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Lexikon

Ketura

Ernst Axel Knauf

(erstellt: Jan. 2007)

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1. Zur Person

Ketura (hebr. קטורה qəṭûrāh) ist die dritte Frau → Abrahams (Gen 25,1 || 1Chr 1,32-33) nach → Sara(i) (Gen 11,29) und → Hagar (Gen 16,3), die er nach Hagars endgültiger Vertreibung (Gen 21,8-21) und nach Saras Tod (Gen 23,1-2) und – im narrativen Zusammenhang – unmittelbar vor seinem eigenen Tod (Gen 25,7-8) nimmt. Anhand der zweiten „arabischen” Ehe (nach Gen 16,3) des Patriarchen wird anlässlich dessen Todes noch einmal (vgl. Gen 21,10.12) unterstrichen, dass Abrahams Erbe (die Nachkommenschafts-, Land- und Gottesgegenwart-Verheissungen von Gen 17, → Väterverheissungen) → Isaak zukommt (Gen 25,5), während Hagar (gegen Gen 16,3, aber mit Gen 21,10) und Ketura (gegen Gen 25,1) zu „Nebenfrauen / Konkubinen” werden (so auch 1Chr 1,32 gegen Gen 25,1), deren Nachkommen (also die Stämme und Städte Arabiens, s.u.) von Abraham noch zu dessen Lebzeiten „Geschenke” bekommen, also Abfindungen ohne Anerkennung eines weiteren Erb-Anspruchs auf Seiten der Abgefundenen (vgl. GenR 61 E; im Babylonischen Talmud Sanhedrin 91a; Text Talmud) und „nach Osten” geschickt werden (Gen 25,6), wo sie nach den Angaben Gen 16,12 und Gen 25,18, aber nicht Gen 21,21 auch hingehören. Dass ist andererseits mehr, als Hagar in Gen 21,14 mitgegeben wird. In der rabbinischen Tradition wird die Möglichkeit erörtert, dass Ketura ein Beiname der Hagar sei, die Abraham dann nach Saras Tod zum zweiten Mal geheiratet hätte (vgl. Keuchen).

Während Gen 25,2 deutlich macht, dass die Söhne Keturas sämtlich Söhne Abrahams sind, lässt die Formulierung in 1Chr 1,32 die Vaterschaft der Ketura-Kinder raffiniert offen (mater semper patet, pater latet).

2. Name

„Ketura” ist ein sprechender Name (zu qəṭôret, „Räucherwerk”, incense, keineswegs in jeden Fall der echte Weihrauch, frankincense; bzw. qəṭôrāh (hapax) Dtn 33,10 „Rauchopfer”). Während die Rabbinen an den „weihrauchduftenden” moralischen Charakter von Abrahams letzter Frau denken, steht hinter dem Namen geographisch wohl die „Weihrauchstrasse” von Südostarabien über Südarabien durch Westarabien nach Gaza und über Damaskus nach Phönizien, über Tema bis an den Euphrat, denn die Namen der Ketura-Söhne, soweit sie sich identifizieren lassen, bezeichnen Stämme und Orte entlang dieser Route. In der Geographie der Genesis schließt Ketura damit eine Lücke, die Gen 10 teilweise und Gen 25,12-18 größtenteils offen gelassen haben.

3. Keturas Söhne

Von den Namen der Söhne Keturas (Gen 25,1-4) sind anderweitig belegt und historisch-geographisch in etwa einzuordnen:

1) Midian. → Midian ist die Landschaft in der Nordostecke der arabischen Halbinsel zwischen dem Golf von → Elat und dem Roten Meer, deren Bewohner vom ausgehenden 2. Jt. v. Chr. bis in persische und hellenistische Zeit als Kamelzüchter und Karawanenhändler tätig und bekannt waren. Zusammen mit → Ismaelitern bringen Midianiter → Josef nach Ägypten, und in Midian begegnen sich → Jhwh und → Mose (Ex 3-4). In Ri 6-8 sind die Midianiter reiterkriegerische Kamelnomaden, also nach dem Vorbild Ismaels gezeichnet, und in Ri 8,24 auch so bezeichnet. Durch Ketura werden Ismaeliter und Midianiter Halbbrüder; wenn man der rabbinischen Spekulation über Keturas ersten Namen folgt, sogar Vollbrüder.

