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Lexikon

Jammu

Andere Schreibweise: Yammu ; Jam ; Jamm ; Yam ; Yamm

Pierre Bordreuil

(erstellt: Nov. 2011)

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Jammu bzw. Jam bedeutet „Meer“ und war in Ugarit der Name des Meeresgottes, der seinen Wohnsitz im Meer hat (→ Urmeer; → Chaoswasser; → Meer / Seefahrt). Von ihm ist vor allem im ersten Teil des großen, in → Ugarit gefundenen Baal-Epos die Rede, das drei ursprünglich vielleicht selbstständige Erzählungen umfasst (Kampf → Baals gegen den Meeresgott; Baals Palastbau; Kampf Baals gegen den Unterweltsgott → Mot). In Aufnahme des im Alten Orient verbreiteten mythologischen Motivs vom Kampf des → Wettergottes gegen das Meer wird erzählt, wie Haddu-Ba‘lu (entspricht Baal im Alten Testament) bei seinem Aufstieg zum König der Götter seinen Gegenspieler Jammu besiegt.

1. Das Meer als Macht

Das Meer hat von Natur eine ambivalente Bedeutung, wie in allen Kulturen des alten Orients wahrgenommen wurde: Einerseits ist das Meer wichtig für den Fortbestand allen Lebens, als Handelsweg sogar ein Tor zu Wohlstand, andererseits ist es eine Furcht einflößende Macht, die Überschwemmung, Schiffbruch und Ertrinken verursacht. Zudem ist das Meer eine in allen Sprachen belegte geografische Größe, mit der sich jedoch unterschiedliche kulturelle Vorstellungen verbinden.

In Ägypten z.B. wird zwischen konkreten geografischen Bezeichnungen unterschieden: dem „grünen“ Meer, dem „schwarzen“ Meer und dem → Urmeer Nun, das die Welt umgibt. Aus ihm erhebt sich jeden Morgen die Sonne neu, und die jährliche Nilüberschwemmung wird als eine seiner Erscheinungsformen angesehen.

In der alten mesopotamischen Welt gibt es die Vorstellung vom → Apsu (akkadisch: apsû; sumerisch: ABZU), dem unterirdischen „verborgenen“ Ozean, dessen Fluten die Erde fruchtbar machen. Er wird mit dem Gott ENKI / Ea in Verbindung gebracht, und die Fische zählen zu seinen Gaben. Der erste in dem babylonischen Weltschöpfungsepos → Enuma elisch beschriebene Akt der Trennung in Salz- und Süßwasser dürfte seinen Ursprung in der Beobachtung des Unterschiedes zwischen dem Salzwasser des Meeres und dem Süßwasser des Regens haben: Tiamats salzige und Apsus süße Gewässer, ursprünglich vereint gedacht, werden durch ENKI / Ea voneinander getrennt. Die Trennung ermöglicht einerseits die Landwirtschaft durch das ausgeschiedene Süßwasser und andererseits die Vermehrung der Fischbestände im Salzwasser. Jedoch ist die Unterscheidung in Süß- und Salzwasser nicht absolut: Tatsächlich entstehen in demselben Weltschöpfungsepos aus Tiamat, deren Name an das akkadische Wort für Meer (tâmtu) erinnert, nachdem sie von ihrem Bezwinger zerstückelt worden ist, die Flüsse → Euphrat und → Tigris, deren Quellen aus ihren Augen entspringen.

2. Der Gott Jammu in Ugarit

Die eindeutigsten und ausführlichsten Angaben über die mythologische Rangfolge der mit dem Meer verbundenen Mächte liefern die in alphabetischer Keilschrift (→ Alphabet § 3.1) verfassten Texte aus Ras Shamra / → Ugarit.

2.1. Ba‘lus Sieg über Jammu in den Texten

Einer der Hauptmythen Ugarits (KTU [= Keilschrifttexte aus Ugarit] 1.2) erzählt von der Niederlage Jammus im → Zweikampf gegen den → Wettergott Haddu-Ba‘lu (→ Ba‘lu; → Baal). Die Darstellung dieses Götterkampfes dürfte das Ziel verfolgen, die Grenzen, die Jammu als dem Gott der Chaoswasser gesetzt wurden, zu bestätigen und nicht etwa seine definitive Vernichtung zu verkünden. Es scheint offensichtlich, dass die im kollektiven Gedächtnis der an der syrischen Küste siedelnden Völker verankerten Erinnerungen an zahlreiche zerstörerische Flutwellen, die zum Teil auf seismischen Bewegungen im ägäischen Meer beruhen, den Hintergrund dieses Kampfes gegen das bedrohliche Gewässer bilden.

