bibelwissenschaft.de - Das wissenschaftliche Bibelportal der Deutschen Bibelgesellschaft

Lexikon

Inschrift von Tel Dan

Jonathan Robker

(erstellt: März 2015)

Permanenter Link zum Artikel: http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/16149/

1. Einleitung

1.1. Fundumstände

© Erasmus Gaß

Abb. 1 Der Platz vor der eisenzeitlichen Toranlage in Areal A von Tel Dan, wo die Fragmente der Dan Inschrift sekundär verbaut waren.

Im Jahr 1993 fanden Ausgräber in → Dan (Koordinaten: 2112.2948; N 33° 14' 51'', E 35° 39' 05'') ein stark beschädigtes schwarzes Basaltstück mit 13 eingeritzten Zeilen, geschrieben in altaramäischer → Schrift (zu Schrift und Sprache vgl. Muraoka, 1995 und 2001; → Aramäisch). Es handelt sich um das Bruchstück eines Steines, auf dem eine Inschrift eingeritzt worden war. Nach seiner Aufstellung ist der Stein zerstört worden. Danach ist das zuerst gefundene Stück in einem Innenhof als Pflasterstein wiederverwendet worden. Das heißt, der Stein wurde nicht in situ, sondern in sekundärer Verwendung entdeckt. Noch im Jahre 1993 erschien die Erstveröffentlichung dieser Inschrift (Biran / Naveh, 1993), die für große Aufregung bei verschiedenen Gruppen von Bibelwissenschaftlern sorgte (s.u. zur Tel Dan Inschrift im wissenschaftlichen Diskurs).

Aus: Wikimedia Commons; © יעל י, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 20.5.2014

Abb. 2 Die Inschrift von Tel Dan im Israel Museum (weiße Hervorhebung nicht ursprünglich).

Im Jahre 1994 wurden zwei weitere Stücke gefunden, die im Jahre 1995 ediert und publiziert wurden (Biran / Naveh, 1995). Die Untersuchungen der Ausgräber ergaben, dass die beiden Stücke zusammenpassten und wohl zu der Inschrift gehörten, die schon 1993 entdeckt worden war. Archäologische (zumindest bezüglich des terminus ad quem) und paläographische Daten unterstützen diese Deutung. Die Herausgeber der Inschrift nannten das zuerst gefundene Stück nun Fragment A und die beiden anderen zusammengefügten Stücke Fragment B. Zudem stellten sie einen „Join“ (eine Stelle, an der beide Fragmente ursprünglich zusammenhingen) fest, und zwar unterhalb der Oberfläche auf der linken Seite von Fragment A neben Zeile 5. Dieser Join konnte nur auf der Rückseite festgestellt werden (bestätigt durch die neueren Untersuchungen von Schniedewind). Ein Join zwischen den Fragmenten A und B ist auf der Oberfläche der Inschrift nicht möglich. Dennoch wird von den meisten Wissenschaftlern dieser Join akzeptiert (wichtigste Ausnahme ist Athas; vgl. gegen Athas schon Sasson, Suriano). Die Zugehörigkeit beider Fragmente zur selben Inschrift wird so gut wie allgemein akzeptiert. Heute befindet sich die Inschrift im Jerusalemer Israel Museum, wo sie ausgestellt ist.

1.2. Zustand des Artefakts

© Jonathan Miles Robker

Abb. 3 Die Tel Dan Inschrift ohne besondere Beleuchtung.

Da die bisher gefundenen Basaltstücke weder den oberen noch den unteren Rand der Inschrift belegen, können die gefundenen Reste der Inschrift von Tel Dan weder den Anfang noch das Ende der Inschrift darstellen. Zudem ist an keiner Stelle der linke Rand der Inschrift erhalten geblieben. Zwei größere Lacunae zwischen den beiden Fragmenten erschweren die Rekonstruktion des Textes. Mögliche künftige Entdeckungen könnten unser Bild und unsere Rekonstruktion der Tel Dan Inschrift komplett verändern oder bestätigen. Deshalb haben auf gewisse Weise alle Aussagen über die Tel Dan Inschrift nur einen vorläufigen Charakter.

