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Lexikon

Kopf (AT)

Andreas Wagner

(erstellt: Juni 2007)

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1. Körperteil des Menschen

Der Kopf (ro’š) gehört zu den wichtigsten im Alten Testament genannten Körperteilen. Er wird im Hebräischen (wie im Deutschen) vom Gesicht / Angesicht (pānîm) unterschieden. Während Letzteres die Vorderseite des Kopfes mit Augen, Nase, Mund usw. bildet, bezeichnet „Kopf“ das gesamte Haupt. Die körperlichen Gegebenheiten können die Grundlage übertragener Bedeutungen bilden: „der Weise hat (wörtlich: seine) Augen im Kopf“ (Pred 2,14). Der Kopf ist beim aufrecht gehenden Menschen der höchste Körperteil. Dementsprechend bedeutetet das hebräische Wort ro’š nicht nur „Kopf“, sondern auch „Oberster / Oberste / Oberstes“ und „Erster / Erste / Erstes“ (s.u. 2.)

Der Kopf kann für den ganzen Menschen stehen (pars pro toto), etwa wenn „Köpfe“ (= Menschen) gezählt (1Chr 24,4) oder zerschmettert (Ps 110,6) werden. Die Redeweise entspricht der besonderen Rangstellung des Kopfes; man zählt nicht nach Körpern, Hälsen, Nasen oder ähnlich, sondern nach Köpfen. Auch im Zusammenhang von Segen und Fluch oder auch Blutrache steht „Kopf“ (in Gen 49,26 parallel zu Scheitel) häufig stellvertretend für den Menschen: „Die Segnungen deines Vaters …, mögen sie kommen auf den Kopf / das Haupt Josefs, auf den Scheitel des Geweihten unter seinen Brüdern!“ (Gen 49,26). → David sagt im Blick auf das Blut des von → Joab getöteten → Abner: „es falle auf den Kopf Joabs und auf das ganze Haus seines Vaters“ (2Sam 3,29).

Mit der besonderen Stellung des Kopfes als oberstem, erstem Glied hängt wohl auch die vor allem im Krieg ausgeübte Tötungsart des Köpfens zusammen. Mit dem Abschlagen des Kopfes wird das oberste / höchste Körperteil einer Person unwiderruflich zerstört (2Sam 4,8); die Person, der Mensch wird dadurch stärker getroffen und entwertet als etwa durch Erstechen. Die Angst verbreitende Wirkung dieser Tötungsart ist deswegen besonders groß.

Der Kopf ist in der alttestamentlichen (altorientalischen) Welt nicht mit dem Denken, mit intellektuell-rationalen Fähigkeiten verbunden. Sitz der Denkfähigkeit ist vielmehr das → Herz. So ist Vorsicht geboten bei der Frage, ob der Kopf auch „Zentrum der Person“ ist.

„Kopf“ drückt implizit zuweilen auch die Begrenztheiten menschlichen Seins aus. Was über den Kopf des Menschen hinausgeht, kann in mehrfacher Hinsicht größer sein als der Mensch. Bei der Erzählung von der Entrückung des → Elia sagen die Schüler zu → Elisa, dem Vertrauten und Nachfolger Elias: „Weißt du, dass heute Jahwe deinen Herrn (= Elia) über deinen Kopf / dein Haupt hinwegnehmen wird?“ (2Kön 2,3).

2. „Kopf“ in der Bedeutung „Spitzenstellung und Höchstwert“

„Kopf“ wird metaphorisch mit dem Sinn „Spitzenstellung und Höchstwert“ (Irsigler) in verschiedenen Zusammenhängen verwendet. Der Begriff bezeichnet dann z.B. den Führer einer sozialen Gruppe („Köpfe / Häupter eurer Stämme“ Dtn 1,15; „Köpfe / Häupter über das Volk“ Ex 18,25), einer militärischen Truppe („Kopf / Haupt der Drei“ 2Sam 23,8.18), einen höheren Funktionsträger („der erste / oberste Priester“ 2Kön 25,18) oder den König (Jes 7,8-9; Hos 2,2). Die metaphorische Bedeutung ist nicht auf den sozial-menschlichen Bereich beschränkt, sondern kann sich auch auf „Sachen“ beziehen, z.B. den Kopf / Gipfel eines Berges (Ex 19,20), den Kopf / Anfang des Jahres (Ez 40,1) oder eine Summe (Ps 139,17).

3. Gestisch-funktionale Bedeutungen

Mit den konkreten und metaphorischen Bedeutungen eng verwoben sind Gesten, die im Alten Testament sprachlich und außerhalb bildlich belegt sind:

Die Wendungen „das Haupt erheben“ (rwm Hif.; nś’ Qal) und „das Haupt erhebt sich“ (rwm Qal) weisen auf Überlegenheit. Gott hebt das Haupt des Königs empor (Ps 110,7). Im Schutz des Tempels sagt der Psalmenbeter über seine Feinde: „Und nun erhebt sich mein Haupt über meine Feinde, die um mich her sind“ (Ps 27,6); aber auch von den Feinden und Hassern wird gesagt, dass sie das Haupt erheben (Ps 83,4). Das „erhobene Haupt“ kann somit auch den „Hochmut“ bezeichnen.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Gebetshaltungen (Kalkstein; Neues Reich).

