri u.ä. transkribiert.

2. Biblische Überlieferung

Die erwähnten Vorkommen des Namens in Jes 15,6 und Jer 48,34 (LXX: Jer 31,34) finden sich, wenig überraschend, im Rahmen der Moab-Orakel der jeweiligen Prophetenbücher. Im Abschnitt Jes 15,5-8 ergeht eine Wehklage des Sprechers über das Schicksal Moabs und seiner Flüchtlinge, deren Weg in Jes 15,5 „bis nach → Zoar, bis Eglat-Schelischija“, über die „Steige von Luhit“ und „nach Horonajim“ nachgezeichnet wird. In Jer 48,34 hört man dagegen „das Geschrei von Heschbon bis Elale, bis nach Jahaz, von Zoar an bis nach Horonajim, bis Eglat-Schelischija“. Als Begründung dient im Anschluss in beiden Fällen das Versiegen der Wasser von Nimrim.

Bei näherem Hinsehen entpuppt sich der doppelte Beleg des Ortsnamens als eigentlich nur einer: Die Nähe der entsprechenden Verse zueinander ist derart groß, dass eine direkte literarische Verwandtschaft überaus wahrscheinlich ist. Auch die Richtung der Abhängigkeit ist wenig zweifelhaft: Während die Aufzählung der Orte in Jes 15,5-8 eine kohärente Fluchtbewegung in Südmoab beschreibt, sind die Namen in Jer 48 ohne rechtes System gemischt: Offenbar wurde hier mit Material aus Jes 15 eine Liste komplettiert. (Eine Ausnahme zu dieser opinio communis bildet unter den Neueren Huwyler, der auf gemeinsame mündliche Tradition schließen möchte [vgl. Huwyler, 181.188f]).

3. Lage

Die Bestimmung der literarischen Verhältnisse zwischen Jes 15,6 und Jer 48,34 ist für die topographische Lokalisierung der „Wasser von Nimrim“ nicht unwesentlich. Da die Fluchtbewegung in Jes 15,5-8 sich – im Gegensatz zu den Ereignissen von Jes 15,1-4 (und im Gegensatz zur Kompilation in Jer 48,34) – gänzlich im Bereich südlich des → Arnon abspielt, wird man auch den gesuchten Wasserlauf dort vermuten dürfen. So lokalisierte bereits → Eusebius in seinem Werk Onomasticon den gesuchten Ort nördlich von Zoar und identifizierte ihn mit dem Βηνναμαρειμ bēnnamareim seiner Zeit, das bei → Hieronymus dann Nemerim genannt wurde (Text Kirchenväter 3).

Das korrespondiert am besten mit dem Wādī ‘Ēn-Numēra [Wadi en-numera], das sich auf der östlichen Seite des Toten Meeres, etwa 13 km nördlich der früheren Südspitze, westlich von Kaṯrabbā [Katrabba] befindet (Koordinaten: 2001.0600; N 31° 08' 19'' / E 35° 31' 21''). An seinem Lauf liegt die Ausgrabungsstätte Numēra [Numera, Numeirah]. Hier wurde seit 1977 eine Siedlung der Frühbronzezeit freigelegt (EB III, ca. 2000 v. Chr.), die allerdings nur kurze Zeit bewohnt war (vgl. Rast / Schaub). Ein wenig weiter westlich, im ġōr ‘ēn-numēra [Gor en-numera] fand indes bereits Glueck nabatäische Siedlungsreste (ruǧm ‘ēn-numēra [Rugm en-numera]). Auch wenn die einen Reste zu alt und die anderen zu jung sind, und ohne dass es bislang eine positive archäologische Bestätigung dafür gäbe, dürfte das biblische Nimrim wohl in diesem Bereich zu suchen sein (vgl. Schottroff, 202).

