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Lexikon

Murren

Reinhard Achenbach

(erstellt: Jan. 2007)

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1. Das Wort und seine Verwendung

Mit den Erzählungen von der → Wüstenwanderung in den Büchern → Exodus und → Numeri verbindet sich das Motiv des „Murrens“, also des Widerstands und Aufbegehrens der Israeliten gegen die Befehle Gottes und seiner Mittler → Mose und → Aaron. Das hebräische Wort lûn („murren“) wird dabei einerseits nach dem Aspekt des inneren Grolls und Widerstandes (Nif‘al: Ex 15,24; Ex 16,2.7; Num 14,2.36; Num 16,11; Num 17,6), andererseits nach dem der faktischen Unmutsäußerung (Hif‘îl: Ex 16,7.8; Num 14,27.29.36; Num 17,20; vgl. Ps 59,16) verwendet, wobei die Bedeutungen changieren.

In den älteren Überlieferungen wird vom „Murren des Volkes“ gegen Mose angesichts des Wassermangels in der Wüste erzählt (Ex 15,24; Ex 17,3), der alsbald durch Gottes Hilfe behoben wird. In den jüngeren priesterschriftlichen und nachpriesterschriftlichen Erzählungen erscheint die „Gemeinde der Israeliten“ als Subjekt eines Aufbegehrens, das sich über Mose hinaus auch gegen Aaron, ja gegen JHWH selbst richtet (Ex 16,2.7-8; Num 14,2.27) und von diesem als Rebellion mit dem Tode in der Wüste bestraft wird (Num 14,29.36-37).

Außerhalb der Wüstenerzählung erscheint das Wort in Jos 9,18 (die israelitische Gemeinde murrt gegen ihre Anführer) und Ps 59,16 (hungrige Hunde „knurren“, wenn sie nicht satt werden). Im gleichen Sinne ist das Wort auch in der außerbiblischen phönizischen Inschrift des Königs Kilamuwa (um 825 v.Chr.) belegt, wo es heißt: „angesichts der früheren Könige knurrten die Muschkabim (Kleinbauern) wie Hunde“ (KAI 24,9-10; ), oder in der Sektenregel aus Qumran (1QS VII,17): „Wer gegen die Grundlage der Gemeinschaft murrt, den soll man fortschicken.“ Oft ist das Murren verbunden mit Meutern und Unmutsäußerungen, dem heimlichen „Grummeln“ (hebr. rgn, vgl. Dtn 1,27; Ps 106,25), widerspenstigem Verhalten und Widerstand (hebr. mrh, vgl. Num 20,24; Num 27,14; Dtn 1,26.43; Dtn 9,7.23) oder gar offener Auflehnung und Rebellion (hebr. mrd, vgl. Num 14,9; Jos 22,16.28f; 2Kön 18,7.20).

2. Murr-Erzählungen

In Num 14,22 ist von 10 Fällen des Aufbegehrens und der Herausforderung des Zornes JHWHs durch das Volk Israel in der Wüste die Rede, wodurch alle Erzählungen von Ex 13 bis Num 14 vom Widerstand und Aufbegehren Israels unter ein Leitmotiv gestellt werden. Dem geht eine längere Traditionsgeschichte des Motivs voraus. Im Hoseabuch wird die Angewiesenheit Israels auf Gott in der Wüstenzeit als idealer Zustand der Frühzeit beschrieben (Hos 9,10a; Hos 11,1), der Niedergang des Nordreiches Israel 722 v. Chr. wird symbolisch gedeutet als erzwungene Rückkehr in die Wüste, welche die Chance zum Neubeginn in sich birgt (Hos 2,5.16-17). Die Verwüstung Jerusalems und Judas durch die Babylonier im Jahre 587 v. Chr. und die Deportationen großer Teile der Führungsschicht des Volkes galt hingegen allgemein als Strafe Gottes (vgl. Jer 4,11.26; Jer 9,9.11; Jer 12,10ff u.ö.). Die deuteronomistische Paränese deutete die Wüstenzeit im Lichte der Exilszeit zunächst als Bestrafung für Israels Ungehorsam gegen JHWH (Dtn 1,9-45*). Es entstanden Lehrerzählungen über die Rebellion, das Murren der Israeliten gegen JHWH mit einem Höhepunkt in der Erzählung vom → Goldenen Kalb (Ex 32*; Dtn 9-10*), der zufolge die Todessanktion nur durch Moses Fürbitte abgewendet werden konnte.

