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Lexikon

Lager / Lagerplatz

Thomas R. Elßner

(erstellt: Jan. 2010)

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1. Lager / Lagerplatz in der Hebräischen Bibel

Der Begriff Lager bzw. Lagerplatz (מַחֲנֶה machǎnæh von der Wurzel חנה chnh „ein Lager aufschlagen“) ist in der Hebräischen Bibel 216-mal bezeugt (→ Konkordanz von Even-Shoshan). Dabei wird er in verschiedenen Zusammenhängen mit unterschiedlicher Bedeutung verwendet, so dass letztlich – wie so oft – der Kontext für die genaue Bestimmung der Bedeutung entscheidend ist.

Zahl der Belege in den einzelnen Kanonteilen bzw. Büchern: Tora 103-mal (Gen: 7; Ex: 19; Lev: 18; Num: 49; Dtn: 10); Propheten 97-mal (Vordere Propheten: 91 [Jos: 17; Ri: 29; 1Sam: 22; 2Sam: 4; 1Kön: 4; 2Kön: 15]; Hintere Propheten 6 [Jes: 1; Ez: 2; Am: 1; Jo: 1; Sach: 1]); Schriften 16-mal (Ps: 3; Hhld: 1; 1Chr: 7; 2Chr: 5).

1.1. Lager der Familie bzw. Sippe

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Zeltlager heutiger Beduinen, das im Innenbereich Raum lässt für Schafe und Ziegen.

Das Wort „Lager“ (מַחֲנֶה machǎnæh) meint an einigen Stellen des Pentateuchs einfach den mobilen Aufenthaltsbereich eines Familienverbandes samt seinem Viehbestand (Gen 32,8.9.11.22). Ein solches Lager lässt sich angesichts einer Bedrohung in zwei aufteilen (Gen 32,9) und in bestimmten Situationen teilweise verlegen (vgl. Gen 33,8). Es kann für längere Reisen (Josefs Trauerzug) auf- bzw. zusammengestellt werden (vgl. Gen 50,9).

1.2. Wohnlager und wehrhaftes Lager

Der Auszug der Kinder Israels aus Ägypten und ihre vierzigjährige → Wüstenwanderung wird in den Büchern → Exodus bis → Deuteronomium erzählt. In diesem Kontext hat das „Lager“ eine Doppelfunktion. Zum einen wird der Begriff für einen ambulanten Wohnbereich und zum anderen für ein wehrhaftes Lager verwendet. Dabei können die Übergänge fließend sein. So wird die Wendung „Lager Israels“ in Ex 14,19 in der allgemeinen Bedeutung „Zug“ (Track) gebraucht. In Ex 14,20 behält sie diese allgemeine Bedeutung; mit Blick auf das „Lager der Ägypter“ erhält sie daneben aber eine militärische Färbung. Dagegen ist die Wendung „Lager der Ägypter“ in Ex 14,20.24 nur in einem militärischen Sinne zu verstehen, da in Ex 14 von den Streitwagen und der Streitmacht des Pharaos die Rede ist (vgl. Ex 14,4.6.9.17.18.23.26.28).

Der Ausdruck „Lager“ in einem mehr allgemeinen Sinne, wobei die wehrhaften Aspekte nicht ausgeblendet sein müssen, findet sich im Pentateuch in Ex 16,13; Ex 19,16f; Ex 29,14; Ex 32,17.19.26.27; Ex 33,7.11; Ex 36,6; Num 4,5.15; Num 5,2.3.4; Num 10,2.5.6.14.18.22.25.34; Num 11,1.9.26.27.30.31.32; Num 12,14f; Num 14,44; Num 15,35f; Num 19,3.7.9; Num 31,12.13.19.24; Dtn 2,14f; Dtn 23,11-15; Dtn 29,10.

1.3. Kultisches reines Lager

Das Buch → Leviticus legt auf die kultische → Reinheit des Lagers größten Wert (vgl. zudem Dtn 23,10-15). Deswegen besitzt das Lager aus priesterschriftlicher Sicht (→ Priesterschrift) Züge eines vorbildhaft kultisch reinen Lebensortes für Israel, auch und gerade über die Zeit der sogenannten Wüstenwanderung hinaus, die ein fiktiv-normativer Verlaufsort für die Gegenwart ist, das heißt für die frühjüdische bzw. nachexilische Zeit (Gerstenberger, 4). Kennzeichen einer kultisch-reinen Lebensweise ist die strikte Orientierung an entsprechenden Geboten und Vorschriften und die genaue Einhaltung ihrer Umsetzung.