Haddu-Ba‘lu besiegt Jammu mit Hilfe von zwei Keulen, die ihm der Handwerkergott Kôtharu wa-Ḫasīsu (= Koschar), dessen Name mit „geschickt und weitsichtig“ übersetzt werden kann, geformt und benannt hatte. Nachdem dieser Handwerkergott zuerst als Architekt von Jammus Palast hervorgetreten ist (KTU 1.2, III, 7), wechselt er im Laufe der Auseinandersetzung zwischen Jammu und Ba‘lu die Seiten und stellt sich in Ba‘lus Dienste.

11 Koschar formte zwei Waffen und rief ihre Namen aus: „Dein Name sei 12 Yagarrisch! Yagarrisch verjage Yamm, verjage Yamm von seinem Thron, 13 Fluß vom Thron seiner Herrschaft! Schwinge aus der Hand Baals, wie ein Adler 14 aus seinen Fingern! Schlage die Schulter des Fürsten Yamm, auf den Rücken des 15 Richters Fluß!“ … 17 … Stark war Yamm, er sank nicht nieder, nicht zitterten seine Rückenwirbel, nicht wankte 18 seine Gestalt.

Koschar formte (die zweite von) zwei Waffen und rief ihre Namen aus: 19 „Dein Name sei Ayyamur! Ayyamur verjage Yamm, verjage Yamm 20 von seinem Stuhl, Fluß vom Thron seiner Herrschaft! Schwinge 21 aus der Hand Baals, wie ein Adler aus seinen Fingern! Schlage den Schädel 23 des Fürsten Yamm, zwischen die Augen des Richters Fluß! Yamm falle nieder, 23 und er falle zur Erde!“ Und es schwang die Axt aus der Hand Baals, 24 wie ein Adler aus seinen Fingern. Sie schlug den Schädel des Fürsten 25 Yamm, zwischen die Augen den Richter Fluß. Yamm fiel nieder, er fiel 26 zur Erde, seine Rückenwirbel zitterten, seine Gestalt wankte. (KTU 1.2, IV, 12-26; TUAT III,6, 1131-1133)

An dieser Stelle fällt die doppelte Bezeichnung Jammus auf: Als Gott des unendlichen Meeres, nach dem er schon seinen Namen trägt, wird er „Fürst Meer“ (zbl jm) genannt. Zugleich wird er auch als „Richter Fluß“ (ṯpṭ nhr) tituliert und verkörpert als solcher die Flüsse des Festlandes, die zugleich die Gewässer des Stroms sein dürften, der die Erde umfließt. Anders als in dem vorhin erwähnten mesopotamischen Schöpfungsepos findet sich im ugaritischen Epos keine klare Abgrenzung zwischen Salz- und Süßwasser, da sich die Flüsse, die ins Meer münden, mit den salzigen Gewässern vermischen und die Verdunstung des Meerwassers seinerseits die Wolken generiert, die das Regenwasser produzieren. Die Unberechenbarkeit und die zerstörerische Kraft von Flutwellen und Hochwasser haben die negative Darstellung von Jammu in den ugaritischen Texten maßgeblich geprägt: Von Ilu (→ El) geliebt (KTU 1.1 IV 20; 1.3 III 38-39; 1.4 II, 34; VII 2-3) ist er zugleich der vertriebene Rivale von Haddu-Ba‘lu.

2.2. Ba‘lu als gegen Jammu kämpfender Gott in der Ikonographie

© Foto Mission de Ras Šamra / Ugarit

Abb. 1 Baal mit Blitzspeer und Keule (Stele aus Ugarit).

