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Lexikon

Kulthöhe

Matthias Gleis

(erstellt: Dez. 2008)

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1. Die Wortbedeutung

Dem hebräischen Wort bāmāh (pl. bāmôt) liegt die semitische Wurzel bmt zugrunde, die geographisch etwas Hügeliges oder Erhöhtes bezeichnet sowie im Blick auf Körper den Brust- oder Rückenbereich von Tieren oder Menschen. Die Übersetzung mit „Kulthöhe“ geht davon aus, dass die kultische Verwendung des Begriffs erhöhte Kultplätze meint. Dies entspricht in etwa der Charakterisierung der bāmôt im sogenannten → Deuteronomistischen Geschichtswerk (s.u.).

Auffällig ist, dass der Begriff bāmāh außer im Alten Testament und auf der moabitischen → Meschastele nicht zur Bezeichnung einer Kultstätte verwendet wird. In der Bibel findet er sich jedoch in dieser Verwendung relativ häufig (ca. 80 Belege). Die genauere Betrachtung zeigt, dass bei der Übertragung des ursprünglich geographischen Begriffs auf bestimmte Kultstätten eine Bedeutungsverschiebung stattgefunden hat, die in der Übersetzung „Kulthöhe“ nicht angemessen zum Ausdruck kommt.

2. Die Belege

2.1. Außerbiblische Belege

Außerhalb der Bibel ist von einem bāmāh-Heiligtum nur im Text der moabitischen → Meschastele die Rede. Der moabitische König → Mescha errichtet für Kemosch, den höchsten Gott der Moabiter, eine bāmāh in einem Bereich seiner Hauptstadt → Dibon. Damit dürfte ein königlicher Tempel gemeint sein.

2.2. Biblische Belege

2.2.1. Vordeuteronomistische Belege

Die vordeuteronomistischen Belegen bieten durchweg neutrale Darstellungen der bāmôt. Die Heiligtümer sind Bestandteil des normalen örtlichen Lebens (1Sam 9,1-10,16; Hos 10,8 [Grundschicht]). Für die Zeit vor Errichtung des Tempels in Jerusalem knüpft auch das → Deuteronomistische Geschichtswerk an diese Sicht an (1Kön 3,4). So fungiert die bāmāh von → Gibeon sogar als königliches Staatsheiligtum.

2.2.2. Deuteronomistische Belege

Nach deuteronomistischer Darstellung verstoßen die bāmôt gegen die Bestimmungen der Kultzentralisation (vgl. Dtn 12,2f; → Josia; → Deuteronomistisches Geschichtswerk). Sie werden zwar als Angelegenheit des Volkes betrachtet, doch liegt es in der Verantwortung der Könige, das Volk dazu zu bewegen, die bāmôt zugunsten der Verehrung Jahwes im Tempel von Jerusalem aufzugeben. Das Verhalten der Könige gegenüber den Kulthöhen gilt als Maßstab für die Bewertung ihrer Amtsführung. Sprachlich findet sich dieses Kriterium in der Formel „auf jedem hohen Hügel und unter jedem grünen Baum“ (1Kön 14,23f; 2Kön 16,3f, 2Kön 17,9-11).

Anhand des Verhaltens der Könige wird ein differenziertes Bewertungsmuster (hier dargestellt von schlecht nach gut) etabliert: 1. Ein König, der bāmôt errichtet (Jerobeam, Manasse); 2. ein König, der in den bāmôt opfert (Ahas); 3. ein König, der bāmôt duldet (Josaphat); 4. ein König, der die bāmôt-Verehrung einschränkt (Asa); 5. ein König, der die bāmôt beseitigt (Hiskia, Josia).

Schlechte Könige wie der israelitische → Jerobeam und der judäische → Manasse errichteten Kulthöhen und ermöglichten dem Volk damit, einen eigenen, von Jahwe verbotenen Kult fortzuführen. Sie werden deswegen für den Untergang der Königreiche Israel und Juda verantwortlich gemacht. Gute Könige wie die Judäer → Hiskia und → Josia beseitigten die bāmôt und gelten deswegen als Lichtgestalten unter den Herrschern Judas.