Um von der Reinheit innerhalb des Lagers abzugrenzen, wird in Leviticus häufig die Wendung „außerhalb des Lagers“ (מחוץ למחנה) verwendet (vgl. Lev 4,12.21; Lev 6,4; Lev 8,17; Lev 9,11; Lev 10,4f; Lev 13,46; Lev 14,3; Lev 16,27; Lev 17,3; Lev 24,14.23).

Der Betonung der Reinheit des Lagers in Leviticus entspricht, dass vom Lager durchgängig nicht in einem militärischen Sinne die Rede ist (vgl. Lev 14,8; Lev 16,26.28; Lev 24,10). Dieser Befund korrespondiert mit einer allgemeinen militärkritischen Perspektive der priesterschriftlichen Theologie(n).

1.4. Idealtypisches Lager

In der priesterschriftlichen Überlieferung kommt dem Motiv des Lagers insgesamt eine besondere Rolle. So wird in Num 1,51-2,32 ein nach priesterschriftlicher Theologie idealtypisches Lager Israels vorgestellt. Den Mittelpunkt des Lagers bildet die sogenannte „Wohnung der Bundesurkunde“ (Num 1,50, Einheitsübersetzung). Um diese herum sollen die Leviten lagern (Num 1,50b.53aα; Num 2,17a). Vom „Zelt der Begegnung“ (Num 2,2; → Stiftshütte) aus gesehen im Osten und damit an bevorzugter und erster Stelle (→ Himmelsrichtungen) soll das „Lager Judas“ mit seinen Verbänden lagern (Num 2,3-9); an zweiter Stelle und damit im Süden das „Lager Rubens“ mit seinen Verbänden (Num 2,10-16); im Westen das „Lager Efraims“ mit seinen Verbänden (Num 2,18-24) und an vierter Stelle und somit im Norden das „Lager Dans“ mit seinen Verbänden (Num 2,25-31). Im Zentrum der Beschreibung der Lager in Num 2,3-31, also zwischen den Lagern Judas und Rubens einerseits und den Lagern Efraims und Dans anderseits, wird ausdrücklich erneut das „Lager der Leviten“ genannt (Num 2,17), welches sich nach Num 1,50 und Num 1,53 um das „Zelt der Begegnung“ und somit letztlich „in der Mitte der Lager“ (Num 2,17a) befindet. Dies trifft dann auch für die Marschordnung zu (Num 2,17b). Mit Blick auf Num 2,1-31 fungiert Num 2,32-34 als Abschlussnotiz und Ausführungsbestätigung zugleich.

Letzten Endes stellt Num 2,3-31 mit seiner „Einzwängung in eine schematische Ordnung und die konsequente Unterordnung unter die geistliche Führerschaft“ (Kuschke, 80) der Leviten eine theologisch intendierte, aber auf die Gegenwart bezogene Rückprojizierung in die sogenannte Wüstenzeit Israels aus nachexilischer Zeit dar. Absicht priesterschriftlicher Theologie könnte es sein, vor dem Hintergrund der Erfahrungen mit dem Königtum in Juda und nach den Erfahrungen des Exils mit jener Lageranordnung wieder an die vermeintlich religiös-gesellschaftlichen Strukturen der Wüstenzeit bzw. an die der vorstaatlichen Zeit anzuknüpfen, wenn nicht sogar eine Renaissance sogenannter vorstaatlicher Zustände zu initiieren (vgl. Kuschke, 98).

1.5. Militärisches Lager

Das Wort „Lager“ (מחנה) wird in der Hebräischen Bibel vor allem im Sinne eines militärischen Lagers verwendet, wenngleich es im Pentateuch selbst, wie bereits genannt, streng genommen nur ganz wenige Stellen mit einer solchen Bedeutung gibt. In Ex 14,24 ist das „Lager der Ägypter“ von dem Kontext her als ein militärisches zu verstehen (vgl. Ex 14,6f.9.17b.18.23).