Der Kampf des Wettergottes gegen Jammu ist auf der Stele des „Ba‘lu mit Blitz“ („Baal au foudre“) dargestellt. Dieses Relief zeigt den bärtigen Gott Ba‘lu im rechten Profil bekleidet mit einem kurzen Schurz und einer Hörnerkrone. Seine Füße stehen auf einem Sockel mit zwei Registern, auf denen jeweils ein mit Zierleiste versehenes Kranzgesims ruht. Auf der Vorderseite des Postaments erkennt man im oberen Register eine Wellenlinie, die eine Gebirgskette mit vier Gipfeln darstellt. Im unteren Register bildet eine schwächer gezeichnete Wellenlinie die Wellen des Meeres am Fuße der Berge ab. Am Gürtel Baals hängt die Scheide einer Stichwaffe, deren Klinge leicht gebogen erscheint. Er hält in der linken Hand eine Lanze, deren Spitze sich in den Boden bohrt, und in der rechten schwingt er eine Keule über seinem Kopf. Diese beiden Waffen symbolisieren zwei Funktionen Baals: Er ist der Wächter über das Entstehen des Kulturlandes, das die Bedingungen immerwährender Fruchtbarkeit in sich trägt, die von ihm garantiert wird. Denn die Lanze, aus deren Schaft Blätter sprießen und die der Gott mit seiner linken Hand in den Boden stößt, ist ein Sinnbild für Fruchtbarkeit. Ihre Spitze versteht sich als Darstellung des die Erde treffenden Blitzes, der unmittelbar vor den Regenfällen erscheint und die Natur, die durch die Blättersymbolik angedeutet ist, wieder begrünt. Die Keule in seiner rechten Hand ist sicherlich eine der Waffen, die er gegen Jammu richtet, denn das Epos weist ausdrücklich darauf hin, dass Baal ihn mit Hilfe von zwei „wie ein Adler aus seinen Fingern“ nacheinander geschwungenen Keulen erschlägt (KTU 1.2 IV, 13 und 21).

2.3. Der Ort des Kampfes

Der Ort des Götterkampfes zwischen Haddu-Ba‘lu und Jammu im Königreich von Ugarit lässt sich aus der im Mythos von „Ba‘lu und Môtu“ (KTU 1.4-6) dargestellten Beschreibung herleiten. Hier wird berichtet, wie Ba‘lu, nachdem Môtu (→ Mot) ihn besiegt hat, in den Schoß der Erde gerissen wird. Nach einer gewissen Zeit, die dem Zeitraum der sommerlichen Dürre entspricht, wird er wieder zum Leben erweckt dank der Fürsorge der Göttin Anatu (→ Anat), die die Quellen personifiziert und das versickernde Wasser auffängt, das die Substanz des Gewitter- und Regengottes darstellt. Die Sonnengöttin Schapschu (→ Schamasch) wirkt ebenfalls an der Rückkehr Haddu-Ba‘lus mit, indem sie das Quellwasser durch Verdunstung in den Himmel aufsteigen lässt, das später die Wolken bildet, die die Gipfel des Berges Ṣapanu umgeben:

Laut 11 rief sie zur Leuchte der Götter, Schapasch: 12 „Lade mir doch den allmächtigen Baal auf!“ 13 Es gehorchte die Leuchte der Götter, Schapasch. 14 Sie hob den allmächtigen Baal hoch, auf die Schultern der 15 Anat legte sie ihn. Sie brachte ihn hoch 16 auf den Gipfel des Zaphon. (KTU 1.6 I, 13-17; TUAT III,6, 1185f.)

Mit Dank an © Françoise Briquel-Chatonnet

Abb. 2 Der Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘ von Norden gesehen.

Der Berg Ṣapanu an der nördlichen Horizontlinie Ugarits (heute der Ǧebel el-Aqra‘; Koordinaten: N 35° 50' 20'', E 35° 49' 11'') wurde als Wohnsitz Haddu-Ba‘lus betrachtet. Die Anwesenheit des Gottes auf seinem Berg (→ Berggott), von der man annahm, dass sie sich in Niederschlag und Gewitter zeigt, musste zum Herbst hin besonders offensichtlich sein, wenn der seit Monaten herbeigesehnte Regen eintraf. Die im Umkreis von über zehn Kilometern im Landesinneren spürbaren Gewitter über diesem Berg wurden als Zeitpunkt der Rückkehr des Gottes in seinen Palast gedeutet.

