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Lexikon

Kadesch-Barnea

Andere Schreibweise: Kadesh ; Qadesch ; Qadesh

Friedrich Schipper

(erstellt: Okt. 2008)

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Kadesch-Barnea ist nach dem Sinai die wichtigste Station der 40-jährigen → Wüstenwanderung Israels.

1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Kadesch.

Kadesch und Kedesch sind unterschiedliche Vokalisierungen (Dialektvarianten?) desselben Ortsnamens. Dieser stammt von der Wurzel קדשׁ qdš „heilig sein“ und bedeutet „heiliger / geweihter Ort“. Der Namen verdankt sich deswegen vermutlich einem Heiligtum oder Tempel.

Kadesch / Kedesch (קָדֵשׁ / קֶדֶשׁ) ist als Ortsname mehrfach belegt. Im heutigen Syrien liegt Kadesch am → Orontes (ca. 25 km südwestlich des heutigen Homs; Koordinaten: N 34° 33' 25'', E 36° 31' 05''; → Schlacht bei Kadesch). In Palästina gibt es im Süden Kadesch = Kadesch-Barnea und im Norden mehrere Orte namens → Kedesch (in Obergaliläa, in Naftali und in der Jesreel-Ebene). Im Alten Testament ist nicht immer klar ist, welche Ortslage mit Kedesch gemeint ist. Deswegen finden sich in der Literatur unterschiedliche Zuweisungen.

Das südliche Kadesch wird – vermutlich zur Unterscheidung von anderen Orten – auch als Kadesch-Barnea bezeichnet (Num 32,8; Num 34,4; Dtn 1,2.19; Dtn 2,14; Dtn 9,23; Jos 10,41; Jos 14,6.7; Jos 15,3; Jdt 5,14 [nicht in Lutherbibel]), ferner vielleicht als Meribat-Kadesch (Dtn 33,2; Text unsicher). Die Bedeutung des Namensteils „Barnea“ (בַּרְנֵעַ) ist unbekannt; möglicherweise handelte es sich ursprünglich um einen Personennamen. In Jos 15,23 ist mit Kedesch entweder Kadesch-Barnea gemeint oder es gab im südlichen Juda einen Ort Kedesch, über den ansonsten jedoch nichts bekannt ist.

2. Lage

Zur Lokalisierung von Kadesch bietet das Alte Testament sehr verschiedene Angaben: in der Wüste → Paran (Num 13,26), in der Wüste → Zin (Num 33,36), elf Tagereisen vom → Horeb (Dtn 1,2.19), an der Südgrenze des Gelobten Landes (Num 34,4) bzw. des Stammesgebietes Judas (Jos 15,3) und beim Grenzbach Ägyptens (vgl. Jdt 1,9); vgl. auch → Hor.

Nur weil sich hier der Name erhalten hat, wird Kadesch mit einer der bedeutendsten Oasen im Norden der Sinaihalbinsel gleichgesetzt. Sie liegt am Schnittpunkt zwischen der Wüste Sinai und der Wüste Negev, etwa 75 km südsüdwestlich von → Beerscheba, jedoch in Ägypten 8 km westlich der israelischen Grenze (Koordinaten des Tells, Tell el-Qudērāt: 0946.0067; N 30° 38' 26", E 34° 24' 26"). Zwei ganzjährig sprudelnde Quellen machen die Oase zum wasserreichsten Gebiet in dem von zahlreichen Wadis durchschnittenen Tafelland der nördlichen Sinaihalbinsel. ‘Ēn el-Qudērāt ([En el-Quderat]; Koordinaten: 0960.0069; N 30° 38' 50", E 34° 25' 39") ist die bei weitem ergiebigere Quelle. Sie ermöglicht eine intensivere Landwirtschaft; bis heute wird das Umland von Beduinen für den Anbau von Feldfrüchten und das Weiden von Vieh genützt. ‛Ēn Qudēs ([En Qudes]; Koordinaten: 1005.9991; N 30° 35' 01'', E 34° 29' 03'') befindet sich durch einen Höhenzug getrennt etwa 9 km südsüdöstlich von ‘Ēn el-Qudērāt. Diese kleinere Quelle dient bis heute vor allem als Viehtränke.

Der alte hebräische Name Kadesch dürfte sich in dem arabischen Namen ‘Ēn el-Qudēs erhalten haben (falls man Qudēs nicht von dem arabischen Wort für Schöpfkelle herleiten muss). In der alttestamentlichen Forschung wird diskutiert, ob Kadesch wegen des Gleichklangs des Namens mit ‘Ēn el-Qudēs gleichzusetzen ist oder wegen der reichen archäologischen Befunde mit ‘Ēn el-Qudērāt. Möglicherweise war Kadesch ursprünglich nicht der Name einer Quelle, sondern des gesamten Gebiets, das dann seinen heutigen Namen erst viel später von Beduinen erhalten hätte, während der alte hebräische Name auf die kleinere Quelle übertragen worden wäre.

3. Biblische Überlieferung

In der Patriarchengeschichte spielt Kadesch als Wegmarke bzw. Orientierungspunkt eine eher untergeordnete Rolle (Gen 14,7; Gen 16,14; Gen 20,1). In Gen 14,7 wird der Ort mit En-Mischpat gleichgesetzt.

Abb. 2 Mose lässt Wasser aus dem Felsen sprudeln (Tintoretto; 1577).