Vom erhaltenen Text ist auch nicht alles gut lesbar; gerade die ersten Zeilen (Z. 1-6) von Fragment A sind stark abgeschliffen und beschädigt, was oft durch Lichteinstellungen in den Fotos ausgeglichen wird (s. z.B. Abb. 2 im Vergleich zu Abb. 3). Einige Buchstaben sind nur in Resten erhalten, die nicht immer eindeutig zu deuten sind; vgl. die ausführlichen Diskussionen in Athas, 35-69 und 75-92 sowie Robker, 246-264.

1.3. Datierung

Weil der Boden des Platzes, in dem sich Fragment A befand, unter einer Zerstörungsschicht lag, die man mit der Eroberung der Stadt durch → Tiglatpileser III. in Verbindung bringt, ist der terminus ad quem für die sekundäre Benutzung des Steins dieser Eroberungszug (ca. 733 v. Chr.; vgl. 2Kön 15,29). Da sich unter dem Fragment Keramik-Reste nur aus der Zeit um die Mitte des 9. Jh.s v. Chr. befanden, kamen die Herausgeber zu einem terminus a quo um etwa 850 v. Chr. (Biran / Naveh, 1993). Paläographische Vergleiche unterstützen eine Datierung der Inschrift in die Zeit um ca. 840-825 v. Chr. (zusätzlich zur Erstveröffentlichung, vgl. Tropper, 1993 und 1994). Eine ähnliche chronologische Einschätzung gilt ebenfalls für Fragment B (Biran / Naveh, 1995).

1.4. Die Gattung

Allem Anschein nach sind die Reste der Inschrift von Tel Dan Teile einer autobiographischen königlichen Inschrift, die den sie aufstellenden König rühmen und in seinem Amt bestätigen soll. Das zeigt vor allem die Erwähnung seiner göttlichen Erwählung durch → Hadad (Z. 4-5) sowie seiner Machttaten (Z. 6ff.). Damit ist klar, dass die Tel Dan Inschrift in erster Linie kein „historischer“ Bericht ist, sondern eher dem Bereich der Propaganda entstammt (vgl. die formkritische Analyse bei Suriano, 171-173). Einen ähnlichen Text dieser Gattung sowie dieser Zeit bietet z.B. die → Mescha-Stele.

1.5. Verfasser

An keiner erhaltenen Stelle nennt die Inschrift ihren Verfasser, was vermutlich allein am fragmentarischen Zustand der Stele liegt. Der Text erwähnt aber mehrfach den Vater des Verfassers bzw. Stifters (Z. 2-3). Andere autobiographische Daten des Verfassers bzw. Stifters sind ebenfalls erhalten. Er behauptet, ein König gewesen zu sein und zwar eingesetzt vom Gott Hadad. Der Bezug zu Hadad spricht für eine aramäische Herkunft des Verfassers (→ Aramäer). Eine königliche Verfasserschaft, die Datierung der Inschrift sowie ihre aramäische Sprache lassen auf → Hasael von Damaskus als Verfasser schließen (vgl. schon Tropper, 1993). Aber die Aussagen der rekonstruierten Inschrift widersprechen dem biblischen Bild von Hasael in mehrfacher Weise: Nach 2Kön 8,7-15 soll Hasael seinen Vorgänger ermordet haben, was kaum mit der tendenziell positiven Bezeichnung seines Vorgängers als „mein Vater“ in Einklang zu bringen ist; zudem gibt der König an, → Joram und → Ahasja getötet zu haben, was biblisch in 2Kön 9 zweifelsohne → Jehu zugeschrieben wird (vgl. auch noch Hos 1,4-5 und Irvine zur „Blutschuld von Jesreel“). Trotz dieser Einwände bleibt Hasael dennoch der beste uns bekannte Kandidat, der mit dem Verfasser dieses Textes identifiziert werden könnte.

2. Der Text der Inschrift

2.1. Der aramäische Text in Umschrift

© Jonathan Miles Robker

Abb. 4 Die Tel Dan Inschrift in hebräischer Umschrift.

