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Lexikon

Nachlese

Theodor Seidl

(erstellt: Jan. 2009)

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1. Belege und Sachverhalte

Das Deuteronomische Gesetz (→ Deuteronomium) und das → Heiligkeitsgesetz, nicht aber das → Bundesbuch, verbieten dem israelitischen Grundbesitzer („Du“, „Ihr“-Adressaten), Feld und → Weinberg (Lev 19,9f.; Lev 23,22) sowie den → Ölbaum (Dtn 24,20) völlig abzuernten, bzw. gebieten, Restprodukte der → Ernte den → Armen und → Schutzbürgern (Lev 19 und Lev 23) sowie auch den → Waisen und Witwen (Dtn 24,20f.) für die Nachlese zu überlassen.

Im Deuteronomischen Gesetz finden sich die Nachlesevorschriften innerhalb der „Sozialtora“ (Braulik) von Dtn 24, im Heiligkeitsgesetz stehen sie im Zentrum der „Heiligkeitstora“ (Staubli) von Lev 19; ihre Wiederholung im Festkalender von Lev 23,22 verzichtet jahreszeitlich bedingt auf die Nachleseregelung der Weinlese (→ Fest).

Die Ährennachlese → Ruts (Rut 2,2f.7f.15.19) steht wohl kaum im Gefolge der Nachlesevorschriften des Deuteronomischen Gesetzes und des Heiligkeitsgesetzes, da Rut nach Rut 2,2 erst die Erlaubnis der Verantwortlichen dafür einholt und sich nicht auf geltendes Recht beruft.

2. Terminologie und sprachliche Form

Als hebräische Lexeme für die Nachlesevorschriften dienen die Wurzeln לקט LQṬ, und zwar als Verb (lāqaṭ) im G- und im D-Stamm („sammlen / auflesen / zusammenlesen / Nachlese halten“) und als Substantiv (læqæṭ „Nachlese“), und עלל ‘LL I, und zwar als Verb im Längungsstamm (‘ôlel „handeln an / Nachlese halten“) und als Substantiv (‘olelôt „Nachlese bei Trauben- und Olivenernte“).

Die Vorschriften ergehen sprachlich in verbietender (Prohibitive) und gebietender (Imperative, Jussive) Form.

3. Theologische Begründungen

Von dem religionsgeschichtlich vermuteten primär kultischen Traditionshintergrund der Nachlesevorschriften als Opfer für Numina von Acker, Weinberg und Ölgarten ist weder in den gesetzlich-konkreten noch in den prophetisch-übertragenen Belegen des Alten Testaments etwas erkennbar. Vielmehr sind die Vorschriften auf Jahwe bezogen und erhalten dadurch ihre meist theologische Legitimation: Das Deuteronomische Gesetz führt als theologische Motivation bzw. Begründung für die Einhaltung der Nachlesevorschrift sowohl den göttlichen Segensertrag als Lohn (Dtn 24,19) als auch den Traditionsbeweis der Sklaverei in Ägypten an (Dtn 24,22; → Exodustradition), das Heiligkeitsgesetz beruft sich einhellig auf die Jahwezentrik der göttlichen Präsentationsformel (Lev 19,10; Lev 23,22).

4. Übertragener Sprachgebrauch

Bereits in Erzählungen des → Richterbuches fungiert „Nachlese“ als Metapher für die völlige Vernichtung des Feindes im → Krieg: Nach Ri 20,45 hält Israel „Nachlese“ unter den Benjaminiten, in Ri 8,2 dient die Metapher für → Gideon zur Beschwichtigung der enttäuschten Kampfeslust der Efraimiter.

Bei den → Propheten ist „Nachlese“ sowohl Metapher für den schwindenden → „Rest Israels“ (Jes 17,4-6; Mi 17,1) als auch für die Radikalität des göttlichen Strafgerichts an Israel und den Völkern (Jer 6,9; Jes 49,9), das keine Nachlese übrig lässt.

5. Ausblick auf die Mischna

Im Mischnatraktat Peah (→ Mischna), der die Nachlesevorschrift des Deuteronomischen Gesetzes und des Heiligkeitsgesetzes erläutert, werden Menge (1/16 des Feldes jedoch in Relation zur Erntemenge und zur Anzahl der Armen) und Qualität (v.a. der Weintrauben) des Nachleserestes genauer festgelegt (vgl. mPeah 1,1f.; 7,3f.) bzw. die Besitzrechte für Eigentümer und Nachlesende erläutert (mPeah 6,5).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001

2. Weitere Literatur

  • Bauer, W., 1915, Mischna Pea (Vom Ackerwinkel). Text, Übersetzung und Erklärung, Gießen
  • Beuken, W., 2007, Jesaja 13-27 (HThKAT), Freiburg, 154f
  • Braulik, G., 1992, Deuteronomium II. 16,18-34,12 (NEB 28), Würzburg, 184
  • Elliger, K., 1966, Leviticus (HAT 4), Tübingen, 247.257.309.317
  • Gerstenberger, E.S., 1993, Das 3. Buch Mose. Leviticus (ATD 6), Göttingen, 243f.317
  • Grünwaldt, K., 1999, Das Heiligkeitsgesetz Levitikus 17-26 (BZAW 271), Berlin / New York, 231f.290.393f
  • Milgrom, J., 2000, Leviticus 17-22 (Anc-B 3A), New York, 1623-1629
  • Milgrom, J., 2001, Leviticus 23-27 (Anc-B 3B), New York, 2010f
  • Nielsen, E., 1995, Deuteronomium (HAT I/6), Tübingen, 226f.229
  • Nihan, C., 2007, From Priestly Torah to Pentateuch (FAT 2, 25), Tübingen, 471f. 507
  • Rad, G. von, 1964, Das fünfte Buch Mose. Deuteronomium (ATD 8), Göttingen, 109
  • Staubli, T., 1996, Die Bücher Levitikus. Numeri (NSK 3), Stuttgart, 156f
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