Ein eigener Abschnitt zum Feldlager findet sich im Pentateuch in Dtn 23,10-15. Das Hauptaugenmerk gilt hier jedoch nicht militärischen Angelegenheiten, wie beispielsweise ein Kampf gegen Feinde zu führen sei, auch wenn eine solche Erwartung vielleicht zu Beginn jenes Abschnittes geweckt wird (Dtn 23,10a). Rein militärische Dinge werden nicht erörtert, weil JHWH selbst sich inmitten des Lagers bewegt bzw. präsent ist (מתהלך Dtn 23,15, vgl. zudem Gen 3,8; 2Sam 7,6), so dass er es ist, der Israel rettet und die Feinde an Israel ausliefert (Dtn 23,15aα, vgl. Dtn 7,21-24). In Dtn 23,10-15 geht es vielmehr vor allem um die rituelle Reinheit des Heerlagers. Als Erstes wird allgemein gefordert, dass jeder (Kämpfer) sich vor allem Schlechten hüten soll (Dtn 23,10b). Die rituellen Forderungen beziehen sich näherhin darauf, wie mit einem Mann zu verfahren sei, der nachts eine Pollution (unwillkürlicher Samenerguss) hatte (Dtn 23,11f) und wie man es mit der Verrichtung seiner Notdurft halten soll. Diesen rituellen Forderungen vergleichbar ist Num 5,1-4 (Rüterswörden, 152). Der rituellen Reinheit des Heerlagers entspricht demzufolge die der physischen Reinheit. In diesem Sinne lässt sich Am 4,10b als eine entsprechende Kritik lesen. Wie eine Anwesenheit JHWHs im Lager genauer verstanden worden ist, lässt sich verschiedenen Vorstellungen anderer Texte entnehmen, nämlich solchen über die Wolke JHWHs (Ex 40,38; Num 10,34), die Gegenwart seines → Boten (Ex 14,19f), die → Lade (vgl. Num 14,44; Jos 3,2; Jos 6,11; 1Sam 4,3-7; vgl. Alt, 24) oder das „Zelt der Begegnung“ (vgl. Lev 4,14; Num 2,2.17; Num 10,3; vgl. hingegen in Ex 33,7).

In einem engeren militärischen Sinne wird der Begriff „Lager“ (מחנה) in der Hebräischen Bibel in Jos 6,14; Jos 10,5.6.21; Jos 11,4; Ri 4,15.16; Ri 7,1.8-11.13-15.17-19.21f; Ri 8,10-12; Ri 18,12 verwendet. Gleichwohl gibt es mitunter Randunschärfen zu einem Lager im mehr allgemeinen Sinne, so dass eine klare Unterscheidung der Sache nach nicht immer möglich ist. Dies vermag sich auch daraus zu erklären, dass ein „Lager“ sowohl ein (vorläufiger) Lebensmittelpunkt als auch ein „Heerlager“ je nach Situation sein kann, zumal wenn es um die Zeit vor oder während der sogenannten Sesshaftwerdung der Kinder Israels geht (vgl. Jos 1,11; Jos 3,2; Jos 5,8; Jos 6,18.23; Jos 8,13; Jos 9,6; Jos 10,15.43; Jos 18,9; Ri 13,25; Ri 21,8.12; Ps 78,28; Ps 106,16).

Nachdem auf der Erzählebene die Gabe des verheißenen Landes an die Kinder Israels zum Abschluss gekommen ist, wird der Terminus „Lager“ (מחנה) in 1Sam bis 2Kön sowohl mit Blick auf Israel / Juda als auch auf deren Feinde fast ausschließlich im militärischen Sinne verwendet (vgl. 1Sam 4,3.5.6.7; 1Sam 11,11; 1Sam 13,17; 1Sam 14,15.19.21; 1Sam 17,1.4.17.46.53; 1Sam 26,6; 1Sam 28,1.5.19; 1Sam 29,1.6; 2Sam 1,2f; 2Sam 5,24; 2Sam 23,16; 1Kön 16,16; 1Kön 22,34.36; 2Kön 3,9.24; 2Kön 6,24; 2Kön 7,4-16; 2Kön 19,35 [par Jes 37,36]; 1Chr 11,15.18; 1Chr 12,23; 1Chr 14,15f; 2Chr 18,33; 2Chr 22,1; 2Chr 32,21). Denn vor dem Hintergrund der sogenannten Sesshaftwerdung der Kinder Israels lässt sich der Begriff „Lager“ (מחנה) im Sinne eines Heerlagers im Unterschied zu festen Wohnorten auch eindeutiger abgrenzen und entsprechend einsetzen. Nur in 2Kön 5,15 wird „Lager“ anscheinend in einem nichtmilitärischen Sinne verwendet („Wanderlager“ Helfmeyer, 8).

