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Lexikon

Merab

Peter Mommer

(erstellt: Nov. 2011)

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1. Name und Etymologie

Der Personenname Merab ist alttestamentlich nur für eine Person belegt, nämlich die ältere Tochter → Sauls. Die Etymologie des Namens ist unklar. Meist wird er von ירב JRB bzw. רבב RBB „zahlreich werden / wachsen“ hergeleitet (HALAT; Gesenius, 18. Aufl.), ohne dass eine Übersetzung gelänge wie sonst in der Regel bei hebräischen Personennamen. Ob eine Herleitung von ריב RÎB „streiten“ denkbar ist, wird nicht diskutiert.

2. Vorkommen

Merab taucht im Alten Testament nur in zwei bzw. drei Zusammenhängen auf. In 1Sam 14,47-52 findet sich ein Summarium unklarer Herkunft, das an die Chronologien der → Königsbücher erinnert. Hier werden Sauls Kriege (1Sam 14,47f), Sauls Frau (1Sam 14,50) und der Rest seiner Familie (1Sam 14,51) aufgeführt. In 1Sam 14,49 werden seine Kinder genannt, darunter als ältere Tochter Merab neben ihrer jüngeren Schwester → Michal.

In 1Sam 18,17-19 hat Merab im Zusammenhang der → AufstiegsgeschichteDavids eine eigene kleine Szene, die eine inhaltliche Dublette zu 1Sam 18,20-27 darstellt, in der Michal die Hauptrolle spielt. Nach 1Sam 18,17 soll David Merab unter bestimmten Bedingungen zur Frau bekommen, was dieser mit Hinweis auf seine „niedere“ Abstammung ablehnt. Die Szene dürfte eine literarische Nachbildung sein und setzt 1Sam 18,20-27 sowohl historisch wie literarisch voraus. Sie stammt vermutlich vom Verfasser der Aufstiegsgeschichte, hat keinen historischen Hintergrund, sondern soll einmal mehr Davids „untadeligen“ Charakter belegen – auch und gerade im Gegensatz zu Saul, der hier (wie öfter in der Aufstiegsgeschichte) negativ gezeichnet wird. Außerdem antwortet die Erzählung auf die Frage, warum David entgegen der Tradition mit der jüngeren Tochter Sauls Michal und nicht mit Merab verheiratet war.

In der dritten Szene, 2Sam 21,1-14, kommt Merab im masoretischen Text nicht vor. Von den deutschen Übersetzungen schreiben die Luther- und die Elberfelder Übersetzung „Merab“, die Einheitsübersetzung und die Zürcher Bibel „Michal“ (so auch die Septuaginta; → Michal). In diesem Nachtrag zur Thronfolgeerzählung geht es um die Rache der Gibeoniten (→ Gibeon) am Haus Sauls, an der David indirekt beteiligt ist. In 2Sam 21,8 trifft die Rache auch „… die fünf Söhne der Michal, der Tochter Sauls, die sie dem Adriel … geboren hatte“. Damit liegt hier eine Überlieferung vor, die nicht nur der Kinderlosigkeit Michals (2Sam 6,23), sondern auch der Aussage von 1Sam 18,19 widerspricht, nach der Merab und nicht Michal mit Adriel verheiratet war. Textkritisch ist das Problem nicht zu lösen; letztendlich hat der Verfasser vermutlich tatsächlich an Michal gedacht. Dabei ist ihm ein sachlicher Fehler unterlaufen, der sich aus der weitaus stärkeren Michal-Tradition erklärt. Historisch dürfte es sich um die Söhne der Merab und ihres Mannes Adriel gehandelt haben, die als Mitglieder der Familie Sauls für die „Sünden der Väter“ büßen mussten.

Insgesamt bleibt festzuhalten, dass die Merab-Überlieferung des Alten Testaments dünn ist, was vermutlich auch mit ihrer (fehlenden) historischen Rolle zu tun hat. Anders ist dies bei ihrer Schwester Michal.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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