In der abgebildeten Rekonstruktion werden nur Buchstaben geboten, deren Reste eindeutig zu erkennen sind oder die aus syntaktischen bzw. semantischen Gründen mit großer Wahrscheinlichkeit rekonstruiert werden können (vgl. die anderen wichtigen, zum Teil abweichende Ausgaben in KAI [5. Aufl.] 310 und Kottsieper sowie Robker, 264). Worttrenner werden als Punkte und fehlendes Material wird durch […] dargestellt. Rekonstruierte Buchstaben befinden sich in eckigen Klammern (zu den Rekonstruktionen, vgl. Robker, 246-64 sowie Kottsieper).

1 […]mr.‘[…]wgzr[…]

2 […].’bj.js[q.‘mh.bh]tlḥmh.b[…]

3 wjškb.’bj.jhk.’l.[…]h.wj‘l.mlkj[š]

4 r’l.qdm.b’rq.’bj[.wj]hmlk.hdd[.]’[jtj.]

5 ’nh.wjhk.hdd.qdmj[.w]’pq.mn[.]šb‘[…]

6 j.mlkj.w’qtl.[mlkn.tq]pn.’srj.’[lpj.r]

7 kb.w’lpj.prš[.w’qtl.jw]rm.br.[’ḥ’b…]

8 mlk.jśr’l.wqtl[t.’ḥz]jhw.br.[jwrm.ml]

9 k.bjtdwd.w’šm.[…’]

10 jt.’rq.hm.l[…]

11 ’ḥrn.wlh[…m]

12 lk.‘l.jś[r’l.]

13 mṣr.‘l[…]

2.2. Der Text in deutscher Übersetzung

In der Übersetzung werden Buchstaben, die zu einem hebräischen Wort gehören, das sich nicht eindeutig rekonstruieren lässt, in Umschrift kursiv wiedergegeben.

1 […]mr ‘[…] und er schnitt / sie schnitten […]

2 […] mein Vater ging hin[auf mit ihm bei] seinem Kampf gegen […]

3 Und mein Vater legte sich nieder. Er ging zu seinem / seiner […]. Der König von I[s]

4 rael drang in das Land meines Vaters hinein. [Aber] Hadad machte [mich] zum König

5 Ich! Hadad ging vor mir. [Und] ich ging aus šb‘ […] hinaus

6 j mein Königreich. Und ich tötete […mä]chtige (?) [Könige], nahm tau[sende Kriegs-]

7 wagen und tausende Pferde. [Und ich tötete Jo]ram, Sohn [Ahabs]

8 König von Israel und [ich] tötete [Ahas]jahu, Sohn [Jorams, Kön-]

9 ig vom Hause Davids und ich setzte […]

10 ihr Land zu […]

11 andere und zu ihm [?...re-]

12 gierte über Is[rael?…]

13 Belagerung gegen […]

2.3. Anmerkungen zum Text

Zeile 1 und 3. Die erste Zeile bleibt wegen ihrer Unvollständigkeit weitestgehend unübersetzbar. Das Verb für „schneiden“ kann gelesen werden, aber Subjekt und Objekt bleiben unbekannt. Man könnte an die idiomatische Wendung „einen Bund schneiden (= schließen)“ denken, aber diese Lesart ist keineswegs gesichert. Zeile 3 berichtet vielleicht, dass der Vater zu seinen Vätern oder seinem Volk ging, aber dies bleibt ebenfalls nur eine Vermutung.

Zeile 7. Die zu ergänzende Verbform in Z. 7 kann nicht mit letzter Sicherheit festgestellt werden. Verschiedene Varianten sind möglich, die sich in Inhalt und Bedeutung aber kaum unterscheiden. Eine Möglichkeit wäre eine Passivform „er wurde getötet“ (Rainey, 212-3), was aber eher als Verlegenheitslösung zu betrachten ist, die die Inschrift mit dem biblischen Bild harmonisieren will. Wenn man im Aktiv eine Verbform 3. Pers. Mask. Sing. oder Pl. ansetzt, hat nicht der Verfasser der Inschrift, sondern eine unbekannte Gruppe – weiterhin unbestimmt und kontextuell unklar – die beiden Könige getötet (קתיל qtjl „man hat getötet“ oder קתלו qtlw „sie haben getötet“). Auch diese Deutung glättet die Spannungen zum biblischen Befund. Eher bot der Text entweder in Übereinstimmung mit Z. 6 die Präformativ-Form אקתלqtl oder die Afformativ-Form קתלת qtlt mit oder ohne Konjunktion. Beide Formen bedeuten letztlich dasselbe: „ich tötete“ bzw. „ich habe getötet“. Die Entscheidung für eine der beiden Form beeinflusst lediglich die syntaktische Zuordnung: In Z. 6 folgt einer Präformativ-Form eine Afformativ-Form, die der Präformativ-Form untergeordnet ist. Wenn auch die Fortsetzung der Präformativ-Form von Z. 6 untergeordnet sein sollte, wäre in Z. 7 eine weitere Afformativ-Form zu ergänzen (so Biran / Naveh, 1995). Sollte der Satz, der in der Lacuna in Z. 7 beginnt, jedoch einen neuen Abschnitt beginnen, würde man eine Präformativ-Form ergänzen (so Kottsieper), der dann wieder eine afformativ-Form folgen würde. Letztendlich kann man nicht mit Sicherheit sagen, welche Form ergänzt werden soll. Entweder waren Z. 7-8 syntaktisch parallel zu Z. 6 oder sie setzten die Syntax der Z. 6 fort.