2.2.3. Nachdeuteronomistische Belege

Im Schrifttum der → Ezechiel-Tradition wird das Bild des Deuteronomistischen Geschichtswerks verschärft. Die Kulthöhen gelten jetzt als Stätten von Fremdkulten (Ez 20,29). Die → Chronik entwickelt ein eigenes bāmāh-Konzept zur Bewertung der Könige Judas und Israels (2Chr 11,13-17; 2Chr 20,33). Demnach sind alle Heiligtümer außerhalb des Jerusalemer Tempels Kulthöhen. Die Könige sind verantwortlich für deren Beseitigung. Anders als im deuteronomistische Geschichtswerk gilt das Volk hier im Vergleich zu den Königen eher als Jahwe-treu.

3. Die ältere Forschung

Über das Aussehen der Kulthöhen gab es lange einen relativ großen Konsens. Die Kulthöhen (bāmôt) wurden als offene ländliche, eher rustikale Heiligtümer gesehen, deren besonderes Kennzeichen eine natürliche oder künstliche Plattform war. Sie galten als Orte des Volkskultes (Alltagskultes). Die Menschen auf dem Land und in den Städten nutzten die erhöhten Plattformen nach ihren kultischen Bedürfnissen. Im Gegensatz zu einem ausgefeilten Tempelkult stellte man sich den Höhenkult recht einfach vor. Diese Sicht entspricht weitgehend dem Bild, das die deuteronomistische und die chronistische Literatur zeichnet.

In Bezug auf die an den bāmôt verehrten Götter wurden verschiedene Modelle vorgeschlagen: Man charakterisierte die bāmôt als Jahwe-Kultstätten (Welten, 194), als Heiligtümer eines synkretistischen Kultes (Whitney, 146f.) oder gar als Jahwe-feindliche Kultstätten. In diesem Punkt ist auch die biblische Darstellung uneinheitlich (s.o.).

4. Archäologische Funde

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 1 Kultinstallation in Meggido (ca. 2500-1800 v. Chr.).

Die Sicht von Kulthöhen (bāmôt) als künstlichen oder natürlichen Erhöhungen wurde in der Archäologie breit aufgegriffen. Man bezeichnet Podien, Kultbühnen und erhöhte Installationen, wie sie häufig in Zusammenhang mit Götterfiguren, Stelen, Altären oder identifizierbaren Tempelgebäuden gefunden wurden, als bāmāh „Kulthöhe“.

 © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)

Abb. 2 Kultstelen in Geser (ca. 1600 v. Chr.).

Dies gilt z.B. für eine große elliptische Plattform aus Feldsteinen in → Megiddo (ca. 2500-1800 v. Chr.), ein große runde Plattform aus Feldsteinen in Naharija (17.-16. Jh. v. Chr.), eine Reihe aufgerichteter monolithischer Stelen in → Geser (ca. 1600 v. Chr.), eine erhöhte Plattform mit Altar in → Hazor (Spätbronze bis Eisenzeit) und eine erhöhte Plattform auf der Akropolis in → Dan (10.-8. Jh.).

In der Forschung gibt es hinsichtlich der Interpretation archäologischer Funde als Kulthöhen (bāmôt) keinen Konsens, d.h. dass aus archäologischer Sicht bisher keine Kulthöhe eindeutig identifiziert werden konnte (→ Bull Site).

5. Die neuere Forschung

Die neuere Forschung fragt zunächst nach der Funktion der Kulthöhen und stellt das Problem ihres Aussehens in den Hintergrund. Sie zeigt, dass die Kulthöhen (bāmôt) als Heiligtümer in Verbindung mit Orten bzw. Städten anzusprechen sind (Ahlström, Barrick, Gleis).

5.1. Zeitliche Einordnung

Die meisten biblischen Belege für die bāmôt beziehen sich auf die Vorkönigszeit und die Königszeit. Die Zerstörung der städtischen Infrastruktur durch die Neubabylonier im 6. Jh. leitet auch das Ende der Kulthöhen (bāmôt) ein. Im Zuge der religiösen Erneuerung Israels nach dem Exil verliert sich ihre Spur.

