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Lexikon

Kuschitenzeit

Angelika Lohwasser

(erstellt: April 2008)

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1. Einleitung

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte: Ägypten und Kusch.

Mit „Kuschitenzeit“ wird in der Ägyptologie traditionell die Zeit der 25. Dynastie bezeichnet, in der Könige aus dem südlich von Ägypten gelegenen Mittleren Niltal (heute Sudan) Ägypten beherrschten. → „Kusch“ ist die altägyptische Bezeichnung eines Gebiets südlich des 2. Nilkataraktes, die spätestens ab dem Neuen Reich als Oberbegriff für ganz Obernubien verwendet wird. Bisher ist uns keine Eigenbezeichnung der Bewohner des Mittleren Niltals überliefert, darum werden die Begriffe Kusch bzw. Kuschiten beibehalten. Da das Gebiet von Kusch bei den Griechen Äthiopien heißt, werden die kuschitischen Könige im Anschluss an Herodot (Historien II, 100,1 Text gr. und lat. Autoren) auch als „äthiopische“ Dynastie bezeichnet.

Nach → Manetho zählen die Könige Schabaqo, Schebitqo und Taharqo zur 25. Dynastie, die Eroberung Ägyptens ist jedoch bereits vor Schabaqo anzusetzen und auch Tanwetamani, der Nachfolger Taharqos, beherrschte das Land zumindest ein Jahr, so dass Kuschitenzeit hier weiter gefasst wird.

2. Historischer Abriss

2.1. Kaschta

Kaschta (765-753 v. Chr.; Regierungsdaten nach Zibelius-Chen 2006, 496) ist als erster kuschitischer Herrscher in Ägypten belegt. Sowohl in → Elephantine als auch in der Thebais findet man seinen Namen (Priese). Wahrscheinlich ist Kaschta der erste kuschitische König, der seine Tochter (Amenirdis I.) als Gottesgemahlin des Amun von der amtierenden Gottesgemahlin Schepenupet I. adoptieren lässt und somit eine prokuschitische Basis in der Thebais schafft.

2.2. Pije

© Angelika Lohwasser

Abb. 2 Der Ǧebel Barkal.

Von → Pije (753-722) sind zwei außergewöhnliche Denkmäler erhalten: Eine Stele aus dem 3. Regierungsjahr, die seine Krönung erwähnt, und die Siegesstele aus dem 21. Jahr, die vom siegreichen Kampf mit den Ägyptern handelt. Beide Stelen wurden am Ǧebel Barkal gefunden.

In der Krönungsstele – so benannt nach der Darstellung im Giebelfeld, in der der Gott → Amun Pije zwei Kronen überreicht – ist eine lange Rede des Königs im Giebelfeld verzeichnet. Pije duldet andere Fürsten in Unterägypten, jedoch ist er selbst König Ägyptens und aller Länder. Der Stelentext selbst ist kaum erhalten, nur die Datierung in das dritte Regierungsjahr und Anspielungen auf Kampfhandlungen in Ägypten sind zu ersehen.

Die Siegesstele erzählt in der Form der ägyptischen Königsnovelle die Ereignisse des Feldzuges nach Ägypten, der mit der Eroberung des Deltas endete. Pije zieht in den Norden, nachdem ihm berichtet wird, dass sich Tefnachte, der Fürst des westlichen Deltas, rüstet, um Mittelägypten einzunehmen. Nach dem vergeblichen Versuch des kuschitischen Heeres, Tefnachte zu schlagen, zieht der König selbst nach Ägypten – und bereits nach wenigen Tagen Belagerung von Hermopolis unterwirft sich der Fürst Nimlot, nach weiteren Siegen auch Tefnachte.

Nach der communis opinio zieht sich Pije nach dem Feldzug wieder in den Süden zurück. Es scheint so, als ob es nicht seine Intention war, Ägypten wieder zu vereinen, sondern nur Oberägypten – mit einer Pufferzone (Herakleopolis, Hermopolis) – zu seinem Machtbereich zu zählen. Bald nach Pijes Abzug nimmt der Fürst des Westdeltas, Tefnachte, den Königstitel an. Er und sein Sohn Bochoris werden als 24. Dynastie gezählt.

2.3. Schabaqo

Schabaqo (722-707; andere Schreibungen: Schabaka, Schabaqa) ist der König, der zunächst durch die Eliminierung der 24. Dynastie das Land vereint und seinen Regierungssitz in Theben installiert. – Die absolute Chronologie ist durch die Reinterpretation der Tang-i Var Inschrift (Iran) weiter umstritten, ebenso wird die Möglichkeit einer Koregenz zwischen Schabaqo und Schebitqo in Betracht gezogen (dazu knapp Zibelius-Chen 2006, 2901f.).

Er beginnt mit Restaurierungsarbeiten in der Thebais, die erst von Taharqo abgeschlossen werden. Schabaqo ist in Ägypten häufig belegt, in Nubien jedoch kaum. Das zeigt, dass der Schwerpunkt seiner Regierungspolitik auf Ägypten lag.

