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Lexikon

Micha ben Jimla

Andere Schreibweise: Micaiah ben Imlah (engl.); Michajehu

Matthias Ederer

(erstellt: Jan. 2010)

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Micha ben Jimla ist ein Prophet, der zur Zeit des israelitischen Königs → Ahab in → Samaria tätig ist. In der Bibel wird er nur in 1Kön 22 bzw. 2Chr 18 erwähnt. Bis auf minimale Textunterschiede entspricht 2Chr 18 dem Text von 1Kön 22. Im Folgenden wird daher ausschließlich 1Kön 22 als Referenztext vorausgesetzt.

1. Name

Der in der Einheitsübersetzung als Micha bezeichnete Prophet trägt in 1Kön 22 bzw. 1Chr 18 den Namen מִיכָיְהוּ mîkhājəhu. Ein Mal, in 1Chr 18,14, ist die Kurzform מִיכָה mîkhāh belegt. Der Name Michajehu / Micha bedeutet so viel wie: „Wer (מִי) ist wie (כְ) JHWH (יָהוּ)“. Grammatikalisch handelt es sich also um einen vollständigen (Frage-)Satz, der – als rhetorische Frage – das Bekenntnis zur absoluten Unvergleichlichkeit JHWHs formuliert (→ Micha; → Michael).

In 1Kön 22,8.9 (1Chr 18,7.8) wird der Prophet über seinen Vaternamen als Micha(jehu) ben Jimla (בֵן־יִמְלָה) eingeführt.

2. Inhalt der Michaerzählung

Die Erzählung vom Auftreten Michas ist eingebettet in die Darstellung des Kriegszugs der Könige → Ahab von Israel und → Joschafat von Juda gegen die unter aramäischer Herrschaft stehende Stadt → Ramot-Gilead, in dessen Verlauf Ahab verwundet wird und zu Tode kommt.

Der Auftakt des Kapitels (1Kön 22,1-4) befasst sich mit den Planungen und Vorbereitungen des Feldzugs, während in 1Kön 22,29-38 der für die Angreifer desaströse Ausgang desselben, insbesondere der Tod des Ahab, erzählt wird. In 1Kön 22,39-40 findet sich die Rahmenformel, die das Ende der Geschichte Ahabs anzeigt, die in 1Kön 16,29-34 beginnt.

Die Kriegsberichte bilden einen Rahmen um den Textabschnitt 1Kön 22,5-28, der mit der Bitte Joschafats einsetzt, vor dem bereits geplanten Feldzug ein bestätigendes JHWH-Orakel einzuholen (1Kön 22,5). Gemäß der Hintergrundschilderung in 1Kön 22,10 haben die Könige auf einer → Tenne am Stadttor von Samaria auf ihren Thronen Platz genommen und werden hier Zeuge des Auftretens von gleich mehreren Propheten(gruppen), die auf die Orakelfrage des Ahab in 1Kön 22,6 hin jeweils ihre Stellungnahme zum geplanten Kriegszug abgeben.

In einer ersten Szene (1Kön 22,6-12) ist Micha ben Jimla selbst als Akteur noch nicht präsent, sein Auftreten wird durch den Verlauf der Szenerie aber bereits vorbereitet. Der König von Israel hat zuerst 400 Propheten versammelt und erhält von diesen eine positive Antwort auf seine Orakelfrage (1Kön 22,6). Als Joschafat ein zweites Orakel – ausdrücklich von einem „JHWH-Propheten“ – verlangt, schlägt Ahab Micha ben Jimla vor, führt zugleich aber auch schwere Vorbehalte gegen diesen an, kennt er Micha doch als Propheten, der ihm nur „Böses“ zu sagen hat. Nachdem Joschafat diese Einwände zurückgewiesen hat, ergeht die Anweisung, Micha holen zu lassen (1Kön 22,7-9). In der Zwischenzeit tritt mit Zedekia ben Kenaana (1Kön 22,11) ein weiterer Prophet auf, der sich – wie von Joschafat gefordert – als JHWH-Prophet ausweist. So führt er über die Botenformel in 1Kön 22,11 sein für die Könige positives Prophetenwort ausdrücklich auf JHWH zurück und unterstützt dieses zusätzlich durch eine prophetische → Zeichenhandlung. Die 400 Propheten unterstreichen den Bescheid des Zedekia, indem sie nochmals – leicht abgewandelt und jetzt noch optimistischer formuliert – in 1Kön 22,12 ihren Orakelspruch aus 1Kön 22,6 wiederholen. Auf diese Weise bildet der Spruch der 400 Propheten eine Rahmung um die erste Prophetenszene.