Schien die Lage des Ortes demnach seit Hieronymus’ Jesajakommentar mehr oder weniger gesichert zu sein, entstand im 20. Jh. einige Verwirrung dadurch, dass, v.a. von Glueck, versucht wurde, das in Num 32,3 erwähnte und dem Stamm Ruben zugewiesene Nimra (נִמְרָה nimrāh), das als Bet-Nimra (בֵּית נִמְרָה bêt nimrāh) in Jos 13,27 zu Gad gehören soll, mit dem Nimrim aus Jes 15,6 zu verbinden. Dieses Nimra dürfte allerdings ein Stück weiter nördlich des Toten Meeres, in etwa auf der Höhe Jerichos, östlich des Jordan anzusiedeln sein, wo sich, am Wādī Nimrīn [Wadi Nimrin] gelegen, der Tell Nimrīn findet (Koordinaten: 2096.1453; N 31° 53' 59'', E 35° 37' 19''). Diese Lokalität passt indes nicht zur Anlage von Jes 15,5-8, und auch Eusebius und Hieronymus unterschieden dezidiert zwischen beiden Orten – Nimra (LXX Νεμρα nemra) war für sie das Dorf Ναμαρα namara bzw. Nemra.

So eindrücklich Schottroff gegen die Identifikation beider Orte argumentiert hat, so nachdrücklich lebt sie fort, etwa in Schalits Namenwörterbuch, über welches sie Einzug auch in die dritte Auflage des Hebräischen und Aramäischen Lexikons zum Alten Testament von Köhler und Baumgartner gehalten hat. Schalit gibt an, Josephus erwähne Nimrim wie auch Nimra im „Jüdischen Krieg“ (De bello Judaico 4,420; Text gr. und lat. Autoren). Das nur dort und nur einmal genannte Βηθενναβρις bēthennabris ist jedoch mit Sicherheit die nördlichere der beiden Ortschaften (die Aufständischen ziehen sich dorthin von Gadara aus zurück). Nimrim kommt demnach bei Josephus nicht vor.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Encyclopaedia Biblica, London 1902
  • The International Standard Bible Encyclopedia, Revised Edition, Grand Rapids 1929
  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville 1962
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The Oxford Encyclopedia of Archaeology in the Near East, Oxford / New York 1997
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Buhl, F., 1896, Geographie des Alten Palästina (GThW 2.4), Freiburg
  • Glueck, N., 1935, Explorations in Eastern Palestine, II, AASOR 15
  • Glueck, N., 1945-49, Explorations in Eastern Palestine IV, AASOR 25-28
  • Huwyler, B., 1997, Jeremia und die Völker. Untersuchungen zu den Völkersprüchen in Jeremia 46-49 (FAT 20), Tübingen
  • Kuschke, A., 1961, Jeremia 48,1-8. Zugleich ein Beitrag zur historischen Topographie Moabs, in: ders. (Hg.), Verbannung und Heimkehr. Beiträge zur Geschichte und Theologie Israels im 6. und 5. Jahrhundert v. Chr. (FS W. Rudolph), Tübingen, 181-196
  • Notley, R.S. / Safrai, Z., 2005, Eusebius, Onomasticon. The Place Names of Divine Scripture. Including the Latin Edition of Jerome (Jewish and Christian Perspective Series 9), Boston / Leiden
  • Plöger, O., 1965, Das Buch Daniel (KAT 18), Gütersloh
  • Rast, W.E. / Schaub, R.T., 1980, Preliminary Report of the 1979 Expedition to the Dead Sea Plain, Jordan, BASOR 240, 21-61
  • Rast, W.E., 1981 Settlement at Numeirah, AASOR 46, 35-44
  • Schalit, A, 1968, Namenwörterbuch zu Flavius Josephus (CCFJ.S), Leiden
  • Schottroff, W., 1966, Horonaim, Nimrim, Luhith und der Westrand des „Landes Ataroth“. Ein Beitrag zur historischen Topographie des Landes Moab, ZDPV 82, 163-208
  • Simons, J., 1959, The Geographical and Topographical Texts of the Old Testament. A Concise Commentary in XXXII Chapters, Leiden
  • Wildberger, Hans, 1978, Jesaja. 2. Teilband. Jesaja 13-27 (BK 10/2), Neukirchen-Vluyn

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Nimrim. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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