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Lexikon

Nikolaos - Nikolaiten

Hanna Roose

(erstellt: Dez. 2010)

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1. Nikolaos

Der griechische Name „Nikolaos“ bedeutet „der mit dem Volk siegt“. In Apg 6,5 begegnet Nikolaus als letzter in der Reihe der sieben Männer „von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ (Apg 6,3), die nach Apg 6,2 von der Jerusalemer Urgemeinde dazu bestimmt werden, „an den Tischen zu dienen“. Hintergrund ist ein Konflikt in der Gemeinde. Die „Hellenisten“ begehren gegen die „Hebräer“ auf, weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden (Apg 6,1). „Hellenisten“ sind hier griechisch sprechende Judenchristen, mit Hebräern sind hebräisch oder aramäisch sprechende Judenchristen gemeint. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es in dieser frühen Zeit noch keine Trennung zwischen Juden und Christen gab: Alle „Christen“ waren automatisch auch Juden. In der Jerusalemer Urgemeinde gab es demnach zwei Gruppen: einerseits „Hebräer“, also Juden aus Palästina, die Jesus nachgefolgt waren (z.B. die Schüler Jesu), andererseits „Hellenisten“, also Juden, die aus der so genannten Diaspora (den Ländern außerhalb Palästinas) stammten und nach Jerusalem gezogen waren, wo sie sich nun zu Jesus bekannten. Wie wird der Konflikt gelöst? Die zwölf → Apostel fordern die Gemeinde auf, sieben Männer zu bestimmen, die sich um die Versorgung der Witwen kümmern sollen (Apg 6,3). Wörtlich ist hier die Rede vom „Dienst an den Tischen“ (Apg 6,2). Die Zwölf wollen sich dagegen ganz und gar dem „Dienst am Wort“ widmen (Apg 6,4). Der Vorschlag stößt auf Zustimmung. Die Wahl fällt u.a. auf Nikolaus (Apg 6,5). Die Zwölf beten für die Sieben und legen ihnen die Hände auf (Apg 6,6). Damit ist der innergemeindliche Konflikt gelöst, und die Gemeinde wächst rasch weiter an (Apg 6,7).

Im weiteren Verlauf der Darstellung beschränken sich die Sieben – allen voran Stephanus – jedoch keineswegs auf den „Tischdienst“ (Apg 6,8-8,13.26-40). Das historische Verhältnis der Sieben zu den Zwölfen ist daher in der Forschung umstritten: Bildeten die Sieben ein in Jerusalem ansässiges Leitungsgremium, während die Zwölf (wie Jesus) umherzogen (Theißen)? Oder standen die Sieben in Konkurrenz zu den Zwölfen (Hengel)? Die zweite These impliziert, dass Hebräer und Hellenisten getrennt Gottesdienste feierten und sich auch in ihren religiösen Ansichten unterschieden.

Der Diakon Nikolaus wird als Proselyt aus Antiochia vorgestellt (Apg 6,5). Anders als die übrigen sechs war er also kein geborener Jude, sondern erst später durch Beschneidung zum Judentum übergetreten. In der Darstellung der Apg ist Nikolaus der erste Mensch nicht-jüdischer Abstammung, der zum Glauben an Jesus Christus kommt. Vielleicht bereitet Lukas durch diese Notiz den Übergang zur Heidenmission redaktionell vor (R. Riesner).

Bis heute ist umstritten, ob Nikolaus etwas mit der in Apk 2,6.15 erwähnten Gruppe der Nikolaiten zu tun hatte (zustimmend: Irenaeus, Adversus haereses I 26,3; ablehnend: Ignatius, An die Trallianer 11,2). In der neueren Exegese überwiegt die Ansicht, nach der Nikolaus der Apg historisch nichts mit der Gruppe der Nikolaiten aus der Apk zu tun hatte (anders N. Walter, s.u.). Wer einen historischen Zusammenhang zwischen Nikolaus und den Nikolaiten postuliert, muss erklären, wie ein apostolisch autorisiertes Mitglied der Siebener-Gruppe zum Gründer einer Gruppe werden konnte, die der Prophet Johannes verurteilt.