2) Medan. Medan ist wohl nichts weiter als die genealogische Apotheose eines (alten!) Textfehlers: Gen 37,36 hat das Ketiv „Medaniter” für „Midianiter” (ähnlich Spr 6,14; Ketiv mdn, Qere mdjn „Streit”).

3) Schuach. Schuach ist das Land Suhu am mittleren Euphrat, die Heimat von Ijobs „Freund” Bildad (Hi 2,11 u.ö.). Der Erstbeleg für Karawanenverkehr aus Saba und → Tema mit Mesopotamien findet sich in den „Annalen von Suhu” um 750 v. Chr.

4) Saba.Saba, die Heimat der legendären, reiselustigen Königin von 1Kön 10, beherrschte von ca. 750 bis 400 v. Chr. die übrigen südarabischen Königreiche und kontrollierte den Verkehr auf der Weihrauchstrasse. In Gen 10,7 (das auf eine wissenschaftliche geographische Quelle des 7. Jh. v. Chr. zurückgeht) sind Saba und Dedan noch Nachkommen von → Kusch (Meroë, Nubien), d.h. werden im ägyptischen kulturellen und politischen Einflussbereich angesetzt. Mit der Beförderung zu Abraham-Enkeln zeigt Gen 25,3 zugleich so etwas wie ein die gesamte Halbinsel umfassendes „panarabisches” Bewusstsein.

5) Dedan. el-‘Ulā, ein „König von → Dedan”, hat sich dort im 6. oder 5. Jh. v. Chr. inschriftlich verewigt (gleichzeitig mit Jer 25,23; Jer 49,8; Ez 25,13; Ez 27,15.20; Ez 38,13). Vom 5. bis 3./2. Jh. herrschten dort Könige von Lihyan, die die dedanische Schrifttradition fortführten. Unter und neben ihrer Herrschaft bestand eine grosse minäische Handelskolonie. Im 2. oder frühen 1. Jh. v. Chr. kam die Region unter nabatäische Herrschaft, Zentrum wurde Hegra im Norden der Oase von Dedan.

6) Efa. Midians Sohn bzw. Keturas Enkel Efa erscheint bei → Sargon II. 716/715 v. Chr. in der Namensform Cha-ia-pa-a (< ‘Aj(j)āpa / Ġaj(j)āpa der Anlaut kann ebenso gut Ayin wie Ghayin sein); neben Midian noch Jes 60,6 explizit genannt.

7) Efer. Die midianitische Sippe Efer hat vielleicht im Bereich des heutigen Ṭajjib el-Ism gewohnt nach der Regel, dass vorarabische Ortsnamen von der Wurzel ‘pr wegen des Anklanges an das Wort ‘Ifrît „Dämon” apotropäisch umschrieben werden: „der/die Gute, von gutem Namen”.

8) Henoch. Wenig, und noch weniger Sicheres lässt sich zum Rest der Ketura-Söhne sagen. → Henoch, ein weiterer midianitischer Clan, lässt sich vielleicht mit → Kains Erstgeborenem verbinden, dem Städtebauer (Gen 4,17), der in der → Priesterschrift in Gen 5,18-24 die lichtvolle Ausnahme in der Unheilsgeschichte von → Adam bis → Noah bildet und entrückt wird. Der Name dieses Himmelsreisenden unter den Söhnen Midians könnte in diesem Kontext an die sprichwörtlich Weisheit der „Söhne des Ostens” erinnern. Auch ein Sohn Rubens (also wieder eines transjordanischen Stammes) trägt diesen Namen (Gen 46,9 u.ö.). Neben der innerbiblischen Herleitung der Gestalt ist auch eine arabische möglich: in den lihyanischen Inschriften aus Dedan und Umgebung sind auch Angehörige des damals weit verzweigten Handelshauses oder -stammes der Achnukāt belegt.

9) Simran. Zu Simran (hebr. zimrān) hat man das Zabram (< *Zamrām?) des Claudius Ptolemäus verglichen, an der Küste Arabiens westlich von Mekka. Man könnte auch an Zimrīn im Hauran denken, das an der Strasse von Bostra über den Bereich der Jordanquellen nach Sidon lag, also einer möglichen Seitenroute der Weihrauchstrasse. Im 5. bis 3. Jh. v. Chr. lag der Ort im Streif- und Herrschaftsgebiet der Ituräer, also des Ismael-Sohnes Jetur. Die „Könige von Zimri” (Jer 25,25) tragen wenig zur Erhellung bei, da sie ihrerseits rätselhaft sind (aber deshalb kann Jer 25 dennoch eine der „Quellen” von Gen 25,1-4 sein).