Wenn der Ṣapanu im Mythos „Ba‘lu und Môtu“ als der Ort Ba‘lus gilt, dürfte auch sein Kampf gegen Jammu von diesem Berg ausgegangen sein. Eine genauere Lokalisierung erlaubt vielleicht die oben beschriebene Stele Ba‘lus mit Blitzspeer. Dass Ba‘lu auf vier Berggipfeln steht, ist nicht nur Ausdruck einer künstlerischen Konvention, sondern entspricht dem Ǧebel el-Aqra‘, dessen Hauptspitze tatsächlich von mehreren Gipfeln umringt ist.

© Pierre Bordreuil

Abb. 3 Der Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘ von Ras el Bassit (nördl. am Fuß des Massivs) aus gesehen.

Wenn die obere Wellenlinie die Spitzen des Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘ darstellt, kann man in der unteren Wellenlinie die Wellen des Meeres vor der Bucht von Kassab im Westen und Ras al Bassit im Südwesten erkennen, zumal sich hier der einzige Ort im Königreich Ugarit findet, an dem Meer und Gebirge aufeinander treffen. Zugleich begünstigt hier – besonders in Folge der starken Verdunstung während des mediterranen Spätsommers – die Nähe von Meer und Gebirge (höchstens drei Kilometer Luftlinie) einen außergewöhnlichen Effekt. Die starke Wolkenbildung um den Gipfel sorgt in der sonst regenarmen Gegend für einen Niederschlag von durchschnittlich über einem Meter im Jahr, verursacht durch kräftige Gewitter, die von zahlreichen vom Meer angezogenen Blitzschlägen begleitet werden. Der Anschein eines Konflikts zwischen Meer und Gewitter entsteht aus dem Aufkommen von Wogen und starkem Seegang, die als die Antwort des Meeres auf die von dem Gott versetzten Hiebe verstanden werden können. In dieser Art finden im Herbst und im Winter immer wieder spektakuläre Stürme statt, die Fischer, Seeleute und Reisende sehr beeindruckt haben müssen. Als unfreiwillige Zeugen des Aufbäumens der Elemente haben sie hier den mythischen Ort schlechthin erkannt, die Stelle des „Urkampfes“, den der Wettergott abwechselnd mit Keulen und Lanze gegen den Meeresgott ausgetragen hat.

3. Mit dem Meer / Jammu verbundene Gottheiten Ugarits

3.1. Der Göttervater Ilu

Jammu ist ein Sohn des „Göttervaters“ Ilu (→ El). Dieser wohnt „an der bzw. den Quelle(n) der Flüsse inmitten der beiden Meeresströme“ (KTU 1.4, IV, 20; TUAT III,6, 1158), also weit von den Menschen entfernt, ja gilt als „der Entfernteste aller Götter“ (KTU 1.3, IV, 35; TUAT III,6, 1145). Andere Texte verlegen ihn dagegen auf einen Berg, der unterschiedliche Namen trägt und im äußersten Westen gelegen ist, wo sich die beiden Arme des Flusses treffen, der die Erde umgibt (KTU 1.4 IV, 19-22).

3.2. Der Handwerkergott Koschar

Ohne selbst ein Meergott zu sein, wird der Handwerkergott Koschar drei Mal mit Jammu in Verbindung gebracht: Wie oben bereits erwähnt, arbeitet er zunächst für Jammu als Architekt von dessen Palast (KTU 1.2, III, 7; TUAT III,6, 1126), später wechselt er das Lager und wird Haddu-Ba‘lus Waffenschmied im Laufe von dessen Auseinandersetzung mit dem Gott des Meeres (KTU 1.2 IV, 7ff; TUAT III,6, 1130f.). Nachdem der Wettergott den Sieg davon getragen hat, fertigt Kôtharu wa-Ḫasīsu als Goldschmied Kunstgegenstände an, die Ba‘lu und Anatu (→ Anat) an Athiratu (→ Aschera) verschenken. Letztere erwirkt dann von Ilu die Erlaubnis, einen Palast für Ba‘lu zu errichten, den Kôtharu wa-Ḫasīsu erbauen soll. Die Beschäftigung mit Baumaßnahmen scheint seiner Kompetenz als Architekt zu entsprechen, da aber dieser Palast aus kostbaren Materialien besteht, steht die Erbauung sicherlich im Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Goldschmied.