Die Erinnerung an die Wüstenzeit wurde in der Exilszeit aber auch i.S. der hoseanischen Botschaft zum Topos der Neubesinnung (vgl. Jer 2,2-6). Die prophetisch stilisierten Aufforderungen zur Rückkehr aus dem Exil bzw. aus der Diaspora propagierten einen neuen Exodus und verhießen neuerliche Wunder in der Wüste (vgl. Jes 41,17-20; Jes 43,18-21; Jer 31,2-3).

Die Priesterschrift verband in Anknüpfung an alt-israelitische Traditionen (1Sam 4ff.; 2Sam 7,6) die Vorstellung von der Präsenz JHWHs in der Wüste mit der Einrichtung des Kults vor der Lade an einem „Zelt der Begegnung“ (hebr. ’ohæl mô‘ed, Ex 25-29).

Bei der Verbindung von deuteronomistischer und priesterschriftlicher Wüstenwanderungs-Erzählung wurde die Führung JHWHs mit der Bundeslade (Num 10,33; Dtn 10,5.8) und der unmittelbaren Präsenz des „Angesichts“ JHWHs (Ex 33,14) assoziiert, späterhin mit der Legende von dem je und je über dem Wüstenheiligtum erscheinenden „kəbôd JHWH“, der Manifestation seiner „Herrlichkeit“ in Feuer- und Wolkensäule (vgl. Ex 13,21-22; Num 9,14-23). Dadurch erhalten die Murrerzählungen, die der Offenbarung der nach-sinaitischen Phase zugewiesen werden, einen sakralen Aspekt: Das Murren Israels tangiert nun die Heiligkeit JHWHs selbst!

Im Zuge der Pentateuchredaktion wurden die Murrgeschichten zu Erzählungen von Provokationen (= „Versuchungen“) Gottes in Aufständen gegen den Offenbarungsmittler Mose und den Hohenpriester Aaron stilisiert, die deren Kompetenz als Offenbarungs- bzw. Kultmittler problematisierten (Num 14,22). So entstanden legendäre Abbildungen institutioneller Ideal-Konflikte zwischen Führungsansprüchen von Laien, Priesterschaft und levitischem Clerus minor wie die Erzählung vom Aufruhr der Rotte Korach (Num 16) und von der Bestätigung des Führungsanspruchs des Hohenpriesters Aaron über die Stämme Israels in der Legende vom Aaronstab (Num 17,6-28). Unter der Führung dieses Stabes verstummt das „Murren Israels“: das Wort wird in der Wüstenwanderungserzählung nach Num 17 nicht mehr erwähnt. Erst ein später Nachtrag zu Jos 9 erzählt in einer von Geist und Sprache der Verfasser von Num 17 geprägten Episode davon, dass die Kultus-Gemeinde der Israeliten gegen ihre Anführer „gemurrt“ habe (Jos 9,18), weil diese sich durch die Gibeoniten hatten täuschen und zu einer Bundesverpflichtung hatten bewegen lassen, die den Verbleib der Heiden inmitten des Wohngebiets Israels zur Folge hatte. Der Konflikt wird dahingehend gelöst, dass die unterworfenen Landesbewohner zu Frondiensten am Heiligtum genötigt werden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

  • Achenbach, R., Die Vollendung der Tora. Studien zur Redaktionsgeschichte des Numeribuches im Kontext von Hexateuch und Pentateuch (BZAR 3), Wiesbaden 2003.
  • Aurelius, E., Der Fürbitter Israels. Eine Studie zum Mosebild im Alten Testament (CB.OT 27), Lund 1988.
  • Coats, G.W., Rebellion in the Wilderness. The murmuring motif in the wilderness traditions of the Old Testament, Nashville / New York 1968.
  • Frankel, D., The Murmuring Stories of the Priestly School. A Retrieval of Ancient Sacerdotal Lore (VT.S 99), Leiden u.a. 2002.
  • Knierim, R., Art. lûn „rebellieren“, THAT I, München / Zürich (3. Aufl.) 1978, 870-871.
  • Schart, A., Mose und Israel im Konflikt. Eine Redaktionsgeschichtliche Studie zu den Wüstenerzählungen (OBO 98), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1990.
  • Schunck, K.-D., Art. lûn, ThWAT IV, Stuttgart u.a. 1984, 527-530.

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