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Lexikon

Lehi

Andere Schreibweise: Lechi ; Lékhi

Erasmus Gaß

(erstellt: April 2010)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Lehi.

Der Ort Lehi kommt ausschließlich in der → Simson-Erzählung (Ri 15,9.14.17.19) vor. An diesem Ort erschlägt Simson mit einem Eselskinnbacken (→ Backe / Kinnbacke) 1.000 → Philister. Außerdem lässt Gott durch die Spaltung der Höhle von Lehi eine Quelle entstehen, die den Durst des erschöpften Simson zu stillen vermag.

1. Name

Der Ortsname Lehi bzw. Ramat-Lehi (hebräisch: לְחִי ləḥî; griechisch: σιαγών; lateinisch: maxilla; jeweils „Kinnbacken“) ist als qatl-Form der Wurzel LḤJ zu bestimmen. Diese tertiae-vocalis-Wurzel ist gemeinsemitisch gut belegt und findet sich vom Akkadischen (lahû) bis hin zum Arabischen (laḥj). Aufgrund der semitischen Kognate heißt dieser Ort „Kinnladenort“ (Borée, 26). Wahrscheinlich rührt diese eigentümliche Bezeichnung von der Geländeform her, die die Form einer Kinnlade hat. Für eine solche Ableitung spricht auch die Wiedergabe durch LXX und Vulgata, die das hebräische Toponym Lehi in die Zielsprache übersetzt haben. Nur in Ri 15,9 gibt LXX-B den Ort fehlerhaft mit Λευι wieder.

Alle anderen etymologischen Ableitungsversuche überzeugen kaum. Manchmal wurde der Ortsname Lehi nämlich mit einem Gottesnamen Laḥaj in Verbindung gebracht (Curtis). Auch eine Ableitung vom akkadischen Lexem lītu bzw. lētu(m) „Rand eines Objekts“ ist äußerst fraglich (Guillaume, 183). Dann wäre Lehi nicht Ortsname, sondern die Grenzlinie zwischen dem Territorium der Philister und Judäer. Demnach hätten die Philister im Fall Simson ihre Streitkräfte über die gesamte Grenzlinie verteilt, um den flüchtigen Attentäter zu stellen. Hierfür könnte zumindest geltend gemacht werden, dass das Verb NṬŠ Nif. nur in Ri 15,9 und 2Sam 5,18.22 verwendet wird und im letzteren Fall das Ausbreiten des Heeres über eine größere Fläche ausgedrückt wird. Jedoch ist eine solche etymologische Ableitung aus dem Akkadischen höchst fragwürdig.

2. Belege

2.1. Altes Testament

Abb. 2 Samson erschlägt die Philister (Julius Schnorr von Carolsfeld; 19. Jh.).

Abb. 2 Samson erschlägt die Philister (Julius Schnorr von Carolsfeld; 19. Jh.).

Der Ort Lehi kommt im Alten Testament nur innerhalb der Simsonerzählung vor. Nach der blutigen Rache an den Philistern, die seine Frau mitsamt Schwiegervater verbrannt haben, zieht sich Simson in die Felsspalte Etam zurück. Daraufhin ziehen die Philister nach Juda und breiten sich in Lehi aus (Ri 15,9), wo sie offenbar auch ihre Operationsbasis haben. Der von den verbündeten Judäern gefangen genommene Simson wird sogleich nach Lehi gebracht (Ri 15,14). In Lehi lösen sich die Fesseln Simsons und er erschlägt mit einem Eselskinnbacken (לְחִי־חֲמוֹר ləchî chǎmôr) 1.000 Philister. Danach warf Simson seine Waffe an einen Ort, der fortan Ramat-Lehi genannt wird (Ri 15,17). Hier wird ein lokales Toponym demnach ätiologisch erklärt. Formal handelt es sich bei Ramat-Lehi um eine Constructusverbindung mit dem Nomen regens rāmāh. Dieses Wort wird meist von der Wurzel RÛM „hoch sein“ abgeleitet, also „Höhe von Lehi“. Eine Etymologie mit der Wurzel RMJ „wegwerfen“ könnte jedoch besser den Ereignissen der Simsonkomposition entsprechen, da Simson den Eselskinnbacken wegwirft, ausgedrückt mit dem Verb ŠLK. Codex Vaticanus überträgt die zugrunde liegende hebräische Wurzel mit dem Wort Αναιρεσις, das auch „Zerstörung“ bedeuten kann. Somit wird hier eine Doppeldeutigkeit eingetragen, die der hebräische Text noch nicht gekannt hat (Niditch, 153).

Abb. 3 Samsons seltsame Waffe (Matthäus Merian d.Ä.; 1627).

Abb. 3 Samsons seltsame Waffe (Matthäus Merian d.Ä.; 1627).

Nach dem Massaker an den Philistern stillt Simson seinen Durst mit dem Wasser einer Quelle (עֵין הַקּוֹרֵא), die Gott durch die Spaltung der Höhle von Lehi entstehen ließ (Ri 15,19).

