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Lexikon

Kedor-Laomer

Andere Schreibweise: Kedorlaomer ; Chedorlaomer

Benjamin Ziemer

(erstellt: Nov. 2010)

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Andere Schreibweisen: Kedorlaomer, Chedorlaomer

1. Die Erzählung in Gen 14

Kedor-Laomer hieß nach Gen 14 ein König von → Elam zur Zeit Abrams / Abrahams, der an der Spitze einer Koalition von vier Großkönigen (mit → Amrafel, → Arjoch und → Tidal) einen Vormachtsanspruch im Ostjordanland durchzusetzen suchte. Ausführlich wird ein Straffeldzug gegen eine nach langjähriger Abhängigkeit abtrünnige Koalition von fünf sagenhaften Stadtkönigen (→ Sodom und Gomorra) der Gegend um den südlichen Jordangraben geschildert. Während in der kanonischen Genesis lediglich die Dauer der vergangenen Abhängigkeit von Kedor-Laomer und das Jahr des Abfallens genannt wird (Gen 14,4), berichtet das → Genesis-Apokryphon in Gen 21,23-26 ausdrücklich von einem ersten Kriegszug der genannten Koalition, in dessen Folge Kedor-Laomer den fünf Städten seinen Tribut auferlegt habe. Auf dem Anmarschweg des Straffeldzugs vernichtet Kedor-Laomer mehrere sagenhafte Urvölker des Ostjordanlandes (→ Emiter) und schafft damit (von Nord nach Süd) Raum für die spätere Ansiedlung der ostjordanischen Stämme Israels sowie der → Ammoniter, → Moabiter und → Edomiter. Dass Kedor-Laomer in Sodom → Lot gefangen genommen hat, veranlasst dessen Verwandten Abram (→ Abraham) zum Eingreifen. Mit seinen Gefolgsleuten von Mamre bei → Hebron kommend, verfolgt er Kedor-Laomer auf dessen Rückzug nach Norden bis nach → Dan, wo er ihn schlägt und ihm seine Beute abnimmt. Dabei durchmisst er das ganze nachmalige westjordanische Siedlungsgebiet Israels. Am Schluss des Kapitels geht es um die Verhältnisbestimmung zwischen Abram, dem Priesterkönig Melchisedek und dem König von Sodom.

2. Der Name Kedor-Laomer

Der Name Kedor-Laomer (כדר־לעמר kədår-lā‘omær bzw. כדרלעמר kədårlā‘omær) ist nur in Gen 14,1.4.5.9.17 belegt. Außerbiblisch ist er nicht bezeugt, auch nicht in den bisweilen als „Kedorlaomer-Texte“ (Jeremias) zitierten Spartoli-Tafeln aus dem 2. Jh. v. Chr. (Emerton, 1971a). Falls er, was sich vom Kontext her nahelegt, eigens für die in Gen 14 vorliegende Erzählung konstruiert worden ist (Görg), war der Verfasser zumindest in der Lage, einen elamisch klingenden Namen zu bilden. Dessen Bedeutung wäre (Hinz, 9): „Die [Göttin] Lagamar ist eine Schützerin“ (elamisch kuter / kudur = „Hirte“ [vgl. die elamischen Königsnamen Kudur- / Kuter- / Kutir-Nahhunte]; Laqamar / Lagamar = Name einer Gottheit [vgl. den elam. Königsnamen Schilhina-Hamru-Lagamar]).

Exkurs zur Orthographie: כדר־לעמר kədår-lā‘omær bzw. כדרלעמר kədårlā’omær. Die hebräische und aramäische Textüberlieferung des aus zwei Wörtern bestehenden Namens schwankt zwischen Getrennt- (Samaritanus, Targum Onkelos und Neofiti) und Zusammenschreibung (→ Genesis-Apokryphon, → Targum Pseudo-Jonathan, → Peschitta), vgl. bereits die Diskussion im Babylonischen Talmud, Traktat Chullin 65a (Text Talmud 2). Es handelt sich um einen der äußerst seltenen Fälle, in denen auch die Ben-Ascher-Tradition uneinheitlich ist (vgl. G.E.Weil, Biblia Hebraica Stuttgartensia, S. VII, Anm. 7).

