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Lexikon

Kyrosedikt

Bob Becking

(erstellt: Aug. 2016)

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1. Das Kyrosedikt

Der Begriff „Kyrosedikt“ meint einen Erlass des Perserkönigs → Kyros, der im Alten Testament überliefert ist, dort jedoch nicht als „Kyrosedikt“ bezeichnet wird. Laut 2Chr 36,22f // Esr 1,1-4 erweckt JHWH den Geist des Perserkönigs, damit dieser den Auftrag gibt, den Tempel in Jerusalem wieder aufzubauen und die Verbannten Judäer aus Babylon nach Juda zurückkehren zu lassen. In Esr 6,1-2.3-5wird berichtet, dass König Darius – veranlasst durch den Konflikt zwischen den Judäern und ihren Gegnern – in Ekbatana eine Abschrift des Befehls von Kyros auffindet, die die Rechtsgültigkeit des Wiederaufbaus des Jerusalemer Tempels bestätigt.

2. Der Perserkönig

Kyros der Große (hebräisch: כּוֹרֶשׁ kôræš, altpersisch: Kurvauš „ähnlich wie die Sonne“) wurde 559 v. Chr. König von Persien, wenn auch als Vasall der Meder. Er schaffte es, sich vom Joch der Meder zu befreien und begann einen militärischen Feldzug, der im Laufe der Zeit zu großen Eroberungen führte. Im Jahre 539 v. Chr. eroberte er Babylon und machte der babylonischen Herrschaft ein Ende (→ Babylonien). Er starb 530 während einer Schlacht gegen den skythischen Stamm der Massageten (→ Skyten). Im Alten Testament wird Kyros auch in Jes 45,1 und Dan 10,1 erwähnt (vgl. ferner Esr 3,7; Esr 4,3.5; Esr 5,13.14.17; Jes 44,28; Dan 1,21; Dan 6,29; ZusDan 2,1). Bei → Deuterojesaja wird er als „Gesabter JHWHs“ vorgestellt (Jes 45,1), der mit Gottes Hilfe die Gefangenen aus Babylon befreien wird.

3. Der Kyroszylinder

Aus: Wikimedia Commons; © Mike Peel, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 4.0; Zugriff 14.10.2016

Abb. 1 Der in akkadischer Keilschrift geschriebene Kyroszylinder wurde 1879 in Babylon gefunden.

Der Kyroszylinder ist ein neubabylonischer Text, geschrieben von den Marduk-Priestern des Esagila-Tempels in Babylon (Text in TUAT I, 407ff). In diesem Text wird Kyros als derjenige gepriesen, der Babylon eingenommen, den versagenden Königs → Nabonid beseitigt und die Götterbilder in den Esagila-Tempel zurückgeführt hat. Diese Inschrift ist vielfach als Zeichen einer liberalen und toleranten persischen Religionspolitik und als Beweis für die Historizität des Kyrosediktes interpretiert worden.

4. Zur Historizität

Traditionell wird das Kyrosedikt für historisch gehalten und als Zeichen für die positive persische Gesinnung gegenüber der Provinz Jehud und Jerusalem interpretiert. Die neuere Forschung hat jedoch das Bild der liberalen persischen Religionspolitik dekonstruiert. (1) Der persische Imperialismus unterschied sich nicht wesentlich von der Politik der Assyrer und der Babylonier. Auch die Perser versuchten, den Tribut aus den eroberten Gebieten zu optimieren. (2) Der Kyroszylinder wird inzwischen als Propagandatext der Marduk-Priester in Babylon interpretiert: Der Text spricht nur über lokale Ereignisse und sollte in Bezug auf die persische Religionspolitik nicht verallgemeinert werden.

Daneben hat sich das Verständnis des Buches Esra geändert: Esr 1-6 sollte nicht als historischer Bericht aufgefasst werden, sondern enthält vor allem Propaganda zur Unterstützung der Positionen und Maßnahmen einer fundamentalistischen Gruppe um 400 v. Chr. (→ Esra- und Nehemiabuch).

5. Zur Theologie

Das Kyrosedikt ist ein Ausdruck der nachexilischen Theologie, in der das Handeln Gottes als weltumspannend aufgefasst wird. Diese Vorstellung über das Handeln Gottes leitet zur Vorstellung der göttlichen Lenkung der Geschichte mittels nicht-israelitischer Mächte und zugunsten von Gottes Volk.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Anchor Bible Dictionary, New York 1992 (Cyrus)
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007 (Israel und Persien)
  • Encyclopedia of the Bible and Its Reception, Berlin / New York 2009ff (Cyrus)

2. Weitere Literatur

  • Berger, P.-R., Der Kyros-Zylinder mit dem Zusatzfragment BIN II Nr. 32 und die akkadischen Personennamen im Danielbuch, Zeitschrift für Assyriologie 64 (1975), 192-234
  • Bickerman, E.J., The Edict of Cyrus in Ezra 1, Journal of Biblical Literature 65 (1946), 249-275
  • Finkel, I. (Hg.), The Cyrus Cylinder: The King of Persia’s Proclamation from Ancient Babylon, London 2013
  • Fitzpatrick-McKinley, A., Empire, Power, and Indigenous Elites: A Case Study of the Nehemiah Memoir (JSJ Sup, 169), Leiden 2015
  • Frevel, C., Geschichte Israels, Stuttgart 2016, 301-303
  • Grabbe, L.L., The „Persian Documents“ in the Book of Ezra: Are They Authentic?, in: O. Lipschits / M. Oeming (Hgg.), Judah and the Judaeans in the Persian Period, Winona Lake 2006, 531-570
  • Grätz, S., Chronologie im Esrabuch, in: J. Kotjatko-Reeb / B. Ziemer / S. Schorch (Hgg.), Nichts Neues unter der Sonne? Zeitvorstellungen im Alten Testament (FS E.-J. Waschke; BZAW 450), Berlin / New York 2014, 213-227
  • Grätz, S., Kyroszylinder, Kyrosedikt und Kyrosorakel. Der König als Medium göttlicher Geschichtsmächtigkeit, in: M. Meyer-Blanck (Hg.), Geschichte und Gott (VWGTh 44), Leipzig 2016, 339-353
  • Kuhrt, A., The Cyrus Cylinder and Achaemenid Imperial Policy, Journal for the Study of the Old Testament 25 (1983), 83-97
  • Willi, Th., Esra: Der Lehrer Israels (Biblische Gestalten 26), Leipzig 2012
  • Williamson, H.G.M., The Composition of Ezra i-vi, The Journal of Theological Studies 34 (1983), 1-30
  • Zarghamee, R., Discovering Cyrus: The Persian Conqueror Astride the Ancient World (Iran’s Age of Empire 1), Washington 2013

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der in akkadischer Keilschrift geschriebene Kyroszylinder wurde 1879 in Babylon gefunden. Aus: Wikimedia Commons; © Mike Peel, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-sa 4.0; Zugriff 14.10.2016
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