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Lexikon

Körper (AT)

Andreas Wagner

(erstellt: April 2013)

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1. Quellen der Körperauffassung, Methodisches

1.1. Quellen

Zugang zu Körpervorstellungen im Alten Israel haben wir in erster Linie über die Sprache bzw. die Texte des Alten Testaments. In neuerer Zeit sind auch Bild- und archäologische Quellen hinzugekommen (s. bes. die Einzelartikel zu → Körperteilen).

Bei dem sprachlichen Material geht es zum einen um „Wörter“ = „Lexeme“, mit denen bestimmte fixierbare Bedeutungsbereiche auf der Ebene der Wortsemantik / lexikalischen Semantik verhaftet sind, zum anderen um Vorstellungen, die mit dem Körper und den Körperteilen in den „Texten“ zum Ausdruck kommen. Bildliche Vorstellungen von Körperteilen können mit Sprache evoziert (Sprachbilder) oder material ausgeführt (zweidimensionale Bilder, Plastiken, → Ikonographie) werden; in beiden Medien können sich gemeinsame Darstellungsprinzipien finden, die für die Körpervorstellung wichtig sind (vgl. Wagner 2010, bes. 94-100). Explizite Reflexionen und Traktate über den Körper finden sich im Alten Testament nicht (vgl. 1.3.).

Im Zusammenhang mit Wort- und Sprachanalysen ist zu bedenken, dass das Ergebnis der wortsemantischen Analyse der Körper- und Körperteil-Wörter des Hebräischen nicht gleichzusetzen ist mit einem (reflektierten philosophischen oder theologischen) „Begriff“ vom Körper und seinen Teilen; die Analyse der Wörter des Hebräischen (und Aramäischen) schafft aber Grundlagen für einen Zugang zu den Körperauffassungen des Alten Testaments. Diese können dann in heutiger Wissenschaftssprache und -tradition, also dem Alten Testament gegenüber nachträglich, in Begriffe im Sinne explizit benennbarer gedanklicher Konzepte gefasst werden. In diese nachträglich formulierten Begriffe fließen weitere, das Alte Testament betreffende Analyseerkenntnisse ein, die aus anderen Untersuchungsbereichen (Ikonographie, Archäologie) und vor allem aus der Interpretation der Texte stammen (vgl. 1.3.).

1.2. Zur Bezeichnung von Körper und Körperteilen

Der Wortschatz der Körperteilbezeichnungen im Hebräischen zeigt uns zunächst, dass die Anzahl der im Hebräischen des Alten Testaments überlieferten Körperteilnomina keine extremen Auffälligkeiten bietet.

Die Studie von Oelsner zählt für das Hebräische des Alten Testaments ca. 250 distinkte Körper- / Körperteilbezeichnungen. Dabei ist zu bedenken, dass das Hebräische des Alten Testaments sicher nur einen Ausschnitt des gesamten Althebräischen darstellt und nicht als ein das gesamte hebräische Sprachvorkommen umfassendes Corpus zu betrachten ist. Die Größe des Körper- / Körperteilwortschatzes des Hebräischen im Verhältnis zur Gesamtzahl der überlieferten hebräischen Wörter ist aber vergleichbar mit den Verhältnissen verwandter oder vergleichbarer Sprachen: Ähnlich verhält es sich auch mit der ugaritischen Sprache, die etwa 100 Körperteilbezeichnungen aufweist (Zählung anhand DUL). Für das Babylonische / Assyrische listet eine alte Untersuchung von Holma hingegen etwas mehr als 350 Körper- / Körperteilbezeichnungen auf – wobei hier zu bedenken ist, dass auch viele medizinisch-ritualbezogene Texte überliefert sind, die ein entsprechendes Vokabular mitbringen.

Das Latein, für das auch wesentlich umfangreichere Sprachzeugnisse existieren, verfügt über ca. 800 entsprechende Lexeme. In der Sprache der Insulaner von Truk in Mikronesien, einer Sprache, die aus einer stark mündlich orientierten Kultur kommt, und so in einer gewissen typologischen Weise mit dem Hebräischen vergleichbar ist, spricht Käser von einer „rund 1250 Bezeichnungen umfassenden anatomischen Terminologie“ (Käser, 147). Mögen diese Zählungen auf den ersten Blick auch stark differieren (250 vs. 1250), so sind die Zählungen zum einen ins Verhältnis zu setzen zu der Gesamtzahl der Wörter der jeweiligen Sprache (für das Lateinische sind wesentlich mehr distinkte Wörter überliefert als für das Hebräische, was sich auf den prozentualen Anteil des Körper- / Körperteilwortschatzes am Gesamtwortschatz auswirkt), zum anderen ist zu berücksichtigen, dass bei einigen Zählungen wie zur Sprache der Insulaner von Truk das Wortfeld „Körper“ sehr weit gefasst ist und auch z.B. physiologische Vorgänge wie Atmung eingeschlossen sind, zum dritten sind wesentlich andere Zahlenverhältnisse erst in modernen Sprachen erreicht, in denen ein ausgedehnter (anatomisch-medizinischer usw.) Fachwortschatz zur Bezeichnung von Körperaspekten hinzukommt; in solchen Fällen kommt es zu Zählungen von mehreren Tausend (so die meisten Anatomie-Wörterbücher) bzw. mehreren Zehntausend Körper- / Körperteilbezeichnungen (so in Medizinwörterbüchern, bei denen allerdings auch weitere, mit dem Körper, seinen Teilen und Funktionen zusammenhängende Wörter gelistet sind).