2.4. Schebitqo

Ab → Schebitqo (707-690; andere Schreibungen: Schebitko, Schabataka) werden die Kuschiten immer wieder in Kämpfe mit den Assyrern verwickelt. Der Philisterfürst Jamani von → Aschdod rebellierte gegen die assyrische Herrschaft und flüchtete „an die Grenze zwischen Ägypten und Kusch“. Schebitqo ließ den Flüchtigen ergreifen und an → Sargon II. ausliefern.

Nach dem Tod Sargons II. versuchten mehrere Stadtstaaten in Syrien und Palästina, die assyrische Herrschaft abzuschütteln. Es wird vermutet, dass sie sich an Ägypten um Hilfe gewandt haben. So kam es zwischen Assyrien und dem kuschitischen Ägypten 701 v. Chr. zu der Schlacht bei → Elteke (Palästina), aus der keine der beiden Großmächte als Sieger hervorging (Onasch).

Auch Schebitqo konzentriert seine Aktivitäten auf Ägypten. Er verlegt den Regierungssitz nach Memphis, was ein weiterer Hinweis auf den Norden als Angelpunkt des Geschehens ist und wahrscheinlich auch mit der Bedrohung durch die Assyrer zu tun hat.

2.5. Taharqo

© Angelika Lohwasser

Abb. 3 Der Mut-Tempel am Ǧebel Barkal (B 300): Hathorsäulen.

Schebitqos Nachfolger → Taharqo (690-664; andere Schreibungen: Taharka, Taharqa) kann, obwohl seine Regierungszeit von immer wieder aufflackernden Kämpfen mit den Assyrern gekennzeichnet ist, ein immenses Bauprogramm verwirklichen. Sowohl in Ägypten als auch in Kusch entstehen neue Tempel, als Beispiel mögen die Amuntempel von Kawa und Sanam sowie der Mut-Tempel am Ǧebel Barkal in Nubien, ein Tempel im Mut-Bezirk von Karnak, Kolonnaden in allen vier Himmelsrichtungen in Karnak und das Edifice am Heiligen See in Karnak in Ägypten genügen.

© Angelika Lohwasser

Abb. 4 König Taharqo im Inneren des Mut-Tempels.

Taharqo ist sicher der ägyptischste der kuschitischen Pharaonen, doch auch er lässt sich in seiner Heimat bestatten. Er gibt den alten Königsfriedhof von El Kurru auf und legt mit seiner Pyramide einen neuen Friedhof in Nuri an, der von den nachfolgenden Königen – mit Ausnahme des Tanwetamani und eines Königs in spätnapatanischer Zeit, die sich wieder in El Kurru bestatten lassen – bis zum Ende der napatanischen Periode als Begräbnisplatz genutzt wird.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)

Abb. 5 Taharqo-Säule in Karnak (Teil der westlichen Kolonnade).

Von Taharqo ist eine Vielzahl von Stelen bekannt, die zu verschiedenen Anlässen in seiner Regierung errichtet wurden. Die Stele Kawa V mit den Paralleltexten aus Matana, Koptos und Tanis (Macadam, 22-32) gilt als historischer Text mit dem Bericht über die außergewöhnliche Nilüberschwemmung im Jahr 6 seiner Regierung, vier Wunder sowie über den Zug Taharqos nach Ägypten und den Besuch seiner Mutter nach der Krönung. Berühmt ist auch die Laufstele aus Dahschur, die davon erzählt, dass Taharqo mit seinen Truppen trainiert hat. Des weiteren sind noch viele Inschriften unterschiedlichsten Inhalts erhalten, von Nilstandsmarken über Apisbegräbnisse und Schenkungen (zusammengestellt in Dallibor).

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 6 Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält an zwei Bändern die besiegten Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus (Stele aus Sendschirli).

671 kann der assyrische König → Asarhaddon in Unterägypten eindringen und Memphis einnehmen. Dabei nimmt er den Harem des Taharqo sowie dessen Sohn gefangen. Asarhaddon setzt örtliche Kleinkönige als Vasallen ein und zieht sich wieder in seine Heimat zurück. Taharqo, der in die Thebais geflohen war, marschiert daraufhin wieder Richtung Memphis. Der Nachfolger Asarhaddons, → Assurbanipal, erreicht 667 / 666 v. Chr. Ägypten, erobert Memphis zurück und folgt Taharqo nach Theben, wohin dieser geflüchtet war. Der kuschitische König zieht sich daraufhin wohl in seine Heimat zurück, wo er 664 stirbt.

