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Lexikon

Narrativität

Dorothea Erbele-Küster

(erstellt: Juli 2009)

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1. Zur Einführung

1.1. Was ist Narrativität?

Narrativität ist eine Form, das menschliche Sein zu erschließen. Sie bezieht sich auf die alltägliche Erfahrung, dass wir in Geschichten leben und dass Erzählungen eine Dynamik zueigen ist, die uns Menschen in sie hineinzieht. Es geht also nicht nur um die Qualität eines Textes, sondern vor allem darum, dass Erzählen für unsere Welterschließung konstitutiv ist. Denn im Erzählen wird es möglich, die eigenen Erfahrungen zu versprachlichen, zu sortieren und zu interpretieren, an fremden Welten teilzuhaben und alternative Welten zu entwerfen (→ Erzählende Gattungen 1.1.3. Zur Appellstruktur von Texten). Die Narrativität ist damit nicht allein für die Literaturwissenschaft, sondern auch für die Anthropologie von Interesse.

Die Narratologie (Erzählkunst / Erzählanalyse) wiederum untersucht diese Struktur. Indem sie den Leseprozess beleuchtet, wird Narrativität als grundlegendes Element von Geschichten erfahrbar und nachvollziehbar. Entsprechend kreist die Narratologie um drei große Fragen: „Wer erzählt?“ (bzw. „Aus welcher Instanz wird erzählt?“), „Wie wird erzählt?“ und „Was wird erzählt?“. Mit Blick auf die zuletzt genannte Frage „Was wird erzählt?“ sind die Handlungssequenz (der Plot) und die Personen, die die diese vorantreiben und tragen, entscheidend (→ Erzählende Gattungen). Die Narratologie lenkt mit ihrer Unterscheidung zwischen dem „wie“ (discourse) und dem „was“ (story) das Augenmerk auf das, was für die Geschehensabfolge entscheidend ist, nämlich „wie“ erzählt wird. Mit Hilfe dieser Begrifflichkeiten lesen und schreiben wir auch unsere Lebensgeschichte(n).

Des Weiteren gilt es dem Rechnung zu tragen, dass Erzählen ein Kommunikationsakt ist (→ Erzählende Gattungen 1.1.1.). Kritisch ist deshalb zu fragen: Wer spricht für wen mit welchem Interesse? Damit schließt die Narratologie an klassische Problemfelder der Gattungsforschung an (→ Erzählende Gattungen 2.), wobei diese in einen neuen Rahmen eingebettet sind, der nicht an der Ursprungssituation eines Textes interessiert ist, vielmehr am Akt des Erzählens und wie dieser sich im Lesen realisiert.

1.2. Zur Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte des Begriffs Narrativität

Der Begriff Narrativität entstand innerhalb der französischsprachigen literaturwissenschaftlichen Diskussion gegen Ende der 60iger Jahre des 20. Jahrhunderts (narrativité). Er gehört zu den Ausläufern des Strukturalismus. Ein gutes Jahrzehnt später wurde er dann in den englisch- und deutschsprachigen Diskurs übernommen, der bereits teilweise unabhängig davon eine Narrative Theory / Criticism bzw. Erzählkunst entwickelt hatte.

