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Lexikon

Jojachin

(598/7 v. Chr.)

Andere Schreibweise: Jehoiachin (engl.) ; Joïakîn, Yoyakîn, Joakin (frz.)

Hermann-Josef Stipp

(erstellt: April 2011)

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Andere Schreibweisen: Jehoiachin (engl.); Joïakîn, Yoyakîn, Joakin (frz.)

Jojachin, Sohn des Königs → Jojakim und der Nehuschta, trat 598/7 v. Chr. als 18-Jähriger die Nachfolge seines Vaters an und regierte drei Monate über → Juda in → Jerusalem (2Kön 24,6.8; 2Chr 36,8f.; → Zerstörung Jerusalems, Vorgeschichte).

1. Name

Der Name Jojachin bedeutet „Jahwe verleiht / verleihe Beständigkeit“. Er ist im Alten Testament in mehreren hebräischen Varianten – auch als Konja sowie Jechonja – überliefert: יְהוֹיָכִין Jəhôjākhîn (so immer in den Königsbüchern), יְכָנְיָהוּ Jəkhånjāhû, יְכָנְיָה Jəkhånjāh und כָּנְיָהוּ Kånjāhû (nur in Jer 22,24.28; Jer 37,1); dazu kommt keilschriftlich Ja’ukīnu.

2. Geschichte

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 In Babylon gefundene Keilschrifttafel mit Rationenzuteilungen (Öl, Gerste) für am Hof lebende Menschen; unter anderem wird Jojachin genannt.

Nachdem die sog. Neubabylonier unter dem damaligen Kronprinzen (und alsbaldigen Großkönig) → Nebukadnezar II. in der Schlacht von → Karkemisch 605 v. Chr. die Ägypter unter Pharao → Necho geschlagen hatten (Jer 46,2), wurde Juda ebenso wie die übrigen Kleinstaaten der Levante ein babylonischer Vasall. Im Gefolge eines Aufstands von Jojachins Vater Jojakim (609-598 v. Chr.) gegen die Fremdherrschaft belagerten babylonische Truppen unter Nebukadnezar 598/7 v. Chr. Jerusalem. Anscheinend ist Jojakim während der Belagerung verstorben, so dass sein Sohn Jojachin ihm auf dem Thron folgte. Der ergab sich (nach Albertz, 2001, 73: am 16. März 597 v. Chr.) und ersparte so der Stadt einstweilen die Zerstörung. Jojachin wurde nach Babylon verschleppt, begleitet von Mitgliedern seines Hofstaats und zahlreichen Angehörigen der gehobenen Schichten Judas (einflussreiche Familien, Gebildete, Tempelpersonal, Offiziere, qualifizierte Handwerker). Ferner plünderten die Babylonier Jerusalem und raubten namentlich die Schätze des Tempels und des Königspalastes (2Kön 24,10-16; Jer 24,1; Jer 29,1f.; Bar 1,9). Diese sog. erste Deportation markiert den Beginn des „babylonischen Exils“ (→ Exil / Exilszeit).

Die biblischen Nachrichten werden in den Grundzügen von der Babylonischen Chronik (BM 21946: TUAT I/4, 403f.; HTAT § 258) bestätigt. Außerdem belegen keilschriftliche Rationenzuteilungslisten aus dem Jahr 592 v. Chr., dass der damals 23-jährige Jojachin mit fünf Söhnen sowie weiteren Judäern in einer Gruppe von Geiseln aus unterworfenen Gebieten am Hof Nebukadnezars in Babylon lebte, wo die Internierten monatliche Lieferungen an Speise- und Salböl erhielten (Weidner 1939; TGI2-3 78f. Nr. 46; HTAT § 266). Diese relativ komfortable Existenzweise entspricht dem Bild, das auch biblische Nachrichten vom Leben der judäischen Exilanten in Babylonien entwerfen (vgl. Jer 29; Ez; → Exil; 1Chr 3,17-19 kennt sogar sieben Söhne Jojachins sowie Enkel, darunter → Serubbabel, der nach der Ablösung des babylonischen Reiches durch die → Perser nach Juda zurückkehrte und dort für kurze Zeit vergeblich versuchte, die Herrschaft der Davididen zu erneuern).

Laut 2Kön 25,27-30 hat Nebukadnezars Sohn und Nachfolger → Amel-Marduk (biblisch: Ewil-Merodach) im Jahr seiner Thronbesteigung 562 v. Chr. Jojachin eine besondere Gunst erwiesen, indem er ihn aus dem בֵּית כֶּלֶא bêt kælæ’ „Kerker“ (für akkadisch bīt kili „Kerker“, aber auch „Hausarrest“; → Kerker) entließ und ihm den Vorrang unter den in Babylon internierten Königen einräumte; dazu habe er Jojachin auf Lebenszeit einen Platz an seiner eigenen Tafel gewährt, verbunden mit einer dauerhaften Apanage. Die Verbannung nahm damit allerdings kein Ende. Wie immer das historische Substrat der Nachricht ausgesehen haben mochte, wird man darin eine Belohnung für die kooperative Haltung der judäischen Exilanten gegenüber den Babyloniern erkennen dürfen.