Im Vergleich mit Körperwortfeldern anderer Sprachen zeigt sich weiterhin, dass die Zuordnung zwischen Lexemen und Körperteilen in unterschiedlichen Sprachen verschieden ausfällt: das Hebräische besitzt etwa in einigen Fällen eine andere lexikalisch-semantische Körperteilaufgliederung als das Akkadische oder Deutsche oder andere Sprachen. So werden die Körperglieder Fuß und Bein im Hebräischen nicht lexematisch unterschieden, רֶגֶל rægæl kann sowohl Fuß wie auch Bein wie auch beides zusammen („für das Gehen notwendige Funktionseinheit“) bedeuten; das Akkadische hat dagegen verschiedene Wörter für Bein (išdu, purīdu) und auch ein Wort für Fuß (šêpu). Entsprechend ist bei jeder Körperteilbezeichnung des Hebräischen im engeren semantischen Sinn zunächst nach ihrem Bezug zu einem Körperteil zu fragen, d.h. es ist zu fragen, auf welche außersprachliche „Sache“ ein Körper- / Körperteilwort „referiert“. Ganz entscheidende Bedeutung hat diese Beobachtung für die Frage der Aufteilung körperlicher und geistiger Anteile am Menschen (s.u. 2.).

1.3. Explizite und implizite Körperkonzepte

Im Alten Testament wie im Alten Orient nähert man sich einer Erkenntnis nicht über Definitionen und Systembildungen an (vgl. Wagner 2011, 79-81). Während wir in der europäischen Tradition gewohnt sind, gedankliche Konzepte von Sachen, die hinter einem Begriff stehen, explizit zu formulieren, Begriffe zueinander in Beziehungen zu setzen, nach Begriffsschärfen, Extensionen, Interdependenzen zu fragen, Begriffe mit empirischen und experimentalen Beobachtungen zu verbinden, zu verifizieren und zu falsifizieren, nach induktiven und deduktiven Erkenntniswegen zu suchen u.a.m., bis sich ganze Systeme von Erkenntnis und Wissenschaft aufbauen, fehlt eine solche explizite und reflektierte, meist im Medium der Schrift vorliegende Erkenntnismethodik und Erkenntnissystematik in den antiken Kulturen Ägyptens, Mesopotamiens, Syrien-Palästinas u.a. (vgl. Machinist). Im (klassischen) Griechenland, insbesondere in der griechischen Philosophie, ist der Versuch, über Begriffsbildungen zu Erkenntnis zu kommen und damit auch die „Welt“ zu analysieren zu einer ersten großen Blüte gekommen; Zeugnisse davon liegen mit den „Systemabhandlungen“ von Platon zum „Staat“, von Aristoteles zur „Rhetorik und Poetik“ usw. vor. Diese Tradition hat sehr stark auf die europäische Tradition eingewirkt und bestimmt bis heute unser wissenschaftliches Denken. Im Alten Testament finden sich aber keine expliziten und systemhaften Erörterungen dieser Art, auch nicht solche über den Körper, den Menschen, das Verhältnis von Körper zu geistigen Anteilen usw.

Zudem ist die über weite Strecken vorherrschende Darbietungsform des Alten Testaments die Erzählung (Pentateuch, Geschichtsbücher) und die mehr oder weniger gestaltete Sammlung von Texten (Psalter, Sprichwörter, Prophetische Bücher). Auch daher werden wir vergebens nach Körper-Definitionen, Begriffsbestimmungen explizit reflexiver Art suchen.

Auch wenn sich in einer Kultur keine expliziten Konzepte zu einem bestimmten Phänomen wie dem Körper, der Körperauffassung etc. finden, bedeutet das nicht, dass diese Kultur nicht doch implizite Konzepte besitzt, die aufzuspüren und (sekundär) explizit zu machen wären, um heute den entsprechenden Sachverhalt begrifflich zu reflektieren. Einen analogen Fall, der leicht nachvollziehbar ist, stellt das sprachliche Wissen dar. Sprachliches Wissen ist zu weiten Teilen nur implizit verfügbar, selbst muttersprachliche, kompetente Sprechende können nur einen Bruchteil der semantischen, syntaktischen und pragmatischen Regeln einer Sprache explizit benennen, sie produzieren aber völlig mit den Regeln übereinstimmende sprachliche Äußerungen, Texte und Handlungen! Dieses implizite Sprachwissen lässt sich nach entsprechenden Analysen als „Grammatik“ explizieren.

Ähnlich verhält es sich mit dem Körper-Wissen und verwandten anthropologischen Auffassungen. Eine Gesellschaft ist auch in dieser Hinsicht immer geprägt von überlieferten und überindividuell vorfindlichen Anschauungen. Die historische Anthropologie nennt diese (meist) nicht explizit gewussten Anschauungen häufig „Mentalitäten“: „Mentalität ist das Ensemble der Weisen und Inhalte des Denkens und Empfindens, das für ein bestimmtes Kollektiv in einer bestimmten Zeit prägend ist. Mentalität manifestiert sich in Handlungen“ (Dinzelbacher, XXIV).

