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Lexikon

Kindheitsevangelium nach Thomas (KThom)

Judith Hartenstein

(erstellt: Juli 2012)

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1. Die Bezeugung und Datierung

Die unter dem Titel Kindheitsevangelium oder Kindheitserzählung des Thomas bekannte Schrift besteht aus kurzen Erzählungen, meist Wundergeschichten, über → Jesus im Alter von fünf bis zwölf Jahren. Von ihr gibt es zahlreiche Handschriften in verschiedenen Sprachen (Griechisch, Syrisch, Latein, Kirchenslawisch, Georgisch, Äthiopisch …), die sich teilweise deutlich voneinander unterscheiden (vgl. Kaiser, Kindheitserzählung, für einen Überblick über die gesamte Überlieferung; Burke, De infantia, für die detaillierte Darbietung der griechischen Handschriften). Die Vielzahl der Handschriften und die Freiheit im Umgang mit dem Text erklärt sich, weil das Kindheitsevangelium nach Thomas nie als „heilige Schrift“ angesehen, aber fortlaufend überliefert wurde und anscheinend sehr beliebt war, obwohl es auch bekämpft wurde.Die Unterschiede in den Handschriften, die weit über übliche Abschreibvarianten hinausgehen, sprechen sogar dafür, dass die Gesetzmäßigkeiten mündlicher Überlieferung auch nach der ursprünglichen Verschriftlichung einen wesentlichen Einfluss auf die Gestalt der Fassungen gehabt haben (vgl. Aasgaard, Childhood, 14-33).

Die ältesten Handschriften sind eine lateinische aus dem 5. und zwei syrische aus dem 6. Jahrhundert. Abgefasst ist das Kindheitsevangelium nach Thomas aber vermutlich auf Griechisch (möglich ist auch Syrisch als Ursprache), auch wenn die Handschriften in dieser Sprache deutlich jünger sind. Aus dem Vergleich der Handschriften lässt sich erkennen, dass das Kindheitsevangelium nach Thomas allmählich erweitert wurde. Der Grundbestand umfasste wohl KThom 2-9; KThom 11-16; KThom 19 (so Kaiser, Kindheitserzählung) und ist auf Syrisch und in einigen anderen Sprachen bezeugt. Die älteste bekannte und erst seit kurzem zugängliche griechische Handschrift ist der Codex Sabaiticus aus dem späten 11. Jahrhundert (Text und Übersetzung bei Aasgaard, Childhood, 219-241; Burke, De infantia, 127f.301-337); er enthält zusätzlich KThom 1 und KThom 10. Die derzeit bekannteste Textfassung mit der (modernen) Einteilung in 19 Kapitel (so bei Cullmann, Schneider) geht auf die von Tischendorf edierte sogenannte Rezension A zurück und beruht auf griechischen Handschriften aus dem 14.-16. Jahrhundert. Weitere Handschriften bieten nochmals andere Varianten. Insgesamt hat sich nicht nur der Bestand an Geschichten vermehrt, sondern auch die Einleitung der Schrift (KThom 1), in der → Thomas als Verfasser genannt ist, wurde zugefügt. Aus dem Vergleich der Handschriften lässt sich erkennen, dass das Kindheitsevangelium nach Thomas allmählich erweitert wurde, die heute meist verwendete Textfassung mit der (modernen) Einteilung in 19 Kapitel beruht auf relativ späten griechischen Handschriften. Der Grundbestand umfasste wohl KThom 2-9; KThom 11-16; KThom 19 (so Kaiser, Kindheitserzählung). Die Einleitung der Schrift (KThom 1), in der Thomas als Verfasser genannt ist, gehört nicht dazu. Die Verbindung mit diesem Namen ist also eine spätere Entwicklung, ursprünglich lautete der Titel wohl „die Kindheitstaten Christi“ oder ähnlich (vgl. Kaiser, Jesus, 254). Als → Evangelium bezeichnet die Schrift sich selbst nicht.