Zeile 7-9. Die Namen der Könige in den Zeilen 7-9 sind augenscheinlich nicht eindeutig, aber der Bezug zu Israel sowie die Datierung der Inschrift deuten tendenziell auf → Joram von Israel und → Ahasja von Juda hin, wenn der Text überhaupt uns bekannte Könige nennen sollte (anders Athas, 193-194, der → „Joahas von Israel“ [817-801 v. Chr.] in Fragment A und → „Amazja von Juda“ in Fragment B rekonstruiert).

Zeile 9. Die Bedeutung des Ausdrucks „Haus Davids“ bietet die meisten Schwierigkeiten. Während die Erstherausgeber ihn auf die Dynastie Davids bezogen – eine Position, die durchaus kritisch gesehen wurde –, scheint eine geographische oder politische Bezeichnung in Parallele zu „Israel“ eher wahrscheinlich. Das „Haus Davids“ stelle damit eher Juda oder Jerusalem mit seinem Hinterland dar (geographisch z.B. Athas, eher politisch Rendsburg). Die beiden Möglichkeiten schließen einander nicht aus und hängen eng miteinander zusammen. Leider lässt sich weder die Größe noch die genaue Position noch die genaue politische Struktur dieses Herrschaftsgebiets aus dieser Inschrift ableiten.

Zeile 12. Der Anfang von Z. 12 kann nicht sicher rekonstruiert werden. Möglich wäre „König über“ oder „regierte über“. Da die Wendung „König über“ in der Inschrift sonst nicht belegt ist (vgl. aber „König von“ in Z. 3-4 und Z. 8), wird in der Übersetzung die Verbform „regiert über“ verwendet, um die Formen voneinander zu unterscheiden, auch wenn die Bedeutung in diesem Fall nicht mit Sicherheit zu rekonstruieren ist.

3. Die Bedeutung für historische Rekonstruktionen

3.1. Inhalt

Die Inschrift bietet folgende Daten:

1) Der Verfasser bezeichnet seinen Vorgänger als Vater.

2) Nach dem Tod des Vorgängers scheint Israel gegen Aram einen Kriegszug unternommen zu haben.

3) Der Verfasser der Inschrift gibt an, verschiedene Könige getötet zu haben, vor allem Joram von Israel und vermutlich Ahasja von Juda.

4) Er unternahm eine Belagerung, deren Ziel jedoch nicht bekannt ist.