Erst in einer zweiten Prophetenszene (1Kön 22,15-28) steht Micha im Mittelpunkt. Eine kurze Zwischenszene in 1Kön 22,13-14, die die beiden Hauptszenen auf der Tenne am Stadttor trennt und auf dem Weg zu diesem zentralen Schauplatz spielt, blendet einen kurzen Dialog zwischen Micha und dem Boten, der ihn vor die Könige führt, ein. Der Bote informiert den Propheten über den bisherigen Stand des Geschehens und mahnt ihn eindringlich, wie die übrigen Propheten ein „gutes Wort“ bzw. ein positives Orakel abzugeben, woraufhin Micha auf seiner strikten Bindung an das Wort JHWHs insistiert.

Mit 1Kön 22,15 beginnt der eigentliche Auftritt Michas vor Ahab und Joschafat. Der König von Israel eröffnet das Gespräch und stellt Micha die gleiche Frage, die er in 1Kön 22,6 an die 400 Propheten gerichtet hat. Daraufhin wiederholt Micha deren Antwort (wortgleich mit der „Version“ von 1Kön 22,12). Als der König – durch das scheinbar einstimmige Votum der Propheten eher verunsichert als bestärkt – Micha eindringlich auffordert, nur die Wahrheit zu sagen (1Kön 22,16), setzt dessen eigentliche Verkündigung ein, die zwei Visionsberichte (1Kön 22,17; 1Kön 22,19-23) umfasst. Die erste → Vision nimmt den Ausgang des geplanten Feldzugs vorweg: Micha sieht Israel führungslos über die Berge zerstreut, was in einer begleitenden Gottesrede eingefangen und von der Aufforderung an das Volk begleitet wird, in Frieden heimzukehren.

Angesichts dieser Vision sieht Ahab sich in seinem bereits in 1Kön 22,8 gefassten Urteil über Micha bestätigt, das er in einer kurzen Rede an Joschafat (1Kön 22,18) wiederholt.

Ohne auf diesen Einwurf des Königs zu reagieren, schließt Micha eine zweite Visionsschilderung an (1Kön 22,19-22.23), die in der Redeeinleitung (1Kön 22,19) als „Wort JHWHs“ ausgewiesen wird: Der Prophet sieht Gott vom Heer des Himmels umgeben auf einem Thron sitzen und wird Zeuge einer Beratung dieser Thronversammlung JHWHs (→ Götterrat), die durch die Frage JHWHs nach demjenigen eröffnet wird, der Ahab betört und zum Krieg anstachelt, so dass er in Ramot-Gilead fällt. Micha erhält somit Einsicht in den Plan JHWHs, dessen faktische Umsetzung bereits in der ersten Vision antizipiert worden war: Ahab soll ins Verderben gestürzt werden. Nach kurzer Debatte tritt, ohne näher vorgestellt zu werden, „der → Geist“ auf. Er bietet sich an, als ein „Lügengeist“ in den Propheten wirksam zu werden, um auf diese Weise Ahab zum Krieg zu verführen, und wird schließlich von JHWH ausdrücklich beauftragt und befähigt, diesen Vorschlag auch in die Tat umzusetzen.

Die Interpretation dieser Vision durch Micha findet sich in 1Kön 22,23. Hier deutet Micha das Auftreten der übrigen Propheten von der Vision her und erkennt in ihrer Botschaft das Wirken des Lügengeistes, der Ahab ins Verderben führen soll. Das in der zweiten Vision Geschilderte liegt also bereits in der Vergangenheit, seine Auswirkungen aber sind in der (erzählten) Gegenwart greifbar.

Auf seine Rede erhält Micha in 1Kön 22,24-28 eine zweifache Antwort. Zuerst reagiert Zedekia ben Kenaana. Er schlägt Micha ins Gesicht und beharrt auf der (unverfälschten) Inspiriertheit seiner eigenen Verkündigung, weist also die Interpretation, (auch) seiner eigenen Prophetie, durch Micha in 1Kön 22,23 zurück. Micha pariert diesen Einwand mit einem Vorverweis auf „jenen Tag“ (1Kön 22,25) – wohl den Tag der Niederlage Israels, von dem in der ersten Vision die Rede ist – an dem auch Zedekia „sehen“ wird.