Die erste Rezeptionswelle der Narratologie innerhalb der Exegese geschah in den 80iger Jahren. Schließlich war bislang in der Forschung dem kaum Rechnung getragen, dass ein großer Teil der biblischen Überlieferung erzählenden Charakter trägt. In dieser Zeit entstanden innerhalb der Bibelwissenschaften erste grundlegende Einführungen zum Thema. 1981 erschien Robert Alters „The Art of Biblical Narrative“. In kurzem Abstand folgten zahlreiche weitere. Schlägt man die Werke zur Narratologie in der Bibel auf, stößt man auf Klassifizierungen und Einteilungen, die sich größtenteils an die Diskussion in der Literaturwissenschaft anlehnen. Gleichzeitig haben einerseits Bibelwissenschaftlerinnen wie die Niederländerin Mieke Bal die allgemeine literaturwissenschaftliche Diskussion in der Theoriebildung vorangetrieben und andererseits hat der israelische Literaturwissenschaftler Meir Sternberg seine Theorie am biblischen Material entwickelt (vgl. bereits Auerbach). Im deutschsprachigen Bereich dauerte es noch zwei Jahrzehnte bis 2001 mit dem Arbeitsbuch literaturwissenschaftliche Bibelauslegung von Helmut Utzschneider / Stefan Ark Nitzsche diesen Entwicklungen auf der Ebene der Lehrbücher Rechnung getragen wurde.

1.3. Aufbau des Artikels

Um die Narrativität von Texten zu erfassen, ist seit den 70iger Jahren des 20. Jahrhunderts ein inzwischen klassisch gewordenes Repertoire an Aufschlüsselung entstanden, das vorrangig nach der Erzählperspektive, der Handlung, den Personen, der Zeit und dem Ort und damit aus unterschiedlichen Perspektiven fragt, wie erzählt wird (→ Erzählende Gattung 1.2. und 1.3.).

In einem ersten Schritt wird die Erzählinstanz (2.) als ein umfassendes Phänomen des Textes bzw. des Erzählens selbst untersucht („Welche Instanz erzählt?“ und „Aus welcher Perspektive?“). Eng verbunden ist damit in der neueren Narratologie die Frage „Wie wird erzählt?“. Denn um die Narrativität zu verstehen, gilt es die stilistischen und sprachlichen Mittel des Textes zu untersuchen. Dieses Kapitel entfaltet das Instrumentarium zur Analyse des Diskurses. Der letzte Abschnitt (3. Narrativität, Ethik und Fiktionalität) zeigt auf, welche Impulse das Konzept der Narrativität für eine biblische Ethik und Anthropologie liefert.

2. Die Erzählinstanz

Die Fragen, aus welcher Instanz erzählt wird („wer spricht?“) bzw. aus welcher Perspektive und wie erzählt wird („wer sieht?“), bilden den Anfang, da eine Erzählung, so die Definition, ein Text ist, der durch eine bestimmte Instanz eine Handlungsabfolge erzählt. Diese Fragen, die sich auch in Handbüchern finden, suggerieren eine personale Instanz – einen Erzähler –, etwa in Anlehnung an den Autor, der jedoch nicht im Blick der Erzählforschung liegt (→ Erzählende Gattungen 1.2. Der Erzähler). Ihr geht es vielmehr um die Art und Weise des Erzählens, um den Erzählvorgang, mit anderen Worten die Narrativität.

2.1. Begriffsklärungen

In der deutschsprachigen Erzählforschung wird mit dem Ich-Erzähler und dem Er-Erzähler, der mit einem auktorialen bzw. allwissenden Erzähler gleichgesetzt wurde, eine Unterscheidung angegeben, die auf den ersten Blick allein auf grammatischer Ebene liegt. Allerdings betonte bereits Franz Stanzel in seinem Klassiker „Theorie des Erzählens“ (seit der ersten Auflage von 1978 ständig revidiert), dass das Entscheidende nicht das Vorkommen der ersten Person ist, sondern ob dieses Ich sich innerhalb oder außerhalb der fiktionalen Welt der Erzählung befindet (siehe seinen Typenkreis). Die dritte Erzählsituation innerhalb seines Typenkreises ist die personale, in der das Geschehen aus dem Blickwinkel einer Person innerhalb der Erzählung geschildert wird.