In Ps 27,3 lässt sich „Lager“ zwar in einem militärischen Sinne verstehen, der aber einen metaphorischen umfasst.

Der Begriff „Lager“ (מחנה) kommt zwar bei den Hinteren Propheten selten vor, aber bei ihnen findet er sich meist in einem militärischen Sinne. Dies ist so in Ez 1,24 und Ez 4,2, wenngleich in Ez 1,24 ein metaphorisches Verständnis festzustellen ist. Jes 37,36 ist Parallele zu 2Kön 19,35.

In Dodekapropheton (→ Zwölfprophetenbuch) ist jener Begriff dreimal bezeugt, und zwar ebenso in einem vorwiegend militärisch konnotierten Sinne: In Jo 2,11 bezieht sich „Lager“ auf ein (himmlisches / apokalyptisches) Heerlager JHWHs, in Am 4,10 auf ein Heerlager Israels und in Sach 14,15 auf ein Heerlager der Feinde Jerusalems.

1.6. Lager Gottes / JHWHs

In der Hebräischen Bibel ist an einigen wenigen Stellen auch ausdrücklich vom „(Heer-)Lager Gottes“ (Gen 32,3; 1Chr 12,23) oder vom „Lager JHWHs“ (1Chr 9,19; 2Chr 14,12; 2Chr 31,2) die Rede. Die Wendungen erinnern an die Vorstellung von einem himmlischen Hofstaat (→ Götterrat), der Gott bzw. JHWH umgibt und hinter der Wendung „JHWH Zebaoth“ steht (vgl. z.B. Jes 1,9; Ps 24,10; Ps 46,8; → Zebaoth).

In Gen 32,3 wird das Wort „Lager“ für ein Heerlager Gottes und in der Dualform bei der etymologischen Deutung des Ortsnamens Mahanajim (s.u.) verwendet (vgl. Hhld 7,1b). In 1Chr 12,23 soll der Vergleich „wie ein Heerlager Gottes“ die Größe des Heerlagers Davids unterstreichen.

Ebenso selten wie „Lager Gottes“ ist „Lager JHWHs“ bezeugt. Die Wendung kommt nur nachexilisch in den Chronikbüchern vor (1Chr 9,19 [Sg.] und 2Chr 31,2 [Pl.]) und meint offenbar den Jerusalemer Tempel (Helfmeyer,16).

In 2Chr 14,12 ist hingegen JHWHs Heerlager ähnlich wie Jo 2,11 als ein himmlisches Heerlager zu verstehen.

1.7. Machanajim: Ortsname oder Doppellager?

Schwierigkeiten bereitet der einzige Beleg für „Lager“ im → Hohenlied (Hhld 7,1bβ). Das von den Masoreten als Dualform punktierte Wort wird in den Wörterbüchern unterschiedlich interpretiert und übersetzt. Die Zürcher Bibel von 1931 übersetzt „beim kriegerischen Tanz“ („Lagertanz“ Helfmeyer, 9), die von 2007 „beim Reigentanz von Machanajim“ (Lutherbibel, 1984: „beim Reigen im Lager“). Es stellt sich also die Frage, ob der Begriff als Ortsname (vgl. Gen 32,3) oder als allgemeiner Ausdruck – vielleicht auch im Sinne von Doppellager – zu verstehen ist (vgl. HALAT 540). Inwiefern die antiken Übersetzungen (Septuaginta und Vulgata: „die Tänze der Lager“) zur Beantwortung dieser Frage beitragen können, wird zu diskutieren sein.

2. Lager / Lagerplatz in der Septuaginta

In der Septuaginta (ed. Rahlfs) wird מַחֲנֶה machǎnæh „Lager“ in der Regel mit παρεμβολή parembolē übersetzt.

Ausnahmen sind Num 1,52; Num 13,19; Dtn 23,10; Jos 6,11bβ; Jos 10,5.21; Jos 11,4; Jos 18,9; 1Sam 17,4; 2Sam 5,24 (πόλεμος); 1Kön 22,36; 2Kön 7,14; Ez 1,24; 1Chr 12,23; 2Chr 14,12; 2Chr 18,33; 2Chr 22,1 und 2Chr 31,2 dar. Die Verse Jos 8,13; Jos 10,15; Jos 10,43 und 1Sam 17,17 sind in der Septuaginta nicht bezeugt.