3.2. Verhältnis zu biblischen Texten

Wenn Hasael als Verfasser identifiziert werden kann (s.o.), so widersprechen einige Angaben dem biblischen Text. Gleich zu Beginn der erhaltenen Inschrift fällt auf, dass der Verfasser von seinem Vorgänger als „Vater“ spricht. Die biblische Version zum Aufstieg des Hasael in 2Kön 8,7-15 berichtet, dass Hasael seinen Vorgänger umgebracht habe. Nirgendwo wird behauptet, dass Hasaels Vorgänger Hasaels Vater gewesen sei. Einer assyrischen Quelle → Salmanassars III. entnimmt man, dass Hasael womöglich aus keinem adligen Geschlecht, erst recht nicht aus königlichem Haus stammte: Eine Inschrift auf einer Statue aus Assur bezeichnet ihn als „Sohn eines Niemands“ (s. TUAT I/4, 365). Diese Daten können auf unterschiedliche Weise erklärt werden. Einer der drei Texte kann falsche Informationen überliefern; ein Schreiben, oder sogar alle drei, können die Situation so darstellen, wie sie möchten; Salmanassar lässt Hasael so bezeichnen, um ihn schlechter darzustellen; die biblische Überlieferung zeigt in dieser Geschichte, dass der Gott Israels alles – sogar die Herrschaft anderer Nationen – im Griff hat; die Tel Dan Inschrift will Hasael, wenn sie von ihm stammt, positiv darstellen. Vermutlich bezeichnet Hasael seinen Vorgänger als seinen Vater, um zu suggerieren, dass er kein Usurpator ist, sondern sein Königsamt, das Hadad ihm verliehen hat, in Kontinuität zu seinem toten „Vater“ führt (vgl. Suriano, 164-167). Jedenfalls sollte keine der drei genannten Quellen bezüglich ihrer historischen Zuverlässigkeit unkritisch ausgewertet werden.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 5 Der Schwarze Obelisk zeigt, wie Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) Tribute gebracht werden, auch von Israels König Jehu.

Ebenso auffällig ist die Notiz über die Ermordung der Könige von Israel und Juda bzw. vom Haus Davids. Der Darstellung der → Königsbücher zufolge war es nicht Hasael, sondern Jehu, der die beiden Könige Joram von Israel und Ahasja von Juda, sowie ihre Familien tötete (2Kön 9-10). Entweder ist die eine Quelle richtig und die andere falsch, oder beide sind falsch, oder eine Kombination der beiden Texte ist nötig. Es kann sein, dass bei Jehus Aufstand Jehu und Hasael in einer Art Bund miteinander standen. Vielleicht stand Hasael im Hintergrund von Jehus Militärputsch, aber das bleibt relativ unwahrscheinlich, da sich Jehu den → Assyrern tributpflichtig machte, während sich Hasael gegen sie wehrte (vgl. die Schilderung des Schwarzen Obelisken Salmanassars III. in TUAT I/4 362-363). Eine andere Möglichkeit ist, dass sich Hasael durch die Aussage der Tel Dan Inschrift mächtiger als Jehu zeigen wollte: Nicht Jehu, sondern nur Hasael war stark genug, um diese beide Könige zu töten (vgl. 2Kön 10,4 für die Gegenprobe). Schon die Existenz der Inschrift bekräftigt diese Vermutung: Eine aramäische Inschrift wurde in einem Gebiet gefunden, das – zumindest laut biblischer Tradition – Israel gehört haben soll. Die Tel Dan Inschrift sagt zudem nicht explizit, dass Hasael selbst die Könige getötet hat, da die Wurzel קתל qtl in Z. 7 nicht belegt ist und die unvollständig erhaltene Form in Z. 8 sich auf unterschiedliche Weise deuten lässt. Das Verhältnis zwischen der Tel Dan Inschrift und 2Kön 9-10 kann somit nicht eindeutig geklärt werden.

Schließlich deuten einige Notizen in den Königsbüchern auf einen mächtigen Aufstieg der Aramäer unter der Führung Hasaels. Die Tel Dan Inschrift scheint eine gewisse Bestätigung aramäischer Vorherrschaft zumindest in Nordisrael zu sein (vgl. 2Kön 10,32-33). Ob die aramäische Vorherrschaft bis Jerusalem reichte (vgl. 2Kön 12,18-19), ist aber anhand der Tel Dan Inschrift nicht zu klären, da kein Ort der Tötung des judäischen Königs genannt wird (dennoch könnten die Ausgrabungen von Gat das Bild von 2Kön 12,18-19 unterstützen [vgl. Maeir]). Die Zerstörung der Inschrift und die sekundäre Benutzung der Teile in späteren Bauten könnten eine Bestätigung biblischer Notizen zur israelitischen Rückeroberung des Gebiets unter → Joasch oder → Jerobeam II. sein (vgl. 2Kön 13,25; 2Kön 14,25).