Im Gefolge der durch Gérard Gennette beeinflussten Narratologie bildet diese Unterscheidung auf ontologischer Ebene dann auch den Ausgangspunkt. An der Basis der Einteilung steht die Stellung der Erzählinstanz zum Erzählgeschehen. Die Frage lautet: Wie verhält sich der Erzähler zur erzählten Welt? Wichtigstes Kriterium ist daher nicht, ob die Erzählung in der ersten Person erzählt wird, sondern ob diese erste Person teil dieser Erzählung ist (homodiegetisch) oder nicht (heterodiegetisch). In der Analyse ist zu fragen: Handelt es sich um eine externe Erzählinstanz oder eine die an einen Handlungsträger gebunden ist, die selbst wahrnimmt und handelt? Mit autodiegetisch wird ein Sonderfall des homodiegetischen Erzählens bezeichnet, bei der der Erzähler nicht nur als eine der Figuren erscheint, sondern die Hauptperson ist.

Der französischsprachige Narratologe Genette präzisierte sein Modell durch die Rede von der Fokalisierung. Er bezeichnet damit in einem durchaus technischen Sinne die Möglichkeiten des Wahrnehmens und Wissens, über die eine Erzählinstanz verfügt. Er unterscheidet drei grundlegende Möglichkeiten der Fokalisierung: 1. Nullfokalisierung: der Standpunkt unterliegt keinen Einschränkungen. Dies wird traditionell mit dem allwissenden Erzähler bezeichnet. 2. Die externe Fokalisierung: die Erzählinstanz hat keinen Einblick in die Figuren. 3. Interne Fokalisierung: die Erzählinstanz fällt zusammen mit einer Figur der Erzählung. Ergänzt wird die Untersuchung der Erzählperspektive in der neusten Literaturforschung durch die Frage, welche Normen und Wertungen in die Erzählperspektive hineinverwoben sind (siehe 2.3. Narrativität und Ideologie).

2.2. Biblische Geschichten: Subtile Durchbrechung der auktorialen / heterodiegetischen Erzählsituation

Biblische Geschichten werden überwiegend aus einer scheinbar allwissenden Perspektive, die außerhalb aller handelnden Personen liegt, erzählt, sodass die handelnde Person und die Erzählstimme nicht zusammenfallen (auktorial). Der Erzählstandort ist also außerhalb der Geschichte, die Erzählstimme ist nicht Teil der Erzählung (heterodiegetisch).

Im Rahmen der auktorialen Erzählweise, wo die Erzählinstanz nicht teil an der Handlung hat, wird in Gen 22 oder Hi 1-2 selbst ein Einblick in die Welt Gottes gewährt. In Gen 22 wissen wir als Leser/innen durch den einleitenden Satz, dass es sich im Folgenden um eine Versuchung, eine Probe für → Abraham durch Gott handelt. Abraham selbst weiß das nicht. Der Text erzählt über verschiedene Personen, ohne dabei einen Erzähler bzw. eine Erzählerin zu identifizieren oder zu thematisieren.

Allerdings sind in die insgesamt heterodiegetische Erzählsituation Aspekte der internen Fokalisierung eingeflochten. Für Momente haben wir innerhalb der auktorialen Erzählsituation Einblick in die Perspektive einer der Charaktere etwa durch das Signalwort „siehe“, wodurch das Interesse gebündelt wird. So werden die Leser/innen nach Verben des Sehens gefolgt von einem „siehe“ auf die Welt der handelnden Person aufmerksam gemacht und ihnen ein Einblick in diese gewährt. In Gen 24,63 sehen wir mit Isaak: „Isaak ging hinaus, um auf dem Feld beim Anbruch des Abends zu klagen. Er hob seine Augen und schaute und siehe: Kamele kamen“ (vgl. Ri 3,25 und 2Sam 18,24; Lk 14,2; Lk 19,1). Hier erzählt ein Erzähler, der außerhalb des Geschehens steht (heterodiegetisch), die Perspektive, markiert durch Signalwörter, ist jedoch eine interne.