Abb. 2 Mose lässt Wasser aus dem Felsen sprudeln (Tintoretto; 1577).

Eine wichtige Rolle spielt Kadesch als Station auf der Wanderung des Volkes Israel durch die Wüste (Dtn 1,2.19-46; Ri 11,16f). Nach dem Aufbruch vom Sinai (Num 10,33) handeln Num 13-20 in Kadesch (Dtn 1,19.46; → Numeri). Von dort werden Kundschafter ausgeschickt, und dorthin kommen sie wieder zurück, um Bericht zu erstatten (Num 13,3.25-26; Num 32,8). Num 14,39-45 erzählt von einem missglückten Versuch, von Kadesch aus ins Kulturland einzudringen. → Mirjam ist in Kadesch gestorben und begraben (Num 20,1). Dem Erzählkontext nach hat das Volk dort über Wassermangel gemurrt und → Mose Wasser aus einem Felsen sprudeln lassen (Num 20,2-11; Dtn 32,51; → Murren). Der Ort gilt deswegen als Ort des Unglaubens, der dazu führt, dass Israel 40 Jahre durch die Wüste wandern muss (Dtn 2,14; Dtn 9,32) und dass Mose und → Aaron das gelobte Land nicht betreten dürfen (Num 20,12). Ferner sandte → Mose von dort Boten zum König von → Edom mit der Bitte, durch sein Gebiet ziehen zu dürfen (Num 20,14-21).

Nach der sog. Kadesch-Hypothese, die → Julius Wellhausen in den 1870er Jahren entworfen hat, war Kadesch vierzig Jahre lang der Aufenthaltsort Israels und der „wahre Schauplatz der mosaischen Geschichte“ (Wellhausen, 341). Historisch gesehen sei Israel nicht vom Ostjordanland, sondern von Kadesch aus nach → Kanaan eingewandert. Diese These wurde zunächst von verschiedenen deutschen Bibelwissenschaftlern akzeptiert, gilt aber heute als überholt. Sie ist als Versuch früher moderner Bibelkritik zu werten, das Problem der komplizierten Überlieferungsgeschichte der biblischen Texte über den Auszug aus Ägypten, die Wüstenwanderung, den Aufenthalt am Sinai und die Landnahme mit (aus heutiger Sicht unangemessenen) historischen bzw. historisierenden Mitteln zu lösen.

4. Archäologischer Befund

Das Gebiet um Kadesch ist wiederholt archäologisch untersucht worden. Gerade für die Zeit der Entstehung Israels, also die Spätbronzezeit und Früheisenzeit (1550-1000 v. Chr.; → Eisenzeit I) konnten in dem gesamten Gebiet kaum archäologische Spuren gefunden werden. Erst ab dem Beginn des 10. Jh.s v. Chr. ändert sich das.

Auf dem Tell el-Qudērāt ([Tell el-Quderat] 800 m westlich von ‘Ēn el-Qudērāt) ist eine mächtige Festung ausgegraben worden. Die drei Nutzungsphasen datieren in das 10./9., in das 8./7. und in das 7./6. Jh. v. Chr. In den beiden jüngeren Phasen war die Festung rechteckig und hatte Ausmaße von ca. 60 x 40 m. Die Mauern waren bis zu 4 m stark, die Ecktürme maßen bis zu 10 x 10 m. Die Festung ist in einer Höhe von bis zu 4,5 m erhalten. Die Festung des 7./6. Jh.s wird dem Festungsausbauprogramm des Königs → Josia zugeschrieben, die Festung des 8./7. Jh.s datiert wohl in die Zeit des Königs → Usija. Die älteste Festung (10./9. Jh.) hatte einen ovalen Grundriss; sie bildete wahrscheinlich das logistisch-administrative Zentrum einer Reihe von kleineren Forts, die in der gesamten Gegend verstreut zu finden sind und alle aus dem 10. Jh. stammen; sie werden traditionell König → Salomo zugeschrieben.

Die ebenfalls ovale Festung bei ‘Ēn el-Qudēs (3 km von der Quelle entfernt auf einem Aussichtspunkt gelegen) datiert ebenfalls ins 10. Jh., wurde aber bereits nach kurzer Nutzungsdauer zerstört und nie wieder aufgebaut. Sie war etwa 50 m lang, mit einer 2 m starken Kasemattenmauer bewehrt und ist in einer Höhe von etwa 1,5 m erhalten.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Archaeological Encyclopedia of the Holy Land, New York / London 2001
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Cohen, R., 1981, Excavations at Kadesh-barnea 1976-1978, BA 44, 93-107
  • Dothan, M., 1965, The Fortress at Kadesh Barnea, IEJ 15, 134-151
  • Fritz, V., 1970, Israel in der Wüste (MThSt 7), Marburg
  • Keel, O. / Küchler, M., 1982, Orte und Landschaften der Bibel: Ein Handbuch und Studienreiseführer zum Heiligen Land. Band II: Der Süden, Göttingen
  • Ussishkin, D., 1995, The Rectangular Fortress of Kadesh-Barnea, IEJ 45, 118-127
  • Wellhausen, J., 2001, Prolegomena zur Geschichte Israels, Berlin / New York (unv. Nachdruck der 6. Aufl. von 1878)

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Kadesch. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Mose lässt Wasser aus dem Felsen sprudeln (Tintoretto; 1577).

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