Die zweite Reaktion ist die des Königs: Er befiehlt Micha so lange im Gefängnis festzusetzen, bis er selbst wohlbehalten aus Ramot-Gilead heimkehrt (v 27). Dieser Befehl lässt erkennen, dass er, auch nachdem er die Visionsschilderungen Michas gehört hat, weiterhin zum Kriegszug entschlossen ist. Er hat sich somit dazu entschieden, die Verkündigung Michas nicht zu beherzigen. Darüber hinaus setzt er den Visionen Michas, die Ahabs Tod in Ramot-Gilead als Plan Gottes ankündigen, die Erwartung einer guten Rückkehr entgegen.

Auf diesen Befehl des Königs reagiert Micha mit einer abschließenden Feststellung (1Kön 22,28), in der er seine Verkündigung dezidiert auf den Ausgang der Schlacht zuspitzt: Wenn der König lebend zurückkommt, dann hat Micha zu Unrecht im Namen JHWHs gesprochen.

An diesem Punkt bricht die Prophetenszene ab. Die Erzählung folgt nun den Königen nach Ramot-Gilead und beschäftigt sich mit dem Ausgang ihres Kriegszugs bzw. mit dem Ende des Ahab. Das weitere Geschick Michas aber wird nicht mehr thematisiert.

3. Die Darstellung des Micha

Hinsichtlich der Darstellung der Figur Michas ist auffällig, dass der biblische Erzähler selbst in 1Kön 22 keine charakterisierende Wertung zu Micha abgibt und ihm (und auch den übrigen Prophetengestalten) gegenüber absolut neutral bleibt. Eine Charakterisierung Michas findet sich lediglich in Figurenreden: in den Selbstaussagen des Propheten aus der Innen- und in der Rede des Ahab in 1Kön 22,8.18 aus der Außenperspektive.

3.1. Die Selbstdarstellung des Micha

Micha thematisiert relativ ausführlich seine eigene Prophetenrolle – auch in Abgrenzung und Abhebung zu den anderen Propheten. Dabei sind zwei inhaltliche Schwerpunkte auszumachen: die Selbstdarstellung als „wahrer“ Prophet (3.1.1) und als Visionär (3.1.2).

3.1.1. Micha als wahrer Prophet

Die Selbstdarstellung des Micha als „wahrer Prophet“ ist eingebunden in die die gesamte Prophetenszene durchziehende, grundsätzlichere Frage nach wahrer und falscher Prophetie (→ falsche Prophetie). Diese aber wird überhaupt erst durch Micha aufgeworfen. Dem Leser begegnen in 1Kön 22 zunächst drei unterschiedliche Erscheinungsweisen von Prophetie, ohne dass eine der drei Prophetengestalten (bzw. Prophetengruppen) durch den Erzähler von vornherein als Falschprophet ausgewiesen wird. Auch formal betrachtet repräsentieren sie jeweils unterschiedliche Erscheinungsweisen (auch) „orthodoxer“ Prophetie.

Die 400 Propheten des Ahab stehen in der Tradition der (ekstatischen) Gruppenpropheten, wie sie v.a. in den Geschichtsbüchern (bzw. den „Vorderen Propheten“) erwähnt werden (vgl. z.B. 1Sam 10,5-12; 1Sam 19,18-24). In 1Kön 22,6.12 scheinen sie dem König als Hofpropheten zugeordnet zu sein. Ihre zentrale Aufgabe ist die Übermittlung des Gottesorakels auf die Anfrage des Königs hin. Zedekia ben Kenaana zeichnet sich durch Elemente aus, die für die Schriftpropheten, aber auch für Prophetengestalten wie → Elia typisch sind: Er verwendet die Botenformel, womit er sich als beauftragter Sprecher im Namen JHWHs ausweist und führt eine Zeichenhandlung zur Bekräftigung seiner Botschaft aus. Bei Micha ben Jimla überwiegt das visionäre Element: Der Kern seiner prophetischen Tätigkeit besteht im Berichten über das, was er gesehen und gehört hat (sowie in der Interpretation des visionär Geschauten bzw. Gehörten).

Erst in Folge der ersten Visionsschilderung Michas (1Kön 22,17) stellt sich für den Leser die Frage nach der Wahrheit der Prophetie, da er ab diesem Punkt mit einander offensichtlich widersprechenden Prophetenworten zur selben Anfrage des Ahab aus 1Kön 22,6.15 konfrontiert ist.