Die Bezeichnungen der Personen innerhalb einer Geschichte wechseln je nachdem, welche Perspektive der Erzähler gerade einnimmt, d.h. an welcher Innenperspektive die Leser/innen teilnehmen können, wobei der szenischen Darstellung eine wichtige Funktion zukommt. So ist in Gen 16 in der Erzählung rund um die Geburt eines Nachkommens für Abram und → Sarai durch → Hagar, letztgenannte im Munde Abrams „deine (Sarais) Sklavin“ (Gen 16,6). Beide, Sarai und Abram nehmen den Namen der Sklavin nicht in den Mund, allein in der Anrede durch den Boten wird Hagar bei ihrem Namen genannt (Gen 16,8). Dies lässt sich auch im weiteren Verlauf der Geschichte nach der Geburt von Ismael durch Hagar beobachten: Gen 21,9-21 handelt von Ismael, doch sein Name wird nicht genannt. Stattdessen nennt ihn Sara „Sohn von Hagar, der Ägypterin“ (V.9). Dort, wo der Erzähler über Abrahams Gefühlswelt spricht, wird er affektiv als „sein Sohn“ bezeichnet (V.11). In der Szene, in der er ihn zusammen mit Hagar aus dem Haus vertreibt, heißt es distanziert „das Kind“ (V.14). Ismael wird jeweils unterschiedlich bezeichnet, abhängig von der Haltung, die eine handelnde Person ihm gegenüber einnimmt.

Nicht zuletzt wird durch das Zitat der direkten Rede unterschiedlichen Personen innerhalb einer Geschichte Raum gegeben. Die Narratologie fragt daher: „Wer spricht?“ bzw. umgekehrt „Wessen Stimme ist nicht zu hören?“. Denn Personen werden durch das, was sie sagen, charakterisiert (→ Erzählende Gattungen). Dies ist vornehmlich in auktorialen Erzählsituationen der Fall (siehe Stanzels Typenkreis). So wird durch die Stellung und Häufigkeit, die der direkten Rede in biblischen Texten zukommt, eine wechselnde interne Fokalisierung ermöglicht. In Gen 16 etwa kommt Hagar erst zu Wort, nachdem der Bote Gottes sie in der Wüste anspricht.

Die Erzählperspektive ist daher eng verwoben mit der Lenkung der Leser/innen. Unterbrechungen wie „bis auf den heutigen Tag“ (Gen 19,37; Gen 32,33; Jos 4,9 u.ö.) kennzeichnet die Distanz, die zwischen der erzählten Geschichte und dem Heute liegt. Gleichzeitig schaffen sie eine Verbindung zwischen der Welt des Textes und der Welt der jeweiligen Lesegemeinschaft.

Gegenüber der heterodiegetischen Erzählweise vieler biblischer Texte stechen Bücher wie Esra und Nehemia heraus, die im Ich-Stil verfasst sind. Das Buch Nehemia beginnt allerdings wie eine Chronik und endet mit einem Gebet.

Auch bei einem Ich-Erzähler fällt die Erzählstimme nicht in eins mit dem Autor bzw. der Autorin. So problematisieren das Lukas- und das Johannesevangelium sich selbst als Verfasser (Lk 1) bzw. ihre Schreibtätigkeit und die ihrer Vorgänger (Lk 1; Joh 21). Reflexivität und Intertextualität des Erzählvorgangs sind damit ein konstitutives Element von Narrativität. Im Verlauf der Erzählungen im Lukasevangelium wird das Ich jedoch ausgeblendet zugunsten der allwissenden Perspektive einer verborgenen Erzählinstanz.