Ausschnitt aus fol. 8r, http://www.seforimonline.org/seforimdb/pdf/264.pdf

Abb. 1 Schreibweise „Kedor-Laomer“ im Codex L in Gen 14,17.

Im Codex Petropolitanus (L) ist der Name in Gen 14,1.4.5.9 als nur ein Wort (כדרלעמר kədårlā‘omær), dagegen in Gen 14,17 als zwei Wörter zu lesen (כדר־לעמר kədår-lā‘omær). Letzteres ist (gegen Dotan, Biblia Hebraica Leningradensia, und Gesenius, 18. Aufl.) in der Handschrift, in der die Wörter sehr eng beieinander stehen und der Maqqef-Strich oft kaum zu sehen ist (vgl. וּמַלְכִּי־צֶדֶק ûmalkî-ṣædæq „Melchi-Sedek“ drei Zeilen weiter), durch das Fehlen des Schwa unter dem Resch eindeutig (s. Abb. 1).

Ausschnitt aus fol. 7v, http://www.seforimonline.org/seforimdb/pdf/264.pdf

Abb. 2 Schreibweise „Kedorlaomer“ im Codex L in Gen 14,4f.

Die Lesung als ein Wort in V.4 und 5 dagegen wird, trotz des deutlichen Abstandes zwischen ר und ל, durch die Vokalisation und das Fehlen eines Maqqef angezeigt (s. Abb. 2).

Eine zweite, ebenfalls von Schemuel ben Jaakob, dem Schreiber des Codex L, angefertigte Handschrift (מל bei Breuer = Ms. Lehmann, früher Gottheil 14) liest denselben Namen in Gen 14,5 als zwei Wörter, dafür in Gen 14,17 als ein Wort; andere Musterhandschriften schreiben den Namen immer getrennt oder immer zusammen. Ähnlich divergierend verfuhren die maßgebenden frühen Druckausgaben (Breuer, 6; Ginsburg, 202-205.737f.). Dennoch hat die durch die Vokalisierung angezeigte Getrenntschreibung von Kedor-Laomer im Codex L in Gen 14,17 die einzige die Wortabgrenzung betreffende Differenz der Biblia Hebraica Stuttgartensia zu anderen modernen Textausgaben im Bereich der Genesis zur Folge (Koren-Bibel und Jerusalem Crown haben jeweils 20612 Wörter, Biblia Hebraica Stuttgartensiav hat 20613 Wörter).

3. Die Frage der Historizität der Erzählung

Das, was Gen 14 von der übrigen Erzelterngeschichte trennt, die Kriegsthematik sowie die Fülle an Orts- und Personennamen, sind gängige Kennzeichen altorientalischer Geschichtsschreibung, so dass sich die Frage nach der möglichen Historizität des Berichteten nahelegt.

3.1. Die Konstellation der Gegner

Das Reich Kedor-Laomers, → Elam, ist das einzige der insgesamt zehn in Gen 14,1.2.18 genannten Königreiche, dessen Identität historisch unumstritten ist. Die Reiche seiner Verbündeten, Schinar, Ellasar und „Völker“, sind dagegen, ebenso wie Salem, das Reich Melchisedeks, verschieden deutbar, auch wenn die traditionelle Identifizierung Schinars mit Babylon und Salems mit Jerusalem sicher beabsichtigt ist.

Doch die Gegner Kedor-Laomers, die fünf Städte unter Führung des Königs von → Sodom, sind literarische Fiktion, da zwei aus biblischer Literatur bekannte Paare untergegangener Städte (zu Sodom und Gomorrha vgl. Gen 19,24; Dtn 32,32; Jes 1,9f u.ö.; zu Adma und Zebojim vgl. Hos 11,8; alle vier Städte: Gen 10,19; Dtn 29,22) durch „Bela“ (= „Verschlingung“; → Zoar) zu einer Fünfzahl untergehender Städte verbunden werden (Gen 14,2.8).

Auch die mythischen Namen der ostjordanischen Völkerschaften, die Kedor-Laomer geschlagen haben soll (Refaim, Susiter, → Emiter, Horiter) verdanken sich kaum historischen Quellen, weisen aber auf das antiquarische Interesse des Verfassers hin.