Dem Kontext von Ri 15,9-17 nach zu schließen, wird der Ort Lehi vermutlich zwischen dem Philisterort Timna und der Felsspalte von Etam (Gass / Zissu), dem zeitweiligen Rückzugsort Simsons, liegen.

Manchmal wird vermutet, dass der Ort Lehi auch in 2Sam 23,11 vorkommt, dort allerdings verbunden mit he locale. Die Deutung als Ortsname ist aber nicht sicher, zumal MT לַחַיָּה laḥajjāh auch als Präpositionsverbindung mit dem Substantiv ḥajjāh „Clan / Truppe“ gedeutet werden kann (Tidwell, 198). Lediglich die lukianische Rezension der LXX scheint ausweislich ihrer Lesart (ἐπὶ σιαγόνα „auf die Backe“) einen Ortsnamen Lehi vorauszusetzen, während ansonsten Θηρία Thēria angegeben wird.

2.2. Außerhalb der Bibel

Schon Josephus übersetzt das hebräische Toponym Lehi ins Griechische Σιαγων (Antiquitates V 8,8 [300]; VII 12,4 [310]; Text gr. und lat. Autoren). Anders als LXX und Josephus transkribiert → Eusebius den Ortsnamen Lehi jedoch als Ενλεχι (Onomastikon 88:21; Text Kirchenväter 3) bzw. Λεχει (Onomastikon 122:16). In beiden Fällen erwähnt Eusebius die klassische Übersetzung mit σιαγων „Kinnbacken“. Zur Lage dieses Ortes fehlen bei Eusebius allerdings weitere Informationen. Im Midrasch zu Genesis wird der Ort Lehi Maktiš „Backenzahn“ genannt (Bereschit Rabba 48; Neubauer, 116).

Manchmal wird Lehi mit dem Ort Luhuti identifiziert, der in einer Tontafelinschrift Tiglat-Pilesers IV. belegt ist und zu den 19 Bezirken von Hamat gehört (Sarsowsky, 150). Für die Simsonkomposition liegt dieser Ort aber zu weit nördlich.

3. Lage

Nur aufgrund der Namensähnlichkeit könnte man das biblische Toponym Lehi mit folgenden Orten gleichsetzen: Bēt Lāhije (Koordinaten: 1025.1065; N 31° 33' 04'', E 34° 30' 10''), Chirbet Bēt Lajj (Koordinaten: 1430.1080; N 31° 33' 50'', E 34° 55' 42'') und Chirbet Lāqīje (Koordinaten: 1360.0810; N 31° 19' 30'', E 34° 51' 24''). Diese Orte liegen allerdings nicht im geographischen Bereich der Simsonerzählung. Ob ein Teil der Simsontradition an einem dieser entfernten Orte einmal beheimatet gewesen war und dann erst sekundär mit den übrigen Anekdoten, die in der nördlichen Schefela spielen, verbunden worden wäre, kann nicht mehr entschieden werden und bleibt in jedem Fall spekulativ, so dass im Folgenden im Bereich der nördlichen Schefela bzw. im judäischen Bergland nach geeigneten Orten gesucht werden soll.

Die philistäische Operationsbasis Lehi befindet sich vermutlich in der Nähe der Felsspalte Etam, wo sich Simson versteckt hielt. Insofern kommen für Lehi zwei Identifizierungsvorschläge in Frage, je nachdem, ob man die Felsspalte Etam in der nördlichen Schefela oder im judäischen Bergland verortet:

a) Chirbet eṣ-Ṣujjāġ (Koordinaten: 1501.1284; N 31° 44' 49'', E 34° 59' 59''; u.a. Schick, 153): Auf der südlichen Seite des Wādī Isma‛īn mag sich im Toponym Chirbet eṣ-Ṣujjāġ der Ortsname Lehi insofern erhalten haben, als σιαγών „Kinnbacken“ die griechische Übersetzung von Lehi darstellt. Jedoch ist das Kriterium des Namenserhaltes nicht über jeden Zweifel erhaben, da das moderne arabische Toponym ṣujjāġ auch innerarabisch hergeleitet werden kann. Dieses Lexem kann nämlich mit „Goldschmiede“ wiedergegeben werden (Abel, 369). Hinzu kommt, dass die Anlage auf Chirbet eṣ-Ṣujjāġ (Terrasse mit einem zweigliedrigen Turm) frühestens aus römischer Zeit stammt. Auch der Oberflächenbefund deutet erst in byzantinische Zeit (Weiss / Solimany / Zissu). Aus diesen Gründen ist eine Identifizierung mit dem biblischen Toponym Lehi problematisch. Außerdem kommt Chirbet eṣ-Ṣujjāġ nur dann in Frage, wenn die Felsspalte Etam in der nördlichen Schefela liegt. Für die Identifizierung von Lehi mit Chirbet eṣ-Ṣujjāġ spricht jedoch der Umstand, dass die Philister den Daniten Simson zunächst bestimmt in seiner Heimat, der nördlichen Schefela, gesucht haben.