2.3. Narrativität und Ideologie

Die für biblische Geschichten auf den ersten Blick so kennzeichnende distanzierte Außenperspektive wird, wie oben gezeigt wurde, vielfach durchbrochen. Zum einen nimmt die Erzählperspektive im Verlauf der Handlung die Perspektive von unterschiedlichen Protagonisten ein und zum anderen bedient sich der Text subtiler Hinweise zur Kommentierung bzw. Lenkung der Leser/innen wie der Einführung der Charaktere (die weise und schöne Frau → Abigajil in 1Sam 25,3; der schöne und junge → David in 1Sam 9,2) bzw. der Wortwahl. In Gen 16,6 sind deutliche Worte für Sarais Verhalten gewählt: der Erzähler sagt, dass sie ihre Sklavin Hagar unterdrückte. Nicht von ungefähr wird derselbe Wortstamm „Unterdrückung“ in der Rede des Boten Gottes an Hagar später wieder aufgenommen. Die abschließende tröstende Zusage des Boten „Gott hat deine Unterdrückung gehört“ übt damit Kritik am Verhalten Sarais (Gen 16,11).

Eine Geschichte ist daher immer mehrdeutig, d.h. sie lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven erzählen und birgt unterschiedliche Perspektiven in sich: Ri 11 etwa ist die Geschichte von → Jeftah, der ein Gelübde ablegt, aber auch eine Geschichte (s)einer namenlosen Tochter, die Geschichte des Ausgangs des Krieges zwischen → Ammon und Israel, und die Begründungserzählung für ein Ritual zur Erinnerung. Diese Reihe ließe sich ergänzen. Entsprechend stellt sich die Frage an die Leser/innen: Lässt sich innerhalb eines Textes eine dominante Perspektive herauskristallisieren? Wie verlässlich ist ein Erzähler in seiner Darstellung? Bzw. Welche Perspektive bzw. Information verschweigt er? Die Erzählinstanzen in biblischen Texten fallen selten ein explizites Urteil, vielmehr sind die Interpretationsmöglichkeiten in die Erzählperspektive geschickt verwoben. Im Interpretationsgang gilt es diese freizulegen, um so zur Kritik fähig zu sein. Die dominante Perspektive eines Textabschnittes wird teilweise durch den weiteren Zusammenhang d.h. eine kanonische Lektüre korrigiert. Durch die Erzählung der Moabiterin → Rut in Rut 1-4, deren Sohn in die Genealogie Davids (und in Mt 1 in die Genealogie Jesu) aufgenommen wird, vollzieht sich eine stille innerbiblische Kritik an Texten wie → Nehemia und → Esra, die zur Scheidung von „fremden“ Frauen auffordern, bzw. an Num 22-25, wo das moabitische Volk, den Propheten → Bileam anheuert, um Israel zu verfluchen.

Im Gefolge der literakritischen und redaktionsgeschichtlichen Forschung ist der sozio-religiösen rhetorischen Funktion der sog. „Deuteronomistischen Geschichtsschreibung“ in den Büchern Josua, Richter, 1/2 Samuel und 1/2 Könige Beachtung geschenkt worden mit deren lehrhaft-kommentierendem Stil (vgl. z.B. die Beurteilung der Könige in 2Kön 18,3; 2Kön 22,2 “er tat was JHWH gefiel“ und in 2Kön 21,2.20; 2Kön 23,23.27 „er tat was JHWH missfiel“; → Königsbücher). In den letzten Jahrzehnten legten vor allem (feministisch) literarisch-rhetorisch ausgerichtete Arbeiten bzw. postkoloniale Exegese die Ideologie biblischer Texte frei (etwa in der → Rahab-Erzählung in Jos 2-6).