Darüber hinaus macht Micha in seinen Reden die Wahrheitsfrage bzw. seinen Anspruch, ein wahrer Prophet zu sein, auch explizit zum Thema. Dies geschieht zunächst besonders ausführlich in den Szenen, die sein eigentliches Auftreten vor den Königen rahmen. Hier greift er auf „vorgegebene“ Kriterien für wahre und falsche Prophetie zurück und wendet diese auf sich selbst an. So hält er – noch bevor er den Schauplatz des Geschehens am Tor von Samaria erreicht – dem Boten, der ihn aufgefordert hat, es den anderen Propheten gleichzutun, entgegen, dass er sich an das Wort JHWHs gebunden sieht, das allein er wiedergeben wird (1Kön 22,14). Als er gegen Ende der Erzählung vom König in Arrest genommen wird, betont er, dass die Rückkehr des Ahab vom Feldzug, von der der König in 1Kön 22,27 ausgeht, nicht eintreten wird – anderenfalls habe durch ihn, Micha, nicht JHWH gesprochen (1Kön 22,28). In beiden Passagen beruft Micha sich auf das Prophetengesetz des → Deuteronomiums (Dtn 18,15-22) und die dort aufgestellten Merkmale eines wahren Propheten. Dabei unterstreicht er, dass er diesen genau entspricht: Das ist daran erkennbar, dass er im Namen Gottes nur das spricht, was Gott ihm aufträgt (Dtn 18,20; vgl. 1Kön 22,14) und dass das von ihm als Prophet Vorhergesagte eintrifft (Dtn 18,22; vgl. 1Kön 22,28).

In der Beschreibung der zweiten Vision (1Kön 22,19-22) charakterisiert Micha sich selbst als Teilnehmer an der Ratsversammlung JHWHs (→ Götterrat), der JHWH sieht und die Worte JHWHs hört. Er genügt also sogar dem Wahrheitskriterium, das → Jeremia in einer eigentlich rhetorischen Frage (mit der Antwort „Niemand“) in Jer 23,18 aufstellt.

Zuletzt wird die Selbstdarstellung als „wahrer Prophet“ auch über die Disqualifizierung der anderen Propheten eingebracht. Micha führt deren Botschaft in 1Kön 22,23 auf die Inspiration mit dem „Lügengeist“ zurück und stellt sie damit als „verfälschte“ Prophetie dar.

Bemerkenswert ist dabei, dass Micha in keinem dieser genannten Punkte ohne Widerspruch bleibt: Zedekia protestiert handgreiflich gegen Michas Deutung der Vision und insistiert auf seiner (unverfälschten) Inspiration, während Ahab die Ankündigung des verlustreichen Ausgangs in Frage stellt und seine Rückkehr aus der Schlacht antizipiert.

Für das adäquate Verständnis der Frage nach wahrer und falscher Prophetie ist dabei die Wahrnehmung bedeutsam, dass die Auseinandersetzung um wahre und falsche Prophetie (und damit um den Anspruch Michas, ein „wahrer Prophet“ zu sein) auf der Ebene der Figurenreden zwischen Micha einerseits und seinen prophetischen und königlichen Gegenspielern andererseits geführt wird. Der Erzähler aber bleibt in dieser Frage völlig neutral und gibt damit auch dem Leser kein explizites Urteil über die Wahrheit der einzelnen Positionen vor. Der Leser steht also vor der gleichen Entscheidung, wie die in der Erzählung handelnden Figuren: Er muss – im Zuge seiner Lektüre – selbst eine Antwort darauf finden, ob er die Botschaft und die Selbstdarstellung des Micha akzeptiert oder nicht (Schmitz, 325f.).

3.1.2. Micha als Visionär

In seinen Reden präsentiert Micha ben Jimla sich selbst – auch in Abhebung von den übrigen Propheten – vor allem als „Seher“ bzw. Visionär. Vor den Königen berichtet er von zwei → Visionen (1Kön 22,17.19-22), deren Schilderung er jeweils durch die Wendung ראיתי „ich habe gesehen“ (1Kön 22,17.19) einleitet:

Die erste Vision (1Kön 22,17) nimmt den Ausgang des geplanten Feldzugs der Könige vorweg, wobei die begleitende Audition den Plan Gottes enthüllt, sich der (kriegstreiberischen) Herren zu entledigen, um das Volk in Frieden nach Hause zurückkehren zu lassen. Die zweite Vision (1Kön 22,19-22), die Micha in eine „himmlische“ Versammlung hinein führt, konkretisiert diesen Plan JHWHs zusätzlich. Sie aktiviert Vorstellungen von einem himmlischen Thronrat JHWHs, die an den Prolog des → Hiobbuches bzw. an die in Texten wie Ps 82 oder Ps 89,7-9 vorausgesetzte Szenerie erinnern.