In den deuterokanonischen Schriften (→ Tobit, → Judit, → Makkabäerbücher, → Weisheit Salomos, → Jesus Sirach, → Baruch; → Kanon; → Apokryphen), einschließlich der sog. deuterokanonischen Zusätze bzw. Erweiterungen bei → Ester und → Daniel, ist der Begriff Lager παρεμβολή 86-mal bezeugt (Jdt: 16-mal; 1Makk: 64-mal; 2Makk: 3-mal; Weish: 1-mal; Sir: 2-mal).

Der Begriff „Lager“ kommt vor allem in Judit und im 1. Makkabäerbuch vor. Dies verwundert nicht, da er ein militärischer terminus technicus ist und die beiden Bücher, aber auch das 2. Makkabäerbuch von militärischen Auseinsetzungen handeln. Dabei wird παρεμβολή im Sinne von „Heer“ und von „Heerlager“ sowohl für die Judäer (vgl. 1Makk 3,3; 1Makk 4,21) als auch für ihre Gegner verwendet (1Makk 3,15; 1Makk 4,30; 2Makk 3,15f; 2Makk 15,22, ebenso Sir 48,21 [Lutherbibel: Sir 48,24]) oder im Plural gleichzeitig für beide Seiten (vgl. 1Makk 7,43; 1Makk 9,13; 1Makk 10,78).

Im Juditbuch bezieht sich „Lager“ in 14 von 16 Fällen auf das Heer(lager) des → Holofernes (Jdt 6,11; Jdt 7,7.12.17.20; Jdt 10,18; Jdt 12,7; Jdt 13,10; Jdt 14,3.19; Jdt 15,5.6.11; Stellenangaben nach LXX, nicht Lutherbibel). Nur in Jdt 7,32 bezieht „Lager“ sich auf die Stadt → Betulia, die von Israeliten bewohnt wird und zur Verteidigung vor den heranrückenden Truppen des Holofernes in ein Heerlager verwandelt worden ist. Im Hymnus von Jdt 16,2 (Lutherbibel: Jdt 16,4) bezieht „Lager“ (Pl.) sich auf den Bereich Gottes und ist anscheinend in einem nicht-militärischen Sinne zu verstehen.

Weish 19,7 nimmt ausdrücklich Bezug auf das Lager der Israeliten auf ihrer Wüstenwanderung, über dem die Wolke (JWHWs) schwebte (vgl. Num 9,18; Num 10,34). In Sir 43,8 (Lutherbibel: Sir 43,9) ist vom Neumond die Rede, der ein „Ausrüstungsgegenstand der Heerscharen in der Höhe“ sei (Septuaginta Deutsch; kursive Hervorhebung ThRE).

3. Lager / Lagerplatz im Neuen Testament

Im Neuen Testament lässt sich παρεμβολή parembolē „Lager“ zehnmal nachweisen (Schmoller), und zwar sechsmal in der Apostelgeschichte (Apg 21,34.37; Apg 22,24; Apg 23,10.16.32), dreimal im sogenannten Hebräerbrief (Hebr 11,34; Hebr 13,11.13) und einmal in der Offenbarung (Apk 20,23).

In der Apostelgeschichte wird der Begriff ausschließlich im Sinne von „Militärlager / Kaserne“ im Erzählkontext der Verhaftung und Überführung des Paulus verwendet.

In Hebr 11,34 findet sich der Begriff „Lager“ im Zusammenhang einer Glaubensgeschichte Israels im Sinne von „Heere“ (Pl.) der Feinde Israels, die in die Flucht geschlagen worden sind. In Hebr 13,11 und Hebr 13,13 wird jeweils auf die Vorschrift des Versöhnungstages von Lev 16,27 Bezug genommen, nach der die leiblichen Überreste des Jungstiers und des Bockes nach dem Sündopfer „außerhalb des Lagers“ zu verbrennen sind. Hebr 13,11 bezieht sich vor dem Hintergrund von Lev 16,27 auf den Opferritus des Hohenpriesters am Jerusalemer Tempel. Analog dazu wird in Hebr 13,13 der Tod Jesu „außerhalb des Lagers“, d.h. außerhalb Jerusalems, in metaphorischer Weise auf die Erfüllung bzw. Einhaltung jener Vorschrift bezogen. Demzufolge besitzt „Lager“ in beiden Fällen keine militärische Konnotation.