Diese Mentalitäten im Bereich der Körperauffassung kann man in den sprachlichen Quellen mittels Wortfeldbeobachtungen, Wort- und Kontextuntersuchungen sowie Textanalysen aufspüren (vgl. 1.1.). Beispiele für diese Zugänge finden sich im weiteren Verlauf des Artikels.

2. Körperliche und geistige Anteile im Menschen

Über lange Zeit wurde die „hebräische Anthropologie“ im Spiegel oder mit der Brille der klassisch-griechischen Philosophie betrachtet. Noch bis in die Forschung der zweiten Hälfte des 20. Jh.s hat man versucht, teils unbewusst angeleitet durch christliche Tradition, teils durch apologetisches Interesse, aus den alttestamentlichen Verhältnissen eine Zuordnung der geistigen und körperlichen Anteile des Menschen vorzunehmen, die der klassisch griechischen Konzeption entspricht. So wurde נֶפֶשׁ næfæš als „Seele“ verstanden, רוּחַ rûaḥ als „Geist“ und בָּשָׂר bāśār als „Fleisch“ und als Trichotomie (Seele – Geist – Körper) oder Dichotomie (Seele / Geist – Körper) gewertet; allerdings ohne ein vollständig befriedigendes Ergebnis zu erhalten.

In der neueren Diskussion, einsetzend mit der Anthropologie von H.W. Wolff 1973, ist hier eine neue Sichtweise gewachsen, die erkannt hat, dass im Alten Testament kein dichotomisches oder trichtomisches „System“ Mensch nachgewiesen werden kann. Seitdem hat sich herauskristallisiert, dass die Menschenkonzeption im Alten Testament (wie überhaupt im Alten Orient) anders zu fassen ist als mit Modellen aus der griechisch-europäischen Tradition (Wagner 2006; Wagner 2009; Janowski 2012; Steinert).

Gründe, sich einem anderen, neuen Körperverständnis anzunähern, sind zum einen etwa, dass neben den drei oben genannten Bezeichnungen נֶפֶשׁ næfæš, רוּחַ rûaḥ und בָּשָׂר bāśār eine Vielzahl von weiteren Körperteil- bzw. Menschenaspektbezeichnungen existieren, die beliebig kombinierbar sind und die es nicht zulassen, ausgerechnet die drei hervorzuheben, die in Analogie zur klassisch griechischen Auffassung stehen (vgl. Wagner 2009). Zum anderen sind im Alten Testament die am häufigsten verwendeten Bezeichnungen für den Menschen auch nicht נֶפֶשׁ næfæš, רוּחַ rûaḥ und בָּשָׂר bāśār, sondern פָּנִים pānîm, יָד jād und עַיִן ‘ajin (vgl. → Körperteile 4.1.). Schließlich hat die Untersuchung einzelner dieser Aspekte gezeigt, dass die Bedeutung, die man aus dem Alten Testament erheben kann, nicht der Bedeutung entspricht, die die Bezeichnungen und ihre (vermeintlichen) Übersetzungsäquivalente im Laufe der nachalttestamentlichen Rezeption erhalten haben. נֶפֶשׁ næfæš etwa ist keineswegs adäquat mit „Seele“ zu übersetzen und zu verstehen, es bezeichnet zunächst die Kehle, dann auch Gier, Leben etc.; schon gar nicht steht hinter נֶפֶשׁ næfæš das Konzept einer unsterblichen geistigen „psychē“ (etwa nach platonischem Konzept), die auch noch im Gegensatz zum Körper steht.

Vielmehr drücken die Bezeichnungen für körperliche und geistige Bestandteile des Menschen einen bestimmten, inhaltlich benennbaren Aspekt der alttestamentlichen Menschenauffassung aus, לֵב lev → „Herz“ bezeichnet etwa den Mensch unter dem Aspekt des Verstandes, בָּשָׂר bāśār → „Fleisch“ den Menschen unter dem Aspekt der körperlichen Vergänglichkeit usw. (→ Mensch; → Körperteile); sie bilden dabei kein geschlossenes System, sondern einen lockeren Verband, bei dem die Auswahl von Aspekten vom Anwendungsfall, von der jeweiligen textlichen Aussageabsicht her bestimmt wird.

Im Ergebnis kennt das Alte Testament keine strikte Entgegensetzung des Körpers etwa zum Geist, vergleichbar einem Leib(Körper) / Seele-Dualismus. Schon gar nicht geht das Alte Testament in der Breite davon aus, dass nicht-körperliche Elemente unsterblich seien; an die Unsterblichkeit tastet sich das Alte Testament nur vereinzelt heran (→ Tod). So darf alles Körperliche im Alten Testament nicht einfach in einem Gegenspiel zum unsterblichen Anteil des Menschen gesehen werden. Selbstverständlich gelten die wesentlichen Anteile des Körpers (Fleisch, Knochen etc.) als vergänglich, aber der Körper ist im Alten Testament nicht aus einer Entgegensetzung mit unvergänglichen und / oder geistigen Bestandteilen des Menschen zu beschreiben. Mit dieser Grundüberlegung verbunden ist die Einsicht, dass es keine pauschale Abwertung des Körpers im Alten Testament gibt.