4. Die Tel Dan Inschrift im wissenschaftlichen Diskurs

Der wissenschaftliche Diskurs um die Inschrift von Tel Dan gestaltete sich nach der Veröffentlichung der beiden Fragmente sehr hitzig, gerade in Bezug auf hermeneutische Fragen zur Rekonstruktion der Geschichte Israels und Judas. Schon bei der Erstveröffentlichung von Fragment A erhoben Vertreter der sog. „Kopenhagener Schule“ Einspruch gegen die Art und Weise der Veröffentlichung sowie gegen die Interpretation der Inschrift, gerade in Bezug auf die von den Herausgebern gebotene Deutung des Ausdrucks „Haus Davids“ (vgl. Cryer, 1994, 1995, 1996; Davies, 1994; Lemche / Thompson, 1994; Thompson 1995a und 1995b). Ihrer Meinung nach kann die Bedeutung von ביתדוד bjtdwd (was normalerweise als „Haus Davids“ übersetzt wird) nicht als davidische Dynastie verstanden werden, sondern muss geographisch (Cryer, 1994) oder symbolisch gedeutet werden (Thompson, 1995b, meint, dass der Titel „Haus Dods [anstatt David]“ den Gott Israels und Judas als Eponym verstehe; die Existenz eines Gottes Dod sowie des Namens Dod für eine Gottheit wird aber inzwischen komplett abgelehnt, vgl. Barstad). Den Herausgebern der Inschrift wurde vorgeworfen, vorschnell eine Verbindung zu Figuren und Episoden, die aus der Bibel bekannt sind, zu ziehen. Ein solches Vorgehen sei komplett illegitim. Während die Kritik manchmal starke, fast polemische Töne annahm, wurde manches davon akzeptiert und führte das Gespräch um die Bedeutung der Tel Dan Inschrift weiter, z.B. ein Verständnis des „Hauses Davids“ auch als eine geographische – und nicht bloß dynastische – Bezeichnung. Auf der anderen Seite verstärkte dieser epigraphische Beleg des Namens David die Positionen, die nicht die komplette Davidtradition für unhistorisch halten.

5. Zum zeitgeschichtlichen Hintergrund

Die Inschrift von Tel Dan bezeugt den Machtverlust Israels nach dem Ende omridischer Herrschaft (ca. 845-841 v. Chr.; → Omri; → Ahab). Eventuell hilft sie bei der Klärung des Untergangs dieser Dynastie. Im erhaltenen Text wird auf Omri zwar nicht Bezug genommen, dennoch scheint der Text seinen Enkel Joram zu kennen. Wenn Hasael tatsächlich eine Rolle im Aufstand Jehus gespielt hat, ergänzt die Tel Dan Inschrift die Rekonstruktion der Situation über das biblische Zeugnis hinaus. Jedenfalls bezeugt sie eine Auseinandersetzung zwischen Aram-Damaskus und Israel in der zweiten Hälfte des 9. Jh.s v. Chr. und darüber hinaus. Ihre Zerstörung kann als Resultat der Fortsetzung dieser Streitigkeiten verstanden werden; während Hasael die Inschrift zu seinem Ruhm auf israelitischem Boden gestellt hat, hat jemand bei der Rückeroberung dieses Zeugnis seines Ruhms zerstört und für gewöhnliche Bautätigkeiten eingesetzt. Dies muss schon vor dem Angriff Tiglatpilesers III. im Jahr 733 v. Chr. geschehen sein, da Reste dieser Zerstörung über dem sekundären Kontext der Inschrift lagen. In diesem Sinn bezeugt die Inschrift von Tel Dan einen Abstieg Israels vor einem Aufstieg gegenüber Aram und ergänzt somit das Bild Israels im alten Orient der zweiten Hälfte des 9. bis in die erste Hälfte des 8. Jh.s v. Chr.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Leiden 2. Aufl. 1999
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000