b) Chirbet ‛Ēn el-Lāhi (Koordinaten: 1645.1265; N 31° 43' 50'', E 35° 09' 5''; Guérin, 396-400; Saulcy 207): In der Nähe der ‛Ēn ‛Aṭān befindet sich die Chirbet ‛Ēn el-Lāhi. Dort entdeckte man spärliche Überreste einer antiken Siedlung und einige Gräber. Über den archäologischen Befund dieses Ruinenhügels ist nichts bekannt. Chirbet ‛Ēn el-Lāhi kommt aber nur dann in Frage, wenn man die Felsspalte Etam ebenfalls im judäischen Bergland und nicht in der nördlichen Schefela sucht. Damit verschiebt man zudem den Aktionsradius des Daniten Simson um ein Vielfaches. Für eine solche Ausweitung der Erzählung könnten jedoch zwei weitere Gründe sprechen: Zum einen liegt Chirbet ‛Ēn el-Lāhi im traditionellen Stammesgebiet von Juda, so dass Juda unmittelbar vom Angriff der Philister betroffen gewesen wäre. Zum anderen konnte sich Simson im judäischen Bergland aufgrund der Entfernung zu Timna relativ sicher fühlen.

Wenn man die Felsspalte Etam in der Nähe der Chirbet el-Chōch (Koordinaten: 1670.1214; N 31° 41' 06'', E 35° 10' 46'') sucht, wo sich die judäische Stadt Etam befindet (Gaß, 373-375), so ist für die Identifikation der philistäischen Operationsbasis Lehi sowohl Chirbet ‛Ēn el-Lāhi als auch Chirbet eṣ-Ṣujjāġ möglich. Lokalisiert man Etam aber in der nördlichen Schefela, dann scheidet Chirbet ‛Ēn el-Lāhi sicher aus.

Vielleicht handelt es sich bei Lehi ohnehin nur um eine geologische Formation, die an einen Kinnbacken erinnert und irgendwo in der Nachbarschaft des Wādī Isma‛īn zu finden ist, dem eigentlichen Schauplatz der Simson-Erzählung (Lubetski, 275). In diesem Fall muss man nicht eisenzeitliche Besiedlungsspuren an einem bestimmten Ort nachweisen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • The Interpreter's Dictionary of the Bible, New York 1962
  • The New Interpreter's Dictionary of the Bible, Nashville 2006-2009

2. Weitere Literatur

  • Abel, F.-M., 1938, Géographie de la Palestine. Band 2: Géographie politique, les villes (Études Bibliques), Paris
  • Borée, W., 1930, Die alten Ortsnamen Palästinas, 2. Aufl., Leipzig (Nachdruck Hildesheim 1968)

  • Curtis, J.B., 1983, On the Wells of lḥy, Proceedings of the Eastern Great Lakes and Midwest Biblical Societies 3, 44-58
  • Gaß, E., 2005, Die Ortsnamen des Richterbuches in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden
  • Gaß, E. / Zissu, B., 2009, Sel‘a ‘Etam and Samson Traditions, from the Biblical to the Byzantine Periods, in: Segni, L. di / Hirschfeld, Y. / Patrich, J. / Talgam, R. (Hgg.), Man near a Roman Arch (FS Y. Tsafrir), Jerusalem 2009, 25*-46*
  • Groß, W., 2009, Richter (HThKAT), Freiburg
  • Guérin, V., 1869, Description Géographique, Historique et Archéologique de la Palestine Accompagnée de Cartes Détaillées. Judée Band 2, Paris
  • Guillaume, P., 2004, Waiting for Josiah. The Judges (JSOT.S 385), London
  • Neubauer, A., 1868, La Géographie du Talmud (Études Talmudiques 1), Paris
  • Niditch, S., 2008, Judges. A Commentary (OTL), Louisville
  • Richter, W., 1996, Materialien einer althebräischen Datenbank. Die bibelhebräischen und -aramäischen Eigennamen morphologisch und syntaktisch analysiert (ATSAT 47), St. Ottilien
  • Sarsowsky, A., 1912, Notizen zu einigen biblischen geographischen und ethnographischen Namen, ZAW 32, 146-151
  • Saulcy, F. De, 1877, Dictionnaire Topographique Abrégé de la Terre Sainte, Paris
  • Schick, C., 1887, Artuf und seine Umgebung, ZDPV 10, 131-156
  • Taxel, I., 2009, Khirbet es-Suyyagh. A Byzantine Monastery in the Judaean Shephelah (Salvage Excavation Reports 6), Tel Aviv
  • Tidwell, N.L.,1979, The Philistine Incursions into the Valley of Rephaim (2 Sam v 17ff.), in: Emerton, J.A. (Hg.), Studies in the Historical Books of the Old Testament (VT.S 30), Leiden, 190-212
  • Weiss, D. / Solimany, G. / Zissu, B., 2004, Map of Nes-Harim (104) (Archaeological Survey of Israel), Jerusalem

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Lehi. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Samson erschlägt die Philister (Julius Schnorr von Carolsfeld; 19. Jh.).
  • Abb. 3 Samsons seltsame Waffe (Matthäus Merian d.Ä.; 1627).
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