3. Bedeutung in der Bibel

Die deuteronomistischen Redaktoren, die die → Königsbücher schufen (→ Deuteronomistisches Geschichtswerk), zählten Jojachin – wie sämtliche Herrscher nach Josia – zu den schlechten Königen Judas, indem sie über ihn das Urteil fällten, er habe „wie sein Vater das Böse in den Augen Jahwes getan“ (2Kön 24,9; vgl. 2Chr 36,9), ohne allerdings Einzelheiten zur Begründung mitzuteilen. Laut Jer 27-29 waren nach der ersten Deportation sowohl in Juda als auch im Exil Hoffnungen verbreitet ¬– durch Heilspropheten geschürt –, dass ein wunderhaft herbeigeführter Zusammenbruch des babylonischen Reiches bald neben der Rückerstattung der erbeuteten Tempelgeräte auch die Heimkehr Jojachins und der Exilanten mit sich bringen werde. Der Prophet → Jeremia verurteilte diese Erwartungen als trügerisch und mahnte, sich auf ein Exil in der Größenordnung von Generationen einzustellen (Jer 29,1-7), was ihm heftige Repressalien eintrug (Jer 28,10; Jer 29,24-32). Diese Haltung Jeremias spiegelt auch Jer 22,24-30, eine wahrscheinlich aus authentischen und redaktionellen Elementen geformte Spruchkomposition, die Jojachins Verbannung als unabänderlich bezeichnet. Die Endfassung setzt Jojachins Deportation darüber hinaus dem endgültigen Thronverlust der Davididen gleich (Jer 22,30b) und war wohl gegen Versuche gerichtet, in den Jahren kurz nach dem Exil (zwischen ca. 530-515 v. Chr.) durch → Serubbabel die davidische Dynastie wiederzubeleben (s.o.). Der in Mesopotamien wirkende Prophet → Ezechiel sah ebenfalls Anlass, über Jojachin die Totenklage anzustimmen (Ez 19,5-9), also seine Verbannung als unwiderruflich hinzustellen.

Die Nachricht von Jojachins Statuserhöhung in 2Kön 25,27-30 (par. Jer 52,31-34) steht an strukturell hervorgehobenen Positionen, insofern sie die Königsbücher und das → Jeremiabuch sowie in der hebräischen Bibel den Kanonteil der Vorderen Propheten (→ Kanon) beschließt; außerdem hat sie ehemals den Schlusspunkt des → Deuteronomistischen Geschichtswerks gesetzt. Die Forschung hat ihr daher bisweilen einen außerordentlichen konzeptionellen Stellenwert zugesprochen und darin beispielsweise den Ausdruck einer messianischen Hoffnung auf die Wiederkehr der Davidsdynastie erkennen wollen. Es ist jedoch zu beachten, dass die Redaktoren ihr negatives Urteil über Jojachin aus 2Kön 24,9 nicht revidierten; ferner schlägt der Passus keine sprachliche Brücke zur Zusage einer ewigen Herrschaft der Davididen in der → Nathanverheißung (2 Sam 7); er unterstellt den Vorgang nicht explizit der Regie Jahwes und schweigt von Nachkommen Jojachins. Mehr als eine mit gewissem Stolz bewahrte Erinnerung dürfte die Notiz daher kaum hergeben.

In einer fortgeschrittenen Phase der alttestamentlichen Literaturgeschichte hat Jer 24 sämtliche Judäer späterer Epochen als Abkömmlinge der mit Jojachin deportierten Gruppe hingestellt. Laut dieser in eine Vision Jeremias verlegten Gottesrede sendet Jahwe die Jojachin-Gruppe „zum Guten“ ins Land der Chaldäer (Jer 24,5), während auf die unter → Zedekia in Juda Zurückgebliebenen nur Zerstreuung und Ausrottung warten (Jer 24,8-10). Somit werden einschlussweise alle weiteren Deportationen (→ Exil) geleugnet, und alle Juden müssen als Nachkommen der Jojachin-Gruppe erscheinen. Das Verständnis des Exils wandelt sich so von einer Strafe zu einer Rettungstat.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 In Babylon gefundene Keilschrifttafel mit Rationenzuteilungen (Öl, Gerste) für am Hof lebende Menschen; unter anderem wird Jojachin genannt. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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