3. Narrativität, Ethik und Ästhetik

3.1. Fiktionalität, Kontextualität und Wahrheit

Die Narratologie ist sich der kontextuellen Differenzen der einzelnen Erzählstrategien bewusst. Neben den transkulturellen Konstanten untersucht sie die spezifisch narrativen Strukturen und Konventionen einzelner Gemeinschaften, Kulturen und Textcorpora. Sie schließt damit auch an stärker historisch arbeitende Forschungsrichtungen wie die Kulturwissenschaften, den historical criticism und die Rezeptionsgeschichte an, indem sie folgenden Fragen nachgeht: Was ist der Beitrag der biblischen Geschichten zur materialen Kultur einer Gesellschaft? Wie haben sie in dieser Spuren hinterlassen? Wie bzw. warum „funktionieren“ die Jahrtausende alten biblischen Texte immer noch als Identifikationsangebote in der Spätmoderne? Nicht zuletzt sind es die Leerstellen bzw. der sog. „implizite Leser“ in den biblischen Texten, die diese offen halten für die anhaltende Aneignung in unterschiedlichen Kontexten (→ Rezeptionsästhetik). Die Narrativität ermöglicht es damit aufzuzeigen, weshalb Geschichten funktionieren bzw. weshalb nicht, indem sie die Erzählstrategien erhellt. Mit dem Ahnvater der alttestamentlichen Erzählforschung → Hermann Gunkel gesprochen geht es um die Schönheit der Geschichten. Allerdings wird man dem Konzept der Narrativität nicht gerecht, wenn es auf Lesbarkeit (narrativeness) verkürzt wird, denn gerade Unterbrechungen und Leerstellen sind konstitutiv für die Narrativität eines Textes.

Literaturwissenschaftliche Ansätze wie die Narratologie sind nicht daran interessiert, die biblischen Geschichten so zu lesen, wie es die ursprünglichen Leser/innen getan haben könnten. Nicht nur, dass ihnen dies heuristisch unmöglich erscheint aufgrund des historischen Grabens. Vielmehr wird dem jeweiligen Rezeptionskontext Rechnung getragen, der es erfordert, die Texte anders zu lesen, zumal weil Erzählungen gerade auf die fortwährende Aktualisierung hin geschrieben wurden und sich nicht in einer einmaligen Sinnbildung erschöpfen. Bereits für Gunkel bildete in seiner Einleitung zum Genesiskommentar (1901) die ästhetische Wirkung den Ausgangspunkt der Exegese. Im Gefolge der Rezeptionsästhetik wird dann versucht, zwischen einer historischen und einer ästhetischen Auslegung zu vermitteln.

Mit dem Einblick in die Narrativität der biblischen Erzählungen geht einher, die Bibel als Literatur zu lesen bzw., wie andere es betonen, dem Rechnung zu tragen, dass die Bibel Literatur ist. Die Narrativität biblischer Texte wiederum hängt eng zusammen mit ihrer → Fiktionalität. Fiktionalität wird dabei nicht als Gegenbegriff zur Wirklichkeit verstanden. Fiktionalität vermittelt kein trügerisches Scheinbild. Mit Fiktionalität ist eine positive Funktion des Textes beschrieben: die Eröffnung von Erfahrungsräumen. Ein Vorbehalt gegenüber der These von der Fiktionalität biblischer Texte ist, dass diese damit an Gültigkeit einbüßen. Doch gerade aufgrund des fiktionalen und exemplarischen Charakters sind die biblischen Texte normierend (geworden). Literalität und Fiktionalität sind Kennzeichen des Kanons. Es sind Fiktionalitätsmerkmale wie die Abstraktion des Ortes, die Leerstellen, die intertextuellen Verweise, die einem Text Dauer verleihen und ihn kanonisch werden lassen.

Dies wirft die Frage nach der Wahrheit der biblischen d.h. der fiktionalen Texte auf. Das Konzept der Narrativität verwehrt sich der Einteilung in die Kategorie wahr oder falsch. Die Wahrheit einer Erzählung liegt auf einer anderen Ebene, nämlich innerhalb des Textes bzw. in der narrativen Struktur. Erzählungen sind wahr, unabhängig davon, ob sie etwas genau so wiedergeben, wie es in der Vergangenheit geschehen ist. Ihre Wahrheit liegt darin, dass sie eine Welt (d.h. die Erfahrung von Wahrheit) in der Gegenwart und Zukunft ermöglichen. Die Narrativität ist damit Garant dafür, dass sich die Erzählung und die Erfahrung bewahrheitet, d.h. dass sie nachvollziehbar ist (→ Erzählende Gattungen 1.1.4.).

