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Lexikon

Jedidja

Andere Schreibweise: Jedidjah ; Jedidiah

Andreas Kunz-Lübcke

(erstellt: März 2009)

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Jedidja ist der Name, den → Salomo in 2Sam 12,24-25 unmittelbar nach seiner Geburt von → Nathan, einem Hofpropheten → Davids, im Auftrag JHWHs als Zweit- und Alternativnamen erhält.

1. Bedeutung des Namens

Jedidja (יְדִידְיָה) bedeutet „Geliebter / Freund JHWHs“. Er ist von der gemeinsemitisch belegten Wurzel דוד dwd abzuleiten (Barstad, 259), die im Hebräischen sowohl den Vaterbruders (Lev 10,4 u.a.) als auch den Liebesgenuss (Hhld 1,4) bzw. den Geliebten (Hhld 1,13) bezeichnet. Mit der Namensgebung wird für Salomo / Jedidja einerseits eine Theologisierung und Emotionalisierung des Verhältnisses zwischen JHWH und ihm bewirkt, andererseits wird die besondere Nähe zu seinem Vater David (דָּוִד) hervorgehoben, da dessen Name von derselben Wurzel gebildet ist.

2. Literarischer Horizont

Jedidja begegnet in der Hebräischen Bibel nur in 2Sam 12,24-25, und zwar als Alternativname Salomos. Nach dem Tod ihres ersten Kindes wird → Batseba von David erneut schwanger und bringt einen Sohn zur Welt.

Der in 2Sam 12,24 erwähnte Vorgang der Zeugung lässt aufgrund der sprachlichen Gestaltung zwei Möglichkeiten zu: Entweder verkehrt David mit Batseba sexuell, nachdem er sie über den Tod des ersten Kindes (oder Urias?) getröstet hat, oder aber er tröstet sie, indem er mit ihr ein Kind zeugt. Aufgrund der Abfolge „trösten“ – Ortswechsel („und er ging zu ihr“) – Sexualverkehr („und er schlief mit ihr“) ist die zweite Möglichkeit eher wahrscheinlich (Kunz-Lübcke, 78f.).

Eine zweite Unsicherheit ergibt sich bei der Frage, wer dem Kind den Namen Salomo gegeben hat. Während der Konsonantentext eine männliche Verbalform (wjqr’ „und er nannte“) notiert und damit David zum Namensgeber macht, hält eine masoretische Randbemerkung fest, dass eine feminine Verbform zu lesen (Qere: wa-tiqrā’„und sie nannte“) und somit Batseba die Namensgeberin sei (einige Handschriften bezeugen die feminine Verbform auch im Konsonantentext). Offensichtlich haben spätere Abschreiber die Namensgebung von Batseba auf David übertragen, um sein Bild als Ehebrecher aufzuhellen. Ursprünglich lautete der Text: „David tröstete Batseba, seine Frau, indem er zu ihr ging und mit ihr schlief. Sie gebar einen Sohn und nannte seinen Namen Šəlomoh „Salomo“. Und JHWH liebte ihn.“ (2Sam 12,24*).

Für die Bedeutung des Namens Salomo muss zunächst – wie in den allermeisten Fällen, in denen eine Mutter als Namensgeberin eines Kindes auftaucht – ein Zusammenhang zwischen der Handlung und dem Schicksal der den Namen gebenden Mutter vermutet werden (vgl. Gen 4,25; Gen 29,32.33; Gen 30,8.11.13.18.20.21.24; Gen 35,18; Ex 2,10; 1Sam 1,20). Der unmittelbare Zusammenhang von Tröstung und Schwangerschaft lässt vermuten, dass die gern herangezogene Deutung des Namens als „Schalom / Friede“ zu kurz greift. Im näheren Kontext begegnet die Wurzel šlm / šālôm in eher nüchternen Zusammenhängen. Den in Jerusalem eingetroffenen → Uria fragt David nach dem Schalom → Joabs, dem Schalom des Kriegsheeres und dem Schalom des Krieges (2Sam 11,7). Von größerer Bedeutung für die Erhellung der Bedeutung des Namens Salomo ist jedoch der Gebrauch des Verbs šlm im Munde Davids. Nachdem er die Erzählung Nathans vom armen und reichen Schafbesitzer gehört hat, spricht der König ein zweifaches Urteil: Der Schuldige soll des Todes sterben, außerdem soll er das dem Armen geraubte Lamm ersetzen (יְשַׁלֵּם jəšallem). Darauf, dass dem Namen שׁלמה Šəlomoh die Grundbedeutung „sein Ersatz“ innewohnen könnte, hat schon T. Veijola aufmerksam gemacht, dabei jedoch vermutet, dass mit der Namensgebung der Verlust Urias thematisiert bzw. kompensiert werden sollte. Allerdings geht der Tröstung Batsebas der Tod ihres und Davids Kindes voraus (2Sam 12,18); bereits in 2Sam 11,27 ist von einem Ende der Trauer (oder vielleicht auch einer formellen Trauerzeit für Uria) die Rede gewesen. Vor diesem Hintergrund scheint es naheliegender, „Sein-Ersatz“ auf das verstorbene Kind zu beziehen (Stolz, 242).