Demgegenüber erwecken die Namen der vier Großkönige, → Arjoch, → Amrafel, Kedor-Laomer und → Tidal, den Anschein historischer Glaubwürdigkeit, da sie je für sich genommen gut in verschiedene historische Perioden des 2. Jahrtausends v. Chr. passen würden, also in die Zeit, in die der Verfasser von Gen 14* Abram hineinstellen will (de Vaux; Margalith). Auch ein Feldzug, der vom Norden aus das Ostjordanland verheert und die großen, der Nachwelt kaum erklärlichen frühbronzezeitlichen Ruinenstätten hinterlassen haben soll, erscheint aus archäologischer Sicht nicht undenkbar (Worschech, 81-83).

Wenn allerdings die Nachricht von einem solchen Feldzug und einige der Gen 14,1f genannten Namen auf historische Überlieferung zurückgehen sollten, stellt sich die Frage nach dem Rahmen der Überlieferung. Eine lokale mündliche Tradition hätte kaum über einen so langen Zeitraum so viele Namen zuverlässig überliefern können. Bei einer Tradierung im Archiv eines der beteiligten Königreiche wären auch für die Gegner Kedor-Laomers Orts- und Personennamen zu erwarten, die sich in das historische Bild der Epoche einordnen lassen.

Da es historisch verbürgte Parallelen allenfalls zu Einzelzügen des Berichteten gibt, muss der Bericht im Ganzen als gelehrte Konstruktion begriffen werden. Er füllt mehrere Lücken im biblischen Erzähltext. Das betrifft die Vorgeschichte des Ostjordanlandes (Kallai; Ziemer) ebenso wie die historiographische Einordnung der Erzeltern (de Vaux; Donner). Gen 14 stellt insgesamt eine beeindruckende Synthese mesopotamischer und israelitischer Gelehrsamkeit dar.

3.2. Die „Kedorlaomer-Texte“

Der König von Elam als Anführer eines Straffeldzugs gegen frevelhafte Könige ist ein allgemeiner literarischer Topos, der historisch in mehreren Raub- und Eroberungszügen der Elamer nach Mesopotamien, unter Kuter-Nahhunte I. (18. Jh. v. Chr.) und unter Kutir-Nahhunte (12. Jh. v. Chr.), begründet ist (vgl. bereits die Rolle der Elamer in der „Klage über die Zerstörung von Ur“ [vgl. TUAT II/5, 703] und in „Enki und die Weltordnung“ [TUAT III/3, 402]; Texte aus Mesopotamien). Zu diesem Topos gehört auch die triumphale Rückführung der elamischen Beute: Nebukadnezar I. von Babylon (12. Jh. v. Chr.) rühmte sich, eine Marduk-Statue aus Elam zurückgeholt zu haben (das Fragment einer Abschrift seines Berichts ist in der Bibliothek des neuassyrischen Königs → Assurbanipal [7. Jh. v. Chr.] gefunden worden; vgl. auch die Marduk-Prophetie, TUAT II/1, 65-68). Derselbe Assurbanipal reklamierte gar, nach 1635 Jahren die Statue der Göttin Nanai-Ischtar aus Elam zurückgebracht zu haben (vgl. Jeremias, 76-79). Auch vom Beutezug Kedor-Laomers wird in Gen 14 nur berichtet, um anschließend erzählen zu können, wie Abram dem König von Elam unverzüglich dessen gesamte Beute, einschließlich seines Neffen Lot, abnimmt und sie, nachdem er dem Heiligtum von Salem (nämlich Jerusalem) die gebührende Referenz erwiesen hat, ihren rechtmäßigen Besitzern zurückerstattet.

Von der Art der Quellen, die dem Verfasser zur Verfügung gestanden haben könnten, vermögen die oft als „Kedorlaomer-Texte“ bezeichneten spätbabylonischen Texte aus der Sammlung Spartoli (Text 1: Sp. III, 2; Text 2: Sp. 158 + Sp. II, 962; Text 3: Sp. II, 987; 3.-2. Jh. v. Chr.; die literarische Vorlage stammt nach Astour aus dem 7. Jh. v. Chr.) ein Bild zu vermitteln. In diesen epischen Fragmenten wird neben einem „Kutur-Nachunte“ von Elam und einem „Eri-aku“ (Lesung jeweils umstritten) auch ein „Tudchula“ als Plünderer Babylons aufgezählt, was natürlich neben Kedor-Laomer an Arioch und Tidal in Gen 14,1 denken lässt, so dass „der hebräische Schriftsteller für seine historische Einleitung aus denselben historischen Quellen geschöpft haben wird, wie der babylonische Dichter“ (Jeremias, 97).