3. Körper- und Körperteile, Teile oder Ganzes?

Vom Körper im Alten Testament zu reden ist nicht möglich, ohne von seinen Teilen zu sprechen (vgl. → Körperteile). Das Alte Testament kennt allerdings weder einen Terminus für die systemhafte / organismushafte Ganzheit des Körpers, noch kennt es die Sache! Der Körper wird durch Aspekte seiner Erscheinung beschrieben (etwa wenn es um die „Gestalt“ einer Person geht) oder durch Addition seiner Körperteile.

Am intensivsten wurde dieses Phänomen von der Forschung aufgezeigt anhand der Beschreibungslieder im → Hohelied (vgl. Hhld 4,1-7; Hhld 5,9-16; Hhld 7,2-6 u.a.): Hier finden sich Darstellungen des menschlichen (weiblichen wie männlichen) Körpers, die eine Auswahl von Körperteilen darstellen, um den Körper einer Person zu charakterisieren. Die Zusammenstellung der Körperteile ist zwar nicht willkürlich, aber es wird wie in der Bildkunst immer nur eine Auswahl von Körperteilen zusammengenommen; in keinem Fall kommt so eine photographische Realität zustande, die den Körper als optisches Ganzes abbilden würde. Ebenso fremd ist den Beschreibungsliedern der organische Systemgedanke (Wagner 2010, 94-100). Diese Texte sind nicht davon geprägt, dass der Körper eine anatomisch-physiologische Funktionseinheit bildet, innerhalb derer Körperteile und Organe voneinander abhängen; in Darstellungen eines (dann ja auch immergleichen) „Systems“ müssten die systemtragenden Teile in derselben Kombination immer wiederkehren. Dies ist nun wiederum bei den Beschreibungsliedern nicht der Fall, sie stellen sehr verschiedene Glieder und Additionen zusammen. Die Analyse der Beschreibungslieder stimmt mit der ägyptischen Körperauffassung überein (Brunner-Traut, 71-81). Zu kontrastieren ist diese Körperauffassung mit entsprechenden Körpertexten aus dem griechischen Bereich, in dem uns andere Körperauffassungen begegnen; hier erscheint der Körper z.B. in der Fabel vom Streit des Magens und der Füße, die sich bei Äsop (Äsop, Fab. 132-133; Text gr. und lat. Autoren) findet, oder in einer ähnlichen Fabel über den Aufruhr der Glieder gegen den Magen bei Livius (Livius, II,32,9-11, 234-235) unter seinem Systemaspekt. Ein solches Systemverständnis bestimmt auch das Bild vom Leib und seinen Gliedern, wie es Paulus im 1Kor 12,12-31 verwendet. Dem Alten Testament ist ein solches Verständnis aber fremd.

4. Körper im Rechtsbereich (Strafen und Tötungsarten)

Im altorientalischen wie im alttestamentlichen Kontext ist einer der bekanntesten Rechtstexte, die Talionsformel, ein Text, der in der wörtlichen Auslegung Bestrafung durch Körpersanktionen einschließen kann: Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß (nach Dtn 19,21, ähnlich Ex 21,23-25; Lev 24,20). Freilich ist die Talionsformel im Alten Testament jeweils in Kontexte eingepasst, die einen Rechtssachverhalt behandeln, der die Talionsformel als Rechtsprinzip heranzieht, ohne dass damit auf die wörtliche Umsetzung des Talionsprinzips abgehoben sein muss (→ Strafe 2.3.). In Ex 21,22-27 und Lev 24,17-22 geht es um Schadensersatzregelungen, in Dtn 19,16-21 um die Meineidsproblematik. Nirgendwo im Alten Testament finden sich Texte über Körperstrafen, die mit dem Talionsprinzip begründet sind. Über die Schadensersatzregelungen für Körperverletzungen etc. wird klar, dass der Körper als „Kapital“ seines Besitzers betrachtet wird, dessen Beschädigung zu vergelten ist.

Drastische Körperstrafen werden in einigen Fällen der Rechtssätze des Alten Testaments sehr konkret beschrieben, etwa beim Abhauen von Gliedmaßen. Im Rechtsbereich sind sie selten. In Dtn 25,12 „[…] wird festgesetzt, dass einer Frau die Hand abgehackt werden soll, die sich in den Streit von Männern einmischt und den Gegner ihres Mannes bei den Schamteilen packt. Diese Handlung scheint eine außerordentlich schwerwiegende Verfehlung darzustellen, denn Verstümmelungsstrafen finden sich – wenn man vom ius talionis absieht – sonst nicht in den Rechtssatzungen.“ (Thiel, 104). In Ri 1,5-7 wird vom Abhauen der Daumen und der großen Zehen berichtet, was die Betroffenen kriegsuntauglich macht. Auch Bestrafungen post mortem sind möglich, folgt man 2Sam 4,12, wo thematisiert wird, dass Hände und Füße der Leichen der von → Davids Männern getöteten Mörder Isch-Boschets (→ Eschbaal) abgehackt werden (zu weiteren seltenen im Alten Testament vorkommenden Verstümmelungen vgl. Knierim, 113). Weniger drastische Körperstrafen werden häufig als „Züchtigung“ eingesetzt: Schlagen mit dem Stock (Dtn 22,18) u.ä. Die radikalste Art, den Menschen zu bestrafen, ist die Hinrichtung, bei der der Körper durch verschiedene Arten zu Tode gebracht werden kann. Knierim (112) weist für das Alte Testament auf steinigen, erschießen, töten durch das Schwert, verbrennen und erhängen (→ Todesstrafe; → Pfählung). „Die Bestrafungsformen der Hinrichtung, des Schlagens, der körperlichen Verstümmelung und der unbefristeten Einsperrung sind in wichtigen Punkten unterschieden. Das Schlagen […] verursacht Schmerz […], bedeutet jedoch weder permanente Verstümmelung noch Einschränkung der zukünftigen Lebensfreiheit. […] Dagegen sind […] Verstümmelung und auch unbefristete Einsperrung permanent […]. Hinrichtung [bedeutet] die endgültige Auslöschung des Lebens […].“ (Knierim, 113).