2. Weitere Literatur

  • Ahituv, S., Echoes from the Past. Hebrew and Cognate Inscriptions from the Biblical Period, Jerusalem 2008, 466-473
  • Athas, George, The Tel Dan Inscription. A Reappraisal and a New Interpretation, London 2005
  • Barstad, H.M., Art. Dod, in: Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Leiden 2. Aufl. 1999, 259-262
  • Biran, Avraham / Naveh, Joseph, An Aramaic Stele Fragment from Tel Dan, IEJ 43 (1993), 81-98
  • Biran, Avraham / Naveh, Joseph, The Tel Dan Inscription. A New Fragment, IEJ 45 (1995), 1-18
  • Cryer, Frederick H., King Hadad, SJOT 9 (1995), 223-235
  • Cryer, Frederick H., Of Epistemology, Northwest-Semitic Epigraphy and Irony. The „BYTDWD / House of David“ Inscription Revisited, JSOT 69 (1996), 3-17
  • Cryer, Frederick H., On the Recently-Discovered „House of David“ Inscription, SJOT 8 (1994), 3-19
  • Davies, Philip R., Bytdwd and Sukt Dwyd. A Comparison, JSOT 64 (1994), 23-34
  • Irvine, Stuart, The Threat of Jesreel (Hosea 1:4-5), CBQ 57 (1995), 494-503
  • Kottsieper, Ingo, The Tel Dan Inscription (KAI 310) and the Political Relations Between Aram-Damascus and Israel in the First Half of the First Millennium BCE, in: L.L. Grabbe (Hg.), Ahab Agonistes. The Rise and Fall of the Omri Dynasty, London 2007, 104-134
  • Lemche, Niels Peter / Thompson, Thomas L., Did Biran Kill David? The Bible in the Light of Archaeology, JSOT 64 (1994), 3-22
  • Maeir, Aren, The Historical Background and Dating of Amos VI 2. An Archaeological Perspective from Tell eṣ-Ṣâfì / Gath, VT 54 (2004), 319-334
  • Muraoka, Takamitsu, Linguistic Notes on the Aramaic Inscription from Tel Dan, IEJ 45 (1995), 19-21
  • Muraoka, Takamitsu, The Prefix Conjugation in Circumstantial Clauses in the Tel Dan Inscription?, VT 51 (2001), 389-392
  • Rainey, Anson F., The Sacred Bridge, Jerusalem 2006
  • Rendsburg, Gary A., On the Writing ביתדוד in the Aramaic Inscription from Tel Dan, IEJ 45 (1995), 22-25
  • Robker, Jonathan, The Jehu Revolution. A Royal Tradition of the Northern Kingdom and Its Ramifications (BZAW 435), Berlin / New York 2012
  • Sasson, Victor J., The Tell Dan Aramaic Inscription. The Problems of a New Minimized Reading, JSS 50 (2005), 23-34
  • Schniedewind, William, The Tel Dan Stele. New Light on Aramaic and Jehu’s Revolt, BASOR 302 (1996), 75-90
  • Suriano, Matthew J., The Apology of Hazael. A Literary and Historical Analysis of the Tel Dan Inscription, JNES 66 (2007), 163-176
  • Thompson, Thomas L., „House of David“. An Eponymic Referent to Yahweh As Godfather, SJOT 9 (1995a), 59-74
  • Thompson, Thomas L., Dissonance and Disconnections. Notes on the Bytdwd and Hmlk.Hdd Fragments from Tel Dan, SJOT 9 (1995b), 236-240
  • Tropper, Josef, Eine altaramäische Steleninschrift aus Dan, UF 25 (1993), 395-406
  • Tropper, Josef, Paläographische und linguistische Anmerkungen zur Steleninschrift aus Dan, UF 26 (1994), 487-492

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der Platz vor der eisenzeitlichen Toranlage in Areal A von Tel Dan, wo die Fragmente der Dan Inschrift sekundär verbaut waren. © Erasmus Gaß
  • Abb. 2 Die Inschrift von Tel Dan im Israel Museum (weiße Hervorhebung nicht ursprünglich). Aus: Wikimedia Commons; © יעל י, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 20.5.2014
  • Abb. 3 Die Tel Dan Inschrift ohne besondere Beleuchtung. © Jonathan Miles Robker
  • Abb. 4 Die Tel Dan Inschrift in hebräischer Umschrift. © Jonathan Miles Robker
  • Abb. 5 Der Schwarze Obelisk zeigt, wie Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) Tribute gebracht werden, auch von Israels König Jehu. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

PDF-Archiv

Alle Fassungen dieses Artikels seit September 2017 als PDF-Archiv zum Download:

VG Wort Zählmarke
http://m.bibelwissenschaft.de