Allerdings geht es dem Verfasser von Gen 14 nicht um einen Feldzug Kedor-Laomers gegen Babylon (so Astour), da der vom König von Elam angeführten Koalition mit → Amrafel von Schinar auch ein Vertreter Babylons hinzugesellt wird. Opfer des Straffeldzugs ist die Sodom-Koalition, die in der Erzählung entsprechend Gen 13 und Gen 18f. mit Lot und dadurch mit dem Schicksal des Ostjordanlandes verbunden ist. Da der Schauplatz des Geschehens Palästina ist, beschränken sich die Bezüge zu den mesopotamischen Quellen auf die Rahmenhandlung – Beutezug gegen Frevelkönige, anschließende Rückgewinnung der Beute, Rückerstattung an die rechtmäßigen Besitzer – und auf die Namenswahl.

3.3. Konstruierte Namen in Gen 14

Der Verfasser hat für das durch eine Fülle an Namen hervorstechende Kapitel in den meisten Fällen historisch plausibel klingende Namen gewählt, wobei er sich für die lokalen Namen an biblischen Nachrichten orientiert hat (zu den Völkerschaften des Ostjordanlandes vgl. Dtn 1-3, zu Melchisedek vgl. Adonizedek Jos 10,1.3 [Mathys 2007, 238], zu Schalem vgl. Ps 76,3, zur Sodom-Koalition vgl. Gen 10,19; Dtn 29,22).

Für die Könige der fünf Städte um Sodom hat der Verfasser sprechende Spottnamen gebildet (→ Humor 3.2.1.), die gar nicht den Anschein erwecken wollen, historisch zu sein, sondern auf ihren bevorstehenden Untergang hinweisen. Bera = „Durch Bosheit” heißt der König von Sodom und Birscha = „Durch Frevel” der von Gomorrha (Mathys 2007, 230). Die Namen der Könige von Adma und Zebojim, Schinab = „Den Vater hassend“ oder „Schlaf des Vaters“ und Schemabad (so mit Samaritanus und Genesis-Apokryphon wahrscheinlich der ursprüngliche Text; MT Schemeber verwechselt ד und ר) = „Der Name ist zugrunde gegangen“ (ebd.) dürften satirisch auf die Entstehung der Moabiter und Ammoniter nach Gen 19,37.38 anspielen (zu diesen Namensdeutungen vgl. bereits Targum Pseudo-Jonathan [Text Targumim], wo auch „Schemeber“ als sprechender Name gedeutet wird). Gerade die offensichtliche Künstlichkeit dieser Namen sollte den Schlüssel zum Verständnis der Namensbildung „Kedor-Laomer“ bilden.

Die Namen der drei Könige, die mit Kedor-Laomer ziehen, beginnen mit dem ersten und letzten Buchstaben des hebräischen Alphabets (א und ת), so wie die vier Königsnamen der Sodomkoalition (der Fünfte bleibt namenlos) mit dem zweiten und vorletzten Buchstaben des hebräischen Alphabets beginnen (ב und ש). Die Bildung nach dem „Atbasch“-Prinzip (→ Alphabet) zeigt, dass die Namen bewusst nach ihren Anfangsbuchstaben gewählt bzw. konstruiert worden sind.

© Benjamin Ziemer

Abb. 3 Abram als Akronym der Personen- und Völkernamen von Gen 14.

Die dritte Namensreihe, die der unterlegenen Völkerschaften (Gen 14,5-7), setzt das Alphabet nicht fort, sondern wird mit dem drittletzten Buchstaben, ר in Refaim, eröffnet. Nur noch ein Königreich wird danach neu eingeführt, das als einziges nicht in den Krieg verwickelt ist, wozu dessen an שָׁלוֹם „Friede“, anklingender Name „Salem“ passt. Dessen König ist der zehnte in Gen 14, er segnet Abram und erhält von ihm den Zehnten (Gen 14,18-20). Sein Name, Melchisedek, beginnt mit dem zehntletzten Buchstaben des Alphabets, מ. Dadurch ergibt die mit dem „Atbasch“ begonnene Reihe der Namen von Königen und Völkern in Gen 14 ein Akronym des Namens Abram אברם ’brm: Amrafel, der erste der Großkönige – Bera, der erste der angegriffenen Könige – Refaim, das erste der angegriffenen Völker – Melchisedek.

