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Lexikon

Lowth, Robert

(1710-1787)

Josef Wehrle

(erstellt: März 2010)

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1. Leben

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 27.2.2007

Abb. 1 Robert Lowth, D.D. (1710-1787), Lord-Bischof von London., Stich (nach einem Gemälde von L.E. Pine) von 1809.

Robert Lowth wurde am 27. November 1710 in Winchester geboren. Sein Vater war William Lowth (1660-1732), ein gelehrter Geistlicher, der nicht nur die Bibel gegen ihre Kritiker, sondern auch die Kirche von England gegen die „Dissenters“ verteidigte. Vor allem aber als Exeget und Philologe hinterließ W. Lowth nachhaltige Spuren. Am bekanntesten wurde seine Kommentierung aller Propheten in den Jahren 1714-1726 (später in einem Folioband vereinigt).

Robert Lowth war fraglos von seinem Vater und dessen Werk beeinflusst. An Originalität war der Sohn aber überlegen. Er schlug eine Bilderbuchkarriere ein. 1722 war er Schüler am College in Winchester. Ab 1729 studierte er am New College in Oxford (1733 B.A.; 1737 M.A.). Bereits 1741 wurde er Professor of Poetry in Oxford, 1750 Archdeacon von Winchester, 1753 Rektor von Woodbay in Hampshire, 1754 Doctor of Divinity von Oxford und 1755 von Irland. Das Bischofsamt von Limerick lehnte er ab. Stattdessen wurde er Prebend in Durham und Rektor in Sedgfield. 1765 wurde er zum Mitglied der Royal Society und der Göttinger Sozietät der Wissenschaften ernannt. 1766 folgte seine Ernennung zum Bischof von St. Davids, kurz danach von Oxford und 1777 schließlich von London. Dort starb er am 3.11.1787. Aus gesundheitlichen Gründen hatte er 1783 die Berufung zum Erzbischof von Canterbury abgelehnt.

2. Werk

R. Lowth gilt als der Entdecker des Parallelismus membrorum. Dieser ist das Hauptmerkmal der hebräischen und altorientalischen Versdichtung. Trotz diverser Modifizierungen blieb diese Erkenntnis bis heute unbestritten. Seine These entwickelte Lowth in der Londoner Zeit. Schon als Jugendlicher verfasste er englische und lateinische Gedichte. Inspirieren ließ er sich von antiken Autoren wie z.B. Horaz, Prodicus und Properz. Sein Göttinger Kollege Johann David Michaelis feierte ihn als einen „Poeta“. Große Resonanz fand seine „A Short Introduction to English Grammar“ (1. Aufl. 1762; 2. Aufl. 1763 und viele weitere Auflagen mit und ohne Nennung des Verfassers). Anlass dafür war eine Äußerung Jonathan Swifts. Dieser hatte sich über den schlechten Zustand der englischen Sprache beklagt. Lowth fand den Vorwurf völlig unbegründet und versuchte mit seinem Buch das Gegenteil zu beweisen. Er wollte damit Englischsprechende zum richtigen Verständnis und Gebrauch ihrer eigenen einfachen Sprache (so Lowths Überzeugung) anleiten, zugleich aber auch dem zu Hilfe kommen, der fremde Sprachen lernen möchte. Lowth nahm eine abstrakte vorhandene Universalsprache an. Mehrfach wurde das Buch sogar ins Deutsche übertragen (R. Smend, 188, Anm. 17). Unter den Kontroversen erregte am meisten diejenige mit William Warburton, Bischof von Gloucaster (1698-1779), Aufsehen. Warburton war durch sein voluminöses Werk „The Divine Legation of Moses demonstrated“ (1737-1741) bekannt geworden. Darin warf er seinen Gegnern „Sophistry, Buffoonery and Scurility“ vor. Lowth erhob dieselben Anschuldigungen gegen ihn und sprach ihm jede wissenschaftliche Kompetenz ab. Warburton könne aufgrund seiner Fehlurteile über den Stil des → Pentateuch und des → Hiobbuchs diese unmöglich hebräisch gelesen haben.

1753 erschienen die „Praelectiones de scacra Poesi Hebraeorum“. Die insgesamt 34 Vorlesungen verteilen sich auf die Jahre 1741 bis 1750. Besonders reizvoll ist, dass das Buch den Vorlesungscharakter beibehält. Drei Ausgaben wurden noch zu Lebezeiten des Autors publiziert, eine englische Übersetzung erfolgte 1787 durch G. Gregory.

