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Lexikon

Horma

Andere Schreibweise: Hormah

Detlef Jericke

(erstellt: Mai 2008)

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1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Horma.

Der Name Horma wird von der Wuzel חרם chrm I „bannen“ abgeleitet und meint „Bannort“ bzw. „gebannter Ort“ (→ Bann). Die → Septuaginta gibt den Namen meist transkribierend als Ερμα wieder, zweimal steht jedoch auch die sinngemäße Übersetzung ἀνάθεμα „Fluch“ (Num 21,3; Ri 1,17).

2. Biblische Überlieferung

2.1. Landnahmeüberlieferungen

Die alttestamentlichen Landnahmeüberlieferungen, die Horma erwähnen (Num 14,45; Num 21,3; Dtn 1,44; Ri 1,17), erwecken den Eindruck, als sei der Ortsname weitgehend symbolisch gemeint.

1) Bei einem aus dem Negev unternommenen Versuch, auf das Bergland vorzudringen, werden die Israeliten von den dort ansässigen Bewohnern bis nach Horma „zersprengt“ (Num 14,45; Dtn 1,44). Der Name Horma scheint hier auf die Situation der Israeliten nach dem Fehlschlag und nicht auf den Namen eines lokalisierbaren Ortes zu deuten, zumal Horma in Num 14,45 mit Artikel steht.

2) Num 21,1-3 erzählen, dass „der Kanaaniter, der König von Arad“ die Israeliten angreift. Diese besiegen ihn und bannen seine „Städte“, woraufhin der „Platz“ Horma genannt wird. Die kurze Erzählung ist schwer verständlich, da sie als eine Überlieferung von einer kriegerischen Aktion im Westjordanland isoliert in einem Abschnitt steht, der sonst ausschließlich von Unternehmungen im Ostjordanland handelt (Num 20-21). Auch der Wechsel vom pluralischen Ausdruck „Städte“ zum singularischen „Platz“ in Num 21,3 lässt sich kaum sinnvoll erklären. Die Versuche, durch literarkritische oder überlieferungsgeschichtliche Eingriffe, etwa die Eliminierung des Hinweises auf Arad, einen verständlichen Text zu konstruieren, erbrachten bislang kein allgemein akzeptiertes Ergebnis.

3) Ri 1,17 erzählt in einer kurzen Notiz, dass Juda mit seinem „Bruder“ Simeon den „Kanaaniter, der in Zefat wohnte“, besiegt, die Stadt bannt und sie anschließend Horma nennt. Nur an dieser Stelle ist Hormas vorgeblich älterer Name Zefat erwähnt. Die entsprechende Angabe kann, wie ähnliche Notizen (Ri 1,10f), schwerlich historisch oder historisch-topographisch ausgewertet werden. Ri 1,17 steht innerhalb eines Erzählabschnitts (Ri 1,1-20), der in Form einer Zusammenstellung kurzer, möglicherweise ursprünglich unabhängig überlieferter Notizen eine Darstellung der Landnahme des Stammes Juda bieten will. In der älteren Kommentarliteratur wird den einzelnen Notizen ein relativ hohes Alter und somit dem gesamten Kapitel Ri 1 ein hohes Maß an historischer Wahrscheinlichkeit zugesprochen. Zudem wird darauf verwiesen, dass es sich um eine zu der Landnahmeerzählung von Jos 1-12 konkurrierende Überlieferung handelt. Neuere Interpretationen stellen dagegen heraus, dass der Abschnitt sekundär redaktionell zwischen Jos 24 und Ri 2,6 eingefügt wurde und dass der historische Wert der einzelnen Notizen kaum nachprüfbar ist.

2.2. Siedlungsgeographische Texte

Die siedlungsgeographischen Texte des Alten Testaments zählen Horma zu den im Negev liegenden Orten Judas (Jos 15,30) bzw. Simeons (Jos 19,4; 1Chr 4,30). Die beiden Listen der Orte Simeons (Jos 19,1-9; 1Chr 4,28-33) zeigen eine weitgehende Übereinstimmung mit dem zweiten Teil der Negev-Orte aus der Liste der Städte Judas (Jos 15,26-32). Die Liste der Städte Judas (Jos 15,21-62) wird meist in die späte Königszeit (7./6. Jh. v. Chr.) datiert. Manche Ausleger halten die Liste der Orte Simeons in Jos 19,1-9 für ein älteres Dokument, das in Jos 15,21-62 eingearbeitet wurde. Mehrheitlich wird jedoch angenommen, dass die Simeon-Liste ein späterer Auszug aus der Städteliste Judas ist, um auch diesem Glied des Zwölfstämmesystems zumindest theoretisch ein eigenes Gebiet zuzuweisen. Nach dieser Sicht war Horma in der späten Königszeit ein im Negev gelegener Ort, der zum Territorium von Juda gehörte.