2. Nikolaiten

2.1. Die Darstellung in der Apk

In Apk 2,6 lobt der Seher Johannes die Gemeinde in → Ephesus dafür, dass sie die Werke der Nikolaiten hasst. Im Sendschreiben nach → Pergamon (Apk 2,12-17) wird diese Gruppe nochmals explizit erwähnt und mit den Anhängern Bileams verglichen. In der jüdischen Tradition galt → Bileam als der Verführer Israels (vgl. Num 31,16; Müller, 97). Die Anhänger der Lehre Bileams essen Fleisch, das Götzen geweiht ist, und treiben Unzucht (Apk 2,14). Darin gleichen sie den Nikolaiten (Apk 2,15). Dieselben Vorwürfe erhebt der Seher gegen die Anhänger der Prophetin „Isebel“ (Apk 2,20). Nach 1Kön 16,29-33; 2Kön 9,22 verleitet → Isebel, eine fremdländische Königin, König → Ahab zum Abfall von Gott. Wahrscheinlich stimmten die Ansichten der drei Gruppierungen (Nikolaiten, Bileamiten, Anhänger der Prophetin Isebel) weitgehend überein. Für die Nikolaiten ergibt sich daraus: Sie befürworteten den Genuss von Götzenopferfleisch und trieben Unzucht.

Diese Haltung der Nikolaiten begegnet uns nur in der polemischen Sicht des Johannes. Hintergrund ist die Überzeugung des Sehers, dass sich die Christusgläubigen so deutlich wie möglich vom Römischen Staat – der „Hure Babylon“ (Apk 17-18) – abgrenzen müssen (Apk 18,4). Der Vorwurf der Unzucht (freizügiger Geschlechtsverkehr) könnte also (auch) im übertragenden Sinn gemeint sein: Die Christusgläubigen sollen sich von der „Hure Babylon“ fernhalten. Andererseits gehört das Verbot der Unzucht zu den Minimalforderungen, die man auf judenchristlicher Seite gegenüber den Heidenchristen erhob, um ein Zusammenleben beider Gruppen zu ermöglichen. Davon zeugt das sog. Aposteldekret (Apg 15,28-29; vgl. die Parallelität zu Apk 2,24-25), das in bestimmten Gebieten zur Zeit der Abfassung der Apostelgeschichte wohl noch gültig war. In diesem Zusammenhang begegnet auch das Verbot des Verzehrs von Götzenopferfleisch. Es hatte bedeutende gesellschaftliche Konsequenzen. Denn „bei jedem städtischen Fest oder jeder geselligen Vereinsfeier, bei der man Fleisch verzehrte, konnte eine kritische Situation auftreten“ (Müller, 98). Der Verzicht auf den Genuss von Götzenopferfleisch kam also einem Bruch mit der heidnischen Gesellschaft gleich.

Das Verbot, Götzenopferfleisch zu essen, war unter den ersten Christusgläubigen umstritten: → Paulus gesteht der Gemeinde in → Korinth grundsätzlich zu, Götzenopferfleisch zu essen (1Kor 8,4), aber aus Rücksicht auf die „Schwachen“ könne es ratsam sein, darauf zu verzichten (1Kor 8; 1Kor 10,14-22; vgl. Röm 14). Hält man sich die jeweilige Argumentation des Sehers Johannes und des Paulus vor Augen, so könnten die Nikolaiten damit argumentiert haben, „dass ein Kompromiss mit den römischen imperialen Kulten Kleinasiens möglich sei, oder dass Idole [„Götzen“] keine Bedeutung hätten und von daher das Essen des Opferfleisches kein Problem sei“ (Rossing, 313). Diese argumentative Nähe zwischen den Nikolaiten und Paulus könnte auch historisch begründet sein, wenn N. Walter damit Recht haben sollte, dass Nikolaus (aus Apg 6,5) der Begründer einer Christusgemeinde in Ephesus war, die auch Nicht-Juden als gleichberechtigte Mitglieder aufnahm, und dass Paulus sich dieser Gruppe (also den Nikolaiten) in Ephesus während seines dortigen Aufenthaltes anschloss. Die Christen, die der Seher in seinem Sendschreiben nach Ephesus dafür lobt, dass sie die Werke der Nikolaiten verabscheuen (Apk 2,6), wären demnach eine konkurrierende christliche Gruppe in Ephesus, die sich zumindest den Forderungen des Aposteldekrets unterwirft.