Besonders augenfällig ist die Ähnlichkeit der Micha-Vision zu den „Szenen im Himmel“ in Hi 1,6-2,10. In diesen finden sich jeweils JHWH und das Heer des Himmels, aus dessen Mitte eine „besondere“ Figur heraustritt, der → Satan in Hi 1-2 bzw. der „Geist“ in 1Kön 22. Im Unterschied zu Hi 1-2 wird in 1Kön 22 das Geschehen durch die Initiative JHWHs angestoßen. Auch ist der Geist im Gegensatz zum Satan nicht von Anfang an – allein durch seine Funktionsbezeichnung – negativ konnotiert. Er bietet sich lediglich an, Ahab gegenüber als ein „Lügengeist“ aufzutreten und so für einen sehr begrenzten Auftrag diese („negative“) Rolle anzunehmen.

Da weder das Himmelsheer noch der → Geist als autonome Akteure „neben“ JHWH vorgestellt werden, sondern unmittelbar auf JHWH und auf die Umsetzung seines Plans bezogen sind, erscheinen sie in erster Linie als darstellerische Mittel, um das souveräne Königtum und die geschichtswirksame Macht JHWHs zu betonen.

Daneben ist die Parallelität der Szenerie des göttlichen Thronrates, die Micha in seiner Vision (1Kön 22,19) schildert, und der Szene am Stadttor Samarias, die in der Hintergrundschilderung 1Kön 22,10 beschrieben wird, auffällig: Im Mittelpunkt steht jeweils der Thron (JHWHs bzw. der beiden Könige von Israel und Juda), vor dem in einem Fall die Propheten, im anderen der Geist auftreten.

Diese Parallelität der Szenen verdeutlicht ihren inneren Zusammenhang: Micha deckt mit seiner Vision die „himmlische“ (transzendente) Wirklichkeit hinter dem „vordergründigen“ Geschehen auf: In den am Stadttor von Samaria vor dem Thron der Könige auftretenden Propheten ist der „Lügengeist“ wirksam, der in der Vision vor JHWH steht und mit der Betörung beauftragt ist, die zur Vernichtung des Ahab führen soll.

Micha nimmt also für sich selbst in Anspruch, über seine Visionen einen Einblick in die tiefere Wirklichkeit hinter dem in 1Kön 22 erzählten, vordergründigen Geschehen gewonnen zu haben und dessen Gehalt auf Grundlage seiner Visionen deuten zu können. Er stilisiert sich somit als Mann mit „Durchblick“.

Gleichzeitig enthalten seine Visionen eine eindeutige Drohung und Mahnung an die Adresse des Königs, an den zumindest die zweite Vision durch den Hör-Aufruf („Darum – höre das Wort des Herrn“) in 1Kön 22,19 explizit adressiert ist.

Durch Micha erfährt der König vom Plan JHWHs und wird über die erste Visionsschilderung Michas sogar in die Zeit nach der Schlacht versetzt, in der der König gefallen und der Plan JHWHs realisiert ist. In der erzählten Situation am Stadttor Samarias erhält diese drastische Verkündigung des Propheten den Charakter einer dringenden Warnung. Ahab wird durch die Visionsschilderung in die Lage versetzt, die Botschaft der anderen Propheten, die ihn in seinen Kriegplänen bestärken, nochmals von einer anderen Warte aus zu bedenken und auf ihren „wahren Gehalt“ zu durchschauen, um daraufhin den Kriegszug abzusagen und so dem Unheil zu entgehen. Somit findet sich Micha letztlich im klassischen Dilemma „wahrer Prophetie“ wieder: den negativen Ausgang eines Geschehens anzukündigen (bzw. in diesem Fall sogar visionär vorwegzunehmen), damit er nicht eintreten muss.