Dass ein solches System nicht völlig isoliert dasteht, zeigen u.a. die nach ähnlichen Prinzipien für die Freunde Hiobs gewählten Personen- und Ortsnamen. Der Name → Hiob, der mit א beginnt und mit ב endet, bietet sich ähnlich wie der Name Abram als Ausgangspunkt für solche Buchstabenspiele an. Tatsächlich beginnen die Namen der ersten beiden Freunde Hiobs und ihrer Herkunftsorte, → Elifas (א) von Teman (ת) und → Bildad (ב) von Schuach (ש), mit dem ersten und letzten Buchstaben des Namens איוב Hiob und dem jeweiligen Komplementärbuchstaben nach dem Atbasch, während der Name des dritten Freundes, Zofars des Naamatiters (צוֹפַר הַנַּעֲמָתִי), so beginnt, wie der Herkunftsort Hiobs, Uz (עוץ), endet.

So fehlt nur noch die Erklärung des Namens „Kedor-Laomer“, zwischen den mit א und ת beginnenden Namen der anderen Großkönige. Für die beiden Teile des Namens werden, vielleicht ausgehend vom Namen Lots, als Anfangsbuchstaben die beiden mittleren Buchstaben des Alphabets, כ und ל, gewählt, die sich ebenfalls nach dem „Atbasch“ entsprechen. Während der Name Abrams, des Hauptakteurs in Gen 14,13-24, für den Verfasser von vornherein als Held der Erzählung feststand und als Akronym in den Anfangsbuchstaben der anderen Akteure untergebracht wird, erscheint der elamisch klingende Name Kedor-Laomers, des Hauptakteurs der Kriegsgeschichte in Gen 14,1-12, nun kunstvoll aus den Endbuchstaben der beiden ersten und der beiden letzten in Gen 14,1f. genannten Kriegsparteien, d.h. jeweils der Könige und ihrer Königreiche, zusammengesetzt: Die vier äußeren Buchstaben (*kdr*-*l‘mr*) entsprechen den Endbuchstaben von Arjoch / Arjok (כ) von Ellasar (ר) und Amrafel (ל) von Schinar (ר), die drei inneren Buchstaben (*kdr-l‘mr*) den Endbuchstaben von Schemabad (ד) von Zebojim (מ) und dem anonymen König von Bela (ע).

Für die historische Wahrscheinlichkeit derartig raffinierter Buchstabenspiele in der westsemitischen Schriftkultur ist, außer auf das Ostrakon aus ‘Izbet Ṣarṭa (→ ‘Izbet Ṣarṭa [Izbet Sarta]) aus vorexilischer Zeit [dazu zuletzt Korpel] und die „Atbasch“-Namen לב קמי lb qmj für כשדים „Chaldäer“ und ששך ššk für בבל „Babel“ im Jeremiabuch (Jer 25,26; Jer 51,1.41), auf die (spätestens) aus dem 4. Jh. v. Chr. stammenden magischen Quadrate in Sidon (Mathys 2008) zu verweisen.

4. Die Entstehung von Gen 14

Meist wird eine mehrphasige Entstehung von Gen 14 angenommen. Als selbstverständlich sollte gelten, dass der Text im Zuge der redaktionellen Einbindung in den Pentateuch überarbeitet worden ist. Einige identifizierende Glossen fehlten noch in der Vorlage des Genesis-Apokryphon. Diese dienen durchweg der besseren Verankerung des Textes im pentateuchischen Erzählzusammenhang: Bela „ist Zoar“ (Gen 14,2.8), das Tal Siddim „ist das Salzmeer“ (Gen 14,3), En-Mischpat „ist → Kadesch“ (Gen 14,7). Diese Glossen haben aber an der Struktur der Erzählung nichts geändert.