Mit Blick auf die Körperstrafen wird nach alttestamentlicher Vorstellung der Körper nicht als ein unter allen Umständen zu schützender Bestandteil der Person gesehen. Dies korrespondiert in gewisser Weise mit der unten in Abschn. 6 thematisierten Einsicht, dass im Alten Testament Körper und Individualität, Körper und individuelles Personsein nicht in derselben Weise zusammengehören, wie in späterer westlich ausgerichteter Tradition und Denkweise (wobei es auch hier große Unterschiede gibt, wie etwa die noch heute in vielen Staaten der USA zugelassene Möglichkeit zeigt, in der Schule auch Körperstrafen anzuwenden). Von einem Grundrecht auf körperliche Unverletzbarkeit, wie es etwa in der Rechtsprechung der Bundesrepublik Deutschland verankert ist, sind wir beim Alten Testament jedenfalls weit entfernt. Allerdings ist dieser Denkbereich der Körperauffassung für das Alte Testament alles andere als hinreichend erforscht, umfassende systematische Untersuchungen, welche Rolle Körperstrafen in den Gesellschaften Israels und Judas der verschiedenen Zeiten spielen, welche Körperauffassungen die Rechtsüberlieferungen des Alten Testaments haben, gibt es bisher noch nicht.

5. Bewusstsein verschiedener Körperstadien, Körperfürsorge, Schönheit, Sport

5.1. Körperstadien

Der Körper ist lebensnotwendige Voraussetzung für das Leben in der Welt. Sein Werden und Vergehen ist in den Texten des Alten Testaments reflektiert, soweit es die Erfahrungsmöglichkeiten der altorientalisch-alttestamentlichen Zeit zulassen:

  • das pränatale Stadium des Embryo (גֹּלֶם golæm, das unfertige Wesen in Ps 139,16),

  • die Leibesfrucht der schwangeren Frau (Ex 21,22; → Schwangerschaft),

  • das Säuglingsalter (bis ca. 3 Jahre, Wolff, 181; → Säugling),

  • Kindheit, Jugend – „vom 5. Lebensjahr an wird mit der Arbeitskraft des Kindes gerechnet (Lev 27,5). Mit dem 13. Jahr tritt die körperliche Reife ein (Gen 17,25).“ (Wolff, 181; → Jugend),

  • das Erwachsenenalter (ca. 20-60 Jahre; → Mann; → Frau),

  • der Körper des älteren Menschen.

Dabei werden Charakteristika registriert, die die verschiedenen Entwicklungsstadien kennzeichnen: Jes 11,8 setzt voraus, dass der Säugling neugierig-reflexhaft nach Dingen greift, dies auch vor „dem Loch der Otter“ tun würde; Kinder spielen bewegungsorientiert im Freien auf den Plätzen (Sach 8,5); im Erwachsenenalter ist körperliche → Arbeit zu erbringen, im Alter treten Schwachheit auf (Ps 71,9), die Sehkraft lässt nach (Gen 48,10), am drängendsten formuliert sind Altersgebrechen in Pred 12,1-7.

5.2. Körperfürsorge

Der Körper kommt in diesen verschiedenen Stadien nicht ohne die jeweils angemessene Fürsorge aus. Man muss ihn versorgen mit Essen und Trinken, sonst führt das zu Schwachheit und Tod (→ Speisen; → Getränke; → Hunger).

Körperpflege in kosmetischer Hinsicht wird an einigen Stellen des Alten Testaments thematisiert: 1Sam 8,13 und Neh 3,8 kennen den Beruf des Salbenmischers, der Körper kann mit Öl eingerieben werden (Dtn 28,40; Mi 6,15 u.a.). Nach Rut 3,3 badet und salbt sich → Rut, bevor sie zu Boas geht. Teure → Kosmetika und kosmetische Körperpflege werden in prophetischen Texten als Kennzeichen von Luxus kritisiert, wenn dem kein fürsorgendes Verhalten für andere korrespondiert (Am 6,6).

In ritueller Hinsicht spielen Waschungen des Körpers bzw. von Körperteilen eine Rolle. Fußwaschungen sind Zeichen der Gastlichkeit (Gen 18,4 u.a.), Waschungen erfolgen nach Kontakt mit Unreinen (Lev 15,2-13) u.ä.

Eine Nachsorge für den Körper nach dem Tod gibt es kaum; nur bei Jakob und Josef wird von der Salbung ihrer Leichname erzählt (Gen 50,2; Gen 50,26); der Körper spielt in den → Jenseitsvorstellungen lange Zeit keine Rolle (Tote können Jahwe nicht rühmen, vgl. Ps 88), Maßnahmen, wie etwa in Ägypten, die auf den Körper in der jenseitigen Welt zielen (→ Mumifizierung, Ernährung des Körpers im Jenseits durch ernährungsbezogene Grabbeigaben usw.), gibt es im Alten Testament nicht.