3. Lage und Lokalisierung

© Google Earth (Zugriff 15.5.2008); Beschriftung Klaus Koenen

Abb. 2 Satelliten-Karte.

Aus den siedlungsgeographischen Texten ist auf eine Lage im Negev zu schließen. Neben Horma ist jeweils → Ziklag genannt, so dass die Lokalisierung von Ziklag Hinweise auf die Identifizierung von Horma geben kann. Die Landnahmeerzählungen dagegen sind nur eingeschränkt historisch-topographisch auszuwerten. Immerhin versteht die Septuaginta den mit Artikel geschriebenen Namen Horma in Num 14,45 als Ortsangabe und gibt ihn mit Ερμα wieder.

Auch Dtn 1,44 geht davon aus, dass Horma ein Ortsname ist. Der Vers lokalisiert Horma „in Seïr“. Da Horma nach den Ortslisten der siedlungsgeographischen Texte im Negev liegen soll und der Negev nach alttestamentlichem Verständnis nicht zu Seïr / Edom gehört, schreiben hier andere Textzeugen, u.a. Septuaginta und Samaritanus, „von Seïr“. Der Negev wurde jedoch spätestens seit dem 5. Jh. v. Chr. von „edomitisch“-arabischen Gruppen beherrscht und wird ab dem 4. Jh. v. Chr. Teil der Provinz Idumäa. Daher kann die Formulierung „in Seïr“ zutreffen, wenn die Entstehung von Dtn 1,44 im 5. oder 4. Jh. v. Chr. vorausgesetzt wird. Somit spricht auch Dtn 1,44 für eine Lage von Horma im Negev.

Der Erzählzusammenhang von Num 14,45 und Dtn 1,44 scheint vorauszusetzen, dass Horma nicht weit vom judäischen Bergland entfernt, also am nördlichen Rand des Negev gesucht werden muss. Möglicherweise ist auch davon auszugehen, dass zur Zeit der Abfassung von Num 14,45 und Dtn 1,44 in Horma noch Zerstörungsspuren älterer Siedlungen zu erkennen waren, die den Namen „Bannort“ erklären könnten. Aus Ri 1,17 ist allenfalls zu entnehmen, dass Horma zwischen der Gegend um Arad (Ri 1,16) und den Philisterstädten Gaza, Askalon und Ekron (Ri 1,18) liegen sollte, demnach im nördlichen Negev. Ob aus dem in Ri 1,17 erwähnten Namen Zefat bzw. der zugrunde liegenden Wurzel צפה I „ausspähen“ zu erschließen ist, Horma müsse an einem Platz gesucht werden, der eine gute Aussicht bietet, bleibt dagegen aufgrund der singulären und unklaren Überlieferung offen.

Die wenig eindeutigen Angaben der alttestamentlichen Texte erschweren eine Lokalisierung von Horma. In der Forschungsliteratur wurden bzw. werden vier Lokalisierungsvorschläge gemacht.

3.1. Chirbet el-Mšāš / Tel Māśōś

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)

Abb. 3 Chirbet el-Mšāš.

