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Lexikon

Kefira

Andere Schreibweise: Kefire ; Chephirah (engl.)

Klaus Koenen

(erstellt: Nov. 2015)

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1. Name

 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet Kefīre / Kefira.

Der Name Kefira (כְּפִירָה kəfîrāh), der mit und ohne Artikel verwendet wird (mit: Jos 9,17; Jos 18,26; ohne: Esr 2,25; Neh 7,29), geht wohl auf כֹּפֶר kofær bzw. כָּפָר kāfār „mauerlose Siedlung / Dorf“ zurück. Er charakterisiert den Ort also als dörfliche Niederlassung (vgl. den Ortsnamen kpjrj in der Inschrift → Panamuwas I. in KAI 214, 10).

Eine Deutung als Femininform von כְּפִיר kəfîr „Junglöwe“, also als „Junglöwin“ (so Bauer), ist zwar möglich, liegt jedoch nicht nahe. Die „Herrin der Löwen“ genannte Absenderin zweier → Amarnabriefe (EA 273; 274) war kaum eine Herrscherin von Chirbet Kefīre / Kefira, da der Ort nach dem archäologischen Befund in der Spätbronzezeit, aus der die Briefe stammen, noch nicht existierte.

Die → Septuaginta gibt den Namen mit Κεφιρα Kephira, Χεφιρα Chephira oder Καφιρα Kaphira wieder, Euseb mit Χεφειρα Chepheira (Eusebs Onomastikon 172, 15). Die → Vulgata wählt an allen vier Belegstellen eine andere Schreibweise: Caphira, Cafera, Caephira und Cephira.

2. Biblische Belege

In der Bibel erfahren wir über den nur an vier Stellen erwähnten Ort Kefira wenig. Jos 9,3-27 erzählt von den Bewohnern von → Gibeon, Kefira, → Beerot und → Kirjat Jearim, dass sie in vorstaatlicher Zeit von → Josua, obwohl sie in Palästina lebende → Hiwiter waren (Jos 9,7) und nach Dtn 20,17 als solche hätten getötet werden müssen, nicht getötet worden waren, weil sie vorgegeben hatten, aus einem sehr fernen Land angereist zu sein. Josua schloss daraufhin einen → Bund mit ihnen, an den sich Israel auch noch gebunden fühlte, nachdem die List aufgeflogen war. So durften die Bewohner dieser Städte am Leben bleiben, mussten jedoch am Altar Jahwes als Holzhacker und Wasserträger dienen (Jos 9,27). Nach der Ansiedlung der Stämme Israels zählt Jos 18,26 Kefira zu den „Städten“ Benjamins. In nachexilischer Zeit sprechen auch die → Heimkehrerlisten für eine Nähe Kefiras zu Beerot und Kirjat Jearim, da diese drei Orte auch hier zusammen erwähnt werden (Esr 2,25; Neh 7,29).

3. Identifizierung und Lage

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 2 Blick von Osten auf Chirbet Kefīre.

Wegen der Namensgleichheit wird das biblische Kefira mit Chirbet Kefīre, 12km westnordwestlich von Jerusalem und 7km westsüdwestlich von → Gibeon, identifiziert (16020.13755; N 31° 49' 51'', E 35° 06' 22''). Die Ortslage ist strategisch äußerst wichtig. Sie liegt nämlich auf einer Höhe von 774m ü.M. am Ende eines langen nach Westen gerichteten Bergsporns, der im Norden und Süden von zwei tiefen → Wadis umgeben ist, die sich im Westen des Sporns vereinen, so dass der Ort nur von Osten her zugänglich ist. Von Chirbet Kefīre aus hat man eine weite Aussicht auf das westliche Vorland Jerusalems bis hin zur Küstenebene samt seinen wichtigen Verkehrsstraßen, so dass man dieses Gebiet gut kontrollieren kann; zugleich hat man eine schnelle Verbindung nach Osten ins Landesinnere.

Zu dem heute am Rand der Westbank gelegenen Ort gelangt man nur von Osten. In el-Qubēba nimmt mandie Abzweigung nach Qaṭanne (600 ü.M.), einem Ort, der tief im Tal liegt, während Chirbet Kefīre auf dem Berg thront. Nach genau 1km biegt von der Straße nach Qaṭanne ein Weg nach rechts, der nach 2km bei der → Chirbe endet.

4. Geschichte

Aus: K.J.H. Vriezen, *Ḫirbet Kefīre* – eine Oberflächenuntersuchung, ZDPV 91 (1975), 135-158, ohne Seitenzahl nach S. 136 (bearbeitet von Klaus Koenen)

Abb. 3 Die Karte zeigt die Unterstadt und die östlich angrenzende Zitadelle von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II).

Auf Chirbet Kefīre wurden trotz der gewaltigen und damit vielversprechenden Mauerreste nie Ausgrabungen durchgeführt, sondern nur Oberflächenuntersuchungen (Vriezen 1975, 135-158; ders. 1977, 412-416; Finkelstein / Magen, 209-211.41*). Aus der Frühbronzezeit und der → Eisenzeit I fanden sich nur sehr wenige Scherben, aus der Mittel- und Spätbronzezeit gar keine. Eine Stadt, wie sie Jos 9 für die vorstaatliche Zeit voraussetzt, lässt sich somit nicht belegen. Nach dem Keramikbefund war der Ort erst in der Eisenzeit II besiedelt und diese Phase war die wichtigste seiner Geschichte (81% der Oberflächenkeramik). Aus persischer Zeit stammen nur einzelne Scherben, in hellenistischer und römischer Zeit war der Ort wieder stärker besiedelt (13% der Oberflächenkeramik). Geringe Keramikreste zeugen von einer sehr dünnen Besiedlung in byzantinischer (2%) und ottomanischer (3%) Zeit.

 © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 4 Abschnitt der Mauer der Unterstadt von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II).

4.1. Eisenzeit II. Die Befestigungsanlagen von Unter- und Oberstadt zeugen von einem blühenden, 1,2 Hektar großen Ort der → Eisenzeit II. Die Unterstadt ist halbkreisförmig angelegt (136 x 83m) und im nach Westen abfallenden Gelände terrassiert. Sie war von einer 2-2,5m dicken Mauer mit sechs nach außen vorspringenden Türmen (9-13 x 4,5-5m) umgeben, von denen zumindest Turm 2 auch als Stadttor diente. Verwendet wurden für die Bauten geringfügig behauene, zum Teil in Läufer-Binder-Technik gesetzte Quadersteine. Die Mauer ist über weite Strecken nicht nur gut sichtbar, sondern steht noch bis zu 2,5m hoch an – allerdings ist sie im Zuge neuzeitlicher militärischer Befestigungen, zu denen auch parallel verlaufende Schützengräben gehören, stellenweise ausgebessert und erhöht worden.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 5 Die Mauer und ein nach außen vorspringender Turm der Unterstadt von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II).

Die hoch aufragende Oberstadt (85 x 35m), in der sich Reste eines rechteckigen Gebäudes ausmachen ließen, ist von einer eigenen Mauer umgeben. Diese Zitadelle schließt östlich an die Geradseite des Halbkreises der Unterstadt an und war von dieser durch ein Tor im südlichen Mauerabschnitt zugänglich. Im nördlichen Abschnitt der West-Mauer befand sich eine Zisterne, die für die Wasserversorgung wichtig war, da die nächste Quelle 150m tiefer im Tal im heutigen Qaṭanne liegt. Drei Felskammergräber liegen an der Straße, auf der man zur Chirbe gelangt, 110-160m von der nordöstlichen Mauerecke entfernt. Zwei Henkel mit Königsstempeln (→ Eisenzeit II) lassen vermuten, dass der Ort – zumindest in der Hiskiazeit (→ Hiskia) – als Grenzposten Judas fungierte.

4.2. Spätere Zeiten. Eine zweite Blüte erlebte der Ort in hellenistischer Zeit. Die Befestigungsanlage wurde durch drei Rundtürme an der Ostseite der Zitadelle erneuert. Die Steine mit grobem Randschlag und weit vorspringenden Bossen weisen eine andere Bauart auf, und der mittlere Turm 8 steht auf dem Osteingang eines älteren rechteckigen Gebäudes, dessen Mauern er schneidet. Fünf große, in einer Reihe angelegte Zisternen (ca. 10x5x5m) befinden sich ca. 50 m südsüdwestlich von Turm 6 (Eshel / Amit 1991, 56-59; dies. 2002, 417-422). Aus römischer Zeit stammt wohl ein schlecht erhaltenes Columbarium am Südhang unterhalb der Chirbe.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992 (Chephirah)
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / New York / Boston 2009ff (Chephirah)

2. Weitere Literatur

  • Amit, D. / Eshel, H., The Second Temple Water Supply System of Ḥorvat Kefira, Qadmoniot 24 (1991), 56-59 [hebr.]
  • Amit, D. / Eshel, H., The Water Supply System of Ḥorvat Kefira, in: D. Amit / J. Patrich / Y. Hirschfeld (Hgg.), The Aqueducts of Israel, Portsmouth 2002, 417-422
  • Bagatti, B., I monumenti di Emmaus el-Qubeibeh e dei Dintorni (PSBF 4), Jerusalem 1947 (S. 200-202)
  • Bauer, H., Die „Löwenherrin“ der Amarna-Briefe Nrr. 273 und 274, ZDMG 74 (1920), 210f.
  • Bloch-Smith, E., Judahite Burial Practices and Beliefs about the Dead (JSOT.S 123), Sheffield 1992 (S. 239)
  • Finkelstein, I. / Magen, Y. (Hgg.), Archaeological Survey of the Hill Country of Benjamin, Jerusalem 1993, Nr. 263
  • Lux, U., Khirbet Kefire, AfO 27 (1980), 237-238
  • Vriezen, K.J.H., Ḫirbet Kefīre – eine Oberflächenuntersuchung, ZDPV 91 (1975), 135-158
  • Vriezen, K.J.H., Khirbet Kefire, RB 84 (1977), 412-416

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Chirbet Kefīre / Kefira.

    © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

  • Abb. 2 Blick von Osten auf Chirbet Kefīre.

    © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

  • Abb. 3 Die Karte zeigt die Unterstadt und die östlich angrenzende Zitadelle von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II).

    Aus: K.J.H. Vriezen, Ḫirbet Kefīre – eine Oberflächenuntersuchung, ZDPV 91 (1975), 135-158, ohne Seitenzahl nach S. 136 (bearbeitet von Klaus Koenen)

  • Abb. 4 Abschnitt der Mauer der Unterstadt von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

  • Abb. 5 Die Mauer und ein nach außen vorspringender Turm der Unterstadt von Chirbet Kefīre (Eisenzeit II). © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

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