bibelwissenschaft.de - Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Lexikon

Meer

Peter Riede

(erstellt: Juni 2012)

Permanenter Link zum Artikel: http://www.bibelwissenschaft.de/de/stichwort/25720/

Urmeer; → Jammu

1. Altes Testament

1.1. Terminologie

Die hebräische Bezeichnung für das Meer lautet יָם jām. Diese Bezeichnung kann für alle größeren Gewässer stehen, wie z.B. den → See Genezareth (vgl. Num 34,11), das → Tote Meer bzw. das Salzmeer (Gen 14,3; Num 34,3; vgl. Ez 47,18), aber auch für Ströme wie den → Euphrat (Jer 51,35f) und den → Nil (Nah 3,8). Das Mittelmeer wird im Alten Testament und im Alten Orient u.a. „das Meer“ (Jos 19,29) bzw. „das große Meer“ (Jos 1,4; Num 34,6.7). Daneben finden sich auch die Termini „westliches Meer“ (Dtn 11,24) und „Meer der Philister“ (Ex 23,31).

1.2. Das Meer im Weltbild des Alten Israel

Meist gilt das Meer entsprechend dem alttestamentlich-altorientalischen Weltbild als „Wasserwüste“ (in Analogie zur „Trocken-Wüste“) und somit als ein chaotischer, lebensfeindlicher Bereich, der der bewohnten Kulturwelt gegenübersteht. Es gehört zu den Größen, die immer wieder die göttliche Weltordnung bedrohen und daher gebändigt werden müssen (Ps 46,4; Ps 93,3f). Aufgrund dieser Wertung erklärt sich auch die Nähe des Meeres zur Unterwelt (vgl. Ez 26,19f; Jon 2,7). Dennoch beeindruckten die Weite des Meeres und seine Größe die Menschen (vgl. Ps 104,25).

Über Ausdehnung, Tiefe und den Küstenverlauf der Meere wusste man wenig. Die Todesgefahr, die sich mit dem Meer verband, konnte man dagegen einschätzen. Mit Hinweis auf seine Brandung und seine Wogen sowie die unermessliche Tiefe zeigt beispielsweise der Jonapsalm (→ Jona) die Gefahr für denjenigen, der den Gewalten des Meeres unmittelbar ausgesetzt ist (Jon 2,4-7; vgl. ferner Jes 5,30).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Schiffe mit Tierprotomen transportieren Holz über das Meer (Relief aus Chorsabad aus der Zeit Sargons II., 721-705 v. Chr.).

Das Meer war von verschiedenen Lebewesen bevölkert. Hierzu gehörten nicht nur allerlei Arten von → Fischen (Ez 38,20; Hos 4,3), sondern auch verschiedene Meeresungeheuer, die sowohl in den biblischen Schriften (vgl. Ps 104,26; Jes 27,1: → Leviatan), als auch in altorientalischen Bild- und Textdokumenten genannt werden (vgl. die ägyptische Erzählung vom Schiffbrüchigen bei Brunner-Traut 5-10, 6ff). Beispielsweise zeigt das Relief aus der Zeit Sargons II., das einen der phönizischen Küste entlanglaufenden Holztransport darstellt, Fische, Schildkröten, Krabben und Meeresschlangen. Daneben kommen auch verschiedene Mischwesen (ein Mensch mit Fischleib, ein Stiermensch mit Flügeln, ein geflügelter Stier) vor, in denen sich die vom Meer ausgehende Unsicherheit und Bedrohung manifestierten. Dabei kann der geflügelte, menschenköpfige Stier, der in Mesopotamien als Wächter die Toranlagen von Tempeln und Palästen schützt, als eine Art Schutzmacht angesehen werden (Maul 2000, 28ff). Dass in Ps 104,25f neben den Meerestieren auch die Schiffe erwähnt werden, die das Meer durchziehen, erklärt sich wohl daraus, dass diese am Bug mit pferde- oder vogelköpfigen Tierprotomen versehen waren, wie in der phönizischen Schiffsbaukunst üblich (vgl. dazu Uehlinger 1990, 522ff). Die Tiefe des Meeres ist Wohnort des → Tannin (תַּנִּין tannîn; Gen 1,21; Jes 27,1; Hi 7,12), auf dem Meeresboden ist die Meeresschlange beheimatet (Am 9,3). Zu den Meeresungeheuern gehört schließlich auch → Rahab (Jes 51,9; Hi 9,13 u.ö.).

1.3. Seefahrt

Israel war anders als die Ägypter und Phönizier, die eine lange Seefahrertradition aufwiesen (vgl. dazu auch Ez 27), keine seefahrende Nation. Daher waren die Informationen über die Meere dürftig. Die Küstenlinie Israels war für die Anlage von Häfen eher ungünstig. Zwar gab es, hauptsächlich in Flussmündungen einzelne Häfen oder Anlegeplätze, die schon im 2. Jt. v. Chr. genutzt wurden. Dennoch konnte noch Flavius Josephus um 90 n. Chr. in seiner Schrift „gegen Apion“ konstatieren: „Wir bewohnen kein Land am Meer. Wir haben keine Freude am Handel noch am regen Verkehr mit anderen. Unsere Städte liegen landeinwärts fern vom Meer. Wir widmen uns der Pflege des ertragreichen Bodens, mit dem wir gesegnet sind“ (Ap 1, 12; Text gr. und lat. Autoren).