Der Siedlungsplatz Chirbet el-Mšāš / Tel Māśōś ([Chirbet el Msas / Tel Masos]; Koordinaten: 1467.0691; N 31° 12' 47'', E 34° 58' 00'') liegt im nordöstlichen Negev ca. 15 km östlich des heutigen → Beerscheba und ca. 17 km westlich von → Arad / Tell ‘Arād. In der Mittelbronzezeit II stand hier für kurze Zeit (ca. 17. Jh. v. Chr.) eine von einem Wall umgebene Siedlung. Am Übergang vom 2. in das 1. Jt. v. Chr. (11./10. Jh.) existierte ein ca. 220 x 200 m großes unbefestigtes „Großdorf“. Dabei sind drei Besiedlungsphasen zu unterscheiden. Aus der frühesten Phase sind nur Gruben und Fußböden nachgewiesen. Die zweite Siedlungsphase bestand aus einer ringförmigen Anlage mit Vierraumhäusern und einigen größeren Gebäuden. Die dritte Phase ist durch stärkere Bemühungen zur Befestigung der Siedlung gekennzeichnet. Die Gebäude waren nur mehr vom Inneren der Siedlung zugänglich, wo auch ein festungsartiges Gebäude errichtet wurde. Nach einer längeren Siedlungsunterbrechung wurde in der späten Eisenzeit II (7./6. Jh. v. Chr.) nochmals eine kleine Anlage auf einem benachbarten Siedlungshügel errichtet. Sollten die Landnahmeerzählungen, die Horma erwähnen, in der späten Königszeit (7./6. Jh. v. Chr.) entstanden sein, könnten die in dieser Zeit noch sichtbaren mittelbronzezeitlichen und früheisenzeitlichen Siedlungsreste das Motiv der Bannung bzw. völligen Auflösung der israelitischen Verbände veranlasst haben. Das Hauptargument für die Lokalisierung von Horma auf Chirbet el-Mšāš ist jedoch die Nähe zu Arad, die aus Num 21,3 und Ri 1,17 erschlossen wird (Aharoni). Wie der Durchgang durch die alttestamentlichen Landnahmeüberlieferungen zeigt, ist eine solche Annahme jedoch nicht zwingend. Die Interpretation von Num 21,1-3 ist strittig und auch Ri 1,16f setzen nicht zwangsläufig eine Nachbarschaft von Arad und Horma voraus.

3.2. Tell el-Milḥ / Tel Malchātā

Der Siedlungsplatz Tell el-Milḥ / Tel Malchātā ([Tell el-Milh / Tel Malchata]; Koordinaten: 1525.0695; N 31° 13' 01'', E 35° 01' 33'') liegt ca. 6 km östlich von Chirbet el-Mšāš und damit noch näher bei Arad. Nach einer frühbronzezeitlichen Besiedlung im 3. Jt. v. Chr. wurde in der Mittelbronzezeit II (17./16. Jh. v. Chr.), ähnlich wie auf Chirbet el-Mšāš, eine umwallte Siedlung angelegt. Ab dem ausgehenden 10. oder ab dem 9. Jh. v. Chr. existierte eine befestigte kleine Stadtanlage, die mit einer kurzen Unterbrechung bis zum 6. Jh. v. Chr. Bestand hatte. Da für die Lokalisierung von Horma auf Tell el-Milḥ in der Hauptsache das Argument der räumlichen Nähe zu Arad vorgebracht wird (Mittmann; Keel / Küchler), ist der Vorschlag ähnlich unsicher wie die Gleichsetzung von Horma mit Chirbet el-Mšāš.

3.3. Tell es-Seba‘

In der älteren Literatur (Alt, Abel) wird der Vorschlag unterbreitet, Horma auf Tell es-Seba‘ (Koordinaten: 1343.0726; N 31° 14' 42'', E 34° 50' 26''; → Beerscheba), einem ca. 4 km östlich des modernen Beerscheba gelegenen Siedlungshügel, zu lokalisieren. Dabei spielt einmal das Argument eine Rolle, dass Tell es-Seba‘ relativ nahe zum judäischen Bergland liegt, was der Erzählsituation von Num 14,45 und Dtn 1,44 entspräche. Gleichzeitig wird der neben Horma in den Städtelisten genannte Ort Ziklag auf dem ca. 17 km weiter nördlich gelegenen Tell el-Chuwēlife / Tel Ḥalīf gesucht. Dieser Vorschlag ist wenig wahrscheinlich, weil Tell el-Chuwēlife zu weit östlich liegt, um noch zum Gebiet der Philisterstadt → Gat gehört zu haben, wie dies 1Sam 27,6 für Ziklag voraussetzt. Daher entfällt die Gleichsetzung von Ziklag mit Tell el-Chuwēlife als Voraussetzung für die Lokalisierung von Horma auf Tell es-Seba‘. Zudem wird Tell es-Seba‘ auch für eine Identifizierung von Beerscheba vorgeschlagen.