Die Nikolaiten begründeten ihre Position wohl außerdem mit ihrem besonderen christlichen Erkenntnisstand. Wahrscheinlich erhoben die Anhänger der Isebel (und damit auch die Nikolaiten) den Anspruch, die Tiefen Gottes erkannt zu haben (vgl. 1Kor 2,10). Der Seher verkehrt diesen Anspruch und spricht von der Erkenntnis des → Satan (Apk 2,24). U.B. Müller bringt die Nikolaiten aufgrund der gegensätzlich-parallelen Formulierung in 1Kor 2,10 und Apk 2,24 mit einer von Paulus angegriffenen Gruppierung in Korinth in Verbindung, die sich auf besondere Erkenntnisse berief (96-99). In diesem Fall wäre der Zusammenhang zwischen Paulus und den Nikolaiten (und zwischen Nikolaus und den Nikolaiten) nicht so eng wie von N. Walter angenommen.

2.2. Die Darstellung in der patristischen Literatur

A. von Harnack betrachtete die Nikolaiten aus der Apk und die Nikolaiten, die in den großen Ketzerkatalogen der patristischen Literatur begegnen, als dieselbe kontinuierlich bestehende Sekte. Aber „der Quellenwert der Kirchenvätertexte [ist] von zweifelhafter Güte…, zumal sich kein einheitliches Bild ergibt“ (Heiligenthal, 135). In der patristischen Literatur finden sich zwei Überlieferungsstränge, die beide von Irenäus ausgehen (Heiligenthal, 134). Der eine Strang beschreibt die Nikolaiten als (prä-)gnostische, der andere als eine antinomistische, also gegen das jüdische Gesetz gerichtete, Gruppierung.

In Adversus haereses I,26,3 stellt Irenäus eine nomistische (gesetzestreue) und eine antinomistische Gruppierung (die Nikolaiten) gegenüber. Hier nimmt er keine Identifizierung der Nikolaiten mit einer gnostischen Richtung vor, sondern wirft ihnen Ehebruch (Unzucht) und den Genuss von Götzenopferfleisch vor:

„Die Nikolaiten haben als Lehrer Nikolaus, einen von den sieben, welche zuerst von den Aposteln zu Diakonen geweiht wurden. Ihr Leben ist zügellos. Sie lehren, es habe nichts zu bedeuten, wenn man ehebreche oder von den Götzenopfern esse. Am deutlichsten ist ihr Leben durch die Offenbarung Johannis kundgetan, der von ihnen sagt: „Aber das hast du, dass du die Werke der Nikolaiten hasst, die ich auch hasse.““ (Übersetzung nach BdK.)

In Adversus haereses III,11,1 hingegen bezeichnet Irenäus die Nikolaiten als „Abzweig der fälschlich so genannten → Gnosis":

„Durch die Verkündigung seines [des Evangelisten Johannes] Evangeliums wollte er jenen Irrtum widerlegen, den Kerinthus unter die Menschen gebracht hat und viel vor ihm die sog. Nikolaiten, die ein Abzweig der fälschlich so genannten Gnosis sind.“ (Übersetzung nach BdK.)

Beide Einordnungen werden in der patristischen Literatur fortgeführt. Das heißt: „Eine automatische Gleichsetzung der Nikolaiten mit bestimmten Gnostikern [ist] in der patristischen Literatur nicht durchgängig vorzufinden“ (Heiligenthal, 134).

Eine historische Verbindung zwischen dem Nikolaus aus Apg 6,5 und den Nikolaiten aus der Apk wird in der modernen Forschung mehrheitlich abgelehnt. Die patristische Literatur urteilt an diesem Punkt unterschiedlich. Während Irenäus eine Verbindung bejaht (s.o.), wird sie von Ps.-Ignatius (Ignatius, An die Trallianer 11,2) und Eusebius von Caesarea (Histroria ecclesiastica. III 29) verneint.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Harnack, A. v., 1923, The Sect of the Nicolaitans and Nicolaus, JR 3, 413-422
  • Heiligenthal, R., 1991, Wer waren die Nikolaiten?, ZNW 82, 133-137
  • Müller, U.B., 1995, Die Offenbarung des Johannes (ÖTK 19), Gütersloh
  • Riesner, R., 1991-2001, Art. „Nikolaus“, Neues Bibel-Lexikon II, 927
  • Rossing, B.R., 2007, Propheten, prophetische Bewegungen und die Stimme von Frauen, in: R.A. Horsley (Hg.), Die ersten Christen (Sozialgeschichte des Christentums I), Gütersloh, 293-321
  • Walter, N. 2002, Nikolaos, Proselyt aus Antiochien, und die Nikolaiten in Ephesus und Pergamon, ZNW 93, 200-226

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