Fragt man nach dem Alter der alttestamentlichen Belege, dann spannt sich der Bogen von der vorköniglichen Zeit bis in die spätnachexilische Zeit der Chronik-Bücher. Dabei ist zu beobachten, dass die frühen Belege eine sehr konkrete Vorstellung der Kulthöhen (bāmôt) haben (s.u. zu 1Sam 9), während in der nachexilischen Literatur die bāmôt nur noch als Symbol der Abkehr von Jahwe gelten und die Autoren über keinerlei Kenntnisse dieser Heiligtümer verfügen (vgl. 2Chr 33,19; 2Chr 34,3). Möglicherweise hatten die chronistischen Autoren hier zeitgenössische Heiligtümer vor Augen, die sie mit einem traditionellen Begriff und der darin enthaltenen Wertung belegten.

5.2. Tempelgebäude

Hinsichtlich ihres Erscheinungsbildes belegen viele Beispiele in der Bibel, dass die Kulthöhen (bāmôt) mit einem Tempel vergleichbar sind.

Hier lassen sich die Erzählung 1Sam 9,1-10,16 sowie 1Kön 3,4 anführen. In 1Sam 9,1-10,16 wird der junge Saul in einer unbekannten Stadt im Lande Zuf während eines Schlachtopfers (zvch) zum neuen König Israels designiert und später von Samuel geweiht. Das mit dem Schlachtopfer verbundene Mahl findet in einem Nebengebäude (lischkah) der Kulthöhe (bāmāh) statt. In 1Kön 3,4 geht es um den Inkubationstraum Salomos, der Salomo durch Jahwe geschenkte Weisheit verleiht. Es ist wohl kaum denkbar, dass der junge König im Freien übernachtet.

© Wolfgang Zwickel

Abb. 3 Kultnische des Heiligtums in Arad mit zwei Mazzeben (Eisenzeit II).

Neben den Gebäuden, lässt auch das → Kultpersonal (Priester, Propheten; vgl. 1Sam 9-10; 1Kön 12,32; 2Kön 23) sowie die Art und Weise der → Opfer (Brand- und Rauchopfer, vgl. 1Kön 3,3; 1Kön 22,44; Ez 16,16-21) darauf schließen, dass es sich bei den bāmôt um Heiligtümer zumindest mit einem temporären wenn nicht sogar einem dauerhaften Kultbetrieb handelt. Als Ausstattungsgegenstände werden → Ascheren (kultische Holzobjekte; deren genaue Gestalt bislang unbekannt ist) und → Masseben (unbehauene aufgerichtete Steine) (vgl. 1Kön 14,23; 2Kön 17,9-11) sowie → Altäre genannt (vgl. Hos 10,8, 2Kön 23,20). Eine solche Ausstattung hat sich auch im Jahwe-Tempel von Arad gefunden.

Für das Nordreich Israel werden die von Jerobeam errichteten Kulthöhen sogar explizit als bêt bāmôt „Kulthöhen-Haus“ bzw. „Kulthöhen-Tempel“ bezeichnet. Es muss offen bleiben, ob es sich hier nur um einen polemischen Sprachgebrauch des → Deuteronomistischen Geschichtswerks handelt oder ob in der Tradition des Nordreiches Israel die bāmôt tatsächlich eine andere Funktion oder Architektur aufwiesen als die des Südreiches Juda.

5.3. Tempel mit lokaler Funktion

Die bāmôt sind eng mit den Städten des Landes verbunden (1Sam 9,1-10,16; 2Kön 17,9; Ez 6,1-7). Wie vielfach belegt, sind sie Angelegenheit der ortsansässigen Bevölkerung (1Kön 14; 2Kön 17; Jer 7,31; Jer 19,5; Jer 32,35; Ez 16,16; Ez 20,28; Hos 10,8). Sie errichtet die bāmôt, betreibt ihren Kult und verehrt in ihnen die jeweiligen lokalen Götter (u.a. → Jahwe, → Baal, → Aschera, vgl. 1Kön 14,23; 2Kön 18,22; 2Kön 23,5).