1741 hatte Lowth in der ersten Vorlesung ein Loblied auf die Poesie gesungen: Sie belehrt wirksamer als Geschichte und Philosophie, indem sie nicht nur den Verstand, sondern auch das Gefühl anspricht. Ursprung und wichtigster Ort der Poesie ist die Religion und hier wiederum steht das Alte Testament obenan (R. Smend, 191). In diesem Zusammenhang beklagt Lowth, dass bei literarischen Studien Homer, Pindar und Horaz behandelt und zum Maßstab gemacht, Mose, David und Jesaja aber mit Schweigen übergangen würden. Lowth optiert für die Hebräer gegen die Griechen, indem er die Poesie als Gottesgabe betrachtet. Michaelis und Moses Mendelsohn hielten das für übertrieben. Lowth sah aber seine Aufgabe nicht als eine theologische, sondern als eine philologisch-literarisch-ästhetische an.

Die Untersuchung ist in drei Teile gegliedert: Vers, Stil und Gattung. Den ersten Teil handelt Lowth in einer einzigen Vorlesung ab. Verse und Strophen sind vor allem in den alphabetischen Psalmen (→ Akrostichon) zu erkennen. Auch die Existenz eines Metrums steht für Lowth nicht in Frage. Dementsprechend lautet die Überschrift der Vorlesung „Poesin Hebraeam metricam esse“. Die hebräische Poesie ist metrisch. Gleichwohl räumt er ein, dass wir die Aussprache des alten Hebräisch nicht mehr kennen und somit über die Zahl und die Quantität der Silben nichts Sicheres sagen können. Lowth deutet aber an, dass die hebräische Poesie eine entsprechende Gestaltung der Sätze (sententiarum conformatio) kennt, wobei der vollständige Sinn fast gleichermaßen in jedem Satz oder Teilsatz enthalten ist und die einzelnen Glieder (membra) schon ganze Verse ausmachen. Die Gedichte teilen sich in gleichartige Perioden, die sich wiederum in Verse gliedern, meist zwei, oft auch mehr. So drücken die hebräischen Dichter dasselbe häufig mit verschiedenen Worten aus, wobei Gleiches Gleichem entspricht und Gegenteiliges Gegenteiligem entgegengesetzt wird (paria paribus referuntur, adversis opponuntur contraria). Nach Lowth ist das eine ganz andere Dichtungsart als die griechische und römische. In andere Sprachen kann sie nicht adäquat übertragen werden.

Die Nachfolger kritisierten, dass Lowth auf dem von ihm eingeschlagenen Weg nicht weit genug gegangen war. Michaelis kam weiter als er, Herder weiter als Michaelis, und das 19. und 20. Jahrhundert ließen wiederum Herder hinter sich. Den Weg gewiesen hatte aber Lowth. Das trifft auch für die Erörterungen des Stils und der Gattungen im zweiten und dritten Teil der Praelectiones zu. Lowth unterscheidet in den Vorlesungen IV-XVII unter der Überschrift „מָשָׁל sive de stylo parabolico“ drei Stilarten:

1. Das genus sententiosum: Es ist vor allem in der didaktischen Poesie zuhause, hat aber auch alle anderen Gebiete durchdrungen.

2. Das genus figuratum: Diese zweite Stilart kommt am ausführlichsten zur Sprache. Sie lässt sich in drei Untergruppen aufteilen: a) Metapher (aus der Natur, dem täglichen Leben, dem Kult und der heiligen Geschichte). b) Allegorie (als weiter ausgeführte Metapher, als Parabel und als mystische Allegorie. Die Letztere entspricht vor allem der jüdischen Religion. Dagegen hat Michaelis heftige Einwände erhoben). c) Personifikation (Protopopeia, indem einerseits Lebloses oder Abstraktes als Person dargestellt, andererseits wirklichen Personen eine Rede in den Mund gelegt wird).

3. Das genus sublimi: Der Begriff der sublimitas, „des Erhabenen“, spielte in der literarisch-ästhetischen Diskussion des ausgehenden 17. und 18. Jahrhunderts eine große Rolle. Lowth dient er wie auch der Parallelismus membrorum als wichtiges Kriterium, um den Unterschied zwischen Poesie und Prosa bei den Hebräern zu erfassen. Erster Zeuge für den erhabenen Stil ist das Buch Hiob. Es bildet den krönenden Abschluss des dritten und umfangreichsten Teils der Praelectiones (XVIII-XXXIV), der „Poematum Hebraeorum variae species“, was man heute mit „Gattungen“ bezeichnet.

Die erste Gattung ist die Prophetie, wobei Lowth einräumt, dass es neben dem poetischen Charakter der Prophetie auch nicht-poetische Prophetenbücher gibt (→ Daniel, → Jona), und dass sich auch in den Prophetenbüchern nichtprophetische Gattungen finden.

Die zweite Gattung ist die קִינָה oder Elegie. Sie macht ungefähr ein Siebtel des Psalters aus. Sie begegnet aber auch im übrigen Alten Testament, besonders in der Prophetie.