Für die Datierung des Kindheitsevangeliums nach Thomas ist entscheidend, ob der Kirchenvater → Irenäus, der eine Kurzfassung der Episode von Jesus und seinem Lehrer wiedergibt (Irenäus, Adversus haereses I 20,1; vgl. KThom 14 und KThom 6), auf eine schon vorhandene Schrift Bezug nimmt oder eine einzeln überlieferte Geschichte aufgreift. Irenäus verweist in Adversus Haereses I 20,1 zunächst auf die große Menge von gefälschten Schriften, die die von ihm bekämpfte gnostische Gruppe der Markosianer benutzt, bevor er die Geschichte aus der Kindheit Jesu mit ihrer Deutung bringt. Dieser Kontext spricht m.E. dafür, dass Irenäus die Geschichte aus einer Schrift kennt. In Adversus Haereses I 20,2 folgen Beispiele falscher Deutungen von Aussprüchen Jesu aus den kanonischen Evangelien. Es liegt deshalb nahe, die Geschichte als ein Beispiel aus den gefälschten Schriften anzusehen, wobei die Hauptkritik des Irenäus sich möglicherweise auf die Deutung richtet, dass Jesus allein das Unbekannte kennt und im Buchstaben Alpha offenbart. Wenn Irenäus hier also aus einer Schrift zitiert, dann könnte dies eine frühe Fassung des Kindheitsevangeliums nach Thomas sein. Die Schrift wäre dann im 2. Jahrhundert verfasst (so Cullmann, Kindheitsevangelien, 352; Klauck, Evangelien, 100). Es ist jedoch nicht auszuschließen, dass in dieser Zeit nur die einzelne Geschichte umlief, dann ist eine Abfassung des Kindheitsevangeliums nach Thomas im 3. Jahrhundert wahrscheinlich (so Kaiser, Kindheitserzählung). Die Episode von Jesus und dem Lehrer ist jedenfalls verbreitet, sie kommt auch in der Epistula Apostolorum (EpAp), einer antignostischen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, vor.

2. Aufbau und Inhalt

In der Einleitung (KThom 1) erklärt Thomas seine Absicht, von den Taten Jesu aus seiner Kindheit zu berichten. Thomas wird je nach Handschrift als Israelit, israelitischer Philosoph oder → Apostel bezeichnet, vermutlich ist der → Jünger Jesu gemeint, aber eindeutig ist dies nicht in allen Fassungen. Danach folgen Episoden aus der Kindheit Jesu in → Nazareth (KThom 2-19): Sie beginnen mit Jesus im Alter von fünf Jahren, der an einem Bach aus Lehm Vögel formt und sie zum Fliegen bringt (KThom 2). Spielkameraden, die sein Spiel stören oder ihn schubsen, verflucht Jesus, so dass sie sofort sterben (KThom 3f), woraufhin → Joseph ihm Vorhaltungen macht (KThom 5). Ein Lehrer, der ihm Buchstaben beibringen will, wird stattdessen von Jesus belehrt (KThom 6-8), auch weitere Lehrer scheitern bei der Erziehung (KThom 14f). Jesus weckt aber auch gestorbene Kinder aus der Nachbarschaft und einen Bauarbeiter auf (KThom 9; KThom 17f), heilt einen Mann, der sich mit einer Axt verletzt (KThom 10), und seinen Bruder Jakobus von einem Schlangenbiss (KThom 16). Für seine Mutter löst er das Problem eines zerbrochenen Kruges, indem er Wasser im Gewand trägt (KThom 11) und für seinen Vater, den Zimmermann, streckt er ein zu kurzes Brett und rettet so seinen Auftrag (KThom 13). Ein einziges von ihm gesätes Samenkorn bringt enormen Ertrag (KThom 12). Den Abschluss bildet die auch aus Lk 2,41-52 bekannte Geschichte vom zwölfjährigen Jesus im Tempel (KThom 19).

Die Reihung der Geschichten orientiert sich am Alter Jesu und spiegelt thematisch eine kindliche Lebenswelt mit Spielen, Schulunterricht und Hilfe für die Eltern wider (vgl. Kaiser, Kindheitserzählung). Eine bewusste Platzierung ist vor allem bei der ersten und letzten Geschichte zu vermuten. Die „Erschaffung“ der Vögel bildet einen theologisch gewichtigen Auftakt. Die Erzählung über den zwölfjährigen Jesus im Tempel ist ein sinnvoller Abschluss der Kindheit, danach gilt er als erwachsen und verantwortlich für seine Taten. Weitere zusammenhängende Einheiten handeln vom Tod von Spielkameraden (KThom 3-5) und vom ersten Lehrer (KThom 6-8). Der episodische Stil macht eine Erweiterung der Schrift leicht.