3.4. Tell el-Chuwēlife / Tel Ḥalīf

Der große Siedlungshügel Tell el-Chuwēlife / Tel Ḥalīf ([Tell el-Chuwelife / Tel Halif]; Koordinaten: 1373.0879; N 31° 22' 58'', E 34° 51' 57'') liegt am Schnittpunkt von Negev, Schefela und Bergland und entspricht somit den topographischen Voraussetzungen, die Num 14,45 und Dtn 1,44 zu entnehmen sind. Der Platz war vom Chalkolithikum und der Frühbronzezeit (4./3. Jt. v. Chr.) bis in frühislamische Zeit nahezu durchgehend besiedelt. Aus der ausgehenden Spätbronzezeit und der Eisenzeit I (13.-10. Jh. v. Chr.) stammen Reste von Vorratsgruben. In der Eisenzeit II (9.-7. Jh. v. Chr.) existierte eine befestigte Stadtanlage. Aus persischer Zeit (5./4. Jh. v. Chr.) sind Reste einer unbefestigten Siedlung, u.a. ein großes Gebäude und Vorratsgruben, bezeugt. Wenn die oben besprochenen Landnahmeüberlieferungen in diese Zeit datiert werden, was zumindest im Fall von Dtn 1,44 durchaus möglich ist, kann man annehmen, dass die Ruinen der eisenzeitlichen Stadtanlage als Ergebnis eines Bannvollzugs in der Landnahmezeit gedeutet und der Ortsname in dieser Weise ätiologisch erklärt wurde. Da die Lokalisierung von Ziklag auf dem ca. 18 km weiter westlich gelegenen Tell eš-Šerī‘a ([Tell es-Seria]; Koordinaten: 1196.0889; N 31° 23' 26.79'', E 34° 40' 45.70'') weithin akzeptiert ist, erscheint die Ansetzung von Horma auf Tell el-Chuwēlife vergleichsweise gut begründet (Na’aman, Jericke, de Vos, Gaß).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land, Jerusalem 1993
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007

2. Weitere Literatur

  • Abel, F.M., 1938, Géographie de la Palestine. Tome II: Géographie politique. Les villes, Paris, 350
  • Aharoni, Y. / Fritz, V. / Kempinski, A., 1975, Vorbericht über die Ausgrabungen auf der Hirbet el-Mšāš (Tēl Māśōś), 2. Kampagne 1974, ZDPV 91, 109-130
  • Alt, A., 1935, Beiträge zur historischen Geographie und Topographie des Negeb: III. Saruhen, Ziklag, Horma, Gerar, JPOS 15, 294-324 = Alt, A., Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel III (2. Aufl. 1968) 409-434
  • Borowski, O., 1995, The Pomegranate Bowl from Tell Ḥalif, IEJ 45, 150-154
  • Borowski, O., 2005, Tel Halif: In the Path of Sennacherib, BArR 31/3, 24-36
  • Gaß, E., 2005, Die Ortsnamen des Richterbuchs in historischer und redaktioneller Perspektive (ADPV 35), Wiesbaden, 46-57
  • Jacobs, P.F., 1994, Tell Ḥalif, 1993, IEJ 44, 152-156
  • Jericke, D., 1997, Die Landnahme im Negev. Protoisraelitische Gruppen im Süden Palästinas. Eine archäologische und exegetische Studie (ADPV 20), Wiesbaden (Register)
  • Keel, O. / Küchler, M., 1982, Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land. Band 2: Der Süden, Zürich u.a., 341-354.935-939
  • Mittmann, S., 1977, Ri 1,16f. und das Siedlungsgebiet der kenitischen Sippe Hobab, ZDPV 93, 213-235
  • Na’aman, N., 1980, The Inheritance of the Sons of Simeon, ZDPV 96, 136-152
  • Seger, J.D., 1983, Investigations at Tell Halif, Israel, BASOR 252, 1-23
  • Vos, C. de, 2003, Das Los Judas. Über Entstehung & Ziele der Landbeschreibung in Josua 15 (VT.S 95), Leiden / Boston, 352-360

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Horma. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Satelliten-Karte. © Google Earth (Zugriff 15.5.2008); Beschriftung Klaus Koenen
  • Abb. 3 Chirbet el-Mšāš. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 1994)

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