5.3. Körperschönheit

Schönheit nach alttestamentlicher Anschauung zu formulieren, ist nicht einfach, zumal es hier keine ausführlichen Untersuchungen gibt. Vor allem Keel (198) und Schroer / Staubli haben sich sehr darum bemüht, den dynamischen Aspekt des Schönheitsideals im Alten Testament herauszuarbeiten: „Die ägyptischen, akkadischen und hebräischen Beschreibungslieder haben nicht den Körper, nicht die Formen des Leibes vor Augen, sondern den Ausdruck und die Dynamik der beschriebenen Person. Die Augen sind schön, weil sie Liebesbotschaften senden, das Haar, weil es wallt und vor Kraft strotzt, die Zähne, weil sie vollständig sind und in scharfem Kontrast zu den roten Lippen stehen, der Hals wegen seiner stolzen Haltung, die Selbstbewusstsein zum Ausdruck bringt, die Brüste der Frau wegen ihrer erfrischenden Bewegung…“ (Schroer / Staubli, 21-22). „Schön ist letztlich nicht“ der einzelne Mensch, der einzelne Körper oder ein bestimmtes Körperteil, sondern „die Beziehung unter zwei oder mehr Menschen“; das „Schönheitsideal ist kein Körper-, sondern ein Verhältnisideal“ (Schroer / Staubli, 22).

5.4. Körper und Kampf, Übung, Training, Sport

Im Alten Testament sind einige Texte und Szenen überliefert, in denen es um Kampf (1Sam 17, → Zweikampf zwischen → David und → Goliat) und Kampfspiele (2Sam 2,14-16; vgl. auch 2Sam 23,8-21) u.ä. geht. Körperliche Aktivität steht hier im Vordergrund. Zeugnisse zu Training und Sport gibt es weit weniger im Alten Testament als etwa für Ägypten (vgl. Decker). Diese Beobachtungen zeigen, dass wir zwar von Kenntnissen der Körperübung im Alten Testament ausgehen können, dass aber nach dem Ausweis der Texte kein besonders ausgeprägtes Interesse daran bestand (Schroer).

6. Körper und Individualität

Ganz sicher sind individuelle Körpermerkmale bei den Menschen des Alten Orients bzw. des Alten Israel ebenso vorhanden und ausgeprägt gewesen wie heute. Hätte man einzelne Menschen kennengelernt, hätte man sie an ihrer Gesichtsphysiognomie, ihrer Statur, Größe, Hautfarbe / Hautbeschaffenheit / Augenfarbe / Ohrenform / Hand- / Arm- / Fußform, ihrem Geruch, ihrer Ausstrahlung etc. wiedererkannt.

Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg, 5. Aufl. 2001, Abb. 221; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 1 Betergruppe (Pithos B; Kuntillet ‘Aǧrūd; 8. Jh. v. Chr.).

Eigentümlicherweise werden aber solche individuellen Körperaspekte in den bildlichen und sprachlichen Darstellungen von Körperhaftem sowohl im Bereich des Alten Orients wie des Alten Israel in der Regel völlig ausgespart. Für die bildlichen Darstellungen gilt sogar, dass die Körperwiedergaben geradezu entindividualisiert sind und in der Hauptsache auch zur Darstellung des schlechthinnig-typisch (männlichen oder weiblichen) Menschlichen dienen.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 2 Darstellung ohne individuelle Züge: Der israelische König Jehu (oder sein Stellvertreter) wirft sich vor dem assyrischen König Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) zu Boden (Schwarzer Obelisk aus Kalchu).

Was E. Gombrich von der ägyptischen Kunst sagt, gilt in analoger Weise auch für die des Alten Israel und seiner Umwelt: „Die Künstler hatten die Aufgabe, alles so deutlich und so unverrückbar wie möglich darzustellen. Es war gerade nicht ihre Absicht, die Dinge der Wirklichkeit darzustellen, wie sie gerade zufällig aussahen [das schließt individuelle Physiognomie mit ein!]. Sie zeichneten aus dem Gedächtnis und nach strengen Regeln [ohne Modelle, keine individuellen Portraits], die zur Folge hatten, daß alles, was im Bilde vorkam, vollständig ersichtlich war.“ (Gombrich, 60-67; Kursive und Anmerkungen von A.W.).

Aus: O. Keel / C. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg u.a. 5. Aufl. 2001, 360b; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz

Abb. 3 Skaraboid mit dem Motiv des königlichen Helden (6. Jh. v. Chr.).

So erklärt es sich auch, dass die meisten Menschendarstellungen für unsere Augen so entindividualisiert und idealisiert erscheinen. Dargestellt wird nicht das naturalistische Abbild, das Sehbild, sondern das, was am Menschen „menschlich“ bzw. für den gerade dargestellten „Menschentyp“ wie König oder Held o.ä. typisch ist; dieses Menschliche / Typische kommt in seiner Idealform zur Darstellung; und jeder dargestellte Mensch wird unter dieser Perspektive des Menschlichen / Typischen gesehen.