Schließlich wird in Apk 20,9 in Verbindung eines eschatologischen Kampfes des Satans und der von ihm in den Dienst genommenen Völker davon gesprochen, wie diese das „Lager der Heiligen“ umzingeln.

4. Lager / Lagerplatz in außerbiblischen, jüdischen Schriften und Rezeption

Ein nicht unwesentlicher Teil des heutigen sog. Alten Testaments ist in persischer Zeit (538 bis 333 / 332) teilweise entstanden und / oder redigiert worden (Maier, 28). Von daher ist auch mit Blick auf den heute vorliegenden Pentateuch und auf außerbiblische Schriften des pluriformen Frühjudentums einer zu schlichten Zweiteilung in „biblische Vorlage“ und „nachbiblische Exegese“ kritisch zu begegnen (Maier, 32). Da diese wichtigen, aber zugleich sehr schwierigen Probleme an dieser Stelle nicht diskutiert werden können, wird im Folgenden u.a. auf einige wichtige Texte aus Qumran, die das Thema „Lager“ beinhalten, nur hingewiesen, ohne dabei die Fragen der Rezeption grundsätzlich zu erörtern. Bei späteren Texten mit dem Thema „Lager“ wie z.B. bei Sifre Deuteronomium wird man mit Blick auf Dtn 23,10-15 eine Rezeption durchaus annehmen können, da in jenem Midrasch älteres Traditionsgut aufgenommen und bearbeitet worden ist.

4.1. Qumran

In den → Qumranschriften ist das Nomen מחנה „Lager“ vor allem in der „Damaskusschrift“ (CD) und in der „Kriegsregel“ (1QM) gut bezeugt.

4.1.1. Damaskusschrift

Wenngleich der überwiegende Teil der sog. Damaskusschrift (CD: Cairo Damascus Document) bereits 1896 in Kairo (Geniza der Esra-Synagoge) entdeckt und 1910 publiziert worden ist, wird sie heute oft in Verbindung mit Qumranschriften genannt und ediert. Denn erst durch die Entdeckung von Fragmenten der Damaskusschrift in Qumran ist es der Forschung möglich geworden, die Entstehung dieser Schrift in vorchristlicher Zeit zu orten (Lohse, 63) und Fragen nach ihrem Adressatenkreis eingehender zu stellen.

CD enthält das Nomen „Lager“ 15-mal (CD 7,6; 9,11; 10,23; 12,23; 13,4.5.7.13(2x).16.20; 14,3.9; 19,2; 20,26). Mit dem Begriff wird dabei in der Regel nicht auf die Wüstenzeit Israels Bezug genommen, sondern es geht um die Reinheit des Lagers (vgl. CD 7,4-6; 12,11b-22a.22b-13,7a; 20,26?). Mit „Lager“ ist kein ambulantes Kriegslager, sondern anscheinend letztlich der Aufenthalts- bzw. Wohnbereich der Adressaten der Schrift gemeint.

4.1.2. Kriegsrolle

Die Kriegsrolle, auch Kriegsregel genannt (1QM: Milhamah „Krieg / Kampf“), stammt vermutlich aus dem frühen 1. Jh. n. Chr. Sie ist der Wissenschaft erst seit 1947 durch die Funde in Qumran bekannt. In ihr wird der endzeitliche Kampf zwischen den „Söhnen der Finsternis“ (Belial und sein Heer, vgl. 1QM 1) und den „Söhnen des Lichts“ (Söhne Levis, Judas, Benjamins) beschrieben, der auch als ein tatsächliches Kampfgeschehen verstanden wird (vgl. 1QM 17,10-18,6). Eingefügt in die Kriegsrolle sind Gebete, Hymnen, liturgische geprägte Kampfanweisungen und priesterliche Ansprachen (vgl. z.B. 1QM 10-14).

Der Begriff „Lager“ kommt in 1QM 14-mal vor, davon elfmal im Plural, (1QM 3,4.5.14; 4,9; 6,10; 7,1.3.7(2x); 10,1; 14,2; 16,3; 18,4; 19,9). „Lager“ wird dabei in einem militärischen Sinne verwendet. Mit dem biblischen Befund gemeinsam hat 1QM, dass auf die kultische Reinheit des Heerlagers besonders großer Wert gelegt wird (vgl. 1QM 7,3-7; 10,1; 14,2f).