3.2. Anthropologie und Ethik

Eine Erzählanalyse, die in biblischen Geschichten die Narrativität aufdeckt, reicht Bausteine für eine Leseanthropologie (→ Erzählende Gattungen 1.1.3. Zur Appellstruktur von Erzählungen) sowie für eine narrative Ethik an. Teilweise spiegelt der Aufbau der Monografien zur Narratologie biblischer Texte nicht nur einen narratologischen, sondern auch einen anthropologischen Ansatz. Am Profiliertesten ist dies wohl bei Paul Ricoeur der Fall, der die Behandlung der Zeit bzw. Zeitstruktur an die erste Stelle setzt, weil dies ein grundlegendes Kennzeichen sowohl von Erzählungen als auch der menschlichen Existenz ist.

Das Phänomen der Narrativität lässt sich jedoch nicht nur in narrativen Texten, sondern auch in poetischen Texten wie den → Psalmen beobachten. Zum einen enthalten sie erzählende Elemente etwa der Rückblick auf die Errettung oder vergangene glückliche Tage (Ps 42,5). Im Prozess des Lesens affizieren die Psalmtexte den Leser und die Leserin. Wie David, der in den Überschriften fiktiv eingeführte exemplarische Leser, Sänger und Autor können sie in Situationen der Not ihre Erfahrungen versprachlichen und neu ausrichten. Die Beterin / der Beter kann im Lesen der Psalmen ihre / seine Geschichte (neu) erzählen.

Mit Narrativität wird also die performative Kraft von Texten und Geschichten in den Blick genommen, die uns in diese hinein nimmt und transformiert. Narrativität bezeichnet die Erfahrung, dass die Erzählung die Grundstruktur menschlicher Existenz ist. Der Narrativität kommt daher das Primat zu gegenüber Erzählungen. Es ist die Dynamik der Narrativität die Narrationen (Erzählungen) hervorbringt, denn Menschsein ist in Geschichten Verstricktsein (Wilhelm Schapp). Wir leben Geschichten, bevor wir sie erzählen (Paul Ricoeur). Da sich menschliches Verstehen im Erzählen von Geschichten vollzieht, kommt dem Nach-Erzählen von (biblischen) Geschichten eine ethische Funktion zu (Adam Zachary Newton).

Das, was unsinnig und ohne Zusammenhang erscheint, erhält im (Nach-) Erzählen eine Struktur. Zugleich deckt sich die Pluralität an Geschichten, die häufig ohne Linearität sind, mit der menschlichen Lebenswelt. Dies lässt sich auch umgekehrt und mit Blick auf die biblischen Überlieferungen formulieren: Sie ist Spiegel unserer pluriformen Erfahrungen und gibt Zeugnis davon, dass Geschichte nicht im Singular besteht.

Die Narrativität zieht uns in die Geschichten hinein und lässt uns im Lesen Teil dieser werden. Im Lesen der biblischen Texte werden damit Identifikationsmodelle angeboten, die eine narrative Ethik entwerfen. Die Leerstellen sind eine Aufforderung an die Lesenden, indem sie zur Begegnung mit dem Anderen einladen. Es handelt sich dabei nicht um eine Ethik der Erzählung, vielmehr geht es darum zu entfalten, dass Erzählen / Narrativität Ethik ist. Erzählen vollzieht sich in einer Perspektive, die auf Gott hin und von Gott her geöffnet ist. Leerstellen, Brüche, Kommentare innerhalb des Textes ermöglichen und verweigern dies zugleich. Die Narrativität biblischer Texte lädt ein zum Erzählen, Neuerzählen und zum Erzählt-Werden.

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Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

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