Taharqo erscheint im Alten Testament als Tirhaka. In 2Kön 19,9 und Jes 37,9 ist er im Zusammenhang mit der Schlacht bei Elteke (Palästina) zwar als König bezeichnet, zu dieser Zeit war jedoch noch Schebitqo König und Taharqo selbst Heerführer. Da die fraglichen Stellen im Alten Testament erst zwei Jahrzehnte nach diesen Ereignissen in der Regierungszeit des Taharqo geschrieben wurden, projizierte der Autor die ihm bekannte zeitgenössische Herrschaftssituation auf die damaligen Geschehnisse.

2.6. Tanwetamani

© Angelika Lohwasser

Abb. 7 El Kurru, Ku. 16: Grab des Tanwetamani mit erhaltenen Malereien.

Taharqos Nachfolger Tanwetamani (664-656; andere Schreibweise: Tanutamani) zieht einem „Traum“ folgend nach Ägypten (Breyer). Er erobert Memphis zurück und belagerte die Festungen im Delta, deren Fürsten sich nach langem Harren dem König unterwerfen. Tanwetamani kann sich jedoch nicht lange als König im Norden behaupten. Die Assyrer unter Assurbanipal ziehen gegen Memphis und schlagen Tanwetamani in die Flucht. Die Assyrer verfolgen ihn und plündern Theben. Sie setzen in Unterägypten Vasallenkönige, die → Saiten (26. Dynastie) ein, die spätestens 656 mit der Einsetzung von Nitokris I. als Gottesgemahlin auch in Theben als Könige anerkannt werden. Von direkten Auseinandersetzungen zwischen → Psammetich I. und Tanwetamani wissen wir nichts, jedoch sind Machtkämpfe um die Herrschaft zumindest in Oberägypten nicht unwahrscheinlich.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992 (Art. Pi[anchi], Schabaka, Schabataka und Taharka)

2. Weitere Literatur

  • Bonnet, C. / Valbelle, D., 2006, Pharaonen aus dem schwarzen Afrika, Mainz
  • Breyer, F., 2003, Tanutamani. Die Traumstele und ihr Umfeld (ÄAT 17), Wiesbaden
  • Dallibor, K., 2005, Taharqo – Pharao aus Kusch. Ein Beitrag zur Geschichte und Kultur der 25. Dynastie (Achet Schriften zur Ägyptologie A 6), Berlin
  • Dunham, D., 1950, El Kurru. The Royal Cemeteries of Kush I, Published for The Museum of Fine Arts, Cambridge Mass.
  • Dunham, D., 1955, Nuri. The Royal Cemeteries of Kush II, Boston
  • Eide, T. / Hägg, T. / Pierce, R.H. / Török, L. (Hgg.), 1994, Fontes Historiae Nubiorum. Textual Sources for the History of the Middle Nile Region between the Eighth Cent. BC and the Sixth Cent. AD., Vol. I, Bergen
  • Kitchen, K.A., 1986, The Third Intermediate Period in Egypt (1100-650 BC), Warminster
  • Leclant, J., 1965, Recherches sur les monuments thébains de la XXVe dynastie, dite ethiopienne (BdE 36), Kairo
  • Lohwasser, A., 2001, Die königlichen Frauen im antiken Reich von Kusch. 25. Dynastie bis zur Zeit des Nastasen (Meroitica 19), Wiesbaden
  • Macadam, M.F.L., 1949, The Temples of Kawa I. The Inscriptions, London
  • Morkot, R., 2000, Black Pharaohs. Egypt’s Nubian Rulers, London
  • Onasch, H.-U., 1994, Die Assyrischen Eroberungen Ägyptens (ÄAT 27), Wiesbaden
  • Priese, K.-H., 1970, Der Beginn der kuschitischen Herrschaft in Ägypten, ZÄS 98, 16-32
  • Wolf, P., 1990, Die archäologischen Quellen der Taharqozeit im nubischen Niltal (Diss.), Berlin
  • Zibelius-Chen, K., 1999, Zu Entstehung und Ende eines Großreiches: Die 25. Dynastie in Ägypten, in: S. Wenig (Hg.), Studien zum antiken Sudan (Meroitica 15), Wiesbaden, 700-718
  • Zibelius-Chen, K., 2006, The Chronology of Nubian Kingdoms from Dyn. 25 to the End of the Kingdom of Meroe, in: Hornung, E. / Krauss, R. / Warburton, D.A. (Hgg.), Ancient Egyptian Chronology (HdO I.38), Leiden, 284-303, 496

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte: Ägypten und Kusch. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Der Ǧebel Barkal. © Angelika Lohwasser
  • Abb. 3 Der Mut-Tempel am Ǧebel Barkal (B 300): Hathorsäulen. © Angelika Lohwasser
  • Abb. 4 König Taharqo im Inneren des Mut-Tempels. © Angelika Lohwasser
  • Abb. 5 Taharqo-Säule in Karnak (Teil der westlichen Kolonnade). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2005)
  • Abb. 6 Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält an zwei Bändern die besiegten Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus (Stele aus Sendschirli). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 7 El Kurru, Ku. 16: Grab des Tanwetamani mit erhaltenen Malereien. © Angelika Lohwasser
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