Auch in den Körperbeschreibungen der Texte sind individuelle Merkmale so selten, dass es kaum mehr Belege gibt als den Hinweis auf die Größe Sauls, der einen Kopf größer war als andere Menschen (1Sam 10,23), oder David, der eine besondere Haarfarbe hatte (1Sam 16,12; 1Sam 17,42). Aber Beschreibungen ihrer Körpermerkmale, gar eine solche, die eine Wiedererkennung ermöglichen würde, gibt es nicht.

Aus diesen Beobachtungen sind nun Schlüsse für das Körperverständnis zu ziehen: Es ist sicher nicht so, dass der Körper für den Menschen des Alten Testaments und des Alten Orients unwichtig gewesen wäre. Aber Körperindividualität gehört nach dem Befund der Texte und Bilder nicht zum Beschreibungsrepertoire der Selbst- und Fremdbilder von Individuen. Alle Formen von „Körperkult“, wie er den westlich orientierten Gesellschaften bes. des 20. und 21. Jh.s bekannt ist, fehlt in den Kulturen des Alten Testaments und Alten Orients völlig. Das hängt sicher zum einen daran, dass Individualität eine geringere Rolle spielt. Das liegt aber eben auch daran, dass der Körper in die Konstruktion der Individualität nicht bzw. nicht in derselben Weise einbezogen ist wie etwa in der europäischen Neuzeit (oder auch, in Anfängen, der griechisch-römischen Antike).

7. Körper Gottes

7.1. Körper Gottes und das Bilderverbot

Verbietet das → Bilderverbot Vor- und Darstellungen des Körpers Gottes? Aus neueren Forschungen wissen wir, dass das hebräische Wort, das in den Zehn Geboten (Ex 20,2-17; Dtn 5,6-21; → Dekalog) steht, פֶּסֶל pæsæl, im genauen Sinn „Statue / Kultstatue“, nicht „Bild“ im Allgemeinen bedeutet. Es werden also nicht einfach alle Darstellungsarten von Gott abgelehnt, sondern speziell wird verboten, Statuen zur kultischen Verehrung Jahwes zu machen; eine zu enge Verbindung von Gott und einer materialen Statue wurde in den Texten des Bilderverbotes als Gott nicht gemäß angesehen. Israel grenzt sich hier ab zu seinen Nachbarreligionen, in deren Kult Götterstatuen eine große Rolle spielten (Janowski 2008).

Zudem muss man genau wahrnehmen, dass das Bilderverbot auf Darstellungen Jahwes bezogen ist und sicher kein allgemeines Verbot jeglicher Bilddarstellung meint; die Darstellung anderer Motive fällt damit nicht unter das Verbot!

Jenseits dieser beiden Stoßrichtungen gibt es also auch von den Zehn Geboten her „Bilderfreiräume“: Zum einen ist für das Alte Israel damit zu rechnen, dass es vielfältig mit Bildern zu tun hatte, wenn es um Dinge geht, die abseits von Jahwe liegen. Neuere Zusammenstellungen des gefundenen Materials geben hier heute einen guten Eindruck von der tatsächlichen Bilderfülle, von der auch Israel umgeben war (vgl. IPIAO). Zum anderen wird in vielen Texten des Alten Testaments eine „Kontur“ des Gottes Jahwe gezeichnet, die uns eine ganz klar bildhafte Vorstellung nahelegt – ohne dass sie in die Abbildung in Form einer Statue ausmündet.

7.2. Anthropomorphismen

Texte, sprachliche Darstellungen bieten die Möglichkeiten der Schaffung sprachlicher „Bilder“ an. Sprachliche Bilder führen zu Bildern in der Vorstellung, die unsere Wahrnehmung von Dingen prägen, und von dieser Möglichkeit hat das Alte Testament bezüglich des Körpers Gottes reichlich Gebrauch gemacht.

Wenn gesagt wird, dass Gott sein Ohr neigen soll (2Kön 19,16), dann entsteht bei uns die Vorstellung, dass Gott eben auch „Ohren“ hat. Das häufige und sehr unterschiedliche Reden von den Körperteilen Gottes quer über nahezu alle Texte des Alten Testaments formt mit solchem Reden eine Gesamtvorstellung, ein Gesamt-„Bild“ vom Körper Gottes, das uns Gott menschengestaltig „vor Augen führt“ – ohne dass wir ihn freilich wirklich sehen, aber so, dass unsere Vorstellung Gottes von diesem sprachlichen „Bild“ gelenkt wird. Eine kleine Liste mit den zentralen Körperteilen Gottes, der Anzahl der Belege und jeweils nur einer Belegstelle aus dem Alten Testament kann dies verdeutlichen (Belegstellenlisten und weiteres Material bei Wagner 2010, 101-166).

Kopf (3-mal); Jes 59,17: „Er [Jahwe] … setzt den Helm des Heils auf sein Haupt / seinen Kopf …“;

Gesicht / Angesicht (598-mal); Gen 33,10: „Jakob antwortete: … ich sah dein Angesicht, als sähe ich Gottes Angesicht …“;

Auge (123-mal); Am 9,3: [Jahwe spricht] „… wenn sie sich vor meinen Augen verbärgen …“;

Ohr (28-mal); 2Kön 19,16: „Jahwe, neige dein Ohr …“;

Nase (162-mal); 2Sam 22,9: „Rauch stieg auf von seiner [Jahwes] Nase …“;

Mund (57-mal); Lev 24,12: „… Antwort [wird] durch den Mund Jahwes.“

Kehle, Hals (16-mal); Jer 6,8: „Bessre dich, Jerusalem, ehe sich meine næfæš (Hals?) von dir wende …“;

Arm (42-mal); Ex 15,16: „… vor deinem [Jahwes] mächtigen Arm erstarrten sie …“;

Rechte (34-mal); Ps 48,11: „Gott, … deine Rechte ist voll Gerechtigkeit.“

Hand (218-mal); Jer 18,6 „… wie der Ton in des Töpfers Hand, so seid auch ihr … in meiner Hand [spricht Jahwe]“;

Fuß (Bein) (13-mal); Jes 66,1: „So spricht Jahwe: … die Erde [ist] der Schemel meiner Füße!“.