3.3. Die Göttin Athiratu des Meeres

Der Name „Athiratu des Meeres“ (’aṯrt jm) lässt an eine Meeresgottheit denken, aber ihre Beziehung zum Meer wird aus den mythologischen Erzählungen nicht sehr deutlich. Während Haddu-Ba‘lus Abwesenheit versucht sie vergeblich, die von Athtaru erhobenen Ansprüche auf dessen Nachfolge zu unterstützen (KTU 1.6 I,52-55). Daraus kann man folgern, dass sie Haddu-Ba‘lu gegenüber nicht freundlich gesinnt ist und wahrscheinlich fürchtet, dass er sich zum Kampf gegen ihre Söhne erheben könnte. Tatsächlich kommt es bei der Rückkehr des Wettergottes auf den Ṣapanu zur Konfrontation (KTU 1.6, V, 1-3; TUAT III,6, 1193), und so könnten die Söhne von „Athiratu des Meeres“ die Seeungeheuer sein, die gleich nach dem Sieg über Jammu erschlagen (KTU 1.3, III, 40-44; TUAT III,6, 1142f.) und in einem weiteren Text erwähnt werden (KTU 1.5 I, 1-4); TUAT III,6, 1174). Die Göttin wird dennoch später eine wichtige Rolle spielen, denn sie tritt bei Ilu für den Bau des Palastes Haddu-Ba‘lus ein, jedoch nicht ohne zuvor großzügig belohnt worden zu sein:

Besorge 21 ein Geschenk für die Dame Aschirat des Meeres, 22 eine Gabe für die Schöpferin der Götter!“ (KTU 1.4 I, 20f; TUAT III,6, 1150).

3.4. Der Gott Qadischu wa-Amraru

Qadischu wa-Amraru ist eine weitere dem Meer verbundene Gottheit und trägt wie Kôtharu wa-Ḫasīsu einen Doppelnamen. Qadischu, der erste Namensteil, ist sicher von der Wurzel qdš „Heiligkeit“ abzuleiten, aber die Bedeutung des zweiten Namensteils Amraru ist ungewiss. Das Vorkommen dieses Gottes in einer Götterliste (KTU 1.123, 26) weist ihn als einen Gott aus, der besonders mit dem Bereich des Meeres zu tun hat. Im Mythos vom Palastbau Haddu-Ba‘lus erscheint er als Seemann der Göttin Athiratu (KTU 1.4, IV, 4; TUAT III,6, 1157). Haddu-Ba‘lu beauftragt ihn, Kôtharu wa-Ḫasīsu die Bestellung der Schmuckstücke zu übermitteln, die er der Göttin Athiratu schenken wird, wenn sie von Ilu, der weit weg in seinem Wohnsitz weilt, die Genehmigung für den Bau seines Palastes erwirkt haben wird (KTU 1.4 20-61; TUAT III,6, 1160f.). In der Zwischenzeit wartet Ba‘lu auf Athiratu und schlägt sein Lager auf seinem Berg, dem Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘, auf. Als der Schmuck fertig ist, befiehlt die Göttin Athiratu, deren vollständiger Name Athiratu Jammi „die auf dem Meer Gehende“ bedeuten könnte, dem Gott Qadischu wa-Amaru, sie auf einen Esel zu setzen:

[Qidš-und-Amrur] 14 setzte Aschirat auf den Rücken des Eselhengstes, 15 auf das Geschmeide des Rückens des Hengstes. (TUAT III,6, 1158)

Während der Reise zu Ilus Wohnsitz fungiert Qadischu wa-Amaru sowohl als Hochseelotse, der sich nach den Sternen orientiert, da er „wie ein Stern voraus geht“, als auch als versierter Fischer, der nach einer Fackel greift, um mit Laternen zu fischen.

16 Qidš übernahm die Führung [Vf. Bevorzugt die andere, geläufige Übersetzung: Qidš nahm eine Fackel; vgl. Textes Ougaritiques, 203; cf. Ernst-Pradal] 17 Amrur war wie ein Stern vorn, 18 dahinter war die Jungfrau Anat. (KTU 1.4, IV, 16-17; TUAT III,6, 1158)

Er ist also der Oberbootsmann, verantwortlich für die Reise von Athiratu, die, wahrscheinlich mit ihrem gesamten Schmuck ausgestattet, zu einem unbestimmten Ort im äußersten Westen hinter den Meeren reist, wo Ilu wohnhaft ist.