Es folgen die „מְשָׁלִים sive carmina didactica“, die eigentlichen „parabolae“ mit den Kennzeichen brevitas und elegantia. Die Vorlesung beginnt mit den Sprüchen Salomos und schließt mit einer Übersetzung des Liedes der Weisheit Sir 24 in das ursprüngliche Hebräisch, die Moses Mendelsohn ausdrücklich gelobt hat. Leider ist diese Übersetzung nicht erhalten geblieben, sodass ihre Qualität nicht überprüft werden kann.

Einen breiten Platz unter den Gattungen nimmt die Ode (שִׁיר) ein (Prael. XXV-XXVIII). Sie ist vielgestaltig und charakterisiert durch suavitas oder sublimitas oder eine Mischung aus beiden. Die Bezeichnung Hymne reserviert Lowth für eine besondere Gruppe der שִׁירִים, die er unter dem Terminus „Idyllium“ zusammenfasst. Dazu gehören namentlich die „Geschichtspsalmen“. Zum Schluss wird das Drama behandelt, das sich im Alten Testament allerdings nicht in reiner Form findet (z.B. → Hoheslied; → Hiob).

Der Parallelismus kommt erst wieder richtig zur Sprache in der neunzehnten Vorlesung, in der es um den Erweis des poetischen Charakters der Prophetie geht, vor allem in der „Preliminary Dissertatio“, die 1778 die Übersetzung des Buches Jesaja einleitet (R. Smend, 197).

Dass der Ausdruck „Parallelismus membrorum“ bei Lowth selber nicht begegnet, besagt wenig. Denn Lowth führt „Parallel Lines“ im Wesentlichen auf „three sorts“ zurück: Parallels Synonymous, Parallels Antithetic, and Parallels Synthetic (Isaiah, Xf). Am häufigsten von den drei Sorten tritt der synonyme Parallelismus auf, am vielgestaltigsten zeigt sich der synthetische, den Lowth auch den „konstruktiven“ nennt. Die Einteilung von Lowth ist klassisch und kaum umstritten (vgl. L. Alonso-Schökel 1971, 196). Im Übrigen liegt der Parallelismus membrorum so sehr auf der Hand, dass man sich wundert, dass dieses Phänomen erst so spät entdeckt wurde.

Einer der Vorläufer Lowths war der jüdische Gelehrte Azarja dei Rossi aus Mantua (1511-1578). In neuerer Zeit hat vor allem Luis M. Alonso-Schökel im Blick auf den Parallelismus mit Bedauern festgestellt, seit Lowth sei nur wenig getan worden, um dieses Phänomen, das die Mehrheit als besonderes unterscheidendes Merkmal der hebräischen Dichtung anerkennt, weiter zu durchdringen, ausführlicher zu erforschen und in einen größeren Zusammenhang einzubauen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Werke (in Auswahl)

  • Lowth, R., De Sacra Poesi Hebraeorum. Praelectiones academicae, Oxford 1753 (engl. 1787)
  • Lowth, R., Isaiah. A new translation; with a preliminary dissertation, and notes critical, philological, and explanatory, London (1778); 2. Auflage 1779
  • Lowth, R., The Major Works (8-bändiger Reprint), hg. von D.A. Reibel, London 1995

2. Sekundärliteratur

  • Alonso-Schökel, L.M., Das Alte Testament als literarisches Kunstwerk, Köln 1971
  • Bader, G., Psalterspiel. Skizze einer Theologie des Psalters (Hermeneutische Untersuchungen zur Theologie 54), Tübingen 2009 (Lit.)
  • Bultmann, Ch., Art. Lowth, Robert, in: RGG, 4. Auflage, V (2002), 529 (Lit.)
  • Norton, D., A History of the Bible as Literature, Cambridge 1993
  • Reventlow, H. Graf, Epochen der Bibelauslegung. Bd. IV: Von der Aufklärung bis zum 20. Jahrhundert, München 2001
  • Seybold, K., Art. Poesie, biblische. I. Altes Testament, in: TRE XXVI (1996), 743-748 (Lit.)
  • Smend, R., Der Entdecker des Parallelismus: Robert Lowth (1710-1787), in: B. Huwyler / H.-P. Mathys / B. Weber (Hgg.), Prophetie und Psalmen (FS K. Seybold; AOAT 280), Münster 2001, 185-199 (Lit.); englische Fassung in: ders., From Astruc to Zimmerli. Old Testament Scholarship, Tübingen 2007, 15-29

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Robert Lowth, D.D. (1710-1787), Lord-Bischof von London., Stich (nach einem Gemälde von L.E. Pine) von 1809. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 27.2.2007
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