4.1.3. Tempelrolle

Die sog. Tempelrolle, von der drei Handschriften in Höhle 11 (11QT) und eine in Höhle vier (4QT) entdeckt worden sind, ist mit ungefähr neun Meter Länge die längste Schriftrolle, die in Qumran gefunden worden ist. Auch inhaltlich ist ihre Bedeutung in mehrfacher Hinsicht enorm. Zwar wird die Endredaktion der Tempelrolle von der Mehrheit der Forscherinnen und Forscher auf das 2. Jh. v. Chr., näherhin auf die erste Hälfte datiert (Steudel, 3), Inhalte von ihr dürften aber vermutlich auf spätpersisch-(früh-)hellenistische Zeit zurückgehen (Maier, 32). Zentral für die von priesterlicher Theologie bestimmte Tempelrolle ist das Thema Heiligkeit. Heiligkeit erstreckt sich vom Tempel bis an die Grenzen des Landes Israel in Abstufung. In Verbindung mit diesem Thema enthält die Tempelrolle in einigen Abschnitten auch kriegsrechtliche Bestimmungen (11QT 57; 58; 59; 61f; 62; 63f). Dabei ist mit Blick auf den Abschnitt 11QT 58 bemerkenswert, dass in ihm zwar der Vers 24 Bezug auf die Heerlagerbestimmungen von Dtn 23,10f nimmt, aber von einem Heerlager selbst nicht mehr gesprochen wird. Dies mag damit zusammenhängen, dass das Land Israel insgesamt jetzt als das heilige „Lager“ verstanden wird, aus welchem der König und seine Kriegsleute bei einem sogenannten „Wahlkrieg“ (Maier, 37) ausrücken und in welches sie nach dessen Beendigung wieder zurückehren (Vers 26).

4.2. Sifre Deuteronimium

Der → Midrasch Sifre Deuteronomium (Sif Dtn) ist unverkennbar ein exegetischer Midrasch zu Dtn 1,1-30; Dtn 3,23-29; Dtn 6,4-9; Dtn 11,10-26,15; Dtn 31,14 und Dtn 32-34. Nach Stemberger (268) ist er aber kein einheitliches Werk, da die haggadischen Teile (§§ 1-54 und §§ 304-357) nicht mit den halachischen Teilen (§§ 55-303) zusammengehören. Zu ihrer Entstehung lässt sich lediglich vermuten, dass ihre Endredaktionen jeweils im späten 3. Jh. n. Chr. erfolgt sind.

In den §§ 254-258, also im halachischen Teil, widmet sich Sifre Deuteronomium in seiner Kommentierung Vers für Vers den Bestimmungen zum Heerlager (מחנה) von Dtn 23,10-15 (Bietenhard, 585-591). Das Sich-Hüten vor allem Schändlichen bzw. vor jeder bösen Sache im Lager wird allumfassend verstanden (Dtn 23,10). Dazu zählt besonders die Einhaltung der Reinheitsvorschriften, das strikte Vermeiden des Götzendienstes, des Blutvergießens, der Lästerung des Namens Gottes, aber auch das Vermeiden von Unzucht. Götzendienst und ein Verstoß vor allem gegen Unzucht bewirken, dass die Gegenwart Gottes / die Schechina (שׁכינה) sich vom Lager entfernt.

Die Auslegung zu Dtn 23,11 stellt klar, dass jede Pollution (unwillkürlicher Samenerguss) kultisch unrein macht, auch wenn nur die nächtliche erwähnt wird. Die nächtliche Pollution wird deshalb genannt, weil die Schrift meist nur das nennt, was in der Regel geschehe; Sonderfälle seien dann unter die gewöhnlichen Fälle zu rechnen. Wer eine Pollution hatte, soll das „Lager“ verlassen, das heißt hier, er soll das Lager der Leviten verlassen. Mit „nicht in ins Lager hineinkommen“ sei hingegen das Lager der Schechina (שׁכינה) gemeint.