An insgesamt ca. 1300 Stellen des Alten Testaments kommen diese Körperausdrücke vor und formen in Gedanken bei den Lesenden beständig ein „Körperbild“, ein Gedankenbild, kein materiales Bild.

Natürlich könnte man es ohne Weiteres in ein materiales Bild überführen. Solche materialen Bildausführungen gab es schon in der Antike, auch im jüdischen Kontext. Uns geläufig sind eher die malenden Bibelausleger der späteren Zeit, etwa die Maler der Renaissance, die das Bild Gottes ebenfalls in Menschengestalt wiedergegeben haben (vgl. Wagner 2008). – Übrigens findet sich für die meist gewählte Darstellweise von Gott als älterem Mann im Alten Testament kaum ein Hinweis, nie ist von einem Bart Gottes die Rede und auch sonst finden sich keine Körperaussagen mit Hinweisen auf einen „älteren Körper“. Zu den äußeren Körperteilen kommen noch die inneren Organe Gottes wie Herz etc.

Interessant ist nun wiederum, das Körperbild Gottes im Alten Testament auf seine Aussagen hin zu befragen:

  • In erster Linie finden sich Körperteile, die mit dem Handeln und dem Kommunizieren verbunden sind. Hände, Füße, Arme stehen für das Wirken Gottes, für seine Taten; die Kommunikationsorgane zum Sehen, Reden, Hören, mimischen Kommunizieren zeigen deutlich, dass der alttestamentliche Gott nicht ein ferner, unnahbarer, menschenabgewandter Gott ist, sondern dass er Ohren hat, zu hören, Augen, zu sehen usw. Die Kommunikation zwischen Gott und Mensch wird so stark unterstrichen. Diese beiden Grundcharakteristika prägen ja auch sonst das Gottesbild, das wir im Alten Testament von Gott gewinnen: Im Vordergrund stehen seine Heilstaten, etwa die Rettung bzw. Herausführung aus Ägypten oder sein Mitgehen, Stärken und Zuhören, von dem viele Psalmen bestimmt sind (→ Gott / Gottesbild).

  • Interessant ist auch, dass in diesem Körperbild geschlechtliche Merkmale völlig ausgespart werden. Das kann angesichts der Fülle der Belege kaum Zufall sein. Das Geschlecht Gottes bleibt verborgen, spielt im Vorstellungsbild keine Rolle.

  • An ganz wenigen Stellen finden sich auch Körperaussagen, die von der Menschengestaltigkeit abweichen. Das ist etwa bei den 6-mal genannten Flügeln Gottes der Fall (Martin). Aber es sind verschwindend wenige Belege, die tiergestaltige Körperteile mit ins Bild nehmen. Sehr stark im Vordergrund steht die Menschengestaltigkeit.

Mit der Vorstellung der Menschengestaltigkeit Gottes hängt wohl auch der Gedanke der → Ebenbildlichkeit zusammen. Die Menschen sind ja gemäß dieser Vorstellung nach Gottes Gestalt gebildet. Gen 1,26ff präzisiert aber hier sehr interessant: Es geht um die Ähnlichkeit von Gott und der Menschheit, wobei explizit von Frau und Mann gesprochen wird, nicht etwa um die Ähnlichkeit von Gott und Mann! Außerdem geht es um Ähnlichkeit, nicht um Gleichheit: Gott vermag unendlich mehr in seinem Handeln, in seinem Hören und Sagen als der Mensch, auch wenn die Grundfähigkeiten in der beschriebenen Weise vergleichbar sind! Die Ähnlichkeit schließt sogar die נֶפֶשׁ næfæš ein, die lange als „Seele“ verstanden wurde (Müller) und Mensch wie Gott prägt.

Mit der Gestaltähnlichkeit von Gott und Mensch wird also klar gemacht, dass der Mensch, wenn auch in geringerem Ausmaß als Gott, doch ebenso mit Kommunikations- und Handlungsmöglichkeiten ausgestattet ist; so kann er in der Welt, stellvertretend für Gott und mit Gott in Beziehung und Kommunikation stehend, Verantwortung einnehmen und für die ihm anvertraute Schöpfung eintreten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Betergruppe (Pithos B; Kuntillet ‘Aǧrūd; 8. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg, 5. Aufl. 2001, Abb. 221; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
  • Abb. 2 Darstellung ohne individuelle Züge: Der israelische König Jehu (oder sein Stellvertreter) wirft sich vor dem assyrischen König Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) zu Boden (Schwarzer Obelisk aus Kalchu). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 3 Skaraboid mit dem Motiv des königlichen Helden (6. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / C. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg u.a. 5. Aufl. 2001, 360b; © Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz
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