Die Religion des königzeitlichen Israel und Juda lässt sich auf drei Ebenen beschreiben. Auf oberster Ebene steht der Staatskult mit den Staatsheiligtümern in → Jerusalem bzw. in → Bethel und → Dan. Für diesen Kult ist der König verantwortlich. Hier sorgt er in Verantwortung gegenüber den Staatsgöttern für die gemäße kultische Verehrung und sichert so das Wohl seines Landes. Auf der untersten Ebene steht der Kult der Familie, die ihre persönlichen Götter und Ahnen verehrt. Zwischen diesen beiden Ebenen befindet sich die Religion der Ortsgemeinschaft mit den Gottheiten des Ortes. Für die Bewohner Israels und Judas sind die lokalen Ortschaften der Bezugspunkt ihres gesellschaftlichen und ggf. politischen Lebens. Der König und die Hauptstädte spielen für die lokale Bevölkerung keine große Rolle. Die Heiligtümer bzw. Tempel dieses Ortes sind die Kulthöhen (bāmôt.)

Königlicher Einfluss oder königliches Interesse ist zumindest bis in die Zeit → Hiskias kaum oder gar nicht ausgeprägt festzustellen. Hiskias Interesse galt hauptsächlich dem Staatskult im Tempel. Eine Auswirkung seiner kultischen Maßnahmen auf die bāmôt ist unwahrscheinlich und eher der deuteronomistischen Bewertung geschuldet (s.u.). Erst mit dem Versuch einer Kultreform durch → Josia werden auch die bāmôt zugunsten der Zentralisation des Kultes auf den Tempel in Jerusalem beseitigt. Das Deuteronomistische Geschichtswerk beschreibt Josias Maßnahmen so, als seien die bāmôt vollständig abgeschafft worden. Die exilischen und nachexilischen Belege lassen jedoch vermuten, dass dies nicht der Fall war. Erst in nachexilischer Zeit enden die schriftlichen Zeugnisse für die bāmôt.

5.4. Sonderfälle: Palastkapelle und Torheiligtum

Neben den Lokalheiligtümern kennt die Bibel zwei Sonderfälle von bāmôt. Dies sind zum einen bāmôt, die König → Salomo für die ausländischen Frauen seines Harems errichtete (1Kön 11,7). Hier handelt es sich um Privatkapellen im königlichen Palast. Zum anderen sind dies die in 2Kön 23,8b im Rahmen der Kultreform Josias erwähnten „Tor-bāmôt“, die wohl als königliche Heiligtümer in einem Stadttor Jerusalems zu verstehen sind.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Interpreter’s Dictionary of the Bible, Nashville / New York 1962 (Supp. 1976) (Art. High Place; Art. Sanctuary)
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff

2. Weitere Literatur

  • Ahlström, G.W., 1982, Royal Administration and National Religion in Ancient Palestine, Leiden
  • Barrick, W.B., 1980, What Do We Really Know About „High-Places”?, SEÅ, 50-57
  • Gleis, M., 1997, Die Bamah (BZAW 251), Berlin / New York
  • Catron, J.E., 1995, Temple and bāmāh: Some Considerations, in: S.W. Holloway / L.K. Handy (Hgg.), The Pitcher is Broken (Memorial Essays for G.W. Ahlström; JSOT.S 190), Sheffield, 150-165
  • Fowler, M.D., 1982, The Israelite bāmâ: A Question of Interpretation, ZAW 94, 203-213
  • Welten, P., 1972, Kulthöhe und Jahwetempel, ZDPV 88, 19-37
  • Whitney, J.T., 1979, „Bamoth” in the Old Testament, TB 30, 125-147

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Kultinstallation in Meggido (ca. 2500-1800 v. Chr.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 2 Kultstelen in Geser (ca. 1600 v. Chr.). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)
  • Abb. 3 Kultnische des Heiligtums in Arad mit zwei Mazzeben (Eisenzeit II). © Wolfgang Zwickel
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