Die Gegenbewegung zum „Haupt erheben“ ist das „Senken des Kopfes“. Diese Geste dient, sofern sie von einem Menschen selbst ausgeht, dem Ausdruck der Demütigung und Selbstminderung. Das Senken des Kopfes vor Ranghöheren bringt im gesellschaftlich-sozialen Kontext, etwa am Hof, Hierarchien zum Ausdruck (→ Proskynese). Diese Geste kann aber auch zu anderen Zwecken Anwendung finden. Im Zusammenhang der Trauer um die Verwüstung Judas und Jerusalems heißt es in Klgl 2,10: „Die Ältesten der Tochter Zion sitzen auf der Erde und sind still, sie werfen Staub auf ihre Häupter und haben den Sack angezogen. Die Jungfrauen von Jerusalem senken ihre Köpfe zur Erde.“

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 König Jehu von Israel unterwirft sich dem assyrischen König Salmanassar III. (858-823 v. Chr.; Schwarzer Obelisk aus Kalchu).

Das „gesenkte Haupt eines anderen zu erheben“, bedeutet, dessen Demütigung / Minderung zu beenden und ihn wieder zu Ehren zu bringen. Josef sagt zu dem Mundschenk: „Nach drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich wieder in dein Amt setzen“ (Gen 40,13); ähnlich sagt der Psalmist „Aber du, Jahwe, bist der Schild für mich, du bist meine Ehre und erhebst meinen Kopf / mein Haupt.“ (Ps 3,4).

● „Kopfschütteln“ hat im Alten Testament einen anderen Sinn als in der Neuzeit: Wie z.B. Ps 22,8 „Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf“ zeigt (vgl. 2Kön 19,21; Ps 109,25), ist es nicht so sehr eine Geste der Verwunderung oder Ablehnung, sondern des Hohns, der Verachtung und Ausstoßung.

● Weitere Gesten. Neben dem Senken des Kopfes als Zeichen der Trauer (s.o.) stehen ähnliche mit Trauer und Demütigung verbundene Gesten bzw. Handlungen, in deren Zentrum der Kopf steht: „sein Haupt verhüllen“ (2Sam 15,30; Jer 14,4) und „Sand, Asche o.ä. auf sein Haupt streuen“ (Ez 27,30).

4. Der Kopf Gottes

In Jes 59,17 und Ps 60,9 par. Ps 108,9 sowie im Rahmen einer → Vision in Dan 7,9 wird auch das Haupt Gottes erwähnt. Diese Stellen scheinen zwar isoliert im Alten Testament, weil sonst keine weiteren Erwähnungen des Kopfes Gottes vorkommen; sachlich ist jedoch bei den zahlreichen Erwähnungen des Gesichts, der Augen, der Ohren, des Mundes Jahwes durchaus davon auszugehen, dass die anthropomorphen Vorstellungen auch den Kopf einschließen. Die geringe Belegzahl dürfte dadurch zu erklären sein, dass etwa die gestischen Bedeutungen soziale Rangstellungen voraussetzen, von denen Gott ausgenommen ist. Ebenso klar ist, dass man Gott nicht „pro Kopf“ zählen kann, dass sein Kopf nicht abgeschlagen werden kann usw. Die „spätere Apokalyptik kennt die Schau des Hauptes Gottes seitens des in den Himmel Entrückten (1Hen 71,10; vgl. Apk 1,14)“ (Müller, 711).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979 (kephalē)
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Exegetisches Wörterbuch zum Neuen Testament, 2. Aufl., Stuttgart u.a. 1992
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Bibeltheologisches Wörterbuch, Graz 1994
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000

2. Weitere Literatur

  • Bartlett, J.R., The use of the word ראשׁ as a title in the Old Testament, VT 19 (1989), 1-10.
  • Berger, P.-R., Zu Ps 24,7 und 9, UF 2 (1970), 335f.
  • Dhorme, R.P., L’emploi métaphorique des noms de parties du corps en hébreu et en akkadien, RB 29 (1920), 483-506.
  • Friedrich, J., Semitische Kleinigkeiten, in: A. Caquot / M. Philonenco (Hgg.), Hommages a André Dupont-Sommer, Paris 1971, 195-199.
  • Gruber, M.I., Aspects of Nonverbal Communication in the Ancient Near East (Studia Pohl 12/I-II) Rom 1980.
  • Hilke, M., Kopf und Hand: eine vergleichende Lektüre von Genesis 1,26-2,3, Texte und Kontexte 26 (2003), 9-21.
  • Irsigler, H., Art. Haupt, in: NBL II, Zürich u.a. 1995, 51-52.
  • Kutsch, E., „Trauerbräuche” und „Selbstminderungsriten“ im Alten Testament, in: ders., Kleine Schriften zum Alten Testament (BZAW 168), Berlin / New York 1986, 78-95 (zuerst 1965).
  • Marcus, D., „Lifting Up the Head”: On the trail of a Word Play in Genesis 40, Prooftexts 10 (1990), 17-27.
  • Marcus, D., The Bargaining Between Jephtah and the Elders (Judges 11:4-11), JANESCU 19 (1989), 95-100.
  • Müller, H.-P., Art. Kopf, in: THAT II, 3. Aufl. München 1984, 701-715.
  • Rinaldi, G., Capo, Bibbia e Oriente 1 (1959), 14.
  • Uehlinger, C., Weltreich und „eine Rede“. Eine neue Deutung der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11,1-9), (OBO 101), Freiburg (Schweiz) / Göttingen 1990 (236-242 zu Gen 11,4).
  • Wagner, A., Das synthetische Bedeutungsspektrum hebräischer Körperteilbezeichnungen, BZ 51 (2007), 257-265.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Gebetshaltungen (Kalkstein; Neues Reich). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 König Jehu von Israel unterwirft sich dem assyrischen König Salmanassar III. (858-823 v. Chr.; Schwarzer Obelisk aus Kalchu). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
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