10) Jokschan. Jokschan, sonst unbelegt, kann nicht einfach mit Joktan (Gen 10,25-29) gleichgesetzt werden, obwohl sich auch unter dessen Nachfahren Saba (und Hadramaut) befinden (Gen 10,26-27). Als gemeinsamer Vater, d.i. geographischer Mittelpunkt von Saba und Dedan ersetzt Joktan hier Ragma von Gen 10,7, das mit der Stadt Ragmat / Nagrān zu identifizieren ist.

11) Weitere. Abida, Eldaah und Jischbak, sonst unbekannt, zeigen, dass unsere Kenntnis auch nur des geographischen und ethnographischen Weltbildes der biblischen Autoren durchaus lückenhaft ist. Über etymologische Spekulationen hinaus lässt sich auch über die Dedan-Söhne, die Aschuriter, Letuschiter und Lëummiter (Gen 25,3) nichts sagen (das sah wohl schon die Chronik so, die diese Namen kurzerhand weglässt). Wie solche Spekulationen aussehen, mag die tabellarische Gegenüberstellung zweier Versuche zeigen:

Aschuriter: Bauern/Krieger (Albright 1953) – Syrische Kolonie (Winnett 1970)

Letuschiter: Handwerker (Albright 1953) – Einheimische Araber (Winnett 1970)

Lëummiter: Stammesbrüder (Albright 1953) – andere / gemischte Bevölkerungsteile (Winnett 1970).

Es ist auch nicht zwingend nötig, dass hinter jedem Namen der Liste eine historische Realität steht. Nicht nur, aber auch aus mnemotechnischen Gründen (vgl. den reimenden Vokalismus der Dedan-Söhne!) wurde ein realer Kern dieser Listen möglicherweise um fiktive, aber gut klingende Namen derart erweitert, dass Ketura nun insgesamt 6 Söhne und 10 Enkel hat.

4. Redaktionsgeschichtliches

Die Ketura-Perikope setzt die um Gen 21 erweiterte, nach-priesterliche Tora voraus; sie wird darum in die unmittelbare Nähe der Tora-Schlussredaktion um 400 v. Chr. gehören. Die Minäer in Dedan kennt sie noch nicht, sondern nur die Sabäer, die ihnen vorangingen. Umso bemerkens- und bedenkenswerter bleibt, dass dieser letzte Nachtrag zu den „arabischen Genealogien” der Genesis nach den Ismaelitern, die es seit der vor-priesterschriftlichen Erzählung Gen 16 waren, nun auch die Midianiter zu Söhnen Abrahams macht, obwohl diese von Num 25 bis zu Ps 83 zu Israels erbitterten Feinden gezählt werden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

(„Araber“ / „Arabien“ / „Arabia“)

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998ff.
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 20

2. Weitere Literatur

  • Albright, W. F., 1953, Dedan: in: Geschichte und Altes Testament (FS A. Alt; BHTh 16) Tübingen, 1-12.
  • Cavigneaux, A. / Ismail, B.K., 1990, Die Statthalter von Suhu und Mari im 8. Jh. v. Chr.: Bagdader Mitteilungen 21, 321-455.
  • Keuchen, M., 2006, Ketura oder Alles eine Frage der Reihenfolge; in: dies. / H. Kuhlmann / H. Schroeter-Wittke (Hgg.), Die besten Nebenrollen. 50 Porträts biblischer Randfiguren (Leipzig), 81-87.
  • Knauf, E. A., 1988, Midian. Untersuchungen zur Geschichte Palästinas und Nordarabiens am Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. (Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins), Wiesbaden.
  • Knauf, E. A., 1989, Ismael. Untersuchungen zur Geschichte Palästinas und Nordarabiens im l. Jahrtausend v. Chr. 2., erweiterte Auflage (Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins), Wiesbaden.
  • Knauf, E. A., 1994, Südarabien, Nordarabien und die Hebräische Bibel; in: N. Nebes (Hg.), Arabia Felix. Beiträge zur Sprache und Kultur des vorislamischen Arabien (FS W.W. Müller), Wiesbaden, 115-122.
  • Winnett, F. V. 1970 The Arabian Genealogies in the Book of Genesis; in: H.T. Frank / W.L. Reed (Hgg.), Translating & Understanding the Old Testament (FS H.G. May), Nas

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