Beim heutigen Lesen der Geschichten entsteht zunächst ein sehr negativer Eindruck von der Hauptfigur, das Jesuskind wirkt überheblich und unsympathisch, vor allem durch die vielen Strafwunder. Alle, die Jesus irgendwie ärgern und seinen Zorn erregen, bekommen das sofort zu spüren, bis dahin, dass sie sterben. (Im Laufe der Schrift werden sie aber wieder auferweckt.) Es ist nicht gerade ein liebevoller und menschenfreundlicher Jesus, wie wir es erwarten würden. Das Entscheidende an ihm ist seine Macht, durch die jedes Wort, das er ausspricht, sofort Wirklichkeit wird. Und das gilt auch für zornige Worte, die ja nicht untypisch für kindliches Verhalten sind (vgl. Kaiser, Jesus, 267f). Die Geschichten zeigen ein relativ normales Kind, nicht ein im Charakter vorbildliches. Auch hinter den „guten“ Taten, stecken mitunter ganz normal-kindliche Motive: Die Lehmvögel in KThom 2 macht Jesus lebendig, weil ihm Arbeit am → Sabbat vorgeworfen wird: er lässt das Beweismaterial wegfliegen. Auch eine → Auferweckung (KThom 9) geschieht, damit der vom Dach gefallene Junge bestätigen kann, dass Jesus ihn nicht gestoßen hat. Das KThom zeigt Jesus nicht als besonders lieb und tugendhaft, sondern erzählt von seiner außerordentlichen Einsicht und Macht.

3. Einordnung

Das KThom setzt andere Evangelien, die von Jesus berichten, voraus, so vermutlich das → Lukasevangelium für die Geschichte von Jesus im Tempel. Es füllt aber vor allem eine Zeit im Leben Jesu, über die andere Schriften nichts berichten. Die Bedeutung des erwachsenen Jesus und sein Status als → Sohn Gottes schon von Anfang an ist dabei die Grundlage der Geschichten und wird nicht eigens begründet (vgl. Kaiser, Jesus, 262). Das Kindheitsevangelium nach Thomas versucht nicht, das in Jesus gekommene Heil darzustellen – deshalb ist auch fraglich, ob eine Bezeichnung als Evangelium wirklich angemessen ist. Sondern es schildert anschaulich, wie das Leben eines Kindes, das schon als Sohn Gottes und mit aller Macht ausgestattet zur Welt kommt, aussehen könnte. Das Interesse ist vielleicht mehr unterhaltend als theologisch, es ist sogar denkbar, dass die Kindheitserzählung des Thomas sich speziell an Kinder richtet (so Aasgaard, Childhood, 192-213). Ein besonderer Reiz entsteht dadurch, dass in der Antike die Kindheit wesentlich durch Macht- und Rechtlosigkeit bestimmt ist, und genau dies für Jesus nicht gilt. Die Vorstellung, dass sich die besonderen Fähigkeiten bedeutender Persönlichkeiten schon in der Kindheit zeigen, ist in der Antike auch sonst verbreitet, dazu gehört auch die Überlegenheit über Lehrer (vgl. Frickenschmidt, 260f). Der griechische Autor Plutarch berichtet z.B. eine Szene aus der Kindheit von Alkibiades, in der dieser seinen Lehrer sogar schlägt (Plutarch, Alkibiades 2).

Der Name Thomas im Titel könnte eine Verbindung zum Thomasevangelium aus dem Fund von→ Nag Hammadi nahe legen. Die Schriften sind allerdings im Stoff und in der inhaltlichen Ausrichtung völlig unterschiedlich. Trotzdem bestehen zwei entfernte Berührungen: Zum einen ist die Wahl von Thomas als Verfasser vielleicht nicht zufällig, sondern erklärt sich, wenn Thomas als Zwillingsbruder Jesu angesehen wird und deshalb genau über seine Kindheit berichten kann. In einigen Schriften, die sich auf Thomas berufen, wird dieser als Zwillingsbruder Jesu beschrieben – vielleicht weil der Name Thomas auf Aramäisch oder Syrisch Zwilling bedeutet. Diese Sicht gibt es z.B. in den → Thomasakten, aber sie ist wahrscheinlich auch schon im → Thomasevangelium angelegt. Auch im Protevangelium des Jakobus, einem anderen Kindheitsevangelium, gilt ein Bruder Jesu (Jakobus als Sohn Josephs aus erster Ehe) als Autor.