Der Namensgebung folgt in 2Sam 12,24 die Notiz „und JHWH liebte ihn“. Mit ihr liegt 2Sam 12,25: „Und er gab ihn in die Hand des Propheten Nathan und er nannte seinen Namen Jedidja (יְדִידְיָהּ) wegen JHWH“ (2Sam 12,25) gedanklich auf einer Ebene. Umstritten ist, ob diese Notizen über die JHWHs Liebe gegenüber Salomo, die Erziehung Salomos durch Nathan und die Erteilung des Alternativnamens Jedidja zum Grundbestand der Erzählung gehören (vgl. die Literaturzusammenfassung der redaktionskritischen Vorschläge bei Dietrich / Naumann, 255f.; Seiler, 272).

Die Zusammengehörigkeit von Nathan und Salomo wirkt hier konstruiert, in 1Kön 1 dagegen ungezwungen. In 1Kön 1-2 tritt Nathan zugunsten Salomos und zugleich zuungunsten von dessen älterem Bruder → Adonija auf. Man mag darüber spekulieren, ob der Auftritt Nathans in 2Sam 12 unter ähnlichen Vorzeichen erfolgt. Immerhin löst seine Strafpredigt die Reue Davids und somit den Stellvertretertod des ersten Kindes aus, wodurch wiederum die Zeugung und Geburt Salomos initiiert wird. Die überwiegende Mehrheit der redaktionskritischen Arbeiten zu 2Sam 11f. kommt zu dem Schluss, dass 2Sam 12,24bβ.25 einer späteren Überarbeitungsschicht angehören (T.A. Rudnik, 61, mit Lit.). Es kann also mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass die Erzählung mit der Namensgabe für Salomo geendet hat.

3. Intention der Benennung

Die Gründe, warum Salomo noch den zweiten Namen Jedidja erhält, scheinen klar. Der Name Salomo im Sinne von „Sein Ersatz“ für das verstorbene Kind klingt nicht sonderlich lebensfroh. Zudem liegt mit 2Sam 11-12 eine tiefgründige Erzählung über die dunklen Seiten männlichen Begehrens und Agierens vor. Es ist kaum glaubhaft, dass von hier aus ein helles Licht auf den glanzvollen König Salomo fallen soll. Zudem lassen zwar nicht die Umstände der Thronbesteigung Salomos in 1Kön 1, wohl aber die ersten Maßnahmen seiner Herrschaft die Frage aufkommen, ob auch in ihr nicht sehr kritische Töne anklingen. Die Bitte Adonijas um → Abischag von Schunem hat das sofortige Todesurteil Salomos über ihn zur Folge. Ob die Ursache für das gewaltsame Durchgreifen Salomos in 1Kön 2,22-25 allein in der „stupidity“ (Cross, 237; zustimmend Halpern, 399) begründet ist, sei dahingestellt. Die Ermordung des am Altar Schutz suchenden Joab in 1Kön 2,29-34 zeugt von einem rigiden Vorgehen gegen tatsächliche oder vermeintliche Opponenten. Auch die Hinrichtung → Schimis in 1Kön 2,36-46, nur weil dieser sich gegen den Befehl Salomos wegen zwei entlaufener Sklaven aus Jerusalem entfernt hatte, ist (trotz Davids letzter Anweisung an Salomo in 1Kön 2,8f., Schimi zu töten) kein Beispiel idealtypischer Herrschaft.

Die Benennung Salomos mit dem Zweitnahmen Jedidja, die Erwähnung, dass er ausgerechnet in die erziehenden Hände des JHWH treu ergebenen Propheten Nathan gegeben wurde und nicht zuletzt die Salomo / Jedidja geltende Liebe JHWHs werfen am Ende einer düsteren Geschichte ein sehr helles Licht auf das Resultat des David-Batseba-Skandals.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Herders Neues Bibellexikon, Freiburg i.Br. / Basel / Wien 2008

2. Weitere Literatur

  • Barstad, H.M., 2. Aufl. 1999, Art. DOD, in: K. van der Toorn u.a. (Ed.), Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Leiden u.a., 259-262
  • Cross, F.M., 1973, Canaanite Myth and Hebrew Epic. Essays in the History of the Religion of Israel, Cambridge, MA
  • Dietrich, W. / Naumann, T., 1995, Die Samuelbücher (Erträge der Forschung 287), Darmstadt
  • Fokkelman, J.P., 1981, Narrative Art and Poetry in the Books of Samuel. A Full Interpretation based on Stylistic and Structural Analyses. Vol. 1: King David (II Sam 9-20 and I Kings 1-2), Assen
  • Halpern, B., 2001, David’s Secret Demons. Messiah, Murderer, Traitor, King, Grand Rapids / Cambridge
  • Kunz-Lübcke, A., 2004, Salomo. Von der Weisheit eines Frauenliebhabers (Biblische Gestalten 8), Leipzig
  • Rudnig, T.A., Davids Thron. Redaktionskritische Studien zur Geschichte von der Thronnachfolge Davids, BZAW 358, Berlin/New York 2006
  • Seiler, S., 1998, Die Geschichte von der Thronfolge Davids (2 Sam 9-20; 1 Kön 1-2). Untersuchungen zur Literarkritik und Tendenz (BZAW 267), Berlin / New York
  • Stolz, F., 1981, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK 9), Zürich
  • Veijola, T., 1990, Salomo – der Erstgeborene Bathsebas, in: ders.: David. Gesammelte Studien zu den Davidüberlieferungen des Alten Testaments (Schriften der Finnischen Exegetischen Gesellschaft 52), Helsinki / Göttingen, 84-105

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