Weitergehende literarkritische Hypothesen sehen den Kern des Kapitels entweder im Feldzugsbericht Gen 14,1-12 (Ruppert), in der Heldenlegende Gen 14,13-17.21-24 (Westermann) oder in der Melchisedek-Episode Gen 14,18-20 (Astour), müssen dann aber mit Verlust des ursprünglichen Kontextes (Westermann) oder mit mehrfachen Umdeutungen der beteiligten Personen und Königreiche (Astour; Ruppert) rechnen. Durch das Auftreten eines Königs des historisch wohlbekannten Elam sowie der Erzväter Abram und Lot ist aber deutlich, dass die Erzählung tatsächlich in der Vorgeschichte Israels spielen soll, und nicht, durch Tarnnamen verdeckt, eigentlich in einer jüngeren Vergangenheit oder der Gegenwart der jeweiligen Verfasser (Astour; Ruppert). Das schließt selbstverständlich nicht aus, dass von dem Ruhm Abrams auch Licht auf seine Nachfahren fallen sollte. Ohnehin spricht die kunstvolle Komposition der Namen (s.o.) dafür, dass Feldzugsbericht, Heldenlegende und Melchisedek-Episode nie unabhängig voneinander existiert haben.

Die Virtuosität in der Namenswahl bezeugt eine „ausgezeichnete Bildung“ des Verfassers (Mathys 2007, 226). Lässt dies bereits an das Umfeld des babylonischen Exils denken, so spricht die postulierte Führungsrolle des Königs von Elam (vgl. auch Gen 10,22) vielleicht für das persische Achämenidenreich als Entstehungszeit (van Seters).

Zu den literarischen Vorlagen dürfte neben Gen 13 und Gen 18f.* auch bereits Gen 15* gehört haben, wo es um die Vorgeschichte des Westjordanlandes geht – u.a. wird mit der auffällig genauen Zahl der 318 Knechte Abrams in Gen 14,14 auf den Gen 15,2 genannten → Eliëser (der Zahlenwert des Namens ist 318) verwiesen (→ Zahlen). Womöglich werden auch die antiquarischen Notizen in Dtn 1-3* (→ Emiter) bereits vorausgesetzt. Umstritten ist, ob Gen 14 auch die priesterliche Pentateuchkomposition voraussetzt (Soggin u.a.) oder selbst noch in deren Vorgeschichte gehört, wofür u.a. der Vergleich der Parallelüberlieferung im → Genesis-Apokryphon Indizien liefert (Ziemer).

Zu erwägen ist, ob die selbstständige Erzählung dazu dienen sollte, aktuelle politische bzw. religionspolitische Ansprüche (des 5. Jh.s v. Chr.?) mit historischen Argumenten zu untermauern (Ruppert; Ziemer). Daneben ist aber auch die feste Verankerung in der Tradition der biblischen Geschichtsschreibung zu berücksichtigen (Emerton; Schatz).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

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  • Donner, H., 1995, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen. Teil 1: Von den Anfängen bis zur Staatenbildungszeit (GAT 4/1), 2. Aufl., Göttingen
  • Dotan, A., 2001, Biblia Hebraica Leningradensia, Leiden u.a.
  • Emerton, J.A., 1971a, Some false clues in the study of Genesis XIV, VT 21, 24-47
  • Emerton, J. A., 1971b, The riddle of Genesis XIV, VT 21, 403-439
  • Emerton, J. A., 1990, Some problems in Genesis xiv, in: ders. (Hg.), Studies in the Pentateuch (VT.S 41), 73-102
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  • Hinz, W., 1969, Medisches und Elamisches am Achämenidenhof, in: Ders., Altiranische Funde und Forschungen, Berlin, 63-94
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  • Hinz, W., 1983, Art. Kuter-Nahhunte (I. und II.), Reallexikon der Assyriologie, Bd. 6, Berlin, 383f
  • Hinz, W., 1983, Art. Kutir-Nahhunte, in: Reallexikon der Assyriologie, Bd. 6, Berlin, 388f
  • Hinz, W. / Koch, H., 1987, Elamisches Wörterbuch (in 2 Teilen), (Archäologische Mitteilungen aus Iran 17), Berlin
  • Jeremias, A., 1917, Die sogenannten Kedorlaomer-Texte, in: Orientalistische Studien (FS F. Hommel, 1. Bd.; Mitteilungen der Vorderasiatischen Gesellschaft 21), 69-97
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