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Lexikon

Hungersnotstele

Joachim Quack

(erstellt: Febr. 2013)

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Aus: Wikimedia Commons; © Morburre, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 17.4.2010

Abb. 1 Hungersnotstele (Sehel; 1. Jh. v. Chr.).

Die sogenannte Hungersnotstele ist eine hieroglyphische Felsinschrift auf der Südspitze der Insel Sehel am Ersten Katarakt nahe → Elephantine, an der Südgrenze Ägyptens.

1. Text und Inhalt

Standardbearbeitung ist Barguet 1953 (Goedicke 1994 ist unzuverlässig); eine neue Publikation des Hieroglyphentextes bieten Gasse / Rondot 2007, 562-567; letzte vollständige Übersetzung Peust 2004 (TUAT.NF I, 208-217); letzte Diskussionen mit weiteren Referenzen Haiying 1998; Quack 2012, 342-352.

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 23.2.2013

Abb. 2 Text und Bild der Hungersnotstele.

Im Bildfeld der Hungersnotstele ist der König, dem Inhalt des Textes angemessen, dargestellt, wie er den Göttern der Kataraktregion → Chnum, Satet und Anukis eine Räucherung darbietet.

Der Text gibt an, ein Dekret des Königs Djoser (3. Dynastie, ca. 2700 / 2600 v. Chr.) zu sein. Demnach litt das Land sehr unter einer siebenjährigen Hungersnot (→ Hunger). Der König befragt daraufhin den Weisen Imhotep, Sohn des Ptah, nach dem Entstehungsplatz der Nilüberschwemmung. Dieser ermittelt nach Konsultation der Schriften die Stadt Elephantine, die auch im Stile einer Gaumonographie ausführlich mit ihren Gottheiten, ihrer Geographie und ihren Bodenschätzen geschildert wird. Der König bringt darauf zunächst den Gottheiten von Elephantine Opfer dar, dann erhält er im Traum eine Offenbarung des Gottes Chnum von Elephantine, der ihm Überschwemmung und reiche Versorgung der Bevölkerung verheißt. Daraufhin erlässt der König ein Dekret, das Chnum das Anrecht auf das Zwölfmeilenland südlich von Elephantine zuspricht. Ein Zehntel allen Ertrags aus diesem Gebiet soll an den Tempel des Chnum gehen. Die Aufzeichnung dieses Dekrets sowohl auf einer Stele als auch auf Schreibtafeln im Tempel wird angeordnet.

2. Datierung und Situierung

Obgleich der Text behauptet, ein Königsdekret des frühen Alten Reiches darzustellen, ist es anhand der Orthographie eindeutig, dass die aktuelle Niederschrift erst aus der griechisch-römischen Zeit stammen kann (selbst wenn sie teilweise auf ältere Vorlagen zurückgreifen sollte). Hinsichtlich der genauen Datierung gibt es leicht divergierende Ansätze. Manche Forscher (z.B. Barguet 1953, 33-36) projizieren das im Text genannte Jahr 18 (des Djoser) einfach auf Ptolemaios V. und datieren die Niederschrift deshalb auf 187 v. Chr. Daneben wurden auch Abfassungen unter Ptolemaios VIII. Euergetes II. (Gabolde 2004) sowie Ptolemaios IX. Soter II. (Sethe 1901, 19-26; Grenier 2004) erwogen.

Die Tatsache, dass die Inschrift auf jede Nennung eines aktuellen Herrschers verzichtet, spricht in jedem Falle dafür, dass es sich nicht um eine offizielle königliche Verlautbarung handelt. Vielmehr ist sie in dem größeren Zusammenhang zu sehen, dass Ptolemaios VI. das Zwölfmeilenland dem Isistempel von Philae zugesprochen hat (Locher 1999, 243-246 u. 341f.). Man kann vermuten, dass die Priester von Elephantine ihren rivalisierenden Anspruch durch den Nachweis eines sehr viel älteren königlichen Dekrets in ihrem Sinne untermauern wollten, es sich somit um eine bewusste Fälschung handelt.

3. Ägyptische Parallelen

Lange Zeit war dieser Text in Ägypten ohne enge Parallelen, auch wenn es durchaus weitere Inschriften gibt, die von Hungersnöten berichten (Vandier 1936). Inzwischen sind jedoch weitere Kompositionen bekannt geworden, welche dieses Motiv ebenfalls aufweisen (Quack 2012, 348-350). Zunächst zu nennen ist die historische Einleitung des „Buches vom Tempel“, einer umfangreichen Komposition über den idealen ägyptischen Tempel, die sowohl die architektonische Anlage als auch die Dienstpflichten der Priester und Tempelbediensteten regelt. Sie gibt an, dass in der Regierungszeit des Königs Neferkasokar (2. Dynastie, ca. 2750) sieben Jahre die Nilüberschwemmung ausblieb und die Tempel dadurch in Verfall gerieten. Anschließend erhält der König in einem Traum die Anweisung, alle Tempel Ober- und Unterägyptens zu restaurieren.

Möglicherweise eine lokale Adaption des Buches vom Tempel bietet ein schlecht erhaltenes Papyrusfragment der Römerzeit aus Dēr el-Baḥri (pBM 10565, im Zusammenhang der dortigen Kapelle des Imhotep und Amenhotep aufgefunden), das im erhaltenen Bereich Stichworte aufweist, die der historischen Einleitung des Buches vom Tempel auffällig ähneln, und dabei auch sieben Jahre üppiger und sieben Jahre mangelnder Nilüberschwemmung erwähnt.