Es ist festzustellen, dass die zwei Begleitgötter Kôtharu wa-Ḫasīsu und Qadischu wa-Amaru in dem immer wiederkehrenden Motiv vom Kampf des Wettergottes gegen das Meer eine wichtige Rolle spielen, indem jeder auf seine Weise dazu beiträgt, Ba‘lus Vorherrschaft zu festigen.

Der Erste schmiedet die Waffen, die den Sieg über Jammu ermöglichen werden. Später wird er zum Goldschmied, gestaltet und überreicht Haddu-Ba‘lu die Schmuckstücke, die dann die Göttin Athiratu dazu bringen werden, sich für den Bau des Palastes auf dem Berg Ṣapanatu einzusetzen. Bei der Erbauung des aus kostbaren Materialien bestehenden Palastes zeigt er schließlich sowohl sein Können als Architekt als auch seine Goldschmiedekunst.

Der Zweite hat geringere Aufgaben und stellt sein Geschick als Seemann in den Dienst der Baumaßnahmen Haddu-Ba‘lus. Er führt die Göttin Athiratu Jammi unter günstigen Umständen sicher zum Wohnsitz Ilus. Ihre gegen Vergütung durchgeführte diplomatische Mission ist ihr umso unangenehmer, als sie ja anfangs ihrem Auftraggeber Haddu-Ba‘lu feindlich gesinnt war, inzwischen aber, nachdem er Jammu bezwungen hat, seine Vorherrschaft anerkennt und sich für den Wettergott einsetzt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Textedition und Übersetzungen

  • Dietrich, M. / Loretz, O. / Sanmartin, J., The cuneiform Alphabetic Texts from Ugarit, Ras Ibn Hani and other places (KTU: second, enlarged edition) [=CAT] (Abhandlungen zur Literatur Alt-Syrien-Palästinas und Mesopotamiens 8), Münster 1995.
  • Dietrich, M./ Loretz, O., Der Baal-Zyklus (KTU 1.1-1.6), in: O. Kaiser (Hg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Bd. III,6: Mythen und Epen in ugaritischer Sprache, Gütersloh 2005, 1091-1199 (= TUAT).
  • Caquot, A. in Zusammenarbeit mit M. Sznycer und A. Herdner, Textes ougaritiques, I, Mythes et légendes (Littératures anciennes du Proche-Orient 7), Paris 1974.

2. Weitere Literatur

  • Bordreuil, P., Recherches ougaritiques I: Où Baal a-t-il remporté la victoire contre Yam?, Semitica XL, 1990, 17-28.
  • Ernst-Pradal, F., Qodeš-Amrour et la pêche au feu, Semitica 50, 2001, 217-220.
  • Loretz, O., 2001, Literarische Quellen zur Stele des „Baal au foudre“ (RS 4.427), UF 33 (2001), 325-376
  • Niehr, H., Religionen in Israels Umwelt. Einführung in die nordwestsemitischen Religionen Syrien-Palästinas (NEB.Ergänzungsband 5), Würzburg 1998
  • Ringgren, H., Art. יָם jām, in: Theologische Wörterbuch zum Alten Testament, Bd. 3, Stuttgart u.a. 1982, 645-657.
  • Stolz, F., Art. Sea, in: Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Second extensively revised Edition, Leiden u.a. 1999, 737-742.
  • Smith, M.,The Ugaritic Baal Cycle, Volume 1. Introduction with Text, Translation and Commentary of KTU 1.1-1.2 (VT.S 55), Leiden 1994.
  • Smith, M.,The Ugaritic Baal Cycle, Volume 2. Introduction with Text, Translation and Commentary of KTU 1.3-1.4 (VT.S 114), Leiden, im Druck), (Co-authored with Wayne Pitard).

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Baal mit Blitzspeer und Keule (Stele aus Ugarit). © Foto Mission de Ras Šamra / Ugarit
  • Abb. 2 Der Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘ von Norden gesehen. Mit Dank an © Françoise Briquel-Chatonnet
  • Abb. 3 Der Ṣapanu / Ǧebel el-Aqra‘ von Ras el Bassit (nördl. am Fuß des Massivs) aus gesehen. © Pierre Bordreuil
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