Mit Bezug auf Dtn 23,12 wird unterschieden zwischen Pollution und Samenfluss. Denn wer andauernd Samenfluss hat bzw. ein „Ausflussbehafteter“ (Maier, 85) ist, der unterliegt den Bestimmungen über die Unreinheit, wie sie in Lev 15,1-15 formuliert sind.

Dtn 23,13 und Dtn 23,14 werden in der Deutung zusammengefasst. Etwas umständlich wirkt dabei die Erklärung, wie der Begriff „Zeichen“ (hebräisch hier יד „Hand“) in der Forderung „Und ein Zeichen sollst du haben außerhalb des Lagers“, gemeint sei (Bietenhard, 589). Bemerkenswert ist, dass beim Verrichten des Stuhlgangs das Gesäß nicht nach Jerusalem gewendet werden soll (anders Maier, 85).

Schließlich wird Dtn 23,15 in Sifre Deuteronomium insofern auf die Umgebung beim Rezitieren des täglichen Pflichtgebetes, das heißt des → Schema Israel, bezogen, als unreine Orte (wie ein Teich von Walkern, eine Badeanstalt, eine Gerberei) dabei strikt zu meiden sind.

Außerdem wird die Forderung erhoben, den Tempelberg nicht mit einem Stock, mit Schuhen, mit Staub an den Füßen und / oder mit einem Geldbeutel zu betreten. Auf diese Weise wird der heilige Ort, der Tempelberg, verunehrt. Diese Interpretation zeigt, wie die Vorschriften über das Heerlager in Sifre Deuteronomium zudem auf den Tempel(berg) übertragen werden. Denn so wie einst JHWH im Kriegslager gegenwärtig war, so ist er es jetzt im Tempel (Bietenhard, 590).

Schließlich ist alles zu tun bzw. zu unterlassen, damit sich die Gegenwart Gottes, die Schechina (שׁכינה), nicht angesichts „hässlicher Dinge“ vom „Lager“ (vom Tempel) entfernt, ist doch die Gegenwart Gottes in einem Heerlager notwendig, damit die Feinde besiegt werden können.

4.3. Militärrabbinat in der israelischen Armee

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet am 22. April 2009 davon, dass unter der Leitung von Brigadegeneral und Militäroberrabbiner Avichai Rontzki das Militärrabbinat in Israel seit 2006 eine Jahresschrift mit dem programmatischen Titel „Dein Lager soll heilig sein“ herausgibt. Unverkennbar ist, dass mit diesem Titel auf Dtn 23,15 Bezug genommen wird. Diese Forderung werde insofern wörtlich verstanden, als „sich gleich in der ersten Ausgabe der Zeitschrift die Militärrabbiner zu ihrer Mission (bekennen), das ‚jüdische Bewusstsein bei den Soldaten’ zu stärken“. Außerdem will Avichai Rontzki, der ein überzeugter Anhänger der militanten Siedlerbewegung sei, die biblische Institution des „cohen meschuach milchama“, des Feldpriesters, wieder zu einem neuen Leben erwecken.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Alt, A., 1950, Zelte und Hütten, in: Alttestamentliche Studien (FS F. Nötscher; BBB 1), Bonn, 16-25
  • Bietenhard, H., 1984, Der tannaitische Midrasch Sifre Deuteronomium (JudChr 8), Bern u.a.
  • Croitoru, J., 2009, Heilig soll dein Lager sein. Der wachsende Einfluss von Israels obersten Militärrabbiner Avichai Rontzki beunruhigt die säkular gestimmten Kräfte im Land, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22. April, 36
  • Gerstenberger, E.S., 1993, Das 3. Buch Mose: Leviticus (ATD 6), Göttingen
  • Kuschke, A., 1951, Die Lagervorstellung der priesterschriftlichen Erzählung. Eine überlieferungsgeschichtliche Studie, ZAW 63, 74-105
  • Lohse, E., 1964, Die Texte aus Qumran, Darmstadt
  • Maier, J., 2000, Kriegsrecht und Friedensordnung in jüdischer Tradition (ThF 14), Stuttgart
  • Rüterswörden, U., 2006, Das Buch Deuteronomium (NSK-AT 4), Stuttgart
  • Stemberger, G., 1992, Einleitung in Talmud und Midrasch, 8. Aufl., München
  • Steudel, A. (Hg.), 2001, Die Texte aus Qumran II, Darmstadt

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Zeltlager heutiger Beduinen, das im Innenbereich Raum lässt für Schafe und Ziegen. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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