Sowohl einige sehr spezifische Titel des Imhotep als auch eine auffällige stilistische Gemeinsamkeit im Gebrauch dreier verschiedener Fragewörter für „wer / was“ sprechen dafür, dass die Hungersnotstele das „Ritual zum Eintritt in die Kammer der Finsternis“, einen fundamentalen Text über den Zugang zum arkanen Wissen über Schreibkunst und religiöses Wissens, herangezogen hat (Quack 2007, 260f.).

4. Bedeutung für das Alte Testament

Schon in der Erstpublikation (Brugsch 1891) wurden die offensichtlichen Ähnlichkeiten zur Geschichte von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren der biblischen → Josefsgeschichte herausgestrichen. Seitdem gibt es eine intensive Diskussion darüber, ob es sich lediglich um zufällige Ähnlichkeit handelt, um zwei Vertreter eines übergreifenden vorderorientalischen Motivs (Gordon 1953), um einen Beweis für die Historizität der Bibel, oder ob einer der Texte literarisch vom anderen abhängt. Dabei wurde sowohl eine Abhängigkeit des ägyptischen Textes vom biblischen (Vandier 1936, 42-44 unter Annahme einer Vermittlung durch die Juden von Elephantine in der Perserzeit) als auch des biblischen vom ägyptischen (Seebass 1978, 26-41, auch unter Annahme einer Vermittlung durch die Juden von Elephantine; Shupak 2007, 126f.) erwogen. Die inzwischen neu entdeckten weiteren ägyptischen Bezeugungen des Motivs sollten plausibel machen, dass es sich bei der Hungersnotstele um die lokale Adaption landesweit zirkulierender wichtiger normativer Texte handelt. Damit muss die Frage neu gestellt werden, und es kann nur noch um das Verhältnis des biblischen Textes zu eben diesen normativen ägyptischen Kompositionen, insbesondere dem Buch vom Tempel gehen. Hier ist eine motivische Beeinflussung prinzipiell nicht unwahrscheinlich, ohne dass die Frage derzeit als endgültig geklärt gelten kann.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992

2. Weitere Literatur

  • Barguet, P., 1953, La Stèle de famine (BdE 24), Kairo.
  • Brugsch, H., 1891, Die biblischen sieben Jahre der Hungersnoth nach dem Wortlaut einer altägyptischen Felseninschrift, Leipzig.
  • Gabolde, M., 2004, Notule sur la stèle de la Famine à Séhel, in: A. Gasse / V. Rondot (Hgg.), Séhel entre Égypte et Nubie. Inscriptions rupestres et graffiti de l’époque pharaonique. Actes du colloque international (31 mai – 1er juin 2002), (Or Mons 14), Montpellier, 107-110.
  • Gasse, A. / Rondot, V., 2007, Les Inscriptions de Séhel (MIFAO 126), Kairo.
  • Goedicke, H., 1994, Comments on the „Famine Stela“, San Antonio.
  • Gordon, C. H., 1953, Sabbatical Cycle or Seasonal Pattern? Reflections on a New Book, Or 22, 79-81
  • Grenier, J.-C., 2004, Autour de la stèle de la Famine, de sa datation réelle et de sa date fictive, in: A. Gasse / V. Rondot (Hgg.), Séhel entre Égypte et Nubie. Inscriptions rupestres et graffiti de l’époque pharaonique. Actes du colloque international (31 mai – 1er juin 2002), (Or Mons 14), Montpellier, 81-88.
  • Haiying, Yan, 1998, The Famine Stela: A Source-Critical Approach and Historical-Comparative Perspective, in: Ch. Eyre (Hg.), Proceedings of the Seventh International Congress of Egyptologists, Cambridge, 3.-9. September 1995 (OLA 82), Leuven, 515-5-21.
  • Locher, J., 1999, Topographie und Geschichte der Region am ersten Nilkatarakt in griechisch-römischer Zeit (AfP Beiheft 5), Stuttgart / Leipzig.
  • Peust, C., 2004, Hungersnotstele, in: B Janowski / G. Wilhelm (Hgg.), Texte aus der Umwelt des Alten Testaments, Neue Folge 1. Texte zum Rechts- und Wirtschaftsleben, Gütersloh, 208-217.
  • Quack, J.F., 2007, Die Initiation zum Schreiberberuf im Alten Ägypten, SAK 36, 249-295.
  • Quack, J.F., 2012, Danaergeschenk des Nil? Zuviel und zuwenig Wasser im Alten Ägypten, in: A. Berlejung (Hg.), Disaster and Relief Management. Katastrophen und ihre Bewältigung (FAT 81), Tübingen, 333-381.
  • Seebass, H., 1978, Geschichtliche Zeit und theonome Tradition in der Joseph-Erzählung, Gütersloh.
  • Sethe, K., 1901, Dodekaschoinos, das Zwölfmeilenland an der Grenze von Ägypten und Nubien (UGAÄ II/3), Leipzig.
  • Shupak, N., 2007, A Fresh Look at the Dreams of the Officials and of Pharaoh in the Story of Joseph (Genesis 40-41) in the Light of Egyptian Dreams, JANES 30, 103-138.
  • Vandier, J., 1936, La famine dans l’Égypte ancienne, Kairo.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Hungersnotstele (Sehel; 1. Jh. v. Chr.). Aus: Wikimedia Commons; © Morburre, Wikimedia Commons, lizensiert unter CreativeCommons-Lizenz cc-by-3.0; Zugriff 17.4.2010
  • Abb. 2 Text und Bild der Hungersnotstele. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 23.2.2013

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