3.2. Die Charakterisierung durch den König von Israel

Aus der Außenperspektive wird Micha lediglich durch die Figur des Ahab charakterisiert. Dieser spricht über Micha erst, nachdem Joschafat auf die Befragung eines JHWH-Propheten insistiert. Ahabs Rede lässt erkennen, dass er Micha ben Jimla als unzweifelhaften Propheten JHWHs wahrnimmt – was offensichtlich zumindest von den 400 Propheten nicht in gleicher Weise gilt, die in dem Dialog der Könige (1Kön 22,6-9) in einen Kontrast zu Micha hineingestellt werden. Darüber hinaus ist eine längere prophetische Tätigkeit Michas in Samaria vorausgesetzt, über die der Leser allerdings keine Einzelheiten erfährt. Der König aber scheint sie in 1Kön 22,8 vor Augen zu haben, wenn er Micha als „verhassten“ Propheten qualifiziert, der ihm, also dem König, stets nur „Böses“ zu sagen habe. In dem Begriff „Böses“ (רָע) steckt dabei weniger ein Urteil über den moralischen Gehalt der Verkündigung Michas, als vielmehr über deren wenig „staatstragenden“ Charakter. Aus der Perspektive des Herrschers erscheint Micha somit als politisch wenig opportuner, „oppositioneller“ Prophet.

Für den Verlauf der Erzählung ist bedeutsam, dass das Urteil des Königs sich als starr und unrevidierbar erweist. So vermutet Ahab eine Lüge, als Micha bei der Befragung zunächst das positiv klingende Votum der übrigen Propheten wiederholt (1Kön 22,15). Umgekehrt sieht Ahab sich nach dem ersten Visionsbericht Michas in seinem Urteil über den Propheten ausdrücklich bestätigt und bringt dies auch Joschafat gegenüber zum Ausdruck (1Kön 22,18). Die von Anfang an durchgehaltene strikte Ablehnung Michas hat zur Folge, dass die Mahnungen hinter den Visionsschilderungen des Propheten vor dem König letztlich kein Gehör finden, so dass der von Micha angekündigte Tod des Königs in der Schlacht schließlich eintritt.

4. Micha ben Jimla und Micha aus Moreschet-Gat

Der letzte Ausruf des Micha in 1Kön 22,28, „Hört, alle ihr Völker“, auf den kein zu hörender Inhalt mehr folgt und der deshalb offen bleibt, entspricht wörtlich dem Beginn der Verkündigung des Propheten Micha im → Michabuch (Mi 1,2a).

Dieser Hör-Aufruf wird von vielen Kommentatoren als Glosse verstanden, die auf eine Identifikation der beiden gleichnamigen Propheten abzielt, die chronologisch allerdings nicht stimmig ist.

Micha ben Jimla lebt zur Zeit der Könige Ahab von Israel und Joschafat von Juda, Micha aus Moreschet-Gat ausweislich der Überschrift des Michabuchs (Mi 1,1) aber in der Regierungszeit von Jotam, Ahas und Hiskija, also etwa 100 Jahre später.

Da der Verweis auf das Michabuch durch die Aufnahme von Mi 1,2 die Datierung des Auftretens des Micha aus Moreschet-Gat in der Buchüberschrift (Mi 1,1) „überspielt“, kann der Aufruf des Micha ben Jimla in 1Kön 22,28 – in einem kanonisch-intertextuellen Paradigma – als Hinweis an den Leser interpretiert werden, Mi 1,2-7 (bzw. das gesamte Michabuch) einzuspielen (Schmitz, 301-303). Damit wird nicht „gegen“ den Text und dessen chronologische Angaben auf einer Identität der beiden Prophetengestalten insistiert, sondern die Möglichkeit eröffnet, das Michabuch (auch) aus der Perspektive von 1Kön 22 zu lesen, wodurch Raum für ein kreatives Zusammendenken der jeweiligen Botschaft der „beiden Michas“ entsteht.

Tatsächlich zeigen sich zahlreiche thematische Verbindungslinien. So kann die Vision in Mi 1,2-7, mit der das Michabuch einsetzt, als Fortführung der zweiten Vision des Micha ben Jimla gelesen werden: In Mi 1,2-3 verlässt JHWH seinen Palast – mit 1Kön 22: seinen Thronsaal – um zum Gericht gegen Samaria und Jerusalem (Mi 1,5) auszuziehen. Den beiden Städten aber entsprechen in 1Kön 22 die dort residierenden Könige, denen Micha (ben Jimla) gegenübersteht (Schmitz, 301-303). Auch sind im Michabuch – wie in 1Kön 22 – die Frage nach der Wahrheit in der Prophetie (Mi 3,5-8.11) oder das Unfrieden stiftende Agieren der „Herren“ (Mi 2,1-11; Mi 3,5) wichtige Themen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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