Hinzu kommt noch ein entfernter Anklang an das Thomasevangelium in KThom 10 (vgl. Mirecki, 542): Jesus heilt einen Mann, der sich mit der Axt verletzt hat und fordert ihn dann auf, weiter Holz zu spalten und dabei an ihn zu denken. In EvThom 77 sagt Jesus über seine umfassende Anwesenheit unter anderem: „Spaltet ein Stück Holz – ich bin da.“

Beide Stücke, die Einleitung mit der Nennung von Thomas als Autor und die Heilung des Holzhackers, gehören nicht zum Grundbestand in den ältesten Handschriften des EvThom, sondern bilden eine Erweiterung im Laufe der Überlieferung. Ich vermute, dass bei dieser Überarbeitung eine Verbindung zur Thomastradition bestand, und deshalb gerade Thomas als Gewährsmann eingeführt wurde. Für den Grundbestand gilt diese Beziehung aber nicht.

Eine weitere Frage ist, ob das Kindheitsevangelium nach Thomas einem gnostischen Kontext zuzurechnen ist. Irenäus schreibt die Lehrerepisode und ihre Deutung einer gnostischen Gruppe zu, die spekulative Interpretation von Buchstaben passt dabei inhaltlich gut. Zudem weisen Teile der Handschriften des Kindheitsevangeliums nach Thomas möglicherweise gnostische Elemente auf, so etwa in einer längeren Rede Jesu an seinen Lehrer in KThom 6 in der kirchenslawischen Überlieferung, die in der griechischen Fassung fehlt. Hier ist eine spätere Entfernung von gnostischen Vorstellungen denkbar (vgl. Santos Otero, Evangelium, 173-178). Andererseits sind die meisten möglicherweise gnostischen Elemente keineswegs eindeutig und die Entwicklung des Textes nicht immer klar zu erheben. Es ist auch möglich, dass das Kindheitsevangelium nach Thomas in gnostischen Gruppen rezipiert und überarbeitet wurde. Inhaltlich ist die Grundtendenz nicht festgelegt, die antignostische EpAp kann die Lehrerepisode auch als Beleg für die volle irdische Existenz Jesu verwenden und sich damit von bestimmten gnostischen Erlöservorstellungen abgrenzen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Religion in Gegenwart und Geschichte, 4. Aufl. 2001, Kindheitsevangelien, Band 4, 993
  • Anchor Bible Dictionary, 1992, The Infancy Gospel of Thomas, Band 6, 540-543
  • Theologische Realenzyklopädie, 1978, Apokryphen. II. Apokryphen des Neuen Testaments, Band 3, 316-362 (334-336 zum KThom)

2. Textausgaben und Übersetzungen

  • Burke, T., 2010, De infantia Jesu Evangelium Thomae Graece (CChr.SA 17), Turnhout
  • Cullmann, O., 6. Aufl. 1990, Kindheitsevangelien. 2. Die Kindheitserzählung des Thomas, in: W. Schneemelcher (Hg.), Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, I. Band Evangelien, Tübingen, 349-360
  • Kaiser, U. U., Kindheitserzählung des Thomas, erscheint in: C. Markschies / J. Schröter (Hgg.), Antike christliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, Band 1: Evangelien und Verwandtes (7. Auflage der Neutestamentlichen Apokryphen)
  • de Santos Otero, A., 1967, Das kirchenslavische Evangelium des Thomas (PTS 6), Berlin
  • Schneider, G., 1995, Evangelia infantiae apocrypha. Apokryphe Kindheitsevangelien (FC 18), Freiburg u.a.

3. Weitere Literatur

  • Aasgaard, R., 2009, The Childhood of Jesus. Decoding the Apocryphal Infancy Gospel of Thomas, Eugene, OregonFrickenschmidt, D., 1997, Evangelium als Biographie. Die vier Evangelien im Rahmen antiker Erzählkunst, TANZ 22, Tübingen
  • Kaiser, U. U., 2010, Jesus als Kind. Neuere Forschungen zur Jesusüberlieferung in den apokryphen „Kindheitsevangelien“, in: J. Frey / J. Schröter (Hgg.), Jesus in apokryphen Evangelienüberlieferungen. Beiträge zu außerkanonischen Jesusüberlieferungen aus verschiedenen Sprach- und Kulturkreisen (WUNT 254), Tübingen, 253-269
  • Klauck, H.-J., 2. Aufl. 2005, Apokryphe Evangelien. Eine Einführung, Stuttgart (zum KThom 99-105)
  • Zimmermann, R. (Hg.), Kompendium der frühchristlichen Wundererzählungen. Band 1: Die Wunder Jesu, Gütersloh (erscheint 2012 und enthält mehrere Beiträge zur Kindheitserzählung des Thomas)
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