Berichte über das Befahren des Meeres mit Schiffen gibt es dennoch (vgl. Sir 43,23-26 [Lutherbibel: Sir 43,25-27]). Es galt als gefährliches Unterfangen, zumal die Schiffe aufgrund ihrer Bauart ein leichtes Opfer von Stürmen werden konnten. Immer wieder kamen Schiffe in schwere Seenöte (Ps 107,23-29; Jon 1,3-16; vgl. auch die ägyptische Erzählung vom Schiffbrüchigen: Brunner-Traut 5-10). Ps 107,4-22 setzt diese Gefahr in Parallele zu anderen Gefährdungen des Lebens, wie z.B. einer Reise durch die Wüste, dem Leben im Gefängnis oder einer schweren Krankheit.

Ri 5,17 weiß davon, dass Israeliten auf phönizischen Schiffen Dienst taten, während sonst die Phönizier Israel schifffahrtstechnische Unterstützungsleistungen gewährten (1Kön 9,26-28; 1Kön 10,11.22).

2. Neues Testament

2.1. Terminologie

Im griechischen steht der Begriff θάλασσα thalassa für das Meer.

2.2. Das Meer als Chaosmacht

Die chaotische Macht des Meeres kennt auch das Neue Testament. Sie zeigt sich in seinem Tosen, das mit dem Ende der Welt verbunden ist (Lk 21,25), wogegen in der für das Eschaton erwarteten neuen Schöpfung kein Meer mehr vorhanden sein wird (Apk 21,1), womit die ständigen Bedrohungen durch dessen Wasserfluten und die in ihm wohnenden lebensfeindlichen Mächte (Apk 12,12; Apk 13,1) auch ihr Ende finden werden.

2.3. Seefahrt

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 2 Die römische Hafenstadt Caesarea.

Anders als im Alten Testament finden sich im Neuen zahlreiche Berichte von Seereisen. Die Benutzung von Schiffen wurde aufgrund der Ausdehnung des römischen Reiches unausweichlich, um beispielsweise die Hauptstadt Rom schneller als auf dem Landweg erreichen zu können. Die ausgedehnte Missionstätigkeit des → Paulus und in deren Folge die Verbreitung des Christentums wäre ohne die Seefahrt kaum möglich gewesen (vgl. Apg 13,13; Apg 20,3.5f.13; Apg 21,1-3; Apg 27; Apg 28,11-15; 2Kor 11,25f). Die Gefahren des Meeres blieben, zumal im Frühjahr und Herbst, wo häufig gewaltige Stürme die Schifffahrt bedrohten (vgl. dazu Apg 27,13ff; 2Kor 11,25f). Bedeutend u.a. für den Handel waren in dieser Zeit die palästinischen Häfen von Gaza, Asdod, Askalon, Caesarea und Ptolemais.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon der Assyriologie und vorderasiatischen Archäologie, Berlin 1928ff
  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Der Kleine Pauly, Stuttgart 1964-1975 (Taschenbuchausgabe, München 1979)
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, München / Zürich 1978-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003
  • Handbuch theologischer Grundbegriffe zum Alten und Neuen Testament, Darmstadt 2006
  • Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009

2. Weitere Literatur

  • Bender, C. / Bieberstein, S., Art. Schifffahrt, Sozialgeschichtliches Wörterbuch zur Bibel, Gütersloh 2009, 497-503
  • Berlejung, A., Art. Meer / Flut / Urflut, HGANT (2006), 314f
  • Brunner-Traut, E., Altägyptische Märchen, Köln 6. Aufl. 1983
  • Göttlicher, A., Die Schiffe im Alten Testament, Berlin 1997
  • Kaiser, O., Die mythische Bedeutung des Meeres in Ägypten, Ugarit und Israel (BZAW 78), Berlin 2. Aufl. 1962
  • Keel, O., Die Welt der altorientalischen Bildsymbolik und das Altes Testament. Am Beispiel der Psalmen, Göttingen 5. Aufl. 1996, 63-66
  • Keel, O. / Küchler, M., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land, Band 2: Der Süden, Zürich / Göttingen 1982
  • Kettenbach, G., Einführung in die Schiffahrtsmetaphorik der Bibel, Frankfurt 1994
  • Maul, St., Der Sieg über die Mächte des Bösen. Götterkampf, Triumphrituale und Torarchitektur in Assyrien, in: T. Hölscher (Hg.), Gegenwelten zu den Kulturen Griechenlands und Roms in der Antike, Leipzig 2000, 19-46
  • Riede, P., Vom Erbarmen zum Gericht. Die Visionen des Amosbuches (Am 7-9*) und ihr literatur- und traditionsgeschichtlicher Zusammenhang (WMANT 120), Neukirchen-Vluyn 2008
  • Riede, P., Mensch und Welt in der Sicht des Alten Testaments. Am Beispiel von Psalm 104, in: ders., Schöpfung und Lebenswelt. Studien zur Theologie und zur Anthropologie des Alten Testaments (MThSt 106), Leipzig 2009, 101-117
  • Schulz, R., Die Antike und das Meer, Darmstadt 2005
  • Strömberg Krantz, E., Des Schiffes Weg mitten im Meer. Beiträge zur Erforschung der nautischen Terminologie des Alten Testaments (CB 19), Lund 1982
  • Theißen, G., „Meer“ und „See“ in den Evangelien, SNTU.A 10 (1985), 5-25
  • Uehlinger, Chr., Leviathan und die Schiffe in Psalm 104, 25-26, Bib. 71 (1990), 499-526

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Schiffe mit Tierprotomen transportieren Holz über das Meer (Relief aus Chorsabad aus der Zeit Sargons II., 721-705 v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Die römische Hafenstadt Caesarea. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
VG Wort Zählmarke
http://m.bibelwissenschaft.de